Sie wurde im Rollstuhl durch die Gänge des Krankenhauses in München geschoben. Wohin?, fragte eine Krankenschwester die andere. Vielleicht nicht ins Einzelzimmer, sondern ins Gemeinschaftszimmer?
Ich wurde unruhig: Warum ins Gemeinschaftszimmer, wenn es die Möglichkeit für ein Einzelzimmer gibt?
Die Schwestern sahen sie mit so aufrichtigem Mitleid an, dass ich verblüfft war. Später erfuhr sie, dass Sterbende ins Einzelzimmer verlegt wurden, damit die anderen sie nicht sehen mussten.
Die Ärztin hat Einzelzimmer angeordnet, wiederholte die Schwester.
Ich beruhigte mich. Als ich im Bett lag, spürte ich eine tiefe Zufriedenheit, einfach weil ich nirgendwo hingehen musste, niemandem mehr etwas schuldete und alle Verantwortung von mir abgefallen war. Ich fühlte eine seltsame Distanz zur Welt es war mir gleichgültig, was darin geschah.
Nichts und niemand interessierte mich. Ich hatte das Recht auf Ruhe. Und das war gut so. Ich war allein mit mir, meiner Seele, meinem Leben. Nur Ich und Ich. Die Probleme waren verschwunden, der Alltagsstress und die wichtigen Fragen. Alles, wofür ich gehetzt hatte, schien plötzlich so klein im Vergleich zur Ewigkeit, zum Leben und Tod, zu dem Unbekannten, das uns erwartet
Und dann brach das wahre Leben um mich herum los! Wie wunderbar war es doch: das Vogelgezwitscher am Morgen, der Sonnenstrahl, der langsam über die Wand kroch, die goldenen Blätter des Baumes, der mir durchs Fenster winkte, das tiefblaue Herbsthimmel, die Geräusche der erwachenden Stadt Hupen, das Klackern von Absätzen auf dem Asphalt, das Rascheln fallender Blätter Mein Gott, wie schön das Leben ist! Und ich hatte es erst jetzt verstanden.
Na und?, sagte ich zu mir selbst. Aber ich habe es verstanden. Und ich habe noch ein paar Tage, um es zu genießen und mit ganzem Herzen zu lieben.
Das überwältigende Gefühl von Freiheit und Glück verlangte nach Ausdruck, also wandte ich mich an Gott, der mir nun näher war als je zuvor.
Herr!, jubelte ich. Danke, dass du mir gezeigt hast, wie schön das Leben ist. Lass es auch kurz vor dem Tod sein ich habe erkannt, wie wunderbar es ist, zu leben!
Ich war erfüllt von ruhigem Glück, Frieden, Freiheit und einer schwebenden Leichtigkeit zugleich. Die Welt funkelte und strahlte im goldenen Licht göttlicher Liebe. Ich spürte ihre Energie wie mächtige Wellen. Die Liebe war dicht und doch zart, wie eine Meereswoge.
Sie erfüllte alles, sogar die Luft war schwer und floss langsam in meine Lungen. Alles, was ich sah, war von diesem goldenen Licht durchdrungen. Ich liebte! Es war, als würden Bachs Orgelklänge mit einer schwebenden Violinenmelodie verschmelzen.
Das Einzelzimmer und die Diagnose akute Leukämie im vierten Stadium hatten ihre Vorteile: Sterbenden durfte jeder zu jeder Zeit besuchen. Den Angehörigen wurde geraten, die Verwandten zur Beerdigung zu rufen, und so kamen sie reihenweise, um Abschied zu nehmen.
Ich verstand ihre Verlegenheit: Was sagt man einem Sterbenden, der das weiß? Es war fast komisch, ihre unsicheren Gesichter zu sehen.
Doch ich freute mich wann hätte ich sie sonst alle auf einmal gesehen? Vor allem wollte ich meine Liebe zum Leben teilen konnte man davon nicht einfach glücklich sein? Ich erzählte Witze und Geschichten, um sie aufzuheitern.
Alle lachten, und der Abschied verlief in Freude und Gelassenheit. Nach drei Tagen hatte ich genug vom Liegen. Ich stand auf, lief im Zimmer umher und setzte mich ans Fenster. Dort überraschte mich die Ärztin und geriet in Panik:
Sie dürfen nicht aufstehen!
Ich war verwundert: Ändert das etwas?
Nein, stammelte sie. Aber Sie können nicht gehen.
Warum nicht?
Ihre Werte sind die eines Leichnams. Sie sollten nicht leben, und jetzt stehen Sie auf.
