Schon als Kind wusste Anneliese, dass sie hübsch war, denn alle um sie herum betonten es immer wieder.
«Unsere Tochter ist eine richtige kleine Schönheit, sie sticht unter den anderen Mädchen heraus!», verkündete ihre Mutter stolz allen Kollegen und Bekannten.
Und wirklich, jeder konnte es sehen und stimmte zu. Nur die Nachbarin war etwas skeptisch:
«Kinder sind alle niedlich, aber wenn sie erwachsen werden, sieht das oft anders aus», fügte sie dann schnell hinzu, «nicht alle natürlich, aber manchmal eben schon.»
Anneliese wuchs heran und wurde mit der Zeit eine schlanke, stattliche Schönheit. Sie war eingebildet und launisch, wusste genau, dass alle ihre Wünsche erfüllten besonders die Jungs, die sie mit verliebten Blicken verfolgten.
Nach der Schule schaffte sie es nicht auf die Universität, obwohl sie davon träumte, und begann stattdessen eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. Früher gab es kein bezahltes Studium, also machte sie ihren Abschluss und hielt stolz ihr Zeugnis in den Händen.
«Schatz», sagte ihre Mutter, «lass mich dich doch in unserem Betrieb unterbringen, im Labor. Die Arbeit ist nicht schwer, du musst keine Kisten schleppen, und außerdem bist du doch so zart.»
«Aber was ist mit meiner Ausbildung?»
«Ach, wer arbeitet schon in dem Beruf, den er gelernt hat? Und wozu brauchst du überhaupt den Einzelhandel?», entschied die Mutter, die selbst ihr Leben lang mit dem Vater im Werk gearbeitet hatte.
Also wurde Anneliese Laborantin. Inzwischen war sie noch schöner geworden, wusste ihren Wert und verliebte sich in Werner, einen Ingenieur aus der Nachbarabteilung. Ihre Liebe war leidenschaftlich und wild, sie waren nicht lange zusammen, bis er ihr einen Antrag machte.
«Bevor dir jemand anderes davonläuft, heirate mich», sagte er lächelnd und hielt ihr Herz und Hand hin. «Bist du einverstanden?»
«Ja», antwortete sie fröhlich.
Die Hochzeit war, wie damals üblich, in der Werkskantine. In diesen Zeiten feierte man alle gleich nicht zu prunkvoll, aber mit vielen Gästen.
Kurz nach der Hochzeit merkte Anneliese, dass sie ein Kind erwartete.
«Werner, bald gibt es Zuwachs in unserer Familie», verkündete sie.
«Toll, ich freue mich, wirklich, Anneliese!», umarmte und küsste er sie.
Es wurde ein hübsches Mädchen, das der Mutter sehr ähnlich sah. Alle waren glücklich.
Die Zeit verging. Die Tochter wuchs heran, ging in den Kindergarten, Anneliese und Werner arbeiteten. Doch nach der Elternzeit hatte sich Anneliese verändert nicht äußerlich, aber charakterlich. Plötzlich hielt sie sich für eine Königin und begann, ihren Mann immer mehr zu demütigen. Werner kümmerte sich fast allein um die kleine Sophie. Er holte sie vom Kindergarten ab, las ihr abends Geschichten vor und brachte sie ins Bett.
Anneliese hatte andere Dinge zu tun. Sie kam später von der Arbeit, nicht immer, aber oft, mit Ausreden über Überstunden, obwohl Werner wusste, dass im Labor niemand länger bleiben musste. Er traute sich nicht, sie zur Rede zu stellen, denn sie hätte einen Skandal vom Zaun gebrochen, der die ganze Wohnung erzittern ließ. Werner tat die Tochter leid, er wollte nicht, dass sie Streit zwischen ihren Eltern mitbekam.
«Werner, deine Frau wurde mit dem Chefingenieur im Restaurant gesehen», flüsterten Kollegen, aber er senkte nur den Blick.
«Werner, warum hast du eine Schönheit geheiratet?», fragten Freunde. «Du weißt doch, ein schöner Kuchen wird nicht lange allein gelassen»
Alle sagten ihm offen, dass Anneliese bei Männern sehr beliebt war und zwar in höheren Kreisen, nicht wie er, ein einfacher Ingenieur. Inzwischen hatte Anneliese eine Affäre mit Anton Müller, einem Ministerialbeamten. Er verwöhnte sie mit Schmuck und teuren Geschenken.
