Unerwartete Begegnung im Abteil: Ehefrau trifft ihren Mann mit einer anderen Frau – eine überraschende Zugfahrt»

»Na so was für eine Begegnung!«, dachte sich Ehefrau Heidi, als sie in ihrem Abteil auf ihren Mann mit einer anderen traf.

»Schatzi, hast du meinen blauen Schal gesehen? Den, den du mir letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hast?« Heidi kramte demonstrativ im Kleiderschrank, tat so, als wäre sie tief in ihre Suche vertieft.

»Schau mal im obersten Fach hinter den Schachteln«, rief Andreas aus der Küche zurück. »Da hast du ihn nach dem letzten Geschäftstrip versteckt.«

Heidi erstarrte. In seiner Stimme lag ein seltsamer Unterton. Oder täuschte sie sich? Nach fünfzehn gemeinsamen Jahren konnten sie die feinsten Nuancen in der Stimme des anderen erkennen. Doch sie hatten auch gelernt, gekonnt so zu tun, als merkten sie nichts.

»Gefunden!«, rief sie eine Minute später fröhlich. »Tatsächlich, hinter den Schachteln. Du hast ein erstaunliches Gedächtnis für solche Dinge.«

»Berufskrankheit«, grinste Andreas und betrat das Zimmer mit zwei Kaffeetassen. »Ein Fernfahrer braucht ein gutes Gedächtnis. Man muss sich alle Routen merken, jede Abzweigung, jeden Rastplatz «

»Und jede Ausrede«, fügte Heidi im Stillen hinzu, doch laut sagte sie etwas ganz anderes:

»Stell dir vor, ich muss nach München geschickt werden. Ausgerechnet vor Weihnachten! Die Chefs bestehen auf persönlicher Anwesenheit der Jahresabschluss muss vor den Feiertagen stehen.«

Sie packte akribisch ihren Koffer, vermied es, ihm in die Augen zu sehen. In Wahrheit gab es keinen Jahresabschluss. Es gab nur Thomas, den Regionalmanager aus Stuttgart, den sie vor drei Jahren auf der Weihnachtsfeier kennengelernt hatte. Seitdem trafen sie sich alle paar Monate unter dem Vorwand von Dienstreisen.

»Was für ein Zufall!« Andreas setzte sich auf die Bettkante und reichte ihr eine Tasse Kaffee. »Ich muss auch nach Nürnberg. Dringende Fracht, der Kunde verlangt Lieferung bis zum 29.«

Heidi lächelte kaum merklich. Sie wusste, es gab keine dringende Fracht. Da war nur das Handy, das ihr Mann vor drei Monaten in der Küche vergessen hatte. Da waren die Nachrichten von einer gewissen Nina, der Disponentin aus Nürnberg. Fotos, die Heidi gesehen hatte, bevor sie das Handy zurücklegte. Seitdem wusste sie genau, wohin Andreas wirklich fuhr, wenn er Routen über Nürnberg wählte.

»Bis wann bleibst du denn weg?«, fragte Andreas beiläufig.

»Ich denke, ich bin am 29. zurück«, antwortete Heidi. »Ich muss ja noch alles für die Feiertage vorbereiten. Und du?«

»Ich versuche es auch bis zum 29. zu schaffen.«

Sie sahen sich an und lächelten. Jeder wusste, dass der andere log. Heidi hatte ein Hotelzimmer im »Seeblick« bis zum 30. gebucht, und Andreas plante, ein paar Tage mit Nina in ihrem Ferienhaus zu verbringen.

Am Abend saßen sie in der Küche, tranken Tee und besprachen die Weihnachtspläne. Die Unterhaltung floss leicht und ungezwungen nach so vielen Jahren Ehe hatten sie gelernt, den Schein der perfekten Familie aufrechtzuerhalten.

»Sollen wir deine Eltern zu den Feiertagen einladen?«, schlug Heidi vor.

»Die fahren zu meiner Schwester nach Hamburg«, sagte Andreas. »Und deine?«

»Mein Bruder hat Nachwuchs bekommen, die fahren nach Freiburg.«

Beide spürten Erleichterung keine zusätzlichen Ausreden vor der Familie nötig

Im Abteil des ICE war es warm und gemütlich. Heidi hatte es sich am Fenster bequem gemacht, ein Buch und eine Decke griffbereit. Noch zehn Minuten bis zur Abfahrt. Draußen huschten Passagiere vorbei, Fragmente von Gesprächen und Durchsagen drangen durch die geschlossenen Fenster.

»Entschuldigung, ist das Ihre Tasche?«, fragte eine weibliche Stimme aus dem Gang. »Sie stand wohl beim Waggoneingang.«

»Nein, meine ist hier«, antwortete eine männliche Stimme, die Heidi irgendwie bekannt vorkam. »Lassen Sie mich helfen, Ihr Abteil zu finden.«

Heidi erstarrte. Diese Stimme Unmöglich! Langsam sah sie von ihrem Buch auf, genau als die Tür aufging.

