„Du solltest dankbar sein, dass wir dich überhaupt ertragen – bemerkte die Schwiegermutter am Festtagstisch“

Du solltest dankbar sein, dass wir dich überhaupt ertragen, sagt die Schwägerin beim festlich gedeckten Tisch.

Das ist alles?, schnippt Heike mit zwei Fingern die Ecke einer bescheidenen Geschenkverpackung ab. Ernsthaft? Ein Set Küchenhandtücher? Mama, sieh dir diese Großzügigkeit an.

Heike, hör doch auf, erwidert Therese Müller, das Geburtstagskind, während sie die Lippen straff zusammenpresst, doch ein kalter Funke von Zustimmung flackert in ihren Augen. Maren hat sich bemüht.

Sich bemüht?, lacht die Schwägerin spöttisch und wirft das Paket auf einen Stuhl. Für dreihundert Euro aus dem nächsten Baumarkt? Sie könnte doch etwas großzügiger sein, sie lebt hier von allem Fertigen, zahlt keinen einzigen Cent Miete.

Maren spürt, wie ihr das Gesicht flammend wird. Sie steht am gedeckten Tisch, den sie seit dem frühen Morgen vorbereitet hat, und fühlt sich wie ein schulverweisener Schüler. Ihr zehnjähriger Sohn Jonas sitzt daneben, duckt den Kopf in den Teller und senkt den Blick. Er versteht schon alles.

Ich dachte, das ist praktisch, murmelt Maren leise, ohne den Kopf zu heben. Die alten Handtücher sind völlig abgenutzt

Praktisch?, erwidert Heike, zurückgelehnt auf dem Stuhl. Sie ist die jüngere Schwester des verstorbenen Ehemannes, Andreas. Hell, selbstbewusst, mit einem permanenten Gefühl der eigenen Überlegenheit. Weißt du, was praktisch wäre? Wenn du einen richtigen Job finden und endlich ausziehen würdest. Dann gäbe es mehr Platz im Haus.

Ein klirrendes Geräusch, das von einem fallenden Löffel kommt, durchbricht die Stille. Jonas springt auf und läuft stumm aus dem Raum. Maren will ihm folgen, doch die autoritäre Stimme der Schwiegermutter hält sie zurück.

Wohin? Setz dich. Du hast den Jungen nur ein Stückchen weggeschubst, dann wird er sofort weinen. Ein Mann wird groß, aber er benimmt sich wie ein Mädchen.

Maren setzt sich, das Herz gefriert innen. Sie blickt auf den leeren Stuhl, wo vor fünf Jahren ihr Mann Andreas gesessen hat. Er hätte sie nie so behandelt, hätte seiner Schwester einen Blick zugewiesen, der alles klärt. Aber Andreas ist nicht mehr da. Und sie ist allein in diesem großen, fremden Haus, wo jedes Stück Brot scheinbar mit Demütigung erkauft werden muss.

Der Geburtstag verläuft trostlos. Gäste, entfernte Verwandte und Nachbarn geben vor, nichts bemerkt zu haben, doch die Gespräche werden leiser, die Blicke, die Maren treffen, sind voller unbequemer Anteilnahme. Sie lächelt mechanisch, schenkt den Gläsern mehr Saft nach, räumt leere Teller weg. Sie wünscht sich nur, dass der Tag schnell endet.

Als die letzten Gäste gehen, hält Heike, die bereits mit ihrem Mann gehen will, am Türrahmen an.

Ich hoffe, du verstehst, dass ich nicht aus Bosheit spreche, sagt sie mit unnachgiebigem Ton. Ich sage, was ich denke. Du solltest dankbar sein, dass wir dich nach all dem überhaupt noch ertragen. Im Andenken an Andreas und für die Mutter.

Die Tür knallt zu. Maren bleibt allein in der Küche, überhäuft von schmutzigem Geschirr. Therese Müller geht schweigend in ihr Zimmer, sagt kein Wort. Erschöpfung drückt Maren wie Blei. Sie sinkt auf einen Hocker und weint leise, nicht vor Ärger sie ist es fast gewohnt sondern vor Ohnmacht.

Spät am Abend, nachdem sie die Küche aufgeräumt hat, schleicht sie ins Zimmer von Jonas. Er schläft nicht, liegt mit dem Gesicht zur Wand.

