Ich kaufte ein gebrauchtes Auto und entdeckte beim Reinigen des Innenraums unter dem Sitz das Tagebuch der früheren Besitzerin.

Ich hatte einen gebrauchten Wagen gekauft. Beim Säubern des Innenraums fand ich unter dem Sitz das Tagebuch der Vorbesitzerin.

Machst du Witze, Alexander? Im Ernst? Unser Team hat drei Monate an diesem Projekt gearbeitet, und du sagst jetzt, die Konzeptänderung sei beschlossen?

Ich stand mitten im Büro meines Chefs, die Hände zu Fäusten geballt, bis die Knöchel weiß wurden. Oskar Igel, ein beleibter Mann mit ständig finsterem Blick, hob nicht einmal den Kopf von seinen Unterlagen.

Alexander, beruhig dich. Das Konzept hat sich geändert. Der Kunde darf umdrehen, und wir müssen uns anpassen. Das ist Business, kein HobbyClub.

Anpassen? Das ist kein Anpassen, das ist ein kompletter Neuanfang! Alle Berechnungen, die gesamte Dokumentation in den Müll? Die Leute haben nachts nicht geschlafen!

Für die Nachtschicht haben wir bezahlt. Und wenn jemand unzufrieden ist, die Personalabteilung arbeitet von neun bis sechs. Du kannst gehen. Ich halte dich nicht auf.

Ich drehte mich schweigend um und verließ den Raum, schlug die Tür so zu, dass das Glas im Rahmen klirrte. An meinem Weg vorbei blickten die Kollegen mit mitleidenden Augen, ich schnappte mir meine Jacke vom Tisch und stürmte in die feuchte, oktobereiche Luft Berlins. Genug ist genug, pochte es in meinen Schläfen. Genug. Ich lief, ohne auf den Weg zu achten, wütend auf den Chef, den Kunden, die ganze Welt. Es ermüdete mich, von fremden Launen abhängig zu sein, vom Fahrplan des stickigen Busses, von allem. Ich wollte etwas Eigenes, Kleines, aber mein. Ein Stück persönlicher Raum, in das niemand mit seiner neuen Idee eindringen kann.

Dieser Gedanke führte mich zum riesigen Autopark am Stadtrand. Ich schlenderte zwischen Reihen von Gebrauchtwagen, ohne zu wissen, was ich suchte. Glänzende Karossen ausländischer Marken, abgegriffene Veteranen der heimischen Industrie. Und dann sah ich sie: ein kleines, kirschrotes Kia, äußerlich makellos. Sie war nicht neu, etwa siebenacht Jahre alt, aber man konnte sehen, dass man sie geliebt hatte.

Interessiert? kam ein lächelnder Verkäufer, etwa dreißig, auf mich zu. Guter Fund. Ein Vorbesitzer, gepflegt, nur Arbeits und Familienfahrten. Originalkilometerstand, im Innenraum nicht geraucht.

Ich ging um das Auto herum, blickte ins Innere. Sauber, aber nicht steril. Man spürte, dass hier gelebt wurde, nicht nur ein Fahrzeug von A nach B geschoben wurde. Ich setzte mich ans Steuer, legte die Hände auf das kühle Plastik und zum ersten Mal an diesem Tag ließ ich die Anspannung los.

Ich nehme es, sagte ich, überrascht von meiner eigenen Entschlossenheit.

Die Formalitäten dauerten ein paar Stunden. Bald fuhr ich in der Abenddämmerung durch die Stadt in meinem eigenen Wagen. Das Wort mein klang warm in meiner Brust. Ich schaltete das Radio ein, öffnete das Fenster und ließ die kühle Luft herein. Das Leben wirkte plötzlich nicht mehr so trostlos.

Zuhause parkt ich im Innenhof eines alten Plattenbaus, sitze lange im Auto und gewöhne mich an das neue Gefühl. Dann beschloss ich, alles bis auf die Spuren der Vorbesitzerin zu säubern. Ich kaufte im 24StundenSupermarkt Reinigungszeug, Tücher, einen Staubsauger und kehrte zum Auto zurück.

