Hey, du, ich muss dir was erzählen, weils mich den ganzen Tag beschäftigt hat.
Papa, komm nicht mehr zu uns, sagte ich zu meinem Vater, während ich mit meiner kleinen Schwester, der süßen Liselotte, im Café am Alexanderplatz saß. Jedes Mal, wenn du gehst, fängt Mama an zu weinen. Sie weint bis zum Morgengrauen, und ich liege wach, schlafe, wache wieder auf und sie weint weiter. Ich fragte sie dann: Mama, weinst du wegen Papa? Und sie meinte nur, sie schnupfe nur, weil sie eine Erkältung habe. Aber ich bin schon groß genug, um zu wissen, dass eine Erkältung nicht solche Tränen macht.
Thomas Müller, mein Vater, sitzt mit mir an einem winzigen Tisch und rührt mit einer kleinen Löffelchen in einer fast kalten Tasse Kaffee. Vor mir steht eine kleine Schale mit Eis am Stiel, überzogen mit Schokolade, grünem Blatt und einer Kirsche oben drauf ein echtes Kunstwerk. Jede sechsjährige würde das sofort verschlingen, nur Liselotte lässt die Gabel nicht einmal an das Eis. Sie hat schon letzte Woche beschlossen, dass sie ein ernstes Gespräch mit Papa führen will.
Papa schweigt lange, dann bricht er das Schweigen:
Was sollen wir jetzt machen, Kind? Sollen wir uns gar nicht mehr sehen? Wie soll ich dann weiterleben?
Liselotte rümpft ihre süßen Nasenflügel ganz wie Mama, ein bisschen rundlich überlegt kurz und sagt:
Nein, Papa. Ich kann auch nicht ohne dich. Lass uns das so machen: Ruf Mama an und sag ihr, dass du mich jeden Freitag von der Kita abholst. Wir können zusammen spazieren gehen, oder wenn du Lust auf Kaffee oder Eis hast, setzen wir uns ins Café. Ich erzähle dir dann alles, wie Mama und ich unseren Alltag meistern.
Sie überlegt nochmal, dann fügt sie hinzu:
Und wenn du Mama sehen willst, filme ich sie jede Woche mit meinem Handy und schicke dir die Videos. In Ordnung?
Thomas lächelt leicht, nickt und sagt:
Okay, das machen wir.
Liselotte atmet erleichtert aus, greift nach ihrem Eis und legt den Löffel zurück. Doch das Gespräch ist noch nicht vorbei. Sie leckt sich die bunten Kaugummischnurren von ihrer Nase ab, schaut plötzlich ganz ernst, fast erwachsen. Ihr Blick richtet sich auf ihren Vater, denn letzte Woche hatte er Geburtstag er wurde 28, und Liselotte hatte in der Kita eine riesige 28 ausgebastelt.
Sie zieht die Augenbrauen zusammen und sagt:
Ich glaube, du solltest heiraten.
Und dann, ganz großzügig, fügt sie hinzu:
Du bist ja noch nicht so alt.
Thomas schmunzelt und erwidert:
Du sagst also nicht so alt
Liselotte stürmt weiter:
Nicht so alt, nicht so alt! Und der Onkel Siegfried, der schon zweimal zu Mama kam, ist ein bisschen kahl. Sie tippt sich dabei auf die Stirn, streicht ihre weichen Locken glatt. Dann macht sie ein erstauntes Gesicht, weil ihr Vater sie scharf ansieht, als hätte sie ein Geheimnis verraten.
Onkel Siegfried? Wer ist das denn? Der Chef meiner Mutter? ruft Thomas fast laut durch das ganze Café.
Ich weiß es nicht, Papa, stottert Liselotte. Vielleicht ist er ja der Chef. Er bringt immer Süßigkeiten und Kuchen mit. Sie überlegt, ob sie ihm noch die Blumen geben soll, die Mama ihm geschenkt hat.
Thomas faltet die Hände, liegt sie auf den Tisch und starrt sie an. Er trifft eine Entscheidung, die er seit langem getroffen hat, und Liselotte spürt, dass er gleich etwas Wichtiges sagen wird. Sie weiß, dass Männer oft etwas langsamer denken, und dass es an ihr als wichtigste Frau in seinem Leben liegt, ihn ein bisschen anzustoßen.
Nach einer langen Stille atmet Thomas tief durch, spreizt die Finger, hebt den Kopf und sagt:
Komm, Kind, es ist schon spät. Ich bring dich nach Hause und rede dann mit Mama.
Liselotte fragt nicht, worüber er mit ihr reden will, aber sie spürt, dass es wichtig ist. Sie schlingt das letzte Stück Eis in den Mund, wirft dann den Löffel auf den Tisch, steht auf, wischt sich den Mund mit dem Handrücken ab, schnupft und schaut Papa fest an:
Ich bin bereit. Lass uns gehen.
Sie laufen nicht mehr, sie sprinten fast. Thomas hält Liselotte an der Hand, als würde er ein Fahnenbild tragen, das er fest im Griff hat, so wie ein Ritter sein Wappen.
Im Treppenhaus schließen sich die Aufzugstüren langsam und lassen einen Nachbarn nach oben fahren. Thomas schaut verwirrt zu Liselotte, sie blickt entschlossen nach oben und fragt:
Na, was warten wir? Wir sind doch erst im siebten Stock.
Thomas hebt Liselotte hoch und wirft sich die Treppe hinauf.
Als die Tür zur Wohnung endlich aufschwingt, ruft Mama, die bereits mit einem warmen Lächeln hinter der Tür steht:
Du kannst nicht so machen, Thomas! Wer ist dieser Siegfried? Ich liebe dich doch!
Er umarmt zuerst seine Tochter, dann seine Frau. Liselotte legt beide Arme um sie, schließt die Augen und fühlt sich wie ein kleines Mädchen, das seine Eltern küsst.
So, das war der kleine Ausflug, den ich heute erlebt habe. Ich dachte, du würdest das verstehen. Liebe Grüße!







