Liselotte Schneider schaffte es gerade noch, die Tür der Hausarztpraxis zu erreichen ihr rechter Fuß schmerzte, als wäre er umgeknickt. Sie stolperte, fast fiel, doch ein glatzköpfiger Mann, der gerade zu Dr. Weber eilen wollte, drängte sich geschickt vor ihr und verschwand durch die Tür. Ausgepowert ließ Liselotte sich auf den Stuhl fallen und flüsterte verbittert: Männer, die denken nur an sich!
Eine Frau neben ihr, die gerade im Wartezimmer saß, hörte mit und erwiderte: Er war heute schon zweimal hier, sucht noch das richtige ProtheseTeil. Sie lachte laut: Der gute Andreas, mein Nachbar. Das Leben hat ihn nicht verschont die Beine bis zum Knie verloren, die Frau hat ihn verlassen. Und doch springt er noch, so leicht wie ein Finger. In diesem Moment trat ein leicht hinkender Mann aus dem Behandlungszimmer, das Lächeln spielend auf den Lippen. Er zwinkerte Liselotte und ihrer Gesprächspartnerin zu: Na, Mädels, wollen wir das Leben noch ein Stückchen länger genießen?, stampfte mit dem Fuß und ging zur Tür hinaus.
Liselotte lächelte bitter: Mädchen das ist längst nicht mehr meine Geschichte. Sie heiratete jung, ihr Mann Paul war zwölf Jahre älter. Beide waren nach Sternzeichen Hunde, und Paul liebte Hunde über alles. Schon bald bekamen sie einen Dackel, den sie Gustav nannten, und Liselotte wurde schwanger.
Freunde staunten: Ihr habt das perfekte Leben Wohnung in Berlin, Auto, Gartenhaus, Hund, bald ein Sohn. Doch im sechsten Monat erlitt Liselotte eine Fehlgeburt. Paul tröstete sie zunächst, dann sagte er resigniert: Wir sind nicht mehr die Jüngsten, aber wir haben Gustav. Liselotte liebte den Hund, Paul fuhr oft mit ihm zu Ausstellungen, doch kein Tier konnte das Kind ersetzen.
Bei einer Ausstellung traf Paul die junge Clara, die ebenfalls einen Dackel besaß. Clara flüsterte ihm ins Ohr, dass sie bald ein Kind erwarten würden, weil sie jung und fit sei. Sie sagte: Du bist alt, ich noch frisch. Clara war fast zwanzig Jahre jünger als Paul, und das Urteil des Schicksals schien ihr gnädig. Liselotte fühlte sich plötzlich alt, als wäre ihr Leben in einem Wimpernschlag vorbeigegangen. Die Rente ist schon in Sicht, murmelte Paul, als wolle er ihr das Altern vorgaukeln.
Eines Tages dachte Liselotte: Mit dreiundvierzig bin ich noch nicht alt, aber meine Seele fühlt sich an wie die einer Greisin. Eine Woche später war die Schwellung fast verschwunden. Liselotte ging zum Arzt und stand erneut dem glatzköpfigen Mann gegenüber.
Entschuldigen Sie, junge Dame, Sie dürfen gern vorgehen, sagte er, lächelte entschuldigend und ließ sich hinter den Tresen setzen, während die Krankenschwester rief: Nächster!
Sie werden gerufen, rief die Schwester, doch Andreas blieb stehen. Ich war schon hier, habe nur einen Scherz gemacht. Ich heiße Andreas, und Sie?
Liselotte erwiderte trocken: Liselotte Schneider.
Eine hübsche Dame, die sich nicht zu sehr nach einem Rollstuhl sehnt, sagte Andreas schmunzelnd. Darf ich Sie ein Stück begleiten? Ich habe noch keinen festen Fuß.
Sie verließen die Praxis zusammen; Andreas half ihr, das wankende Bein zu stützen.
Kommen wir doch gleich in das kleine Café gegenüber, schlug er vor. Gutes Frühstück, günstig, ich lade ein.
Liselotte ließ sich ein und sie trafen sich öfter. Eines Abends, während sie über dem dampfenden Kaffee saßen, sagte Andreas plötzlich: Liselotte, ich weiß, ich hinke und bin kahl, aber du bist die schönste Frau hier. Ich will dich heiraten. Er hielt kurz inne, dann fuhr er fort: Ich habe eine Wohnung, einen Job, ich bin stark. Willst du mir dein Ja geben?
Liselotte lachte: Andreas, du bist ein ungewöhnlicher Kerl, aber ja ich sage ja.
Kurz nach der Hochzeit war Liselotte überraschend früh schwanger. Sie hätte nie geglaubt, dass ihr noch ein Kind geschenkt werden könnte, nachdem sie ihr eigenes verloren hatte. Es fühlte sich an, als hätte das Schicksal die Uhr zurückgedreht, als wäre sie wieder jung, schön und geliebt.
Als ihr Sohn, ein kleiner Rotschopf namens Sascha, geboren wurde, staunte Liselotte: Schau, Andreas, unser kleiner Wirbelwind!
Andreas strich über seinen kahlen Kopf und lachte: Ich war einst ein verwilderter Blondschopf, jetzt bin ich kahl und hinke, doch unser Kind hat deine Augen und meine Locken.
Liselotte klammerte sich an ihn, Tränen liefen über ihr Gesicht. Ohne dich, Andreas, wäre unser Sohn nie geboren. Andreas, verwirrt und berührt, flüsterte: Liselotte, du bist mein Glück, unser Sohn ist das größte Geschenk.
Sie wischte die Tränen ab, lächelte und sagte: Zum ersten Mal in meinem Leben weine ich aus Freude. Ihre Wimpern funkelten wie kleine Diamanten. Sie war reich an Liebe, und das wertvollste Gut ihr Kind gab ihrem Leben endlich Sinn.