Ich polierte alles bis zum Glänzen: Armaturenbrett, Türverkleidungen, Scheiben. Als ich die Sitze unter die Hände nahm, stieß meine Hand auf etwas Hartes. Ich zog ein kleines, dunkelblaues Notizbuch heraus. Ein Tagebuch.

Ich blätterte es vorsichtig um. Fremdes Leben, fremde Geheimnisse. Ich wollte es auf den Rücksitz legen und vergessen, doch etwas hielt mich zurück. Auf der ersten Seite stand in kleiner, sauberer Handschrift: Gretchen. Nur ein Name. Ich schlug die Seite auf.

12. März.
Heute hat Dietmar wieder laut geschrien. Ich habe wohl vergessen, seinen Lieblingsjoghurt zu kaufen. Manchmal fühlt es sich an, als stünde ich auf einem Pulverfass. Ein falscher Schritt, ein falsches Wort und alles explodiert. Dann kommt er, umarmt mich, sagt, er liebt mich, dass der Tag einfach hart war. Und ich glaube ihm. Oder ich tue so, als würde ich es tun. Diese kleine, kirschrote Karre ist mein einziger Ausweg. Ich schalte die Musik ein und fahre, wo das Auge hinsieht. Nur ich und die Straße. Und niemand schreit.

Ich lege das Tagebuch beiseite, ein ungutes Gefühl steigt in mir. Ich sehe Gretchen am Steuer, mit traurigen Augen, wie sie den Sturm zu Hause verlässt. Ich lese weiter.

2. April.
Wieder Streit. Diesmal wegen meiner Arbeit. Er mag nicht, dass ich spät nach Hause komme. Eine richtige Frau bleibt zu Hause und bäckt Kuchen, meinte er. Aber ich will nicht nur Kuchen backen. Ich liebe meinen Job, Zahlen, Berichte. Ich möchte mich nicht nur in der Küche gebraucht fühlen. Er versteht das nicht. Er drohte, zu meinem Chef zu gehen, wenn ich nicht kündige. Peinlich. Am Abend fuhr ich ins Café Alter Park, saß allein, trank Kaffee und schaute in den Regen. Dort war es still. Und die Torten schmeckten gut.

Ich dachte an das Café Alter Park. Es liegt nicht weit von meiner Wohnung. Klein, gemütlich, mit großen Fenstern. Ich stellte mir vor, wie Gretchen dort sitzt, allein, und den Regen beobachtet, der die Scheiben hinunterläuft.

Die nächsten Tage verliefen im Nebel. Tagsüber Arbeit, endlose Diskussionen mit Oskar Igel, abends das Tagebuch. Ich lernte Gretchen immer besser kennen. Sie liebt den Herbst, Jazz und die Bücher von Remarque. Sie wollte malen lernen, doch Dietmar hielt das für Kindermalerei. Ihre enge Freundin Klara telefonierte stundenlang mit ihr.

18. Mai.
Heute war ein guter Tag. Dietmar ist auf Dienstreise. Endlich Ruhe. Klara kam vorbei, wir kauften Wein und Früchte und saßen bis Mitternacht in der Küche. Wir lachten wie früher. Sie sagt, ich soll von ihm loslassen. Lena, er wird dich ersticken, du erstickst ja schon vor lauter Sorgen. Sie hat recht. Aber wohin? Meine Eltern sind weg, die Wohnung ist seine. Angst, bei Null anzufangen. Ich bin 35. Klara meint, das sei kein Alter, das sei erst der Anfang. Leicht gesagt, ihr Mann hat ein Vermögen.

Ich seufzte. Ich war 42, und der Gedanke an eine radikale Veränderung ließ mich zittern. Auch ich lebte in einer festgefahrenen Routine: Arbeit Zuhause, selten ein Treffen mit meinem Freund Sebastian. Und nun dieses Auto und das Tagebuch.

An einem Samstag hielt ich es nicht mehr aus und ging ins Alter Park. Ich setzte mich ans Fenster, bestellte einen Kaffee und ein Stück Kuchen das, von dem ich dachte, Gretchen mochte es. Ich dachte an sie. Ob sie hochgewachsene Blondine oder kleine Brünette war, ihre Augen waren immer traurig.