Werner wurde immer stiller und unsicherer. Der ganze Haushalt lastete auf ihm, ganz zu schweigen von der Tochter. Anneliese gab nur noch Anweisungen: Sophie sollte lernen, Werner sollte einkaufen, kochen und putzen. An Scheidung dachte er nicht aus Angst, Sophie zu verletzen.
Doch dann kam die Wende, und der Beamte, mit dem Anneliese sich traf, geriet ins Wanken wie so viele in dieser Zeit. Anton Müller wurde verdächtigt, in dubiose Geschäfte verwickelt zu sein.
«Anneliese, falls jemand nach mir fragt, erzähl nicht zu viel», sagte er einmal. «Ich spüre, dass wir uns bald nicht mehr sehen werden.»
Und so kam es. Anton Müller verschwand genauer gesagt, sie erfuhr, dass er verhaftet worden war. Nicht nur das, sie wurde selbst verhört und durfte nicht nach Hause. Anneliese hatte Angst, weinte und flehte, man möge sie gehen lassen, sie wisse nichts von den Geschäften ihres Bekannten.
Nach einiger Zeit ließ man sie mangels Beweise frei, aber ihr Ruf war ruiniert. Sie kam nach Hause, als hätte sie stundenlang in schmutzigem Wasser gebadet. Alles war weg. Ihre Ersparnisse hatte Werner fast ganz aufgebraucht, um sie im Untersuchungsgefängnis zu unterstützen. Vom Werk wurde sie entlassen, Werner lehnte eine offizielle Trennung ab wegen Sophie. Sie lebten wie Nachbarn.
Einmal wollte er gehen, aber er fürchtete Sophies Reaktion. Auch sie brauchte ihre Mutter.
Als Anneliese davon erfuhr, überwand sie ihren Stolz:
«Werner, geh nicht, verlass mich nicht. Es tut mir leid, so etwas passiert nicht wieder.»
Werner blieb, aber er wollte sie nicht mehr berühren.
«Du hast mit anderen geschlafen»
«Aber ich habe es für unsere Familie getan», war ihre Antwort.
Doch bald schon verlor sie sich erneut und fand einen jungen Helfer und Liebhaber in Personalunion. Ihre Kontakte und ihr Geschäftssinn halfen ihr, wieder auf die Beine zu kommen. Sie lieh sich Geld, mietete einen kleinen Andenkenstand an einer beliebten Touristenmeile und fing neu an. Innerhalb weniger Jahre besaß sie ein Geschäft, dann ein zweites.
«Werner, ich fliege nach Italien für Ware, hol mich vom Flughafen ab», befahl sie. «Ich fahre nach Polen, hol mich Warum kündigst du nicht und hilfst mir im Handel?»
«Nein, aus mir wird kein Händler. Das liegt mir nicht.»
«Aber ich brauche Hilfe, und zwar von einem Mann. Ich brauche Muskelkraft.»
«Es gibt genug arbeitslose Männer da draußen», antwortete Werner gleichgültig.
Also fand Anneliese einen jungen «Assistenten» namens Tim und versteckte sich mit ihm in Hotels. Geld gab es jetzt genug, aber ihre Ehe war nur noch eine Zweckgemeinschaft. Werner wusste von Tim und sprach es manchmal an.
«Wenn du mir Aufmerksamkeit schenken würdest, bräuchte ich keinen jungen ‘Helfer'», konterte sie.
«Mir widersteht der Gedanke, dich zu berühren», sagte er.
Die Jahre vergingen. Sophie studierte, heiratete und zog nach Bayern. Als der Jahreswechsel nahte, flog Anneliese nach China, Werner feierte mit Freunden in Dänemark. Beide kehrten zum alten Neujahr zurück.
«Anneliese, was ist das?», starrte Werner sie verblüfft an. «Warum siehst du auf einmal so viel jünger aus?»
Tatsächlich sah sie aus wie neu keine Falte, kein Speck mehr am Bauch, dabei hatte sie in letzter Zeit zugenommen. Jetzt war sie wieder rank und schlank.
«Was hat das gekostet?»
Anneliese lachte hysterisch, dann wurde sie ernst:
«Alles. Absolut alles.» Sie streckte ihre Hände aus kein einziger Diamantring mehr daran und leerte ihre Handtasche. «Das verdanke ich chinesischen Wundermethoden: Massagen, Akupunktur, und das alles zu horrenden Preisen.»