Auf der Schwelle stand Andreas. Neben ihm eine junge Frau in einem eleganten beigen Mantel. Heidi erkannte sie sofort die Nina von den Fotos auf seinem Handy. In echt war sie noch schöner: groß, schlank, mit lockigem roten Haar und markanten grünen Augen.

Ein paar Sekunden lang starrten alle drei einander schweigend an. Die Zeit schien stillzustehen.

»Na so was für eine Begegnung!«, brach Heidi als Erste das Schweigen. Ihre Stimme klang ruhig, obwohl ihr Herz bis zum Hals schlug. »Ich dachte, du fährst nach Nürnberg?«

»Ich « Andreas blickte hilflos zwischen Heidi und Nina hin und her. Auf seinem Gesicht spiegelten sich Überraschung, Angst, Verwirrung und Scham.

»Die Route wurde kurzfristig geändert«, murmelte er schließlich.

»Ich dachte, du nimmst den Lkw«, sagte Heidi mit einem Lächeln, das nur ihre Lippen erreichte. »Dringende Fracht, hieß es?«

In diesem Moment erschien ein großer Mann im teuren dunkelblauen Mantel im Abteil.

»Entschuldige die Verspätung«, sagte er. »Heidi, ich war im Meeting «

Jetzt war Andreas an der Reihe, die Augenbrauen hochzuziehen. Er wusste sofort, wer das war.

»Thomas«, stellte der Neuankömmling sich vor und musterte die seltsame Gesellschaft. »Und das ist «

»Mein Mann, Andreas«, sagte Heidi gelassen. »Und seine Kollegin?«

»Nina«, sagte die Rothaarige leise.

Die Schaffnerin schaute herein: »Ihre Tickets, bitte. Es gibt eine Verwechslung mit den Plätzen.«

Alle vier reichten gleichzeitig ihre Tickets hin. Die Schaffnerin studierte sie und schüttelte verwirrt den Kopf:

»Seltsam, aber alle Tickets sind für dieselben Plätze. Passiert manchmal vor Feiertagen, das Buchungssystem spielt verrückt. Ich muss Sie auf verschiedene Waggons verteilen.«

»Nicht nötig«, sagte Heidi entschlossen. »Lassen Sie uns alle hier bleiben und reden. Ich glaube, wir haben einiges zu besprechen. Niemand hat etwas dagegen?«

Sie sah ihren Mann an. In seinen Augen blitzte etwas wie Erleichterung auf.

»Stimmt«, sagte er. »Wenn das Schicksal uns schon alle hier zusammengeführt hat «

Thomas und Nina wechselten einen Blick. Verlegenheit lag in ihren Mienen, doch sie widersprachen nicht.

Die Schaffnerin zuckte die Schultern und ging. Der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Vier Menschen, verbunden durch unsichtbare Fäden aus Lügen und heimlichen Treffen, waren nun allein im engen Raum des Abteils.

»Also«, lehnte sich Heidi zurück. »Wir haben vier Stunden Fahrt vor uns. Vielleicht ist es an der Zeit, offen zu reden?«

Die ersten Minuten herrschte bedrückendes Schweigen. Das Rattern der Räder unterstrich die peinliche Stille. Thomas tat so, als läse er E-Mails auf seinem Handy. Nina spielte nervös mit ihrem Halskettchen. Andreas starrte aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Winterlandschaft. Heidi blätterte in ihrem Buch, ohne wirklich zu lesen.

»Wie lange schon?«, fragte sie plötzlich und sah Nina an.

»Drei Jahre«, antwortete diese leise. »Wir haben uns kennengelernt, als sein Lkw in der Nähe von Nürnberg eine Panne hatte.«

»Und ihr?« Andreas blickte Thomas an.

»Vor zwei Jahren, auf der Weihnachtsfeier in München.«

»Interessant«, lächelte Heidi. »Wir haben beide ungefähr zur selben Zeit angefangen, uns anderweitig umzusehen.«

»Und was habt ihr gesucht?«, fragte Thomas unvermittelt. »Bei euch scheint doch alles in Ordnung zu sein «

»In Ordnung«, nickte Andreas. »Genau das. Alles war zu sehr in Ordnung. Wie nach Fahrplan. Aufstehen, frühstücken, zur Arbeit, nach Hause, schlafen. Tag für Tag, Jahr für Jahr.«

»Mir fehlten die Gefühle«, gestand Heidi. »Früher haben wir stundenlang geredet. Irgendwann wurden die Gespräche zur Abrechnung von Rechnungen und Wochenendplanungen.«

»Und mir fehlte das Verständnis«, fügte Andreas hinzu. »Heidi hat nie gefragt, wie die Fahrt war, sich nie Sorgen gemacht, wenn ich später kam «

»Weil ich wusste, wo du wirklich warst«, unterbrach sie ihn. »Ich habe die Nachrichten von Nina vor drei Monaten auf deinem Handy gesehen.«

»Und ich habe die Quittung vom Hotel Seeblick in deiner Tasche gefunden«, konterte Andreas. »Und die Fotos mit Thomas auf deinem Handy.«

»Und ihr habt die ganze Zeit geschwiegen?«, fragte Nina erstaunt.

