Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem Gertrud Meyer die Untersuchungsergebnisse fest in ihre gebaute Faust drückte. Das dünne Papier war von Schweiß feucht geworden. Im Flur der Frauenpraxis in Köln drängte sich kein Platz zum Vorbeigehen.
Frau Meyer! rief die Krankenschwester laut.
Gertrud stand auf, ging ins Untersuchungszimmer. Die Ärztin eine rundliche Frau mit müden Augen nahm die Akte aus ihren Händen und überflog die Blätter nur flüchtig.
Bitte setzen Sie sich. Sie betrachtete die Befunde gleichgültig.
Alles ist in Ordnung. Untersuchen Sie Ihren Mann.
Ein kalter Schauer lief Gertrud über den Rücken. Friedrich? Doch sein Zustand
Zuhause schnippelte Schwiegermutter Liselotte Schneider eifrig den Kohl für die Suppe. Ihr Messer hüpfte über das Brett, als würde sie damit Gegner zerschneiden.
Na, meine Kleine, was gibts Neues? fragte Liselotte, ohne den Kopf zu heben.
Mir geht’s gut, murmelte Gertrud, während sie ihre Jacke auszog.
Und warum… Liselotte blickte schließlich auf, ein Funke Sorge flackerte in ihren Augen. Friedrich muss untersucht werden.
Das Messer blieb über der Schneide stehen. Liselotte richtete sich geradezu wie eine gespannte Saite auf.
Unsinn! Mein Sohn ist völlig gesund! Das sind doch Ihre Ärzte, die nichts verstehen. Früher haben Frauen sogar ohne Analysen Kinder bekommen.
Gertrud verließ den Raum. Auf dem Sofa lagen zwei Socken einer blau, der andere schwarz. Instinktiv nahm sie sie, steckte sie in den Wäschekorb. In den drei Ehejahren waren diese Socken zu einem Symbol ihres Lebens geworden unverbunden, nie ein Paar.
Friedrich kam spät nach Hause.
Was hast du denn für ein Leichengesicht? grummelte er, ließ sich in den Sessel fallen.
Friedrich, wir müssen reden.
Worum geht’s?
Sie reichte ihm die Papiere. Er blickte kurz hindurch, warf sie auf den Tisch.
Und dann?
Du musst dich untersuchen lassen.
Wieso? Ich bin ein gesunder Mann! Sieh dich doch an!
Er sah tatsächlich gesund aus breite Schultern, dunkles dichtes Haar. Doch Gesundheit äußert sich nicht immer äußerlich.
Bitte, Friedrich
Genug! Wenn du keine Kinder willst, sag es einfach! Warum diese Schauspiele mit Ärzten?
Ein Klappern von Pantoffeln drang aus der Küche. Liselotte lauerte hinter der Tür, atmete so laut, dass jeder Atemzug hörbar war.
Ich will Kinder mehr als alles andere, flüsterte Gertrud.
Warum hast du keine? Verbirgst du etwas? Hast du vielleicht Abtreibungen gehabt?
Der Vorwurf schnitt tief. Gertrud rückte zurück.
Wie willst du das
Wie soll ich? Drei Jahre Ehe, kein Ergebnis! Und jetzt reden Ärzte davon, dass ich Er stoppte, ballte die Fäuste.
Die Tür schlug auf. Liselotte stürmte hinein wie ein Panzer.
Friedrich, hör nicht auf sie! Das liegt an deiner Faulheit. Arbeitest du mehr, kämen wir nicht zu den Ärzten.
Gertrud sah zu ihrem Mann. Er wandte sich zum Fenster.
Friedrich, glaubst du wirklich, dass ich
Ich weiß nicht, was ich denken soll, knurrte er. Einer gesunden Mann geht nicht zum Arzt.
Liselotte nickte triumphierend.
Genau, das sagt mein Sohn. Das ist keine Männerangelegenheit, im Krankenhaus zu laufen.
Gertrud spürte, wie etwas in ihr zerbrach, wie eine gespannten Saite, die plötzlich nachgab.
Gut, sagte sie mit fester Stimme.
Am nächsten Tag brach ein Krieg aus im Kleinen. Liselotte ließ jede Kleinigkeit kritisieren: zu viel Salz, ein nicht gespülter Topf, Staub auf dem Kommode. Gertrud schwieg, biss die Zähne zusammen.