Ich las weiter. Die Einträge wurden immer bedrückender.

9. Juli.
Er hat meine Hand gehoben, zum ersten Mal. Weil ich mit Klara telefonierte, nicht mit ihm, als er anrief. Nur ein Klaps, aber er brach etwas in mir. Nicht das Gesicht, sondern die Seele. Die ganze Nacht saß ich im Auto vor dem Haus, konnte nicht zurück in die Wohnung. Die Fenster leuchteten, er suchte mich wohl. Oder auch nicht. Es war furchtbar einsam. Ohne meine kleine Kirschkarre wäre ich wahrscheinlich verrückt geworden.

Ich legte das Tagebuch zurück, das Herz schwer von Ungerechtigkeit. Ich wollte Dietmar finden und Ich wusste nicht, was zu tun war. Nur beschützen die Frau, die ich nie gesehen hatte.

Am Abend rief Sebastian an.
Hey Alexander, wo bist du? Auf der Piste zum Angeln am Wochenende?
Hey Sebastian, viel zu tun, keine Zeit.
Was für Aufgaben? Du hast doch keinen Urlaub genommen. Was ist los? Hast du dich in eine Hängematte verkriecht?
Ich lachte.
Fast. Hör zu, das hier ist und erzählte ihm von dem Wagen, dem Tagebuch, von Gretchen. Er hörte schweigend zu.
Mann, du hast dir echt einen Kopf zerbrochen, was soll das? Willst du das wirklich?
Ich weiß nicht. Ich fühle einfach Mitleid.
Mitleid mit ihm. Das war vor Jahren. Sie ist jetzt wahrscheinlich mit einem Millionär verheiratet und hat Dietmar vergessen. Und du hängst da und leidest für sie. Wirf das Notizbuch weg.
Kann nicht, bekenn ich ehrlich.
Dann halt dich nicht verrückt machen. Du bist kein Romeo, aber geh nicht in die Psychiatrie vor lauter Sorgen. Ruf mich, wenn du willst.

Sebastians Worte beruhigten mich nicht. Im Gegenteil, ich musste bis zum Schluss lesen, um zu wissen, wie es endete.

Die Einträge wurden kürzer, abgehackt. Man spürte, dass Gretchen am Rand war.

1. September.
Der Sommer ist vorbei. Und meine Geduld auch. Heute hat er die Vase zerbrochen, die mir meine Mutter geschenkt hatte das Letzte, was von ihr übrig war. Er meinte, sie sei geschmacklos und zerstöre sein Designer-Interieur. Ich sammelte die Scherben und wusste, das war das Ende. Ich muss gehen.

15. September.
Fluchtplan, wie aus einem Spionageroman. Lustig und beängstigend zugleich. Klara hilft, stellt mir für die Anfangszeit eine Wohnung zur Verfügung. Ich schleppe nach und nach meine Sachen zu ihr Bücher, ein paar Pullover, Kosmetik, das Wertvollste. Dietmar merkt nichts. Er ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Ich habe einen Aquarellkurs gefunden, den ich schon immer besuchen wollte. Beginn im Oktober. Vielleicht ein Zeichen?

28. September.
Morgen. Morgen gehe ich. Er fährt für zwei Tage zu einer Konferenz. Ich habe Zeit, meine restlichen Sachen zu holen und zu verschwinden. Ich habe die Kündigung eingereicht. Ein neues Leben beginnt. Ich kaufe eine Staffelei, Farben. Ich will den Herbst malen gelbe Blätter, grauer Himmel und meine kleine, kirschrote Karre im Regen. Angst bis ins Mark. Was, wenn es nicht klappt? Was, wenn er mich findet? Aber bleiben ist noch schlimmer.

Der letzte Eintrag war das. Ich blätterte um, die Seite war leer und die nächste ebenso. Das Tagebuch endete abrupt.

