Jeden Morgen, noch bevor die Sonne über den schmalen Gassen von Köln aufgeht, tritt die alte Frau aus dem Innenhof unseres Altbaus. Sie ist wohl um die achtzig und trägt stets ordentlich gekämmtes Haar und einen dunklen Wollmantel, den sie mit Bedacht anlegt.
Ich bin erst seit Ende des Herbstes hier, und auf dem Weg zur Arbeit sehe ich sie immer wieder. Manchmal sitzt sie auf der hölzernen Bank unter der alten Linden, manchmal hinkt sie mit ihrer knarrenden Spazierstock langsam durch den Hof.
Nach und nach beginnen wir, uns zu grüßen. Ich halte kurz inne, frage nach dem Befinden von Frau Liselotte Schneider und wünsche ihr einen guten Tag. Ihr Lächeln ist warm, ihr Dank leise, doch fest.
Kurz vor Weihnachten taucht ein neuer Bewohner im Hof auf: ein kleiner, schmutziger Hund. Niemand weiß, woher er kam. Das Fell ist verfilzt, die Rasse kaum erkennbar. Sobald Liselotte ihm ein Stück Wiener Würstchen reicht, ist sein Schicksal besiegelt von diesem Moment an bleibt er bei uns. Auf den Straßen der Stadt würde er wohl nicht überleben, so erbärmlich war sein Äußeres.
Die meisten Mieter reagieren gereizt. Verschwinde, du Vieh! schallt es, sobald das Tier mit flehenden Augen um Futter bittet. Trotzdem gelingt es ihm manchmal, etwas zu ergattern: ein Krümel Brot hier, ein kleines Knochenstück dort. Liselotte gibt ihm trockene Zwiebacke und altes Roggenbrot, streichelt ihn sanft und nennt ihn Pfotchen.
Als der Frühling das letzte Schneegestöber schmelzen lässt, treffe ich Liselotte eines Morgens im Innenhof. Sie verkündet, dass sie am Abend mit ihrer Enkelin aufs Land fährt und dort bis zum Herbst bleiben wird.
Vielleicht sogar bis zum Ende des Herbstes, fügt sie hinzu. Dort gibt es einen Ofen, und neben ihm ist es selbst in den kältesten Nächten warm.
Sie bittet mich, ihr Versprechen zu geben, sie zu besuchen.
Im August, nach langen Überlegungen, fahre ich mit dem Bus ins nahe Dorf, in dem Liselotte übernachtet. Ich habe ihr ein kleines Geschenk mitgebracht. Dort finde ich sie auf der Veranda, wie sie rote Äpfel schält, während ein Hund friedlich auf den Holzbalken liegt.
Pfotchen, komm, begrüße unseren Gast!, ruft die alte Dame. Der Hund springt auf, wedelt begeistert mit dem buschigen Schwanz und rennt zu mir. Sein Fell glänzt und schimmert in der Sonne, glatt und wellig.
Frau Liselotte, ist das wirklich derselbe Pfotchen, den wir hier im Hof kannten? frage ich erstaunt.
Ja, das ist er! Und er hat sich prächtig entwickelt! lächelt Liselotte. Komm herein, trink einen Tee. Erzähl mir alles, was in der Stadt passiert.
Wir sitzen lange am Holztisch, trinken Kirschtee und reden. Pfotchen, nach seiner Portion Haferbrei, rollt sich vor dem Ofen zusammen, seufzt leise im Schlummer vielleicht träumt er von etwas.
Draußen wiegt eine leichte Brise die Äste des Apfelbaums, und reife, rote Äpfel fallen sacht ins Gras.