Vielleicht solltest du gar nicht zu Hause bleiben, spottete die Schwiegermutter beim Abendessen. Such dir doch einen Job, anstatt ständig zu den Ärzten zu laufen.
Friedrich kaute seinen Frikadellenpudding, ohne den Kopf zu heben.
Ich arbeite, erwiderte Gertrud.
Drei Tage die Woche ist kein Job, das ist Schlitzohrigkeit.
Was hat das mit meiner Arbeit zu tun?
Ach, du willst doch deinen gesunden Mann krank machen! Wenn keine Kinder kommen, liegt das an der Frau! Das war immer so!
Gertrud stand vom Tisch auf, die Beine zitterten.
Was ist los mit dir? Hast du gegessen und rennst sofort weg?
Ich bin müde, flüsterte sie.
Müde? Bei drei Tagen Arbeit pro Woche, was soll das denn sein!
Friedrich blickte endlich auf, ein Anflug von Mitleid in seinen Augen, sagte aber nichts.
In der Nacht hörte Gertrud das Schnarchen ihres Mannes. Früher beruhigte es sie, jetzt war es ein Ärgernis. Wie hatte sie nicht gesehen, wie stur er war?
Morgens packte sie ein altes Sportrucksack, nahm nur ein paar Kleider, Unterwäsche und ihre Kosmetiktasche.
Wohin das? fragte Liselotte mit einer Tasse in der Hand.
Zur Oma.
Für lange?
Weiß nicht.
Friedrich kam aus dem Bad, sah den Rucksack.
Gertrud, was soll das?
Was du siehst.
Meinst du das ernst?
Natürlich. Du willst nicht untersucht werden, meine Mutter legt die Schuld auf mich. Warum soll ich noch hier bleiben?
Er kam näher, senkte die Stimme:
Mach nicht so dumm. Wohin willst du gehen?
Zur Oma Frieda.
In diese Hütte? Es sind doch nur zwanzig Meter!
Eng, aber nicht aus Bosheit.
Liselotte schnaufte:
Richtig, lass sie gehen. Sie wird bei der Alten wohnen, dann versteht sie, wie gut es hier war.
Friedrich warf seiner Mutter einen wütenden Blick zu, widersprach aber nicht.
Gertrud nahm den Rucksack, ging zur Tür.
Gertrud! rief ihr Mann.
Sie drehte sich um. Er stand verwirrt im Flur, nasses Haar nach dem Duschen.
Wann kommst du zurück?
Wenn ich zum Arzt gehe.
Die Tür schlug hinter ihr zu.
Oma Frieda staunte, als sie die Enkelin mit dem Rucksack sah:
Gertrudchen! Was ist passiert?
Ich habe mich mit Friedrich gestritten. Darf ich hier wohnen?
Natürlich, Kind. Es ist zwar eng
Macht nichts, Oma.
Die kleine Wohnung war winzig: ein Bett, ein Tisch, zwei Stühle, ein alter Fernseher. Doch sauber und nach Vanille duftend die Oma buk gern.
Erzähl, was geschehen ist, bat die Alte, während sie den Wasserkocher anstellte.
Gertrud schilderte alles. Oma Frieda nickte weise.
Ach, meine Süße Männer sind so. Stolz. Eingeständnisse sind für sie wie ein Todesurteil.
Soll ich also mein ganzes Leben warten, bis er endlich zum Arzt geht?
Nein. Du hast richtig gehandelt, wegzugehen. Lass ihn nachdenken.
Die ersten Tage verliefen ruhig. Gertrud richtete ihr Bettchen in der Ecke ein, half der Oma im Haus. Friedrich rief an, aber sie ging nicht ran.
Später klagte die Oma über Brustschmerzen. Der Rettungsarzt bestand auf einem Krankenhausaufenthalt.
Kind, mach dir keine Sorgen, flüsterte Frieda, als man sie wegbrachte. Ich bin alt, das passiert jedem.
Im Krankenhaus wurde es ihr besser. Gertrud kam täglich, brachte Hausmannskost, erzählte Neuigkeiten.
Wie läuft es mit deinem Mann? fragte Frieda eines Tages.
Gar nicht. Er hat ein paar Mal angerufen, nur geschrien.
Und du hast geantwortet?
Einmal ja, das zweite Mal nicht. Warum soll ich das gleiche hören?
