Ich stand regungslos am Fenster und blickte durch das dunkle Glas in die tiefe Nacht. In meiner Hand knirschte ein halb leeres Glas Whisky, während das tickende Ticken der Wanduhr die Stille durchbrach und jede Sekunde sich wie ein endloses Stündchen dehnte.
Meine Frau, Klara, kam wieder zu spät viel zu spät.
Dann durchbrachen Scheinwerfer das Gassenlicht. Ein schwarzer Mercedes bremste vor unserem Haus. Mein Herz schlug bis zum Hals. Am Steuer saß ein großer, selbstbewusster Fremder.
Die Beifahrertür öffnete sich und Klara stieg aus. Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinunter. Sie lächelte leicht, fast verschmitzt, beugte sich zu ihm hinunter, flüsterte etwas und er lachte leise, fast vertraulich.
Sie schloss die Tür, ging zurück ins Haus, ohne zu ahnen, welch Sturm in mir wütete.
Mein Blut kochte. Wer war dieser Mann? Wie lange schon? War das das erste Mal?
Klara trat ein, ließ ihre Handtasche achtlos auf den Tisch fallen, als wäre nichts geschehen.
Wer war das?, dröhnte meine Stimme, kalt und scharf.
Sie erstarrte, sah mich überrascht an. Wie bitte?
Der Mann im Auto. Wer ist das?
Sie seufzte schwer, genervt. Thomas, das war schon lange her Das war der Ehemann von Susanne. Er hat mich nur nach Hause gefahren. Was gibst du mir?
Ich hörte sie nicht mehr. Alles, was ich wahrnahm, war das dumpfe Dröhnen der Wut, ein heißes Feuer im Kopf, ein reißender Strom finsterer Gedanken.
Meine Hand hob sich, bevor ich es verhindern konnte. Der Schlag hallte durch das Zimmer.
Klara sprang zurück, die Hand an ihr Gesicht gepresst, ein dünner Blutstropfen rann aus ihrer Nase. Das folgende Schweigen war unerträglich.
Sie starrte mich an, die Augen geweitet vor Furcht. Ein Kloß bildete sich in meiner Kehle. Ich hatte eine Grenze überschritten, von der es kein Zurück gab.
Sie schrie nicht, weinte nicht. Sie schnappte sich nur ihren Mantel und ging.
Am nächsten Morgen überreichte mir ein Gerichtsvollzieher die Scheidungspapiere. Ich hatte alles verloren sogar meinen Sohn, Lukas.
Ich habe deine Eifersucht jahrelang ertragen, sagte sie beim letzten Gespräch, ihre Stimme so kalt wie Eis, aber Gewalt, das nie.
Ich flehte um Verzeihung, schwor, es sei ein einziger Fehltritt, ein Moment des Irrsinns, nie wieder. Sie hörte nicht zu.
Kurz darauf stand ich vor dem Richter, wo sie behauptete, ich sei ebenfalls gewalttätig gegenüber Lukas.
Eine Lüge. Eine boshafte Lüge, die mein Schicksal besiegelte.
Ich hatte nie die Hand gegen meinen Sohn gehoben, nie laut geworden. Wer würde einem Mann glauben, der bereits seine Frau geschlagen hatte? Der Richter zögerte keinen Moment.
Klara erhielt das alleinige Sorgerecht. Ich nur ein paar Stunden pro Woche, Besuch an einem neutralen Ort. Keine Nächte mehr im Haus, kein Morgen, an dem ich ihm das Frühstück zubereiten durfte.
Sechs Monate lang reduzierte sich mein Leben auf diese knappen Stunden, in denen Lukas lachend zu mir rannte, seine kleinen Arme um meinen Hals schlingend, nur um dann wieder zu gehen, immer wieder.
Eines Tages sagte er etwas, das mich umstürzte.
Papa, gestern Abend war Mama nicht da. Da war eine Dame bei mir.
Mein Herz stockte.
Eine Dame? Welche Dame? fragte ich, bemüht, ruhig zu bleiben.
Weiß nicht. Sie kommt, wenn Mama abends geht.
Ein Schauer lief mir über den Rücken.
Wo geht sie hin?
Er zuckte mit den Schultern. Sie sagt es mir nicht.
Meine Finger knitterten das Tischchen. Ich musste die Wahrheit erfahren.
Als ich sie schließlich erfuhr, schnürte sich mein Hals zusammen. Sie hatte eine Kindermädchen eingestellt eine Ausländerin. Während ich um jede Minute mit meinem Sohn bettelte, gab sie ihn einer Fremden.
Ich griff zum Telefon.
Warum kümmert sich eine Fremde um unseren Sohn, wenn ich doch hier bin?
Ihre Stimme war kühl, gleichgültig. Weil es einfacher ist.
Einfacher?! Ich bin sein Vater! Wenn er nicht bei dir sein kann, muss er bei mir sein!
Sie seufzte. Thomas, ich muss nicht jedes Mal die ganze Stadt durchqueren, wenn ich einen Termin habe. Hör auf, alles auf dich zu schieben.
Das Telefon vibrierte in meiner Hand. Was blieb mir? Eine Klage einreichen? Um das Sorgerecht kämpfen?
Und wenn ich wieder verliere?
Nur ein Fehltritt, ein Moment des Irrsinns, und mir wurde alles genommen.
Doch meinen Sohn? Den lasse ich nicht los. Ich werde kämpfen, denn er ist das Letzte, was mir bleibt.







