Verräter: Die dunkle Seite des Vertrauens

Verrat

Ich habe deinem kleinen Sven das Kartenspielen beigebracht! verkündete Oma Helga stolz.
Warum denn? fragte die erschöpfte Marlene, die gerade von der Arbeit kam. Sven war erst sechs geworden.
Na, wie denn sonst? Wenn er mal irgendwo zu Besuch ist und die Erwachsenen setzen sich zum Kartenspielen, kann er mitmachen! Für die Gesellschaft, sozusagen! erklärte die Oma.

Man konnte es verstehen sie war noch im tiefsten Sozialismus großgeworden, wo Skat und Rommé als erstklassige Freizeitbeschäftigung galten. Und die Geschichte spielte auch nicht heute, sondern irgendwann in den 70ern. Also: Ran an den Stich und wer hat die höchste Trumpfkarte?

Oma Helga kam regelmäßig vorbei, um auf den einjährigen Lukas aufzupassen. Dabei war natürlich auch Sven, der den Kindergarten hasste. Der Junge war selbstständig Hausschlüssel um den Hals, Mittag in der Thermoskanne. Damals völlig normal. Heute kriegen die Kinder den Schnuller erst mit achtzehn abgewöhnt.

Der Hinterhof war auch ganz gemütlich umringt von vier Wohnblöcken, mit einem Tischtennisplatte und einem halbwegs anständigen Spielplatz mit Sandkiste und Schaukel. Und in einem der Blöcke gab es den Lampenladen Lichtblick. Wo, neben Kronleuchtern und Wandleuchten, irgendwie auch Möbel verkauft wurden.

Möbel sind schwer. Und die Anlieferung sorgte regelmäßig für nun ja, nicht gerade freundliche Stimmung. Deshalb brachten die Kinder oft neue Wörter mit nach Hause Wörter mit B, mit K, mit S. Mama, was heißt ? Das nannte man dann lichtreflektierende Vokabeln.

Aber das waren nur kleine Minuspunkte bei einem großen Plus: Wenn ein Kind im Hof spielte, musste man sich keine Sorgen machen die Möbelpacker passten sogar auf sie auf!

Marlene hatte als Erste geheiratet sie hatte sich in ihren Kommilitonen verknallt und war prompt schwanger geworden. Später nahm die Schwiegermutter, die in der Kita arbeitete, den Kleinen unter der Woche zu sich so schaffte Marlene ihr Medizinstudium doch noch. Danach arbeiteten beide als Hausärzte damals gabs noch die Pflichtzuweisung.

Die hübsche Lena heiratete erst mit fünfundzwanzig für die damalige Zeit fast schon spät. Die Schwestern waren wie Tag und Nacht: Die schlanke, quirlige, dunkelhaarige Marlene das genaue Gegenteil der gemütlichen, blonden, rundlichen Lena. Aber beide waren attraktiv Schwarz und Weiß, nicht nur Kontrast, sondern auch zwei Hälften eines Ganzen.

Bei ihrem Anblick fragte man sich unwillkürlich: Habt ihr wirklich denselben Vater?
Nicht sicher! konterten die Schwestern, die sich trotzdem blendend verstanden.

Der Vater war lange tot, die Mutter hatte längst eine neue Familie und wohnte woanders. Die Wohnung hatte sie den erwachsenen Töchtern überlassen. Und wenn jemand nachfragte, wich sie geschickt aus: Wozu das denn? Natürlich habt ihr denselben Vater! Ganz sicher!

Bis vierundzwanzig hatte Lena die Männer nach Belieben um den Finger gewickelt ihre Seele schlief noch, obwohl sie natürlich auch verliebt war. Ihren zukünftigen Mann traf sie auf einer Party eines Schulfreundes Peter war Nachbar und Kumpel von dessen Freund Alex.