Jonas, schläfst du?, flüstert sie, setzt sich ans Bett.

Mama, warum mag uns Tante Heike nicht?, fragt er, ohne sich zu drehen.

Maren streicht ihm über die Haare, versucht die richtigen Worte zu finden. Wie erklärt man einem Kind das dichte, erstickende Netz familiärer Beziehungen?

Sie ist nicht böse, sie hat nur einen schwierigen Charakter. Und sie vermisst deinen Vater sehr, genauso wie wir.

Papa würde sie bestrafen, sagt Jonas entschlossen. Er würde nicht zulassen, dass sie dich verletzt.

Ja, er würde es nicht zulassen, stimmt Maren zu, während ein neuer Kloß in ihrem Hals aufsteigt. Schlaf gut, mein Schatz. Morgen musst du zur Schule.

Sie küsst ihn auf die Stirn und verlässt das Zimmer. Ihr eigenes Zimmer gibt es nicht mehr. Nach Andreas Tod leben sie beide in seinem ehemaligen Kinderzimmer, klein und eng. Ihr geräumiges Schlafzimmer ist nun die Gedenkzimmer, das Therese zu ihrem alleinigen Zutritt reserviert hat.

Das große Haus, das einst gemütlich wirkte, ist für Maren zur goldenen Käfig geworden. Es gehört den Eltern von Andreas. Nach seinem Tod wird Therese zur alleinigen Hausherrin. Maren und Jonas wohnen seit Beginn dort, weil Andreas seine alte Mutter nicht allein lassen wollte. Er arbeitete viel, verdiente gut, und sein Einkommen reichte für alle. Doch nach seinem Tod änderten sich die Dinge. Die bescheidenen Ersparnisse reichten nur kurz. Maren, diplomierte Buchhalterin, hat seit Jahren keinen Job mehr in ihrem Beruf. Sie arbeitet nun Teilzeit als CallCenter-Agentin, um Jonas nach der Schule abzuholen. Das Gehalt ist mickrig und geht fast komplett für Kinderkleidung, Schulmaterial und kleine Ausgaben drauf. Sie leben von der Unterstützung der Schwiegermutter, und das ist die Hauptwaffe von Heike.

Am Morgen verhält sich Therese, als wäre das gestrige Gespräch nie passiert. Sie sitzt in der Küche, trinkt Kaffee und liest die Zeitung.

Guten Morgen, sagt Maren leise, während sie einen Topf Haferbrei für Jonas auf den Herd stellt.

Therese nickt, ohne den Blick von der Zeitung zu heben.

Ich fahre heute zu einer Freundin auf die Havel, für ein paar Tage. Das Essen ist im Kühlschrank, du musst das Haus im Blick behalten. Und vergiss nicht, die Blumen im Wohnzimmer zu gießen.

Natürlich, Therese.

Als die Tür hinter Therese ins Schloss fällt, atmet Maren zum ersten Mal seit Langem tief durch. Zwei Tage Stille. Zwei Tage ohne vorwurfende Blicke und giftige Bemerkungen.

Sie bringt Jonas zur Schule und kehrt ins leere Haus zurück. Mit einer Gießkanne geht sie zu den vielen Pflanzen, die Therese so liebt. Im Wohnzimmer steht ein altes Kommode, darauf Fotos: ein junger Andreas, lächelnd und freundlich; kleine Andreas und Heike; und ein Bild, das Marens Herz immer schmerzt sie und Andreas am Tag ihrer Hochzeit, glücklich und voller Hoffnung.

Ihr Blick fällt auf die verschlossene Tür des ehemaligen Schlafzimmers, das Gedenkzimmer. Es ist ihr verboten, dort einzutreten, doch die Neugier siegt. Die Tür ist nicht abgeschlossen. Vorsichtig, jedes Geräusch horchend, betritt sie das Zimmer. Die Luft ist abgestanden, riecht nach Staub und Naphthalin. Alles ist an seinem Platz: das Doppelbett mit seidenem Überwurf, der Schminktisch mit Duftfläschchen, die Marens nicht gehören, das Bücherregal von Andreas.

Sie greift nach einem dicken Ordner, versteckt zwischen den Bänden von Tolstoi. Sie kennt ihn nicht. Vorsichtig zieht sie ihn heraus und legt ihn auf den Tisch. Auf dem Deckblatt steht schlicht: Dokumente.

