Gertrud
Im Dorf erzählte man sich, sie sei im Alter ein wenig verrückt geworden. Viele mieden ihr Haus, nannten sie Hexe, doch wie sie den Klatschbasen eine lange Nase drehte, davon sprach man noch Jahre später.
Äußerlich war Gertrud eine gewöhnliche Bäuerin betagt und mit einem leichten Tick: Sie half Bedürftigen, obwohl sie selbst von einer kargen Rente lebte, und nahm verirrte Wanderer auf. Die wohlhabenden Dorfbewohner (das Dorf war reich) ließen Fremde selten über die Schwelle höchstens reichten sie einen Becher Brunnenwasser, doch für eine Übernachtung war keiner zu haben.
Gertrud war anders jeden Wanderer bewirtete sie, gab ihm einfaches Essen und ein Bett, wenn die Nacht hereinbrach. Man nannte sie seltsam, sagte, sie lasse Fremde ins Haus, obwohl doch eine heiratsfähige Enkelin bei ihr wohne. Und drohten gern:
Mach weiter so, und wir bringen deine Anneliese ins Waisenhaus. Wir rufen das Jugendamt, und die nehmen sie dir weg.
Doch das war früher. Dann wurde Anneliese volljährig, und die Lästermäuler ließen sie in Ruhe. Anfangs jedoch war Gertrud zutiefst verbittert über die Dorfbewohner, denn Anneliese war ihr Ein und Alles, ihr Schatz, ihre Hoffnung und Stütze im Alter.
Allein war sie geblieben, alle Angehörigen hatte Gertrud verloren ihr Mann starb jung, ein früher Herzinfarkt mit 42. Ihre Tochter Lieselotte musste sie allein großziehen. Ein feines Mädchen war sie, heiratete gut, zog in die Stadt, bekam Anneliese. Dann geschah das Unfassbare
Lieselottes Mann war Geologe. Ständig auf Dienstreisen, manchmal monatelang fort. Von einer kehrte er nie zurück verschollen, nicht einmal die Leiche gefunden. Die Rettungskräfte suchten oft, doch selbst einer der Helfer blieb verschwunden. So erzählte man es Lieselotte.
Sie trauerte schwer, ein kleines Kind im Arm, und nun ohne Vater. Gertrud stand ihr damals bei:
Ich habe dich allein großgezogen, nachdem dein Vater starb, und du wirst es auch schaffen zieh Anneliese groß, ich helfe dir.
Zunächst schien Lieselotte sich zu fügen. Doch sie täuschte nur, um die Mutter nicht zu belasten. Und nach ein paar Jahren geschah das Unerwartete.
Lieselotte begann, ihren Kummer zu ertränken, immer öfter mit Schnaps.
Die Welt ist mir ohne meinen geliebten Andi nichts wert. Mein Mann kommt nicht zurück, Glück gibt es keins mehr, also lohnt es nicht zu leben, klagte sie, wenn die Mutter sie trösten wollte.
Gertrud versuchte alles, vergeblich Lieselotte blieb dem grünen Drachen verfallen. So starb sie in ihren besten Jahren. Alle verurteilten sie, doch vielleicht war es Schicksal.
Gertrud
Nun war die 15-jährige Anneliese Waise. Die Großmutter holte sie ins Dorf. Anneliese sträubte sich, doch Gertrud überzeugte sie:
In der Stadt können wir von meiner Rente nicht leben, hier haben wir Garten und Hühner.
Und sie sagte gern:
Du, mein Schatz, wirst ein anderes Leben haben, warte ab. Wenn du älter bist, finde ich dir einen Bräutigam!
Woher denn, Oma, in unserem Kaff? Hier verirrt sich höchstens mal ein Wanderer.
Mach dir keine Sorgen, Enkelin, Oma weiß, was sie tut. Und lass die Leute reden, hör einfach nicht hin.
So lebten sie zu zweit in einem alten Häuschen am Dorfrand. Gertrud kümmerte sich um Haus und Hof, Anneliese ging zur Dorfschule und half nachmittags.
Die Mitschüler hänselten sie oft, wussten sie doch von ihrer Mutter. Und die Nachbarn schwätzten:
Die Mutter war nichts wert, was wird aus dem Mädchen? Nichts Gescheites!
Gertrud tat es weh, doch sie war schuldlos am Tod ihres Mannes und der Tochter. Doch sie schwor sich um Annelieses Zukunft würde sie sich kümmern.
Die Nachbarn ignorierte sie ganz mochten sie reden. Das machte sie unbeliebt nichts schien die Alte zu berühren.
Doch manchmal platzte ihnen der Kragen. Wenn Gertrud wieder einen Wanderer beherbergte, ging das Gerede los sucht sie etwa einen Fremden als Bräutigam für Anneliese, denn kein Dorfjunge will sie mit ihrer Vergangenheit.
Brauchen wir eure Burschen nicht, antwortete Gertrud stolz, Anneliese hat eine andere Bestimmung.
Na klar, mal sehen, grinsten die Dorfbewohner und nannten sie Hexe.
Die Zeit verging. Das Gerede ebbte ab doch es war nur die Ruhe vor dem Sturm, der aus heiterem Himmel kam. Und dieser Sturm sollte über Annelieses und Gertruds Schicksal entscheiden.
Eines stillen Winterabends, als das Dorf schon in Dunkelheit lag, hörte man Lärm am Zaun jemand versuchte vergeblich, einen Motor zu starten. Die Geräusche wurden von Männerstimmen begleitet, die über das Wetter, die schlechten Straßen und ihr Pech schimpften.
Gertrud
Aus dem Nachbarhof kam ein bulliger Nachbar, sichtlich genervt von der Störung:
Was macht ihr hier mitten in der Nacht? Die Leute wollen schlafen!
Welche Nacht? Es ist gerade mal acht Uhr abends!
Wer seid ihr überhaupt? Stadtleute, sehe ich. Was führt euch in unser gottverlassenes Dorf?
Wir sind Jäger. Verirrt auf der Winterjagd. Und jetzt die Panne. Bleibt draußen mit eurem Schrotgewehr, knurrte der Nachbar. Wir brauchen hier keine Fremden.
Doch Gertrud, die längst am Fenster stand, öffnete schon die Tür.
Komm rein, ihr beiden, bei mir gibts warmen Tee und trockene Socken.
Der eine Jäger zögerte, der andere nickte dankbar.
Anneliese, die hinter der Großmutter auftauchte, sah dem jungen Fremden in die Augen und in diesem Moment wusste Gertrud, dass ihre Worte wahr geworden waren.
Die alte Bäuerin lächelte leise, drehte sich zum Ofen und rührte in dem Topf mit Kartoffelsuppe, als sei nichts geschehen.
Draußen heulte der Wind, doch im Haus war es warm und zum ersten Mal seit Jahren fühlte es sich wie Zukunft an.