Die maximal veranschlagten vier Tage vergingen. Ich starb nicht, sondern aß genüsslich Wurst und Bananen. Mir ging es gut. Der Ärztin nicht sie verstand nichts mehr. Die Werte blieben unverändert, mein Blut war kaum noch rosig, doch ich ging in den Flur, um fernzusehen.
Die Ärztin tat mir leid. Die Liebe verlangte nach Freude für alle.
Doktor, wie sollten die Werte Ihrer Meinung nach aussehen?
Sie kritzelte Zahlen auf einen Zettel. Ich verstand nichts, aber las aufmerksam. Sie starrte mich an, murmelte etwas und ging.
Am nächsten Morgen stürmte sie herein: Wie machen Sie das?!
Was?
Die Werte! Sie sind genau so, wie ich sie aufgeschrieben habe.
Ach! Woher soll ich das wissen? Und was ändert das?
Man verlegte mich ins Gemeinschaftszimmer. Die Verwandten hatten sich verabschiedet und kamen nicht mehr.
Fünf Frauen lagen dort, stumm, in die Wand starrend, und starben aktiv vor sich hin. Ich hielt drei Stunden aus. Meine Liebe drohte zu ersticken. Ich musste handeln. Ich rollte eine Wassermelone unter dem Bett hervor, schnitt sie auf und verkündete:
Wassermelone hilft gegen Übelkeit nach Chemo.
Ein frischer Duft breitete sich aus. Zaghaft kamen die anderen.
Wirklich?
Klar, bestätigte ich.
Das saftige Knacken der Melone erfüllte den Raum.
Stimmt, es geht besser, sagte die Frau am Fenster.
Mir auch!, riefen die anderen.
Seht ihr, nickte ich zufrieden. Kennt ihr den Witz dazu?
Um zwei Uhr nachts schimpfte die Nachtschwester: Wann hört ihr auf zu lachen? Der ganze Flur kann nicht schlafen!
Drei Tage später bat die Ärztin zögernd: Könnten Sie in ein anderes Zimmer wechseln?
Warum?
Allen hier geht es besser. Im Nachbarzimmer liegen Schwerkranke.
Nein!, riefen meine Mitpatientinnen. Sie bleibt!
Sie blieb. Bald kamen andere Patienten nur zum Reden und Lachen vorbei. Ich wusste warum: In unserem Zimmer lebte die Liebe. Sie umhüllte jeden mit Wärme, und alle fühlten sich geborgen. Besonders mochte ich das Mädchen mit dem weißen Kopftuch sechzehn, aus Bayern.
Die hervorstehenden Enden ließen sie wie ein Häschen aussehen. Sie hatte Lymphknotenkrebs und schien nie zu lächeln. Doch eine Woche später sah ich, wie bezaubernd schüchtern ihr Lächeln war. Als sie verkündete, die Medikamente wirkten und sie genas, feierten wir mit einem Festmahl.
Der diensthabende Arzt starrte uns fassungslos an: In dreißig Jahren habe ich so etwas noch nie gesehen. Dann ging er. Wir lachten über sein Gesicht. Es war schön.
Ich las, schrieb Gedichte, plauderte, spazierte im Flur und liebte alles: Bücher, Kompott, die Nachbarin, die alten Bäume. Man spritzte mir Vitamine man musste ja etwas tun. Die Ärztin mied mich, bis sie eines Tages murmelte:
Ihr Hämoglobin ist 20 Einheiten über dem Normalwert. Steigern Sie es nicht weiter.
Sie schien mir böse zu sein. Eigentlich hieß das, sie hatte sich geirrt doch das war unmöglich, und sie wusste es.
Einmal gestand sie: Ich kann die Diagnose nicht bestätigen. Sie werden gesund, ohne Behandlung. Das ist unmöglich.
Was ist meine Diagnose?
Ich habe noch keine gefunden, flüsterte sie.
Bei der Entlassung sagte sie: Schade, dass Sie gehen. Wir haben noch so viele Schwerkranke.
Aus unserem Zimmer wurden alle gesund entlassen. Die Sterberate sank um 30 Prozent.
Das Leben ging weiter. Nur meine Sicht darauf hatte sich geändert. Es war, als sähe ich die Welt von oben alles wirkte kleiner, klarer. Und der Sinn des Lebens war so einfach:
Man muss nur lernen zu lieben. Dann werden die Möglichkeiten grenzenlos, und alle Wünsche gehen in Erfüllung wenn man sie mit Liebe formt. Ohne Lügen, Neid, Groll. So einfach und doch so schwer.
Denn es ist wahr: Gott ist Liebe. Man muss es nur rechtzeitig begreifen.