Ich saß in der Stille meiner kleinen Küche. Was war mit ihr geschehen? Hatte sie es geschafft, wegzukommen? Hatte Klara eine Wohnung für sie gefunden? Hatte sie mit dem Malen begonnen? Dutzende Fragen wirbelten in meinem Kopf. Es fühlte sich an, als hätte ich die letzte Folge einer Serie gesehen, das Ende aber wurde ausgeschnitten.

Dann fiel mir ein, was ich bisher übersehen hatte: Zwischen den letzten Seiten lag ein zusammengefaltetes Blatt. Eine Quittung vom Künstler-Laden in der Mirastraße, Datum 29. September. Darauf standen Aquarellfarben, Pinsel, Papier, ein kleiner TischStaffelei.

Sie hatte sie also doch gekauft. Sie bereitete sich vor.

Ich sah auf das Datum. Das Tagebuch war ein Jahr alt.

Was nun? Ich könnte versuchen, sie zu finden. Aber wie? Nur der Vorname Gretchen, kein Nachname. Ihre Freundin Klara. Wenig Infos. Und wozu? Ihr neues Leben zu stören? Oder ihr zu zeigen, dass jemand an sie denkt?

Ich legte das Tagebuch beiseite. Eine Woche verging. Ich ging zur Arbeit, stritt mich mit Oskar, kam nach Hause. Doch alles wirkte anders. Die Welt schien größer, voller Details: das Sonnenlicht, das in Pfützen glitzerte, das Gelb der Ahornblätter, das Lächeln der Barista im Café. Ich sah die Welt durch Gretchens Augen einer Frau, die ein einfaches, normales Leben ersehnte.

Eines Abends scrollte ich im Internet und stieß auf eine Ankündigung: Herbstliche Vernissage Ausstellung junger Künstler Berlins. In der Liste der Teilnehmer stand der Name: Gretchen Wolf. Ich klickte, öffnete eine kleine OnlineGalerie. Unter Landschaften, Stillleben und Porträts fand ich ihr Bild: Eine kleine, kirschrote Kia, geparkt im Herbstregen an einer stillen Straße, in Aquarell gemalt lebendig, leicht traurig, aber voller Hoffnung.

Ich lächelte. Sie hatte es geschafft. Sie war weg. Sie malt. Sie lebt.

Ich suchte Gretchen Wolf in den sozialen Medien. Ihr Profilbild zeigte eine lächelnde Frau, etwa 35, mit kurzem Haarschnitt und klaren, glücklichen Augen. Sie stand vor ihren Bildern, kein Hinweis auf Dietmar, keine Schmerzen, nur ein ruhiges, kreatives Leben. Fotos von Ausstellungen, ihr Kater, Skizzen städtischer Gassen.

Ein riesiges Aufatmen durchströmte mich. Ich schrieb ihr nicht, fügte sie nicht als Freund hinzu. Warum? Ihre Geschichte war beendet, ihr Ende glücklich. Ich schloss die Seite.

Ich nahm das Tagebuch vom Tisch, drehte es noch einmal um. Es war nicht mehr nur ein Sammelsurium fremder Geheimnisse, sondern ein Zeugnis von Mut. Ein Beweis, dass man nie zu alt ist, alles zu verändern.

Am nächsten Tag fuhr ich nach dem Künstler-Laden, dem aus der Quittung. Ich schlenderte zwischen den Regalen, kaufte eine kleine Leinwand und Ölfarben. Ich hatte noch nie gemalt, doch jetzt wollte ich es unbedingt versuchen.

Zuhause stellte ich die Leinwand auf den Küchentisch, drückte die Farben auf die Palette und nahm den Pinsel. Ich wusste nicht, was dabei herauskommen würde vielleicht ein misslungenes Bild, vielleicht der Beginn meiner eigenen Geschichte. Eine Geschichte, inspiriert von der Stimme einer Fremden, deren Tagebuch ich unter dem Sitz einer kleinen, kirschroten Karre gefunden hatte.

Durch das Fenster begann ein Regen. Jeder hat seinen eigenen Weg und seinen eigenen Herbst. Und manchmal muss man zufällig in das Leben eines anderen stolpern, um den eigenen zu finden.

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