Sie wollte nicht alt werden, nicht neben dem jungen Tim. Zu ihrem Mann sagte sie:
«Du bist schon alt, aber ich siehst du, wie ich aussehe?», drehte sie sich vor ihm.
«Aber wir sind fast gleich alt. Bist du das nicht auch?»
Doch sie lachte nur, und Werner war geknickt. Anneliese konnte nicht mehr aufhören. Doch das Geld wurde knapp, die Behandlungen waren teuer, und die Geschäfte liefen nicht mehr so gut. Dann erlitt Werner einen Herzinfarkt. Er kam ins Krankenhaus, konnte nicht mehr arbeiten und sah plötzlich alt aus.
«Mein Gott, wäre ich jetzt auch so?», fragte sich Anneliese, wenn sie ihn ansah und dann in den Spiegel blickte.
«Anneliese, bleib doch mal bei mir», bat Werner manchmal.
«Was willst du denn? Ich habe keine Zeit. Zeit ist Geld, das weißt du.»
Eines Tages fuhr Anneliese zu ihrem Geschäft, wo Tim sie mit einer Mappe erwartete.
«Lies das hier»
«Was soll das? Ich habe keine Zeit für Papiere.»
«Anneliese, das sind keine ‘Papiere’, sondern wichtige Dokumente. Jetzt gehörst du hier nicht mehr dazu. Ich bin der Besitzer», sagte Tim überheblich. «Du kannst gehen.»
Anneliese saß beim Anwalt.
«Frau Schneider, es tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht helfen», wiederholte er zum x-ten Mal. Doch sie wollte es nicht glauben.
«Er hat Sie bestochen, was? Wie viel hat er gezahlt? Ich zahle mehr!»
«Frau Schneider, meine Dienste sind nicht billig, aber ich arbeite seriös. Ich übernehme keine zweifelhaften Fälle, die meinen Ruf ruinieren könnten. Ich habe über zwanzig Jahre gebraucht, um mein Standing aufzubauen. Verstehen Sie das?»
Sie nickte, wollte widersprechen, aber er fuhr fort:
«Ihr Helfer hat alles sehr klug geregelt. Es gibt keinen Anfechtungspunkt. Und das Wichtigste: Auf allen Übertragungsdokumenten steht Ihre Unterschrift.»
«Aber ich dachte, das sei nur vorübergehend!», rief sie. «Ich war doch mit Werner ständig im Krankenhaus.»
Der Anwalt seufzte.
«Dann hätten Sie die Papiere genauer lesen oder gleich zu mir kommen sollen.»
«Sie wissen doch, was Sie kosten», sagte sie spöttisch.
«Na ja, Sie wollten sparen. Dann beschweren Sie sich nicht bei mir. Alles ist korrekt abgewickelt.»
Anneliese ging wie ein geprügelter Hund. Doch zu Hause dachte sie plötzlich:
«Ich brauche Geld. Viel Geld.»
«Anneliese, was ist mit deinem Geschäft?», fragte Werner leise.
«Nichts. Wir haben nichts mehr. Aber ich brauche Geld»
«Es ist nichts mehr da.»
«Wie nichts? Und die Wohnung?»
«Nein, nur das nicht!»
«Wir verkaufen sie und kaufen etwas im Umland», sagte sie entschlossen.
«Anneliese, was soll ich dann machen?»
«Ich kaufe dir einen Computer, und du freust dich des Lebens.»
«Welches Lebens?»
«Na, des virtuellen!», lachte sie. Sie verkaufte die Wohnung, kaufte ein kleines Häuschen am Waldrand bar bezahlt, ohne Hypothek. Doch statt des versprochenen Computers bekam Werner einen alten Fernseher, der sich kaum noch einschalten ließ. Anneliese zog sich zurück, sprach kaum noch, starrte stundenlang in den Spiegel, strich ihre Stirn glatt, als könne sie die Jahre fortwischen. Immer öfter blieb sie im Bett, klagte über Schmerzen, die niemand sah. Eines Morgens fand Werner sie reglos vor, die Hände gefaltet wie zum Gebet, die Augen offen, starr zur Decke gerichtet. Auf dem Nachttisch lag ein Zettel: *Ich wollte nur nie alt aussehen. Mehr nicht.* Er setzte sich neben sie, nahm ihre kalte Hand und weinte nicht um das verlorene Leben, sondern um das, was hätte sein können, wenn sie sich selbst genug gewesen wäre.







