Nacht vor dem Morgengrauen
Als bei Lisa die Wehen begannen, zeigte die Uhr viertel vor drei. In der Wohnung herrschte ein feuchter Dämmerlicht: draußen trommelte feiner Regen, die Straßenlaternen malten verwischte Lichtflecken auf den Asphalt. Thomas sprang vom Sofa auf, bevor Lisa überhaupt eingeschlafen war er hatte fast die ganze Nacht nicht geruht, wackelte auf dem Küchenhocker, schaute immer wieder zur Tür und lugte aus dem Fenster. Lisa lag auf der Seite, drückte die Hand gegen den Bauch und zählte die Sekunden zwischen den Schmerzspitzen: sieben Minuten, dann sechs komma fünf. Sie versuchte, die Atemtechnik aus dem YouTubeClip zu erinnern einatmen durch die Nase, ausatmen durch den Mund aber es klang holprig.
Schon? rief Thomas aus dem Flur, sein Stimme war gedämpft, die Schlafzimmertür stand leicht offen.
Sieht so aus Lisa setzte sich vorsichtig auf die Kante des Bettes, spürte den kalten Fußboden unter den nackten Zehen. Die Wehen kommen häufiger.
Den letzten Monat hatten sie sich darauf vorbereitet: einen großen blauen Kreißsaalkoffer gekauft, alles nach einer Checkliste vom Krankenhausportal eingepackt Personalausweis, Krankenkassenkarte, Mutterpass, Ersatznachthemd, Ladekabel und sogar eine Tafel Schokolade für alle Fälle. Jetzt wirkte das alles irgendwie wackelig. Thomas stapelte ungeordnet Aktenordner am Schrank.
Der Ausweis liegt hier die Krankenkassenkarte wo ist die Mutterpass? Hast du die gestern genommen? murmelte er hastig, leise, als würde er die Nachbarn nicht wecken wollen.
Lisa kämpfte sich mühsam zur Badewanne, nur um ihr Gesicht zu waschen. Das Bad roch nach Seife und leicht feuchten Handtüchern. Im Spiegel sah sie eine Frau mit dunklen Augenringen und zerzaustem Haar.
Sollen wir gleich ein Taxi rufen? rief Thomas aus dem Flur.
Ja, aber check noch einmal den Koffer
Beide waren noch jung: Lisa ist siebenundzwanzig, Thomas ein bisschen über dreißig. Thomas arbeitet als Entwicklungsingenieur bei der örtlichen Maschinenbaufirma, Lisa hat bis zur Elternzeit Englisch an einer Gesamtschule unterrichtet. Die Wohnung ist klein: KücheWohnzimmer und Schlafzimmer mit Blick auf die Hauptstraße. Alles erinnert an das bevorstehende Ereignis: das Babybett im Eck ist schon aufgebaut, liegt aber noch voll mit Stoffwindeln; daneben ein Karton mit Spielsachen von Freunden.
Thomas bestellte das Taxi per App das bekannte gelbe Symbol erschien sofort.
Das Auto in zehn Minuten.
Er versuchte ruhig zu bleiben, doch die Finger zitterten über dem Bildschirm.
Lisa zog einen Hoodie über ihr Nachthemd und suchte das Ladekabel: nur achtzehn Prozent Akku. Sie steckte das Kabel in die Jackentasche zusammen mit einem Gesichtstuch könnte unterwegs nützlich sein.
Im Flur roch es nach nassen Schuhen und Thomas etwas feuchter Jacke, die er nach dem Spaziergang gestern abtrocknen musste.
Während sie sich fertig machten, wurden die Wehen stärker und etwas öfter. Lisa versuchte, nicht auf die Uhr zu schauen, sondern nur zu atmen und an den Weg nach vorne zu denken.
Fünf Minuten vor der geplanten Abfahrt standen sie im Treppenhaus; das Notlicht warf einen fahlen Fleck vor dem Aufzug, und ein Zugluftstoß zog von unten nach oben. Die Treppe war kühl; Lisa zog die Jacke enger und drückte die Aktenmappe fest an sich.
Unten war die Luft kalt und feucht, selbst im Mai: Regentropfen liefen vom Vordach, wenige Passanten eilten vorbei, eingehüllt in Mäntel oder mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen.