Vielleicht ist er schon zum Arzt gegangen?
Wahrscheinlich nicht.
Im Flur drängten sich Besucher. Gertrud ging zum Ausgang und stieß beinahe mit einem jungen Arzt in Weiß zusammen helle Haare, freundliche Augen.
Entschuldigen Sie, murmelte sie.
Kein Problem. Wen suchen Sie?
Zur Oma, Zimmer sieben.
Ach, zu Frau Frieda! unser lieber Patient. Der Arzt lächelte. Ich bin Dr. Lukas Neumann, Kardiologe.
Gertrud.
Freut mich. Keine Sorge, bei Ihrer Oma ist alles in Ordnung. Nur das Alter
Er erklärte den Zustand der Oma, die Behandlung, während Gertrud seine Hände beobachtete lange Finger, gepflegte Nägel, sichere Hände.
Danke für Ihre Fürsorge, sagte sie.
Am nächsten Tag blieb er länger, dann wieder am übernächsten. Gertrud kam früher, hoffte, ihn zu treffen.
Gertrudchen, der Arzt fragt, ob du heute kommst, sagte die Oma mit einem schelmischen Lächeln.
Fragt er?
Na ja! Er will wissen, wie es seiner Lieblingspatientin geht. Und er ist übrigens ledig.
Gertrud errötete.
Oma, was sagst du
Was? Du bist fast frei. Dein Friedrich
Ich bin verheiratet.
Pah!
Eine Woche später wurde Dr. Neumann in eine andere Station verlegt. Am letzten Tag trat er zu Gertrud im Flur.
Ich werde Sie vermissen, sagte er schlicht.
Ich Sie auch, gestand sie.
Er reichte ihr eine Visitenkarte.
Falls Sie etwas brauchen oder einfach reden wollen.
Gertrud nahm sie, ihre Finger berührten sich kurz.
Danke.
Und noch, zögerte er. Sie sind sehr schön und zugleich etwas Traurige. Ich hoffe, das geht irgendwann vorbei.
Die Oma wurde entlassen, zu Hause wurde sie wieder stärker, doch Gertrud fürchtete, sie allein zu lassen.
Friedrich rief immer wieder an, sie nahm manchmal ab, manchmal nicht. Beim letzten Mal schrie er ins Telefon, dass sie sich wie ein launisches Mädchen verhalte. Gertrud legte auf und hob den Hörer nie wieder.
Ein Monat später klingelte ein unbekanntes Telefon:
Gertrud? Hier ist die Mutter von Dr. Neumann. Er hat Ihre Nummer
Ist etwas passiert?
Nein, nur, dass morgen sein Geburtstag ist. Er würde Sie gerne sehen. Könnten Sie kommen?
Gertrud zögerte. Doch die Oma, die das Gespräch mitangehört hatte, winkte ihr zu:
Komm, Kind! Wann hast du das letzte Mal Freude gehabt?
Der Geburtstag verlief wunderbar. Dr. Neumann stellte Gertrud allen vor, war aufmerksam, aber nicht aufdringlich. Beim Abschied sagte er:
Ich würde Sie gern noch einmal sehen. Darf ich?
Ja, flüsterte sie.
Sie begannen, sich vorsichtig zu treffen. Dr. Neumann stellte keine Fragen, verlangte keine Erklärungen er war einfach da. Manchmal übernachtete Gertrud bei ihm.
Dann, völlig unerwartet, wurde sie schwanger.
Willst du mich heiraten? fragte er, als sie es ihm erzählte.
Natürlich, lachte sie glücklich.
Ein Jahr später schob Gertrud den Kinderwagen die Allee entlang. Dr. Neumann ging nebenher, erzählte einen Witz. Ihr Sohn, der kleine Mischling Max, schlief friedlich im Wagen.
Auf dem Weg begegneten Friedrich und Liselotte. Als sie Gertrud sahen, blieben sie wie erstarrt stehen.
Gertrud verlangsamte nicht ihren Schritt, hielt den Kopf stolz erhoben. In Friedrichs Blick lag all ihr Schmerz, Bedauern und ein Funke Verstehen.
Liselotte zog den Sohn am Ärmel:
Komm, Friedrich.
Doch er blieb stehen, sah den Kinderwagen, das glückliche Gesicht von Gertrud und Dr. Neumann, und begriff, dass er zu spät kam.







