Allein wirst du an mich denken.
Ist es wirklich so schwer, mir und meinem Enkel eine extra Portion Suppe einzugießen? Ich verstehs nicht!
Ja, Kristin. Es ist schwer. Seit du weg warst, hat sich vieles geändert, antwortete Natalie, ohne ihre Tochter auch nur über die Schwelle treten zu lassen. Erinnerst du dich noch? Du warst es doch, die mich aus deinem Haus und deinem Leben geworfen hat. Warum forderst du jetzt plötzlich etwas von mir?
Kristin rollte genervt die Augen wie ein kleines Mädchen, dem mal wieder eine Standpauke gehalten wird. Und genau das war sie ja auch ein Kind, das dachte: Alle schulden mir etwas. Kein sehr erwachsener Standpunkt.
Mama, bist du jetzt ernsthaft sauer? Ich war damals schwanger! Hormone, Nerven ich weiß gar nicht mehr, was ich alles gesagt habe!
Ich erinnere mich. An jedes Wort. Dass du mich hasst, dass ich kein Herz habe, dass ich meinen eigenen Enkel ins Grab bringen will und das ist noch die zahme Version. Wenn ich so schrecklich bin, warum kommst du dann jetzt zu mir?
Ach, Mama! Jetzt hör doch auf. Du bist erwachsen, du hättest mich verstehen und einen Kompromiss finden können. Du hast selbst Kinder bekommen, du weißt, wie das ist die Stimmung ändert sich alle fünf Minuten.
Selbst jetzt stellte Kristin es so hin, als wäre Natalie schuld. Als müsste sie lächeln, nachgeben und sich verbiegen. Doch Natalie hatte genug.
Verstanden habe ich dich perfekt, sagte sie langsam und verschränkte die Arme. Aber verziehen habe ich es nicht. Kristin, ich kann dir Geld geben. Etwas. Aber dich zurücklassen? Nein.
Es ging nicht nur um die Wohnung. Natalie konnte ihre Tochter nicht wieder in ihr Leben lassen. Denn sie wusste: Kristin würde drängen, fordern und alles zerstören, was Natalie aufgebaut hatte.
Etwas wie viel ist das?
Dreißigtausend. Genug, um schnell wieder auf die Beine zu kommen.
Das reicht nicht mal für einen Monat! Na gut, ich ich bin erwachsen, kann mich einschränken. Aber wie kannst du das deinem Enkel antun?
Doch Natalie wollte nicht weiter diskutieren.
Wenn Menschen in Not sind, sind sie froh über jeden Cent. Wenn das für dich kein Geld ist dann komm allein klar.
Damit schlug sie die Tür zu.
Na gut! Ich komme klar! Aber merk dir eins: Männer kommen und gehen, aber im Alter sind es die Kinder, die dir ein Glas Wasser reichen. Und du wirst keins bekommen. Ganz allein wirst du dann an mich denken!, rief Kristin durch die geschlossene Tür.
Dann hörte Natalie ihre Schritte verschwinden. Sie seufzte, lehnte sich gegen die Wand im Flur und biss sich auf die Unterlippe, um nicht zu weinen. Es tat unendlich weh, aber früher oder später wäre die Kluft zwischen ihnen ohnehin entstanden. Nein, eigentlich war sie schon längst da.
…Kristin war schon immer ein verwöhntes Kind gewesen. Die Omas rannten nach Spielzeug bei ihrem ersten Quengeln, die Opas trugen sie stundenlang auf den Schultern, und der Vater er verzog sie am meisten. Gefiel ihr ein Kleid nicht? Er nahm sie mit und kaufte ein neues. Warf sie im Wutanfall ihr Handy kaputt? Kein Problem, es gab ein besseres. Wollte sie einen Hund? Natürlich, mein Schatz, such dir eine Rasse aus.
Kein Wunder, dass Kristin ein Papakind war. Wenn Mama etwas verbot, lief sie zu ihm und er erlaubte alles.
