Wir brauchen so jemanden nicht

Entschuldige, mein Schatz, für die harten Worte, stürmte die angehende Schwiegermutter hastig. Ich wollte das nicht böse sagen. Vielleicht schaust du ja mal vorbei? Klaus ist immer noch ganz allein, seit er sich von dir getrennt hat, und hat sein Glück nur noch in Computerspielen gefunden.

***

Lena und Markus waren fast zwei Jahre zusammen. Nach Lena wirkte die Beziehung ernst: Sie verbrachte viel Zeit im Haus der Familie, wo sie zwar höflich, aber nie mit großer Herzlichkeit empfangen wurde. Sie glaubte fest an eine gemeinsame Zukunft. Markus, der ein wenig leichtlebig war, hatte Charme und schaffte es, zielstrebig zu wirken.

Das Märchen zerbrach, als Markus die wichtige Englischprüfung durchfiel. Das war die direkte Folge seiner Nachlässigkeit: Während des Lockdowns verbrachte er seine Zeit mit endlosen Computerspielen und ließ das Studium schleifen. Die Drohung mit Exmatrikulation war plötzlich real.

Inmitten der Krise ließ Lena keine Fassung mehr und wandte sich scharf an Markus Mutter:

Ich brauche keinen Mann, der nichts auf die Reihe bekommt. Ich will einen eigenständigen Partner. Und ich habe nicht vor, seine Hausangestellte zu werden wir sollten gemeinsam wohnen, arbeiten und das Geld verdienen!

Ihre Worte hingen schwer in der Luft und warfen sofort einen Schatten auf die gemeinsame Zukunft.

Markus Mutter nahm das als persönlichen Affront. Sie hatte ihr ganzes Leben dafür gesorgt, dass ihr Mann und ihr Sohn gut versorgt waren, und glaubte, ihre Aufgabe sei zu pflegen, nicht zu fordern. Jetzt erwartete sie von Lena dasselbe Verhalten.

Ach du meine Güte! Sie will nicht Hausangestellte sein. Jede Frau ist doch zuerst die Hüterin des Herdfeuers! Und der Mann er ist das Oberhaupt der Familie!

Lena schwieg, um den Streit nicht weiter anzuheizen. Von da an öffnete man ihr kaum noch die Tür. Der Kontakt zu Markus reduzierte sich auf heimliche Nachrichten, seltene Anrufe und kurze Treffen an neutralen Orten. Er litt unter der Sehnsucht, brachte aber anstelle von Ehrlichkeit Manipulationen ein.

Lena, wir müssen mit deiner Mutter reden, bestand Markus am Telefon. Du musst ihr sagen, dass du das nicht so siehst. Ich habe es satt, mich zu verstecken! Versöhn dich mit den Eltern, ja?

Warum soll ich deiner Mutter etwas beweisen? Sie hat mich nicht erzogen. Das sind deine Probleme, nicht meine. Warum soll ich mich verbiegen?

Weil du mich liebst und ich dich. Das ist der einzige Weg, alles zu richten. Wenn du das nicht machst, verlieren wir uns für immer

Mit schwerem Herzen stimmte Lena zu aus Liebe bereit, den demütigenden Schritt zu gehen und mit der fremden Mutter zu reden.

Doch es lief ganz anders, als sie sich vorgestellt hatte.

Als Lena ankam, ließ Markus sie ins Foyer. In diesem Moment kam der Vater die Treppe herunter:

Markus, was macht dieses Mädchen hier? fragte er scharf.

Markus geriet in die Klemme. Lena spürte, wie das Blut aus ihrem Gesicht wich. Die Frage klang, als stünde dort nicht die geliebte Freundin ihres Sohnes, sondern irgendeine Bekannte.

Papa, Lena, wir wollten, begann Markus, doch der Vater schnitt ihm das Wort ab:

Ich sehe, wer das ist. Raus hier!

Aus dem Wohnzimmer kam die Mutter hervor:

Wer macht hier so viel Lärm? Klaus, wer ist bei dir?

Der Vater, ohne Lena Beachtung zu schenken, fuhr fort:

Genau die, die dich das Leben lehren wollte.

Lena begriff: Sie war hier nicht willkommen. Wut und Demütigung trieben sie zu einer spontanen Reaktion.

Ich gehe, und du bleibst hier, du armseliger, nutzloser Sohn von Mama! fauchte sie und stürmte hinaus, schlug die Tür laut zu.

Markus, völlig überrascht, versuchte sie nicht aufzuhalten.

Kaum hatte sie das Treppenhaus verlassen, klingelte ihr Handy. In der Stimme von Markus war kein Bedauern, sondern Zorn:

Warum hast du das gesagt?! Du hast alles ruiniert!

Was habe ich ruiniert? Dein Vater hat mich gerade zur Anhalterin für einen Aufruf gemacht!

Egal, wen er jetzt wo hinsetzt! Du hast einen Skandal ausgelöst! Jetzt ist Mama wütend und Papa will, dass ich dich nicht mehr sehe!

Dann kam das Letzte, das Lena endgültig fertig machte:

Und weißt du, was das Schlimmste ist? Jetzt darf ich nicht mehr vorm PC sitzen.

Lena spürte, wie sich Schmerz und Ärger in kalte Entschlossenheit verwandelten.

Du beschuldigst mich, weil du nicht mehr zocken kannst? Die Probleme deiner Familie sind deine Probleme. Du hättest dich selbst drum kümmern sollen, nicht mich als Sündenbock benutzen.

Alles wurde klar: Er hatte sich nicht geändert. Er blieb ein unreifer junger Mann, der immer nach Schuldigen suchte. Er hatte sie nicht beschützt.

Ich halte das nicht mehr aus, Markus. Wir reden nicht mehr, das ist das Ende! sagte Lena fest. Sie blockierte ihn überall. Der Bruch war scharf, aber nötig. Die Last seiner Familie war sein Kreuz, nicht ihres.

***

Ein Jahr später hatte Lena die Trennung überwunden und ein neues Leben begonnen. Sie lernte einen anderen Mann kennen, sie waren seit drei Monaten zusammen und die Hochzeit stand schon in den Startlöchern.

Eines Tages traf sie zufällig im Supermarkt Frau Schmidt, die Mutter von Markus.

Lena, mein Mädel! Wie schön, dich zu sehen! rief sie und rannte auf sie zu.

Lena stotterte:

Guten Tag

Frau Schmidt umarmte sie und bombardierte sie mit Fragen:

Wie lange ist das her, dass wir uns nicht gesehen haben! Wie geht es dir? Wie läuft dein Leben? Es tut mir leid, dass du und Markus euch getrennt habt. Er ist völlig verrückt nach seinen Spielen! Will nicht arbeiten, sitzt den ganzen Tag vor dem Rechner. Als ihr zusammen wart, war er viel verantwortungsbewusster Komm doch mal zu uns!

Entschuldigen Sie, Frau Schmidt, ich habe gerade keine Zeit. Arbeit, Haus

Frau Schmidt bemerkte den Ring an Lenas Finger:

Was ist das? Hast du geheiratet?

Nein, wir sind nur verlobt. Die Hochzeit planen wir für den Sommer.

Die Freundlichkeit der einstigen Schwiegermutter verflog sofort:

Ach so! Jetzt verstehe ich! Gut, dass Markus dich verlassen hat! Du bist uns gar nicht mehr nötig!

Lena zuckte mit den Schultern und wandte sich den Regalen zu. Ein Teil von Frau Schmidts Bemerkung war zwar richtig gut, dass er sie frühzeitig verlassen hat doch schade, dass sie so viel Zeit in ihn investiert hatte.

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