Die Autos im Innenhof standen wirr geparkt, ein fernes Motorgeräusch dröhnte, als würde jemand den Motor für die Nachtschicht aufwärmen. Das Taxi kam immer noch nicht; die Ankunftszeit wanderte langsam auf der Karte: der Fahrer schien zwischen den Höfen hin und her zu kurven.
Thomas checkte alle halbe Minute das Handy:
Schreibt: Zwei Minuten. Aber er fährt um einen Block weiter vielleicht Baustelle?
Lisa lehnte sich an das Geländer der Eingangstreppe und versuchte, die Schultern zu lockern. Plötzlich erinnerte sie sich an die Schokolade, griff in die Seitentasche des Koffers und fand sie ein kleiner Trost inmitten des Trubels.
Endlich tauchten Scheinwerfer um die Ecke auf: ein weißer Volkswagen Golf bremste vor dem Haus und hielt präzise vor der Treppe. Der Fahrer, ein etwa vierundvierziger Mann mit müdem Gesicht und kurzem Bart, öffnete schnell die hintere Tür und half Lisa, mit all ihrem Gepäck einzusteigen.
Guten Abend! Kreißsaal? Alles klar, anschnallen! sagte er munter, nicht zu laut; seine Bewegungen waren souverän, aber nicht gehetzt. Thomas setzte sich hinter den Fahrer, die Tür knallte etwas lauter als sonst im Innenraum roch es nach frischer Luft gemischt mit Kaffeeduft aus der Thermosflasche am Handschuhfach.
Kaum waren sie aus dem Innenhof raus, gerieten sie in einen kleinen Stau: vorn blinkten Einsatzlichter von Baustellenfahrzeugen, Arbeiter verlegten Asphalt im schwachen Licht der Straßenlampen. Der Fahrer drehte die Lautstärke des Navigators auf:
Jetzt … Versprochen, das bis Mitternacht fertig zu haben! Wir fahren über die Nebenstraße.
Plötzlich erinnerte Lisa sich an den Mutterpass:
Stopp! Ich habe den Pass vergessen! Ohne den darf man mich nicht aufnehmen!
Thomas erstarrte:
Ich renne sofort! Wir sind gleich da!
Der Fahrer schaute in den Rückspiegel:
Kein Stress! Wie lange braucht ihr? Ich warte.
Thomas sprintete fast aus dem Wagen, sprang über Pfützen, bis zum Haus, und kam nach vier Minuten keuchend zurück der Pass und der Schlüsselbund in der Hand. Der Fahrer nickte nur kurz:
Alles gut? Dann weiter!
Lisa drückte die Unterlagen fest an die Brust, die nächste Wehe schlug stärker als zuvor sie atmete durch die Zähne, versuchte gleichmäßig zu atmen. Das Auto fuhr langsam an der Baustelle vorbei, durch das beschlagene Fenster sah man nasse Schilder von 24StundenApotheken und vereinzelte Gestalten mit Regenschirmen.
Im Inneren herrschte angespannte Stille, nur das Navi sprach ab und zu neue Umleitungen an, das Heizgebläse knisterte leise.
Nach ein paar Minuten brach der Fahrer das Schweigen:
Ich habe drei Kinder Das erste wurde nachts geboren, wir haben damals zu Fuß zum Kreißsaal geschafft, Schnee bis zu den Knien Aber das war ein Abenteuer.
Er lächelte müde:
Macht euch nicht zu viel Stress Hauptsache, alle Papiere sind da und haltet euch gut fest!
Lisa merkte, dass ihr für einen kurzen Moment leichter wurde die ruhige Stimme des Fahrers wirkte beruhigender als jede OnlineRatgebergruppe. Sie sah zu Thomas, der ebenfalls ein leichtes Lächeln zeigte.
Am Kreißsaal angekommen, war es wenig nach fünf Uhr morgens. Der Regen trommelte noch immer, doch jetzt eher träge, als würde er locker auf das Autodach klopfen. Thomas bemerkte die erste Lichtstrecke am Horizont, die Stadt im blassen Morgengrauen. Der Fahrer wendete vorsichtig zur Einfahrt und hielt an einer Stelle, wo es weniger Pfützen gab. Zwei Rettungswagen standen bereit, doch es blieb noch Platz zum Ausladen.
Wir sind da! rief der Fahrer und drehte sich um. Ich helfe mit dem Koffer, keine Sorge.