Ihr Herz schlägt schneller. Sie öffnet den Ordner. Darin liegen alte Rechnungen, ein Geburtsschein von Andreas und, zwischen den Papieren, ein Testament. Es wurde von ihrem Schwiegervater Igor Nikolajewitsch sechs Monate vor seinem Tod verfasst.

Sie liest, und die Zeilen verschwimmen. Schwarz auf weiß steht, dass das Haus, in dem sie leben, nicht seiner Frau, sondern seinem Sohn, Andreas, vermacht wird, mit der einzigen Auflage, dass seine Ehefrau, Therese Müller, ein lebenslanges Wohnrecht behält. Heike wird nicht erwähnt.

Maren setzt sich an das Bett, die Hände zittern. Das bedeutet, dass nach Andreas Tod der alleinige Erbe des Hauses ihr Sohn Jonas ist. Und sie, als dessen gesetzliche Vertreterin bis zur Volljährigkeit, ist de facto die Eigentümerin. Therese weiß davon und hat es jahrelang verschwiegen.

Sie legt die Papiere zurück, schließt den Ordner und verschließt die Tür. Ein Nebel liegt in ihrem Kopf. Was soll sie tun? Das Testament offenbaren? Einen Skandal auslösen? Heike konfrontieren, wenn sie erfährt, dass sie keinerlei Rechte an dem Haus hat? Der Gedanke lässt sie erschaudern. Sie will keinen Krieg, nur ein ruhiges Leben für sich und ihren Sohn.

Zwei Tage wandert sie benommen, überlegt, was sie mit der Information anfangen soll. Sie könnte sofort ihre Rechte geltend machen, einen Anwalt einschalten und das verschleierte Testament ans Licht bringen. Aber was dann? Weiter unter einem Dach leben mit Menschen, die sie noch mehr hassen? Oder die alte Frau, die Mutter ihres verstorbenen Mannes, aus dem Haus vertreiben? Andreas würde das nicht gutheißen.

Als Therese zurückkehrt, begegnet Maren ihr mit äußerer Gelassenheit. Sie hilft beim Tragen der Taschen, schenkt einen Tee. Therese berichtet fröhlich von ihrer Freundin, von den neuen Setzlingen. Maren nickt, während sie innerlich darüber nachdenkt, wie gut eine Schauspielerin Therese doch ist.

Am Abend, allein in der Küche, fasst Maren Mut.

Therese, wir müssen reden.

Therese hebt überrascht die Augenbrauen.

Worum geht es?

Um das Haus, sagt Maren, bemüht, die Stimme nicht zittern zu lassen. Ich kenne das Testament von Igor Nikolajewitsch.

Stille breitet sich aus, ein langer, klingender Moment. Therese senkt das Glas auf den Tisch, ihr Gesicht erstarrt zu einer undurchdringlichen Maske.

Du hast meine Sachen durchsucht?, fragt sie eisig.

Ich habe zufällig den Ordner in Andreas Zimmer gefunden, in deiner Gedenkzimmer.

Sag das nicht!, flammte Therese auf. Das ist das Zimmer meines Sohnes!

Unseres Sohnes, korrigiert Maren. Meine Sachen liegen dort noch. Und das war unser Schlafzimmer.

Sie blicken sich an, und Maren hält den Blick zum ersten Mal fest.

Und was willst du?, fragt Therese schließlich, ihre Stimme klingt wie Metall. Mich rausschmeißen? Das Haus verkaufen und wegziehen?

Nein. Ich will nichts verkaufen. Das ist Jonas Haus. Das Haus seines Vaters und Großvaters. Ich will nur, dass die Demütigungen aufhören. Dass Heike nicht mehr so mit mir und meinem Sohn spricht, als wären wir Fremde. Wir sind keine Fremden. Gesetzlich gehört das Haus uns.

Therese schweigt, atmet schwer.

Ich habe das alles für die Familie getan, murmelt sie. Ich wollte nicht, dass Heike nach meinem Tod mit nichts dasteht. Ich dachte, wir leben alle zusammen, als eine Familie.

