Mama geht nirgendwohin! Du bist derjenige, der auf der Straße landet!» schrie ihr Ehemann und vergaß, wem die Wohnung wirklich gehörte.

**Tagebucheintrag Heute ist alles anders**

Mama geht nirgendwo hin! Du bist diejenige, die auf der Straße landen wird!, brüllte ihr Mann und vergaß dabei völlig, wem die Wohnung eigentlich gehörte.

Katharina stand am Fenster. Die Juli-Hitze lastete schwer auf der Stadt. Im Hof rannten Kinder zwischen den Bäumen umher und suchten Schatten.

Kathi, wo ist mein Hemd?, rief es aus dem Schlafzimmer. Das karierte!

Es hängt im Schrank, antwortete sie, ohne sich umzudrehen. Oben im Regal.

Markus erschien im Wohnzimmertürrahmen und knöpfte das gefundene Hemd zu. Groß, kräftig, mit den arbeitsharten Händen eines Schlossers. Einst hatten ihr diese Hände Sicherheit vermittelt.

Hör mal, begann er und richtete seinen Kragen. Meine Mutter kommt heute. Räum besser auf, sonst beschwert sie sich wieder den ganzen Abend über den Staub.

Katharina drehte sich langsam zu ihm um. Etwas in ihr verkrampfte sich dieses bekannte Gefühl der Gereiztheit.

Deine Mutter beschwert sich immer über irgendetwas, sagte sie leise. Letztes Mal war die Suppe zu dünn, davor waren die Frikadellen zu salzig.

Dann mach es halt besser, zuckte Markus mit den Schultern, als spräche er über das Wetter. Sie ist erfahren, gibt Ratschläge, und du nimmst es persönlich.

Katharina ballte die Fäuste. Diese Wohnung gehörte allein ihr. Sie hatte diese Zweizimmerwohnung schon vor ihrer Begegnung erhalten, nach ihrem Geschmack eingerichtet, all ihre Ersparnisse in die Renovierung gesteckt. Und jetzt kam Helga jedes Mal herein, rückte alles zurecht und belehrte sie, wo was hingehörte.

Markus, wir leben in meiner Wohnung, erinnerte ihn Katharina. Vielleicht solltest du das berücksichtigen?

Ihr Mann erstarrte, die Hand bereits an der Türklinke.

Was willst du damit sagen?, seine Stimme wurde dunkel. Dass ich hier nicht hingehöre?

Ich sage, deine Mutter benimmt sich, als gehöre ihr alles, trat Katharina näher. Und du lässt es zu.

Mutter sorgt sich um uns!, Markus drehte sich ganz zu ihr. Um ihre Familie! Sie hat sogar ihre eigene Wohnung für meinen Bruder aufgegeben!

Katharina lächelte bitter. Diese Geschichte von der Hilfe für die junge Familie war längst abgedroschen.

Deine Mutter hat Stefan vor zwei Jahren eine Einzimmerwohnung gegeben, sprach sie langsam. Und? Jetzt hat sie das Recht, hier herumzukommandieren?

In unserem Zuhause!, fauchte Markus. Wir sind verheiratet!

Mit deinen zweitausend Euro im Monat würden wir uns ein Loch am Stadtrand mieten, rutschte es ihr heraus, bevor sie es zurückhalten konnte.

Sein Gesicht verfinsterte sich. Er trat auf sie zu, bedrohlich in seiner ganzen Wucht.

Machst du mir jetzt Vorwürfe?, seine Stimme bebte vor Wut. Weil ich nicht genug verdiene?

Ich werfe dir nichts vor, hob Katharina ihr Kinn. Erinnere dich nur an die Realität. Deine Mutter mietet jetzt, weil sie Stefan ihre Wohnung gegeben hat. Trotzdem belehrt sie uns, wie wir leben sollen.

Stefan brauchte wirklich Hilfe!, Markus wandte sich zum Fenster. Junge Familie, sie wollen Kinder!

Kinder, wiederholte Katharina. Immer nur Kinder.

Ihr Mann wirbelte herum. Das bekannte Feuer brannte in seinen Augen.

Und was, ist es nicht langsam Zeit? Fünf Jahre verheiratet, und du schiebst es immer weiter hinaus. Eine richtige Frau sollte Kinder haben!

Wovon, Markus?, breitete sie die Arme aus. Von deinem Gehalt? Weißt du, wie viel Babynahrung kostet? Kleidung? Medikamente?

Andere schaffen es auch!, winkte er ab.

Andere, schüttelte Katharina den Kopf. Und ich sitze in Elternzeit ohne einen Cent, während du dich in der Fabrik kaputt schuftest?

Draußen zwitscherten Vögel in den Bäumen. Markus schwieg, starrte zur Seite. Sie sah, wie sich sein Kiefer verhärtete.