Lisa kämpfte sich aus dem Sitz, hielt den Bauch und drückte die Aktenmappe fest. Thomas sprang zuerst los, half ihr zum Türrahmen, und als eine weitere Wehe kam, musste Lisa einen Moment stillstehen und tief durchatmen. Der Fahrer griff flink nach dem blauen Koffer und stellte ihn neben die Tür.
Vorsicht, hier ist rutschig sagte er, als wäre das eine alltägliche Situation in der Stadt.
Drinnen roch es nach feuchtem Boden, Blumenerde und Desinfektionsmittel, gemischt mit dem Regen. Unter dem Vordach tropfte das Wasser auf die Kapuze von Thomas Jacke. Thomas sah sich um: keine Menschen, nur eine diensthabende Schwester hinter einer Glastür und ein paar Männer in Uniform an der anderen Wand.
Der Fahrer stellte den Koffer ab, zuckte ein wenig mit den Schultern:
Na, viel Glück! Nicht vergessen, zusammenzuhalten. Der Rest kommt von allein.
Thomas wollte etwas sagen, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken. Stattdessen schüttelte er fest die Hand des Fahrers, dankbar. Lisa nickte, lächelte ein bisschen verlegen und flüsterte:
Danke wirklich.
Keine Ursache! erwiderte der Fahrer, schaute weg und ging zurück zum Auto. Alles wird gut.
Die Kreißsaaltür öffnete sich mit einem leisen Quietschen, die diensthabende Schwester blickte raus, prüfte die Lage und winkte:
Herein! Dokumente bitte bereit halten Männer dürfen nicht reingehen, nur im Notfall. Haben Sie die Akten dabei?
Lisa nickte und reichte die Mappe durch die Tür. Der Koffer folgte. Thomas blieb unter dem Vordach stehen, der Regen trommelte weiter auf die Kapuze, aber er bemerkte es kaum.
Warten Sie hier. Wenn wir etwas brauchen, rufen wir Sie. sagte die Schwester aus dem Innern.
Lisa drehte sich kurz um, ihr Blick traf Thomas durch das Glas ein kurzer Alles gut mit erhobener Hand, ein leichtes Lächeln. Dann führte sie die Schwester weiter den Flur hinunter, die Tür schloss sich leise.
Thomas stand allein im Morgengrauen. Der Regen ließ nach, die Kälte wich, und er checkte sein Handy noch ein Prozent Akku, also irgendwann wohl nach einer Steckdose fragen.
Der Fahrer blieb noch einen Moment im Auto, drehte das Licht an und schaute durch das Seitenfenster zu Thomas. Ihre Blicke trafen sich kurz, ein stummes Dankeschön.
Thomas zeigte Daumen hoch, der Fahrer nickte, lächelte müde und fuhr schließlich davon.
Als das Auto um die Ecke verschwand, wirkte die Straße seltsam leer. Für einen Moment war es so still, dass man nur das Tropfen vom Vordach und das ferne Rauschen der Stadt hörte, die gerade erwachte.
Thomas blieb unter dem Vordach stehen, sah durch das Fenster die Empfangstheke, wo Lisa an einem Schalter mit der Schwester sitzend etwas ausfüllte. Ihr Gesicht wirkte ruhiger, die Anspannung der letzten Stunden schien mit dem Regen zu verschwinden.
Er merkte, dass er zum ersten Mal in der Nacht ein bisschen Leichtigkeit spürte als hätte er die Luft unter Wasser gehalten und jetzt endlich die Oberfläche erreicht. Alles klappte: rechtzeitig da, Dokumente dabei, Lisa in guten Händen, das neue Leben kurz bevor es beginnt.
Der Himmel über der Stadt färbte sich langsam in ein perlmuttfarbenes Morgenlicht; die feuchte Luft roch nach frischem Regen. Thomas atmete tief ein einfach so, ohne Ziel, nur um den Moment zu genießen.
In diesem Augenblick schien fast alles möglich.
Die Zeit schlich für Thomas quälend langsam, er lief im Kreis um das Kreißsaalgebäude, versuchte nicht aufs Handy zu gucken, damit es nicht komplett leer wird.
Etwa anderthalb Stunden nach Lisas Eintritt vibrierte sein Handy in der Tasche. Es war Lisas Stimme.
Herzlichen Glückwunsch, du bist jetzt Papa, unser Sohn heißt KarlFriedrich, alles gut!