»Was hätte ich sagen sollen?«, zuckte Heidi mit den Schultern. »Schatz, ich weiß, dass du mich betrügst, aber keine Sorge, ich bin auch nicht unschuldig?«

»Es war einfacher, so zu tun, als wäre nichts«, fügte Andreas hinzu. »Wir hatten uns doch gut eingerichtet. Jeder sein eigenes Leben, seine kleinen Freuden «

»Kleine Freuden«, erwiderte Heidi. »Und die großen? Erinnerst du dich, wie wir davon geträumt haben, ein Haus auf dem Land zu kaufen? Einen Hund zu haben? Zusammen zu reisen?«

»Ich erinnere mich«, sagte Andreas leise. »Jedes Mal, wenn ich an den Reihenhäusern vorbeifahre, denke ich daran.«

»Und ich stelle mir jedes Mal vor, wie wir dort leben könnten, wenn ich Häuseranzeigen sehe.«

Thomas und Nina wechselten einen Blick. Plötzlich fühlten sie sich fehl am Platz.

»Wisst ihr was?«, sagte Nina langsam. »Andreas und ich haben nie über die Zukunft gesprochen. Nur über das Jetzt.«

»Heidi und ich auch«, fügte Thomas hinzu. »Vielleicht, weil wir tief im Inneren wussten: Diese Beziehung hat keine Zukunft.«

»Und haben wir eine?«, fragte Heidi plötzlich und sah ihren Mann an. »Eine Zukunft, meine ich.«

Andreas schwieg lange, blickte aus dem Fenster. Dann wandte er sich ihr zu:

»Erinnerst du dich, wie wir uns kennengelernt haben? Du hast die letzte S-Bahn verpasst, und ich habe dir angeboten, dich in meinem alten Golf mitzunehmen.«

»Ich erinnere mich«, lächelte Heidi. »Das Auto ist auf halber Strecke stehengeblieben, und wir haben drei Stunden am Straßenrand gesessen und über alles Mögliche geredet.«

»Genau das. Wir konnten über alles reden. Irgendwann haben wir es verlernt.«

»Vielleicht ist es nicht zu spät, es wieder zu lernen?«, fragte Heidi leise.

In diesem Moment verlangsamte der Zug. Draußen tauchten die ersten Lichter Münchens auf.

»Ich gehe«, sagte Thomas und stand auf. »Heidi, tut mir leid, aber ich denke, du solltest nicht mehr kommen.«

»Und tut mir auch leid, Andreas«, fügte Nina hinzu. »Vielleicht sollten wir alle aufhören, bevor wir zu weit gehen.«

Auf dem Bahnsteig standen Heidi und Andreas lange schweigend da, sahen Thomas und Nina nach, die davonliefen. Passagiere eilten vorbei, Koffer rollten, Durchsagen erklangen.

»Gehen wir nach Hause?«, fragte Andreas schließlich.

»Und deine Fracht in München?«

»Es gibt keine Fracht. Genauso wenig wie deinen Jahresabschluss.«

»Ich weiß.« Heidi nahm seinen Arm. »Weißt du, ich habe ein tolles Haus zum Verkauf gesehen in der Nähe von Augsburg. Zweistöckig, mit Garten. Da könnte man einen Hund halten «

»Einen großen?«, grinste Andreas.

»Sehr. Und eine Garage für deinen Lkw.«

Sie kauften Tickets für den nächsten Zug nach Berlin. Während der Fahrt sprachen sie viel, ehrlich, wie in den ersten Jahren. Über ihre Fehler. Über die Angst, das zu verlieren, was geblieben war. Über das Heimweh nach dem anderen all die Jahre.

Ein halbes Jahr später kauften sie tatsächlich das Haus bei Augsburg. Sie holten sich einen Deutschen Schäferhund. Sie verbrachten mehr Zeit miteinander. Heidi holte Andreas manchmal mit einem selbstgekochten Essen von der Tour ab, und er lernte, nach ihrem Tag zu fragen.

Sie begriffen, dass sie nach fünfzehn Jahren mehr füreinander waren als nur ein Ehepaar sie waren Familie. Vertraute Menschen, die verzeihen, verstehen und neu anfangen konnten. Und das war wichtiger als jede flüchtige Leidenschaft.

Und diese seltsame, scheinbar sinnlose Begegnung im Zug wurde zu ihrer Familiengeschichte, die sie abends auf der Veranda ihres neuen Hauses manchmal erzählten. Eine Geschichte darüber, wie ein Zufall ihnen half, sich wiederzufinden und zu erkennen, dass sie das Wichtigste schon lange besaßen. Sie mussten nur lernen, es wertzuschätzen.

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