Weißt du was?, sagte er schließlich. Genug gestritten. Meine Mutter hat Probleme.

Welche Probleme jetzt?, trat Katharina vom Fenster weg.

Sie kann nicht mehr mieten, rieb Markus sich den Nacken. Ihre Rente reicht nicht, und die Vermieterin hat die Miete verdoppelt.

Katharina nickte. Helga hatte seit Monaten über die hohen Mietkosten geklagt. Logisch, dass sie nun zu ihrem jüngeren Sohn ziehen würde in die Einzimmerwohnung, die sie ihm überlassen hatte.

Ich verstehe, sagte Katharina. Dann muss Stefans Familie Platz machen.

Markus richtete sich abrupt auf. Sein Blick wurde kalt.

Mutter zieht hierher, verkündete er. Vorübergehend, bis sie was anderes findet.

Katharina erstarrte. Seine Worte klangen, als kämen sie aus weiter Ferne.

Hier?, wiederholte sie. In unserer Wohnung?

Ja, hier!, Markus erhob die Stimme. Was ist das Problem? Es ist genug Platz.

Markus, wo soll sie schlafen? Im Wohnzimmer?

Und was ist damit?, verschränkte er die Arme. Mutter hat ihr ganzes Leben für uns geopfert, und du bist geizig!

Katharina wich gegen die Wand zurück. In ihr brodelte die Empörung.

Warum nicht bei Stefan?, fragte sie leise. Er hat die Wohnung, die deine Mutter ihm gegeben hat.

Sie haben ein Kind!, donnerte Markus. Die brauchen den Platz! Sind wir keine Familie?

Wir sind eine Familie, aber diese Wohnung ist meine, erinnerte Katharina ihn.

Sein Gesicht wurde noch finsterer. Er trat näher.

Egoistin! Immer denkst du nur an dich! Eine normale Ehefrau würde ihren Mann in schwierigen Zeiten unterstützen!

Katharina presste den Rücken gegen die Wand. Er war zu nah, erdrückend in seiner Gegenwart.

Du willst mir keine Kinder schenken, dann hilf der Familie wenigstens so!, fuhr er fort. Mutter hat ihr ganzes Leben für uns geopfert!

Markus, hör zu, begann Katharina, doch er unterbrach sie.

Vielleicht brauchst du überhaupt keine Familie? Dann sag es direkt!

Katharina senkte den Kopf. Markus wusste, wie er sie unter Druck setzen konnte, kannte jede Schwachstelle. Schuldgefühle überfluteten sie.

Gut, sagte sie leise. Sie kann vorübergehend bleiben.

Eine Woche später zog Helga in ihr Wohnzimmer. Drei Koffer brachte sie mit und fing sofort an, alles umzustellen. Der Fernseher wanderte zum Fenster, das Sofa an die Wand, Katharinas Pflanzen verbannte sie auf den Balkon.

Hier muss es heller sein, erklärte die Schwiegermutter, während sie Möbel schob. Und diese Töpfe sammeln nur Staub.

Katharina beobachtete schweigend, wie ihr Wohnzimmer in ein fremdes Schlafzimmer verwandelt wurde. Markus half seiner Mutter, trug schwere Dinge.

Mama, fühlst du dich hier wohl?, fragte er sanft.

Ich komme zurecht, seufzte Helga. Auch wenn es eng ist.

Drei Monate vergingen. Katharina wurde zum Schatten in ihrem eigenen Zuhause. Sie schlich herum, aus Angst, die Schwiegermutter zu stören. Entschuldigte sich für jedes Geräusch, jede Bewegung.

Helga übernahm vollständig die Kontrolle. Sie warf Katharinas Waschmittel weg, ersetzte es durch ihr eigenes. Verbot den Kauf ihrer Lieblingswurst.

Die ist zu teuer, nimm die normale, befahl sie im Supermarkt. Warum Geld verschwenden?

Morgens putzte Katharina unter Helgas wachem Blick. Eines Tages, als sie den Müll hinausbrachte, fiel ihr Blick auf etwas Vertrautes. Sie bückte sich und erstarrte.

Ein Fotoalbum aus ihrer Kindheit. Mit Bildern aus dem Kindergarten, der Schule. Ihre einzige Erinnerung an damals.

Mit zitternden Händen zog sie es heraus, verschmiert mit Teeresten.

Helga, rief sie, als sie ins Wohnzimmer trat. Warum war das im Müll?

Die Schwiegermutter sah nicht einmal vom Fernseher auf.

Ach das? Ich habe es weggeworfen. Nur alter Kram, nimmt Platz weg.

Das sind meine Kindheitsfotos!, ihre Stimme bebte.

Alt und unnütz, winkte Helga ab. Wozu das aufheben?

Dann brach etwas in Katharina. Drei Monate Demütigung, Schweigen und Scham entluden sich.