Wir sind keine Familie, Therese, sagt Maren. Wir leben hier wie in einer Wohngemeinschaft, in der ich und mein Sohn nur Mitbewohner ohne Rechte sind. Andreas hätte das nicht gewollt. Er liebte seine Schwester, aber er hätte nie zulassen können, dass sie sich so benimmt.

Therese wendet sich zum Fenster, die Schultern senken sich.

Was willst du jetzt tun?

Nichts, antwortet Maren. Ich lasse das Testament dort, wo es liegt. Ich starte keinen Rechtsstreit. Aber ich möchte, dass du mit Heike sprichst und euer Verhalten änderst. Jonas ist dein einziger Enkel und er sollte nicht mit dem Gefühl aufwachsen, dass er hier unerwünscht ist.

Am nächsten Tag ist Samstag. Mittags kommt Heike mit ihrem Mann und der kleinen Tochter, wie üblich. Maren deckt den Tisch, spürt die angespannte Atmosphäre. Therese ist still und blass.

Mama, warum bist du so sauer?, fragt Heike fröhlich und wirft sich auf einen Stuhl. Hast du schon wieder die neue Mieterin verärgert?

Heike, sei still, schreit Therese scharf, zum ersten Mal so entschieden.

Heike starrt überrascht.

Was?

Ich will, dass du dich bei Maren entschuldigst. Für gestern und für alles, was vorher war.

Heikes Gesicht verzieht sich.

Was? Sich entschuldigen? Bei ihr? Bist du verrückt? Wegen was? Weil ich die Wahrheit sage?

Das stimmt nicht, stottert Therese. Maren und Jonas sind hier nicht Gäste. Dieses Haus gehört ihnen.

Heike dreht den Kopf zu Maren, dann zurück zu ihrer Mutter. In ihren Augen spiegelt sich ungewohnte Wut.

Was redest du da? Das ist dein Haus! Das Haus des Vaters!

Der Vater hat es Andreas gegeben, sagt Therese leise, aber bestimmt. Und jetzt, nach Andreas, geht es an Jonas.

Eine tote Stille legt sich über die Küche. Heikes Mann hält einen Löffel in der Hand, unfähig zu reagieren. Heike starrt ihre Mutter an, als sähe sie sie zum ersten Mal.

Du du wusstest das?, zischt sie. Du hast die ganze Zeit geschwiegen? Du hast uns alle glauben lassen, dass sie hier niemand ist?

Ich wollte es nur zum Besten, stammelt Therese.

Zum Besten der Familie?!, kreischt Heike, springt auf. Welche Familie? Du hast uns jahrelang belogen! Und du,, sie zeigt mit dem Finger auf Maren, du hast alles mitgewickelt, hast dich als die arme Verwandte ausgegeben?

Ich habe erst vorgestern davon erfahren, sagt Maren ruhig.

Lügst du! Ihr seid beide im Bunde!, schreit Heike und greift nach ihrer Tasche. Ich gehe nicht mehr in dieses Haus! Nicht mehr dein Haus!

Sie rennt aus der Küche, ihr Mann folgt ihr. Die Haustür knallt zu.

Therese sitzt da, das Gesicht in den Händen vergraben, die Schultern zittern vor lautlosen Schluchzern. Jonas, der die ganze Zeit still in der Ecke gesessen hat, kommt zu Maren und nimmt ihre Hand.

Maren legt ihre Hand auf Thereses Schulter.

Weinen Sie nicht, Therese, sagt sie sanft. Es wird wieder gut. Sie wird uns irgendwann vergeben.

Therese hebt tränende, verwirrte Augen.

Sie wird mich nie vergeben.

Wird sie, sagt Maren fest. Sie ist deine Tochter. Sie braucht nur Zeit. Und wir alle brauchen Zeit.

Maren weiß nicht, ob sie die Wahrheit sagt. Sie weiß nicht, was morgen bringt. Doch als sie ihren Sohn fest am Arm spürt und die alte Frau sieht, die sich selbst betrogen hat, fühlt sie sich zum ersten Mal seit fünf Jahren nicht als Opfer, sondern als Besitzerin. Besitzerin ihres Hauses und ihres Schicksals. Vor ihr liegen viele Hürden, doch jetzt kennt sie ihr Recht, für sich und ihren Sohn zu kämpfen. Für sich. Und für ihren Sohn.

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