Lena willigte sogar in ein Date ein. Aber sie kam enttäuscht zurück.
Weißt du, wie spießig der ist? empörte sie sich. Du glaubst nicht, was er mich gefragt hat!
Was denn? fragte Marlene gespannt es musste etwas Ungeheuerliches sein, sonst wäre Lena nicht so aufgebracht.
Stell dir vor ob ich eine warme Strumpfhose anhabe! Echt jetzt! Sie verzog das Gesicht. Pfui, wie banal!

Tja, der Verehrer, drei Jahre älter und ganz vernarrt in sie, hatte sich einfach nur um sie gesorgt. Draußen war es frostig, und alle trugen gefütterte Strumpfhosen. Nichts Anstößiges reine Fürsorge für die alberne kleine Lena. Aber die Jugend ist oft hartherzig. Also flog Peter samt Strumpfhosen in den Wind.

Er tauchte erst sieben Jahre später wieder auf. Inzwischen hatte Lena sich durch etliche Verehrer gekostet, blieb aber allein sie lebten noch immer zu zweit in der Zwei-Zimmer-Wohnung. Und plötzlich schien es keine Freier mehr zu geben. Nach Silvester wurde es klar Lena feierte unerwartet mit Marlenes Familie. Niemand hatte sie eingeladen.

Dann fand Marlene eine Nadel in Lenas Bettdecke. Das konnte nur eins bedeuten: Jemand hatte einen Liebeszauber oder Schlimmeres auf sie gelegt!

Lena hatte viele Freundinnen, die oft übernachteten. Die Wohnung lag nah an der U-Bahn, ideal für Uni und später Arbeit. Also wurde sie oft genutzt.

Die Nadel wurde entfernt, und prompt traf Lena zufällig Peter ein Zeichen! Und wer lehnt schon sein Schicksal ab? Und die Frage nach der Strumpfhose? Diesmal fand sie es entzückend: So fürsorglich, stell dir vor! Sie heirateten Peter war inzwischen promovierter Mathematiker.

Er zog sofort ein, markierte seinen Einzug mit einem neuen emaillierten Wasserkocher und einem Sofa.
Wir haben doch schon einen Wasserkocher! wunderte sich Marlene.
Der ist eurer! erklärte der Mathematiker. Das hier ist meiner!

Zwischen den Schwestern gab es erstmals Missstimmungen Peters Kocher war viel besser und teurer Und seine Eltern hatten Geld, ganz anders als Marlenes Mann, den ihre Mutter hinter vorgehaltener Hand nur den Penner nannte.

Geplant war, die Wohnung mit Aufpreis zu tauschen zwei Einzimmerwohnungen zu bekommen, ohne draufzuzahlen, war unmöglich. Peters Eltern wollten helfen.

Die Zeit verging, und Lukas kam zur Welt. Lena arbeitete wieder der schlaue Mathematiker hatte Oma Helga als Babysitter eingespannt.

Eines Tages kam Marlene früher nach Hause Fieber, wahrscheinlich von ihrem Mann angesteckt. Ihre Sprechstunden wurden vertreten. Gute Besserung, Frau Dr. Weber!

Die Wohnung war dunkel alle schlafen? Drinnen herrschte Krankenhaus-Atmosphäre: Lena war mit dem kleinen Lukas krankgeschrieben, und ihr Mann Stefan hatte leichtes Fieber. Sven war sowieso immer daheim.

Marlene schlich leise herein und horchte. Seltsame Geräusche! Um Himmels willen, hoffentlich war den Kindern nichts passiert!

Ohne abzulegen, spähte sie ins Zimmer: Im Dämmerlicht saßen der sechsjährige Sven und der sabbernde Einjährige auf dem Teppich mit Spielkarten. Sven brachte seinem Bruder Skat bei für die Gesellschaft.

Wo ist Papa? fragte Marlene.
Papa und Tante Lena waschen in der Badewanne Wäsche! antwortete Sven und wandte sich an Lukas, der mit einer Karte kämpfte: Ich lege aus stich!

Tja, Oma Helgas Saat ging auf
Und wie lange waschen sie schon? fragte Marlene mit flauem Gefühl.
Der große Zeiger war auf der Sechs, jetzt ist er auf der Neun! antwortete der schlaue Sven.