Raus!, schrie sie. Raus aus meiner Wohnung, sofort!

Die Schwiegermutter sprang vom Sofa, die Augen blitzend.

Wie kannst du es wagen, so mit Älteren zu reden!, kreischte sie. Du solltest dich schämen!

Markus stürmte verschlafen aus dem Schlafzimmer. Als er das Geschrei hörte, ergriff er sofort Partei für seine Mutter.

Mama geht nirgendwo hin!, brüllte er seine Frau an. Du bist diejenige, die fliegt!

Doch in Katharina war etwas endgültig zerbrochen. Ihr Schrei erstarb. Mit eisiger Ruhe betrachtete sie ihren Mann und seine Mutter. Die Wut wich klarer Kälte.

Die Wohnung steht auf meinen Namen, sagte sie leise, aber bestimmt. Nur ich entscheide, wer hier wohnt.

Unverschämt!, Markus trat auf sie zu, das Gesicht rot vor Wut. Ich bin dein Mann!

Ex-Mann, korrigierte Katharina und ging zum Schrank.

Sie holte eine große Sporttasche hervor und stopfte hinein, was ihr in die Hände fiel Blusen, Röcke, Hauskleider ohne Rücksicht.

Du bist verrückt geworden!, schrie Markus. Hör sofort auf!

Katharina antwortete nicht. Sie zog Pantoffeln unter dem Sofa hervor, warf sie in die Tasche. Helga versuchte verzweifelt, ihre Sachen zurückzuholen.

Kind, beruhige dich!, ihre Stimme zitterte vor Empörung. Wir sind Familie!

Familie?, Katharina drehte sich um. Familie wirft keine Kindheitsfotos weg!

Die Schwiegermutter wich zurück. Markus versuchte, die Tasche zu greifen, doch Katharina wich aus.

Mutter hat alles für uns geopfert!, brüllte er. Und du wirfst sie raus wie einen Hund!

Fünf Jahre habe ich deinen Unsinn ertragen, zog Katharina den prall gefüllten Beutel zu. Drei Monate lebte ich wie ein Geist im eigenen Haus!

Sie ging ins Schlafzimmer, packte Markus Sachen ein Pullover, Hemden, Jeans alles in eine zweite Tasche. Er folgte ihr, packte ihr Handgelenk.

Denk nach! Wohin sollen wir gehen?

Nicht mein Problem, entzog sie sich ihm. Geht zu Stefan.

Bei Stefan ist kein Platz!, jammerte Helga aus dem Wohnzimmer. Da ist ein Kind!

Und hier bin ich!, rief Katharina zurück und trug beide Taschen zur Tür.

Sie stellte sie ab, holte Schuhe, Kosmetik, Nippes.

Du wirst vor Einsamkeit verrückt werden!, Markus zog seine Jacke an. Du wirst auf dem Boden kriechen und uns zurückbetteln!

Schweigend hielt Katharina die Tür auf. Helga schniefte, stopfte die letzten Sachen in eine Tüte.

Kind, überleg es dir noch einmal, flehte sie. Wo sollen wir jetzt wohnen?

Dort, wo ihr vor mir gewohnt habt, antwortete Katharina.

Markus riss seine Tasche an sich, stürmte hinaus. Auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um, das Gesicht verzerrt vor Wut.

Helga ging als Letzte, schleppte ihre Taschen. Auf dem Treppenabsatz warf sie einen letzten Blick zurück.

Undankbar!, schrie sie. Wir wollten doch nur dein Bestes!

Katharina schloss die Tür. Drehte den Schlüssel zweimal um, schob den Riegel vor. Geschrei, Schritte, das Knarren des Fahrstuhls hallten vom Treppenhaus.

Dann Stille.

Katharina stand mit dem Rücken zur Tür, lauschte ihrem eigenen Atem. Zum ersten Mal seit Monaten kein dröhnender Fernseher, kein ächzendes Sofa unter schwerem Gewicht.

Sie ging ins Wohnzimmer. Stellte das Sofa zurück, drehte den Fernseher um. Brachte ihre Pflanzen zurück aufs Fensterbrett.

Dann setzte sie sich, nahm das gerettete Fotoalbum in die Hände. Blätterte durch die Seiten Schulfeiern, ein Geburtstag mit fünf Kerzen, der Kindergartenabschluss.

Und plötzlich lachte sie. Erst leise, dann lauter. Das Lachen ging in Schluchzen über, dann wieder in Lachen. Sie lachte, bis ihr die Tränen übers Gesicht liefen, das Album an ihre Brust gedrückt.

Das Zuhause war wieder ihres. Allein ihres.

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Mama geht nirgendwohin! Du bist derjenige, der auf der Straße landet!» schrie ihr Ehemann und vergaß, wem die Wohnung wirklich gehörte.
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