„Ich dachte, du bist anständig, aber du lebst in so einer Armut – sagte der Bräutigam und ging fünf Minuten vor dem Kennenlernen der Eltern“

Ich dachte, du bist ordentlich, und du lebst doch in solcher Armut, sagte der Bräutigam und verschwand fünf Minuten, bevor er die Eltern kennenlernen sollte.

Liselotte, schau nur, was für ein Schmuckstück!, jubelte Lydia Müller, während sie eine grelle Tischdecke mit riesigen, unnatürlich gelben Mohnblumen in den Händen hielt. Die passt perfekt auf unseren Küchentisch das wird ein Fest, kein bloßer Tisch!

Ihre Tochter, Liselotte, 27jährige Krankenschwester in einer Kinderarztpraxis, lächelte müde.

Mama, das ist doch Plastik. Und die Farben sind ja so schrill Nimm lieber ein einfaches Leinentuch, weiß oder beige.

Leinen!, rief die Mutter. Hast du den Preis für dein feines Leinen gesehen? Dieses hier habe ich auf dem Markt zum Schlussverkauf erwischt praktisch, hübsch und günstig! Ein kurzer Wisch, und es glänzt!

Schön? Das ist doch Geschmacklosigkeit.

Ach, Liselotte, das Glück liegt nicht in der Tischdecke, seufzte Lydia, legte das Plastiktuch jedoch unter den Tresen. Wenn wir doch nur gesund und unser Heim friedlich wäre Na gut, los, meine Beine zwicken.

Sie schlenderten über den belebten Kölner Wochenmarkt. Liselotte betrachtete ihre Mutter eine kleine, drahtige Frau im gut gebügelten, alten Mantel. Sie war müde von der ständigen Sparsamkeit, vom ewigen günstig und praktisch. Liselotte arbeitete in 1,5Funktionen, nahm Nachtdienste, damit sie und ihre Mutter in ihrer winzigen Zweizimmerwohnung am Stadtrand über die Runden kamen. Sie beschwerte sich nicht, sie träumte nur. Sie träumte davon, ihrer Mutter eines Tages nicht nur teure Medikamente, sondern auch ein schönes Leinentuch zu schenken einfach so, ohne Anlass.

Ihren zukünftigen Prinzen, Armin, hatte sie in einem Café kennengelernt, nachdem ein langer Nachtdienst sie zu einem Kaffee getrieben hatte. Er saß am Nachbartisch groß, gut gekleidet, mit einem selbstsicheren Lächeln und teuren Armbanduhren. Er kam zu ihr.

Entschuldigen Sie die Störung, aber Ihre Augen wirken traurig. Darf ich Ihnen ein Stück Kuchen anbieten? Ein bisschen Süße kann nicht schaden.

Er war charmant, galant. Seine Komplimente waren fein und präzise, nicht plump. Er erkannte sofort, dass sie Krankenschwester war. Ihre Hände sind gütig, sagte er. Das ist heutzutage selten.

Armin arbeitete in einer großen Baufirma, hatte eine gute Position. Er fuhr sie in seinem glänzenden Importwagen zu Restaurants, in denen sie nie gewesen war. Er schenkte ihr Blumen, die fast die Hälfte ihres Monatsgehalts kosteten. Er erzählte von Reisen, von Zukunftsplänen. Liselotte hörte gebannt zu, als befände sie sich im Märchen.

Er meinte, er sei müde von reißenden, protzigen Leuten, die nur nach seinem Geld gieren. In Liselotte sah er das, wonach er lange gesucht hatte Reinheit, Aufrichtigkeit, Anstand.

Du bist echt, sagte er, während er ihre Hände küsste. Unverfälscht. Ich dachte, solche Menschen gäbe es nicht mehr.

Einzig das, was Liselotte ein wenig unangenehm fand, war, dass er nie versucht hatte, zu ihr nach Hause zu kommen. Sie trafen sich immer im Stadtzentrum oder er holte sie an der Haltestelle nahe ihrer Wohnung.

Ich will dich nicht bedrängen, und es ist schon spät, deine Mutter zu wecken, sagte er.

Liselotte war trotzdem erleichtert. Sie schämte sich ein wenig für den alten Treppenhausflur mit abgeblätterter Farbe und die bescheidene Wohnungs­einrichtung. Sie wollte, dass er sie als Prinzessin sah, nicht als ärmere Schlampe.

Nach einem halben Jahr machte er ihr einen Antrag. Es wirkte wie ein Traum: ein Abend im teuren Restaurant, Kerzenlicht. Er kniete nieder, reichte ihr eine Samtkästchen mit einem funkelnden Stein.

Liselotte, ich will, dass du meine Frau wirst. Ich will jeden Morgen mit dir aufwachen. Ich will, dass du die Herrin meines Hauses bist.

Sie sagte ja, weinte vor Glück und drückte das Kästchen an ihr Herz. Das Märchen ging weiter.

Sie beschlossen, dass er zuerst ihre Mutter kennenlernen sollte, dann gemeinsam zu seinen Eltern fahren. Der KennenlernTag wurde auf Samstag gelegt. Liselotte und Lydia bereiteten sich wie für das wichtigste Ereignis ihres Lebens vor. Drei Tage lang putzten sie die kleine Wohnung. Die Mutter holte aus dem Schrank ein altes Service, das sie für einen besonderen Anlass aufgehoben hatte. Liselotte kaufte mit ihrem letzten Geld das lange ersehnte Leinentuch weiß, frisch gebügelt.

Mama, wie schön!, staunte sie, als sie den Tisch deckte. Wie im Restaurant!

Hoffentlich gefällt dein Verlobter, seufzte Lydia, während sie einen Apfelkuchen in den Ofen schob. Ich bin nervös, er ist so stattlich, wir sind ganz einfach.

