Die Geliebte meines Mannes war atemberaubend. Hätte ich ein Mann gewesen, hätte ich sie sofort ausgewählt.
Es gibt Frauen, die ihren eigenen Wert kennen. Sie schreiten würdevoll, blicken offen und hören aufmerksam zu. Keine hastigen Bewegungen, sie brauchen nicht ihre Schultern oder ihr Dekolleté zu entblößen, um Aufmerksamkeit zu erregen sie strahlen königliche Ruhe aus und geraten nie in Panik.
Auch sie hätte meine Frau gewählt als vollkommenen Gegenpol zu ihr.
Denn wer bin ich selbst? Ständig in Eile, schreie ich die Kinder und meinen Mann an, lassen mir die Hände alles fallen, die Arbeit stapelt sich, das Chefsgebaren ist unzufrieden. Ich trage immer dieselben Jeans und Pullover ein knitterndes Hemd zu bügeln, das ist ein Marathon. Ich habe längst vergessen, wann ich noch Rüschen bügelte; die neue Trockner und Bügelmaschine glättet die Wäsche fast ohne Bügeleisen.
Meine Geliebte hingegen war perfekt. Figur, Haltung, Beine, Haare, Augen, Gesicht kaum zu ertragen! Sie hielt den Atem an, seit sie ihn sah.
Eines Tages, bei einem Auftrag in einem fernen Stadtteil von Berlin, betrat sie das erste Café, das ihr begegnete, um etwas zu essen. Die Arbeit war erledigt, der Hunger jedoch nicht. In dem überfüllten Lokal fand sie einen freien Tisch, bestellte die Speisekarte und hob den Blick kein Trugbild: Sie erkannte ihren Ehemann von hinten. Und dann sah sie mich.
Er hielt ihre Hände in seinen, küsste ihre Finger. Wie billig, dachte sie, wie ein Parfüm, das nach Weihrauch riecht. Dennoch war die Frau schön objektiv schön.
Sie bestellte eine Suppe und einen Salat, aß, ohne den Geschmack zu spüren, und wartete, während das Paar sich zurückzog. Sie fürchtete, sichtbar zu werden. Vergebens ihr Mann schenkte dem Rest der Welt gerade jetzt keine Beachtung.
Ein seltsamer Zustand, wie nach einer Verbrennung: Man sieht die Brandspur, weiß, dass gleich unerträglicher Schmerz folgt, und in den wenigen Sekunden davor versucht man verzweifelt, die Rötung zu kühlen. Doch innerlich war nichts.
Thomas kam pünktlich zurück, immer gut gelaunt und ausgeglichen. Ich hingegen schoss wie ein wildes Pferd, jagte alle, während er ein gelassener Sanguiniker mit trockenem Humor blieb.
Jetzt könnte ich seinen Witz gebrauchen. Ich wollte ihn fragen, ganz nüchtern: Wie geht es deiner Geliebten? Ich habe sie heute im Café N. gesehen, sie ist schön. Ich wollte sehen, wie Schweißperlen auf seiner Stirn tanzen, wie er errötet und versucht, die Fassung zu wahren.
Und dann weiter: Und jetzt? Die Kinder sollen die neue Mutter kennen, wo soll ich stehen? Mit Wohnung oder in eurem Haus?
Er sagte nichts. Stattdessen zog er mich ins Schlafzimmer, schlang mich an sich und schlief sofort ein.
Vielleicht hatten wir noch keinen Sex, dachte ich, als ich mich auf meine Seite des Bettes schob und lautlos lachte. Jetzt dachte ich wie eine Frau, die beim eigenen Verrat zugesehen hat, und doch allen erzähle, es sei nur Einbildung.
Vielleicht war das erst das Vorspiel ein Flüstern, ein Atemzug im Gleichklang. Er war ein gut versteckter Liebhaber, ohne ein Wort, ohne Muskelanspannung.
Ich drehte mich im Bett, schlief in kurzen Phasen, träumte von leuchtenden Blumen und fremden Geliebten in roten Kleidern.
Am Morgen wachte ich mit schwerem Kopf auf, bewegte mich langsamer als sonst durch die Wohnung, brachte die Kinder pünktlich zur Schule.
Den ganzen Tag dachte ich: Was tun Frauen, die ihre Männer beim Seitensprung erwischen? Googeln? Google half nicht. Ich hatte keine Antworten. Weiterleben? Was soll das? Ich lebte weiter, wie immer: Der gewohnte Alltag, Thomas kommt pünktlich nach Hause, kein Lippenstift auf seinem Hemd, kein fremder Duft, die Kinder springen herum, sonntags im Kino. Kein Wandel im Verhalten, zweimal pro Woche Sex, manchmal dreimal, wenn man genau hinhört.
War ich im falschen Café im Berliner Stadtteil? Nein. Ich rief ihn mittags an, er ging nicht ans Telefon. Ich nahm ein Taxi, fuhr zurück zu jenem Café, erfand für den Fahrer eine glaubwürdige Geschichte: Wir warten auf ein Paket, geschäftlich. Dort stand Thomas Wagen in einer Reihe gegenüber. Thomas und die Geliebte stiegen ein und fuhren weg.
Ich wurde blass, bat den Taxifahrer um Wasser, tat so, als würde ich jemanden anrufen und schrie in die Leere: Verdammt noch mal mit eurem Paket! Ich kann nicht länger warten, ich muss zur Arbeit! Es schien mir egal, was der Fahrer von mir dachte.
Die Kenntnis einer Geliebten verändert das Leben radikal. Scheiden? Wahrscheinlich. Aber wie sonst weiterleben? Ertragen? Warum? Wozu?
Ich erinnerte mich an ein Freundespaar, bei dem vor ein paar Jahren die Geliebte des Mannes auftauchte. Er versteckte sich, doch die Frau erfuhr es dennoch, ein Skandal brach aus, er leugnete bis zuletzt, selbst als Beweise in Form von unverlöschten Chatverläufen präsentiert wurden. Er behauptete, er sei das Opfer neidischer Konkurrenten.
Da sagte ihr Mann: Ich würde niemals lügen. Wenn du Fehler gemacht hast, zeig Mut, gestehe und trenne dich, wenn dir die Familie wichtig ist. Oder geh, aber versorge deine Familie. Ich war stolz auf ihn, so verantwortungsbewusst.
Leicht, die Situation anderer zu lösen, besonders aus der Ferne, ohne eigene Verantwortung. Aber wenn man selbst im Sturm steht und gleichzeitig die Frau und die Geliebte vor sich hat, verfliegt der Mut im Nu.
Ich ging zu ihrem Tisch im Café und setzte mich auf den freien Stuhl. Die Geliebte hob verwirrte Augen, Thomas erstarrte, dann setzte er sich ebenfalls. Stille. Ich fand es amüsant, sie zu beobachten. Die Geliebte wusste sofort, wer ich war oder vielleicht auch nicht.
Thomas wollte etwas sagen, aber ich hielt ihn mit erhobener Hand zurück: Das ist nicht, was ich dachte, oder? Es ist nichts Überraschendes an dieser Situation. So etwas passiert. Nun überlegt, wie ihr das regelt Kinder, gemeinsame Wohnung, alte Eltern. Ihr seid klug, ihr schafft das.
Langsam stand ich auf, mein frisch gebügeltes Kleid glitt elegant. Dumm, dass ich es so lange nicht getragen hatte.