Die Eltern stritten sich deswegen oft. Nikolaus war ein liebevoller Ehemann und Vater, aber in Erziehungsfragen kannte er keine Grenzen.
Niko, warum hast du ihr Geld für die Kinokarten gegeben? Du hättest wenigstens mit mir reden können!, beschwerte sich Natalie mit verschränkten Armen. Ich habe ihr verboten, ins Kino zu gehen. Es ging nicht ums Geld. Ich wollte, dass sie mit mir zu deiner Mutter fährt, um im Garten zu helfen. Und weißt du, was sie sagte? Ihr zwei wollt das dann macht es doch allein.
Nikolaus verzog in solchen Momenten das Gesicht ja, er sah, dass seine Tochter manchmal zu weit ging. Trotzdem winkte er nur ab.
Ach, komm. Erinnerst du dich, wie wir in ihrem Alter waren? Lass mich das Mädchen verwöhnen, solange ich kann. Bald fliegt sie aus dem Nest, und dann ist es vorbei.
Diese Worte erwiesen sich als teilweise prophetisch …
Nikolaus starb, als Kristin vierzehn war. Da brach alles endgültig zusammen. Schon vorher war sie kein einfaches Kind, aber nach dem Tod des Vaters benahm sie sich, als wäre die Mutter an allem schuld. Hatte sie eine Erkältung? Du bringst das von der Arbeit mit, weil du immer kranke Kundinnen reinlässt. Trennung vom Freund? Auch Mamas Schuld, weil sie Kristin nicht zu nächtlichen Partys ließ. Schlechte Noten im Abi? Wieder die Mutter.
Alle bekamen Nachhilfe nur ich musste alles allein schaffen. Kein Wunder, dass die Punkte so mies sind, jammerte Kristin.
Dabei hatte Natalie nie mit einem Studienplatz gerechnet. Sie hatte längst einen Teil der Ersparnisse zurückgelegt.
Ich versteh nicht, warum sie überhaupt studieren will, wunderte sich Natalies Freundin. Verzeih, aber Kristin ist nicht die Hellste. Wenn sie gleich im ersten Jahr durchfällt, okay. Aber wenn erst im dritten oder vierten? Das wäre doch bitter.
Na, wenn sie will soll sie. Ich tue es nicht nur für sie, sondern für Niko. Er hätte mir nie verziehen, wenn ich sie ohne Abschluss ins Leben geschickt hätte.
Natalie arbeitete zwei Jobs, um sich und ihre studierende Tochter über Wasser zu halten. Kollegen bewunderten sie, nannten sie eine Super-Mutter. Doch Natalie hatte einfach Angst, allein dazustehen. Denn außer Kristin hatte sie niemanden.
Im zweiten Semester verkündete Kristin, sie wolle mit einer Freundin zusammenziehen. Deren Eltern hätten eine Wohnung gemietet, und allein sei ihr langweilig. Natalie war dagegen, aber was konnte sie tun? Kristin war erwachsen Verbote halfen nicht mehr.
Später stellte sich heraus: Die Freundin hieß Jens. Und ein Jahr später war Kristin schwanger.
Mama, stell dir vor wir bekommen ein Baby!, sagte sie atemlos vor Begeisterung.
Natalie wurde selbst schwindelig. Die Knie wurden weich.
Kristin ihr habt keine Jobs. Wo wollt ihr wohnen? Wovon leben?
Na, der Staat hilft mir als Alleinerziehende, Jens Eltern springen ein, du und Jens sucht sich einen Nebenjob.
Natalie gefiel ihr Platz in diesem Plan nicht. Sie hatte gehofft, mit Kristins Studium sei ihre Pflicht getan. Doch jetzt war klar: Das würde nie enden.
Ach, Mama , führ Kristin fort. Das Semestergeld ist bald fällig. Könntest du ?
Welches Studium? Willst du mit dem Kinderwagen zur Uni?, fragte Natalie misstrauisch. Nimm ein Urlaubssemester oder kümmere dich um das Kind. Diese Schwangerschaft passt jetzt nicht.