Mama, er liebt mich, nicht unsere Wohnung! Er hat mich so genommen, wie ich bin.

Armin sollte gegen fünf Uhr kommen. Kurz vor fünf stand Liselotte bereits am Fenster und erspähte sein Auto. In ihrem schönsten Kleid richtete sie ihr Haar immer wieder neu.

Da kommt er!, rief sie, als ein silberner Wagen langsam in den Hof fuhr.

Sie lief zur Treppe, das Herz hämmerte, als wolle es aus der Brust springen. Armin stieg aus, elegant gekleidet, mit einem riesigen Rosenstrauß. Er sah aus wie ein Filmstar.

Als er sie erblickte, lächelte er strahlend und ging zum Hausflur. Doch dann änderte sich sein Lächeln zu einem verächtlichen Blick. Er trat zögerlich in den dunklen, muffigen Flur, der nach Katzen und Feuchte roch. Die Wände waren abgeblättert, die Deckenlampe flackerte, die Aufzüge waren verkratzt.

Stufe für Stufe wurde sein Gesicht dunkler. Liselotte stand im dritten Stock, die Tür zu ihrer Wohnung offen, ihr freudiges Zittern verwandelte sich in kalten Schrecken. Er sah nicht mehr das Leinentuch, sondern die alte Tür ihrer Nachbarin, den Riss in der Wand.

Er blieb einen Meter vor ihr stehen, blickte nicht auf ihr Kleid, nicht auf ihre strahlenden Augen, sondern in die schlichte, aber saubere Diele. Er sah den alten Kleiderständer, die abgenutzte Fußmatte. Sein Blick war eisig.

Armin, komm rein, wir warten schon!, stammelte Liselotte, zwang sich zu einem Lächeln.

Er sah sie an, als sähe er Straßenschmutz an einem teuren Schuh.

Hier wohnst du? fragte er leise, doch in seiner Stimme lag Verachtung.

Ja hier antwortete sie zögerlich.

Er lächelte bitter, sah sein teures Kostüm, seine glänzenden Schuhe, dann den heruntergekommenen Korridor.

Verstehe.

Er reichte ihr den Rosenstrauß, fast mechanisch.

Ich dachte, du bist anständig, und du lebst in solcher Armut.

Er sagte es, ohne die Stimme zu erheben, sachlich, als sei es nur ein Fakt. Dann drehte er sich um und ging die Treppe hinunter, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Liselotte hielt den prächtigen, aber jetzt hohlen Strauß fest, konnte sich nicht rühren. Sie hörte seine Schritte, das Knallen der Tür, das Motorengeräusch des Autos. Und dann Stille.

Aus der Küche kam ihre Mutter, wischte die Hände an ihrer Schürze.

Na, Liselotte, wo ist der Bräutigam? Der Kuchen ist fertig

Sie sah das bleiche Gesicht ihrer Tochter, die Rosen in den Händen, und verstand sofort. Sie trat leise zu ihr, nahm die Blumen, ergriff ihre kalte Hand und zog sie ins Wohnzimmer.

Setz dich, mein Kind.

Liselotte setzte sich auf das Sofa, weinte nicht. Keine Tränen, nur ein tiefes, schwarzes Loch im Inneren.

Er er ist gegangen, Mama.

Ich sehe, flüsterte Lydia. Sie setzte sich daneben, legte den Arm um ihre Tochter. Er hat gesagt, wir seien arm.

Sie drückte Liselotte fester an sich.

Du bist meine Dummheit. Was für ein Glück, dass das jetzt passiert ist und nicht in zehn Jahren. Glücklich, dass Gott dich vor diesem Mann bewahrt hat vor einer leeren Hülle in schöner Verpackung. Glaubst du, er hat dich geliebt? Er kann nur nehmen, nicht lieben. Er sah nicht dich, sondern das Bild, das er sich selbst gemalt hatte: ein reines, armes Mädel, das er beglücken will. Als er sah, dass Armut keine hübsche Buchseite, sondern ein alter Flur und eine schmutzige Fußmatte ist, lief er weg. Und Gott sei Dank, der Müll hat sich selbst weggetragen.

Sie streichelte Liselottes Haare, wie früher, sprach einfache, weise Worte. Sie erklärte, dass Reichtum nicht in Geld liegt, Anstand nicht am Anzug gemessen wird, und wahre Liebe weder Armut noch schäbiges Treppenhaus fürchtet.

Weine, mein Kind, weine. Tränen reinigen das Herz. Dann stehst du auf, wäschst dich und gehst weiter. Du wirst noch jemanden finden, der dich nicht für ein Bild, sondern für deine Seele liebt. Es ist egal, ob deine Tischdecke Leinen oder Plastik ist, solange du bei ihm bist.

Liselotte weinte lange, bitter, drückte ihr Gesicht an den Schulter der Mutter. Sie trauerte nicht um den Mann im teuren Anzug, sondern um ihren zerbrochenen Traum, um ihren kindlichen Glauben an Wunder.

Als die Tränen versiegt waren, stand sie auf, ging zum festlich gedeckten Tisch, berührte das weiße Leinentuch.

Der Kuchen ist wohl schon abgekühlt, sagte sie.

Macht nichts, lächelte die Mutter. Wir setzen den Wasserkocher an und trinken zusammen. Heute haben wir unser eigenes Fest ein Fest der Befreiung.

Sie setzten sich, tranken Tee mit Apfelkuchen, den Tisch bedeckt mit dem sauberen, weißen Leinen. Es war der köstlichste Kuchen und der seelenwärmst​e Abend ihres Lebens.

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„Ich dachte, du bist anständig, aber du lebst in so einer Armut – sagte der Bräutigam und ging fünf Minuten vor dem Kennenlernen der Eltern“
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