Fünfzehn Minuten!, dachte Marlene. Mit mir wäscht er viel kürzer.

Ihr wurde schlecht. Also deshalb wollte Lena nicht ausziehen! Immer neue Ausreden: Die Tür gefiel ihr nicht, die U-Bahn zu weit. Dabei war die Wahrheit so klar!

Wusste Peter davon? Sicher nicht! Sonst hätten seine Eltern Lena längst in die Wüste geschickt. Stattdessen wollten sie sogar beim Wohnungstausch helfen ein sicheres Zeichen.

Marlene blieb vor dem Badezimmer stehen und wartete auf das Ende der Wäsche. Bald kamen Stefan und Lena, beide rot im Gesicht, heraus.
Du hast doch Sprechstunde was machst du hier?
Ich dachte, ich helfe beim Waschen falls ihr nicht fertig werdet! antwortete Marlene. Na, habt ihr gut ausgewrungen, bei dem Tempo?

Das ist nicht, was du denkst! sagte Stefan. Was konnte er auch sagen?
Gut! stimmte Marlene zu. Zeig mir die Wäsche vielleicht findest du noch eine Ausrede!

Los, Mann, erfinde was! Dass du Fieber hattest und Lena dich mit kalten Umschlägen pflegte! Kein Plan B, ihr Spione? So unvorbereitet!

Die beiden schwiegen. Bisher war alles so gut gelaufen
Verschwindet! sagte Marlene. Lena schnappte sich Lukas und verschwand. Stefan schickte Sven nach draußen es war noch hell und versuchte, sich rauszureden: Es war der Teufel, Schatz! Ich liebe dich! Sie ist auf mich gekommen!

Der Schuh ist ja wohl eher andersrum gewandert war längst ein geflügelter Satz. Aber die eiskalte Ehefrau reagierte nicht auf süße Worte sie war betrogen worden. Und nicht nur einmal, wie sich später herausstellte.

Der schwerkranke Ehemann (37,1° Fieber) wurde vor die Tür gesetzt. Der Kontakt zu Lena wurde auf ein Minimum reduziert.

Peter erzählte Marlene nichts. Wenn er von Lenas Untreue erfuhr, würde er sich scheiden lassen. Dann würden sie und die verhasste Schwester wieder in der alten Wohnung hocken bis auf unbestimmte Zeit.

Doch diesmal stimmte Lena sofort dem ersten Tauschangebot zu zwei Einzimmerwohnungen mit Aufpreis!

Am Ende landete die geschiedene Marlene in einer winzigen Plattenbauwohnung mit vier Quadratmetern Küche und einem Frankfurter Bad so nannte man das kombinierte WC-Dusche-Klo. Aber es war ihr eigenes.

Stefan musste zu seinen Eltern zurück. Er klammerte sich wie ein Ertrinkender und beschwor Marlenes Gewissen. Vergeblich.

Eines Abends kam Marlene von der Arbeit nach Hause. Alles war still nur Sven spielte. Er war ein selbstständiges Kind, ihr Sven. Er vermisste zwar seinen Cousin, aber er verstand sich gut allein.

Jetzt saß er auf dem Teppich. Vor ihm, an die Stuhlbeine gelehnt, ein großer Plüschbär und ein Fächer aus Spielkarten. Sven brachte seinem Teddy das Skatspielen bei für die Gesellschaft. Die Karten raschelten leise, als Sven ernsthaft erklärte: Trumpf schlägt immer, Teddy. Das musst du wissen, wenn du mal auf Besuch bist. Draußen fiel die Dämmerung über den Hinterhof, und der Wind strich durch die offene Balkontür. Marlene lehnte im Türrahmen, sah ihrem Sohn zu, sagte nichts. Irgendwo klingelte ein Fahrrad, jemand lachte. Die Welt ging weiter mit Skat, Sandkisten, Strumpfhosen und stillen Verrätern.

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