28.November2025
Heute war ich wieder beim Psychologe, Frau Dr. Schneider, und das Gespräch drehte sich wieder um meine Scheidung. Sie blickte mich fest an und sagte: Herr Becker, Sie tragen ebenso viel Verantwortung für das Scheitern der Ehe.
Ich protestierte sofort: Nur ich? Das kann nicht sein! Er hat die Familie erstickt.
Sie blieb ruhig und erklärte: Bei einer Trennung ist die Schuld immer zu gleichen Teilen verteilt 50% für Sie, 50% für den Partner. Es ist nicht 90% zu 10% oder 60% zu 40%. Sie haben die Beziehung nicht stabil gehalten.
Ich fragte verzweifelt: Was soll ich tun? Ich habe zwei Töchter, Lina und Greta. Mein ExMann liebt sie, aber ich verabscheue ihn.
Sie nickte verständnisvoll und fuhr fort: Beruhigen Sie sich zuerst, Herr Becker. Wer ständig auf Hochtouren läuft, bricht zusammen. Wer kümmert sich um die Kinder? Die Mädchen brauchen eine ausbalancierte Mutter, nicht eine hysterische.
Planen Sie, wieder eine Beziehung einzugehen? fragte sie.
Niemals! Nicht noch einmal enttäuscht werden.
Eile ist nicht nötig. Sie sind noch jung, das Leben liegt vor Ihnen. Warum haben Sie geheiratet?
Aus der Hoffnung auf Glück, antwortete ich, und Tränen stiegen in meine Augen.
Jeder sucht das große Glück, doch zu oft endet es in Scheidung. In der Schule lernt man Mathematik, aber nicht die Kunst des Zusammenlebens. Sie seufzte schwer. Jahre verfliegen, die Jugend schwindet.
Ich erzählte ihr, wie ich fünfzehn Jahre lang meine Frau ertragen habe, während sie nur an sich dachte, kein Interesse an gemeinsamen Dingen zeigte ein passiver Partner, der mich erstickte.
Dann schlug sie ein Experiment vor: Sind Sie bereit, Frau Becker?
Ich war neugierig.
Sie werden sicher irgendwann wieder eine Beziehung wollen. Nutzen Sie die Zeit, um an einem Mann zum Üben zu arbeiten jemand, bei dem Sie das Zusammenleben erproben können.
Wo finde ich so einen Narren?
Sie müssen nicht suchen. Der Mann zum Üben ist Ihr ExEhemann, Herr Petersen.
Wie bitte?
Sie haben nichts mehr mit ihm zu verlieren. Wenn er geht, ist das egal. Das ist eine risikofreie Situation.
Ich war skeptisch, doch schließlich entschloss ich mich, es zu versuchen. Ich hatte nichts mehr zu verlieren, und ich fühlte kein Bedauern gegenüber Peter Petersen.
Peter hatte mich nach der Scheidung aus der gemeinsamen Wohnung geworfen. Ich zog mit Lina und Greta in eine kleine Mietwohnung in Berlin-Mitte. Das Gericht bestätigte die Scheidung, und Peter flehte, es noch einmal zu überdenken. Ich brannte alle Brücken ab.
Die nächsten Wochen war ich allein, wollte nach fünfzehn Jahren Ehe endlich wieder eigenständig sein. Peter begann plötzlich, mir billige Geschenke, Blumen und einen Saunabesuch anzubieten ein spärliches, zu spät kommendes Interesse. Ich war müde von diesem Schauspiel.
Als ich mit den Mädchen in die neue Wohnung zog, fühlte ich zum ersten Mal Erleichterung. Es war, als würde ich im Himmel schweben.
Doch dann kamen die Fragen meiner Töchter:
Papa, wessen Schuld hat unser Vater?
Ich stand ratlos da, wie soll ich ihnen erklären, dass es kein gemeinsames Leben mehr geben kann, dass seine Worte nur leerer Wind sind? Das Leben schien grau und erstickend. Genau dann suchte ich erneut Dr. Schneider, um Klarheit zu finden.
Der Versuch begann. Einen Monat nach der Trennung rief ich Peter an:
Hallo Peter, wie gehts? Wir könnten uns treffen, ich habe ein paar Dinge zu besprechen.
Anna? Natürlich, jederzeit! stimmte er begeistert zu.
Wir trafen uns in einem kleinen Park am Tiergarten, setzten uns auf eine Bank. Er drängte sich immer wieder näher, wollte meine Hand halten. Wir redeten über Belangloses, er war kaum nervös, schloss das Treffen mit einem warmen Kuss auf die Wange und überreichte den Mädchen ein kleines Geschenk.
Zu Hause sah ich, wie Peter noch draußen stand. Ich winkte ihm zu; er sandte einen Luftkuss zurück. Diese Begegnungen waren friedlich, ohne Streitereien, ohne Geschirr, das zerschellt. Das Leben gewann wieder Farbe.
So trafen wir uns etwa einmal im Monat im Café, im Kino, im Park. Mein Alltag war plötzlich von Freude durchzogen. Ich begann, unsere Wege miteinander zu verweben.
Ein Jahr später fragte ich:
Peter, treffen wir uns heute?
Entschuldige, Anna, ich bin beschäftigt. Ich melde mich, sobald ich Zeit habe.
Er legte auf.
Das wiederholte sich mehrere Male. Ich wurde nervös. Was lief schief? Hat er eine neue Freundin? Wurde ich eifersüchtig?
Ich rief ihn an:
Peter, die Mädchen vermissen dich. Lass uns doch ins Zoo fahren.
Anna, ich habe eine Frau im Kreißsaal, antwortete er.
Welche Frau? Das ist doch ein Scherz! schrie ich.
Kein Scherz. Wir erwarten ein Kind mit Lina.
Mir blieb nichts mehr zu sagen, außer:
Auf Wiedersehen, ich wünsche euch wolkenlosen Himmel.
Der Tag endete mit einer bitteren Erkenntnis: Auch wenn das Experiment die Spannung löste, blieb das Herz schwer. Heute weiß ich, dass das Streben nach perfekter Harmonie oft ein Irrweg ist. Man muss lernen, mit den Unvollkommenheiten zu leben und die eigenen Grenzen zu respektieren. Das ist meine Lektion.