Dann ging das Drama los. Kristin behauptete, Natalie müsse zahlen, weil von Papas Ersparnissen die Hälfte ihr gehöre. Dann warf sie ihr vor, sie wolle ihren Enkel loswerden. Am Ende nannte sie ihre Mutter ein Monster und warf sie hinaus.
Natalie dachte, Kristin würde sich beruhigen. Es war nicht ihr erster Streit. Doch diesmal blockierte Kristin sie überall. Natalie kannte ihre Adresse, hätte hinfahren können aber sie beschloss: Es reicht. Sie würde sich nicht mehr demütigen lassen.
Damals fühlte es sich an, als hätte sie nicht nur ihre Tochter, sondern ihren Lebenssinn verloren. Doch wie es so ist: Auf Leere folgt neues Glück.
Schon nach Kristins Auszug begann Natalie, ihr Leben neu zu gestalten für sich selbst. Sie ging ins Fitnessstudio. Dort traf sie Alexander. Er half ihr an den Geräten, fuhr sie nach Hause und bald wurden aus den Treffen eine Beziehung. Sogar mit Trauschein.
Alexander war zehn Jahre älter, Witwer, mit einem erwachsenen Sohn, Anton, dessen Frau Marina und dem Enkel Max. In Natalies Leben trat nicht nur ein Mann, sondern eine ganze Familie. Und sie nahmen sie gut auf besonders Marina. Für sie war Natalie keine strenge Schwiegermutter, sondern eher eine ältere Freundin.
Max hatte einen Sonderstatus. Natalie sah ihn wie ihren Enkel: Sie überhäufte ihn mit Spielzeug, backte Süßigkeiten, ging mit ihm in den Zoo. Anfangs brachte Marina ihn nur in Notfällen, doch bald kam Max freiwillig weil er Oma sehen wollte.
Oma, gehen wir heute die Tauben füttern?, fragte er sie einmal.
Da wurde ihr ganz warm ums Herz Natalie hatte vergessen, wie es sich anfühlte, bedingungslos geliebt zu werden ohne Berechnung, ohne Forderungen.
Ihr Leben war wieder bunt. Sie hatte einen Sinn. Doch dann, nach zwei Jahren, erinnerte sich Kristin plötzlich an sie.
Jens hatte beschlossen, Familienleben sei nichts für ihn. Er beendete sein Studium, jobbte hier und da doch dann packte er seine Sachen und fuhr zu seinen Eltern.
Aber das Kind blieb. Und Kristin brauchte ein Zuhause.
Nur hatte Natalie entschieden: Das war nicht mehr ihr Problem. Besonders nicht, als Kristin nicht um Verzeihung bat, sondern neue Forderungen stellte nach dem Motto: Du bist doch die Mutter, du musst.
Allein wirst du an mich denken der Satz hallte in Natalies Kopf nach. Ja, es tat weh. Als würde ihr ein Stück Herz herausgerissen. Doch diesen Schmerz kannte sie schon. Vor zwei Jahren hatte sie ihn überlebt. Sie würde es wieder schaffen.
Im Wohnzimmer klingelte das Telefon. Eine Nachricht von Alexander: Soll ich was zum Abendessen mitbringen? Lass uns einen schönen Abend zu zweit machen. Die zweite Nachricht war von Marina ein Foto von drei schief verzierten Lebkuchenherzen.
Max hat die heute aus dem Kindergarten mitgebracht. Eins für mich, eins für Papa und das dritte will er dir bringen. Können wir heute vorbeikommen?
Natalie musste lächeln. Es war, als würde sie in warmes Wasser getaucht. Was nun? Einen ruhigen Abend mit Alexander verbringen oder die neu gewonnene Familie um sich scharen?
Egal. Beides war schön. Wichtiger war etwas anderes: Früher hatte Natalie so große Angst vor dem Alleinsein, dass sie alles ertrug, nur um gebraucht zu werden. Jetzt wusste sie: Gebraucht werden heißt nicht, geliebt zu werden.
Nein, sie war nicht allein. Und das würde sie wohl auch nie mehr sein.







