Hochzeitskleid: Stilvolle Eleganz für den schönsten Tag im Leben

Das Hochzeitskleid blieb zurück.
Doch die Ehe war längst verschwunden.
Nur die Geschichte blieb, in der alles wirklich war.

Als im neuen Haus die überfüllte Garderobe vom vielen Stoff zu knistern begann, schwor Gretchen Albrecht ihrem Mann, Friedrich Bauer, dass sie Ordnung schaffen würde: Altzeug ausmisten, verschenken oder verkaufen (vgl. Erzählung Opfer der Mode).

So stand sie eine Stunde lang zwischen den Kleiderstangen, schob ein Kleid vom Haken zum anderen und rechtfertigte jedes in ihrem Kopf: dieses ist nützlich, jenes für einen Spaziergang mit dem Hund, und das für einen Benefizball.

Der Haufen zum Wegwerfen war erschreckend klein. Alles schien wichtig, nötig, fast verwandt.

Plötzlich lugte aus der Tiefe des Schranks ein Stoffbeutel hervor.

Was haben wir denn hier?, runzelte sie die Stirn. Ach ja! Das ist mein Hochzeitskleid!

Nicht der elegante blaue ChanelAnzug, in dem sie das zweite Mal im Rathaus den Bund schloss, sondern das Kleid ihrer ersten Hochzeit das Relikt, das über Ozeane und Jahre mit ihr gezogen war, wie ein Andenken an ein anderes Leben.

Das erste Mal heiratete Gretchen mit einundzwanzig, nach heutiger Rechnung fast ein Teenager, nach damaliger Rechnung schon fast ein altes Fräulein. Sie spürte die verwirrten Blicke bekannter Frauen, das mitfühlende Mitleid verheirateter Freundinnen und das besorgte Stirnrunzeln ihrer Mutter und Großmutter.

Dann kam der Bewerber: ein gutherziger Bursche aus anständiger Familie, fast selbständig, ein Jahr älter und kurz vor dem Abschluss an der Technischen Hochschule.

Sie stimmte zu. Er war hübsch, verliebt, sie gefiel, die Eltern nickten. Was fehlte noch für das Glück? Leidenschaftliche Stimmung?

Der Vater meinte, Leidenschaft sei Erfindung der Schriftsteller, damit sie etwas zu schreiben haben, und die Familie sei zum Leben gebaut, nicht für Romane.

Die Hochzeit sollte bescheiden werden, im Café, ohne Prunk, ohne Limousinen (woher sollten die denn kommen?).

Bei der Kleiderfrage begann das Abenteuer. Dem Bräutigam gelang ein Anzug aus einem Gutschein des Salon für Brautpaare, ihr Glück stand ein Paar Schuhe zu, doch beim Kleid war alles ein Reinfall.

Damals sahen Bräute aus BaiserStoff aus mit Rüschen und Schleifen so groß wie die Propeller eines Feldflugzeugs. Es war rührend und ein wenig komisch, auf eigene Art ehrlich und schön, doch so wollte sie nicht aussehen. Keine bodenlange Schleier, kein Schleppschwanz, der über die Berliner Straße wehte.

Gretchen träumte von einem besonderen Kleid außergewöhnlich und zugleich praktisch. Nicht nur für den Schrank, sondern für Fest und Alltag.

Die Schneiderin ihrer Mutter bot an, ein Kleid aus weißem Batist mit zarten blauen Blumen und engem Korsett zu nähen. Gretchen erstarrte: Sie war inzwischen leicht schwanger, natürlich nach der Anmeldung beim Standesamt. Der Zustand wurde vor den Eltern streng geheim gehalten, doch ein straffes Korsett und morgendliche Übelkeit passten nicht zusammen. Sie murmelte irgendwas über Blumen und zog sich zurück.

Rettung kamen Großvater und Großmutter aus Israel. Als sie hörten, dass die Lieblingsenkelin heiratet, beschlossen sie: Das Kleid wird ihr Geschenk.

Gretchen erwartete das Päckchen voller Aufregung Freude und Angst zugleich. Als sie es schließlich öffnete, traute sie kaum ihren Augen: Das Kleid war schlicht, aber vornehm, im Stil der Zwanziger, weicher Stoff, lockere Passform, horizontale Falten an der Taille, Rock etwas unter das Knie. Kein Spitzen, kein Glitzer nur ein leichter Schleier und feine Handschuhe, die dem Ganzen stille, edle Schlichtheit verliehen.

Der Bräutigam bestand auf dem Schleier er wollte, dass alles wirklich sei. Später nahm er ihn ab, trug die Braut auf den Händen in das sechste Stockwerk. Danach folgte keine Romantik: Müde, übermüdet, erschöpft, stürzten sie aufs Bett und schliefen sofort ein. Um halb sieben musste es dann zum Flughafen nach Georgia für die Flitterwochen.

Drei Jahre später wanderte die junge Familie in die USA aus. Das Kleid reiste selbstverständlich mit.

Nie wieder durfte es getragen werden, nur ein paar Freundinnen liehen es sich die kleineren und glücklicheren. Die anderen seufzten neidisch.

Als die Ehe zerbrach und Gretchen nach Europa zog, packte sie das Kleid erneut in den Koffer für alle Fälle.

Jetzt, Jahrzehnte später, stand sie inmitten des Kleiderschranks und dachte:

Ich muss es verkaufen.

Sie fotografierte das Kleid, schrieb eine kurze Beschreibung und stellte es auf eBay Kleinanzeigen die deutsche Version des Flohmarkts im Netz, wo man alles bekommt, von Kaffeemaschinen bis zu Hamstern.

Preis: 98Euro, um nicht zu erschrecken, aber dennoch zu zeigen, dass es kein Schnäppchen ist.

Zu ihrer Überraschung wurde das Kleid am selben Tag verkauft.

Die Käuferin war eine Einheimische, und sie vereinbarten ein Treffen in einem Café in der Innenstadt ohne Versand.

Gretchen saß bereits mit Cappuccino und Croissant, als plötzlich ein Wirbelwind einer jungen Frau an den Tisch stürmte etwa siebenundzwanzig, mit hellbraunen Haaren und blauen Augen.

Gott, das bin doch ich, als ich jung war, dachte Gretchen.

Die Frau betrachtete das Kleid, staunte, drehte es in den Händen und plapperte ununterbrochen:

Ich komme aus Polen, studiere Pharmazie, mein Verlobter ist Spanier, studiert und arbeitet ebenfalls.

Wir brauchen keine Hilfe, das brauchen wir nicht, sagte sie überzeugt. Wir schaffen das selbst. Die Hochzeit wollen wir im GatsbyStil für Freunde, fröhlich. Ihr Kleid ist ein Wunder, passt perfekt!

Gretchen lächelte:

Dann ist das gut. Ich freue mich, dass ich geholfen habe. Geld brauchst du nicht, nimm es.

Sie wischte eine Träne weg und dachte: Vielleicht bringt dir dieses Kleid, Mädchen, echtes Glück. Und bei mir war es, wenn man genau hinsieht, nicht so schlecht: Liebe, zwei wunderbare Söhne, Reisen, Lachen. Nur nicht alles auf einmal und nicht wie im Film.

Die Frau ging, und draußen nieselte Regen dünn wie ein Schleier. Gretchen sah zur Straße und dachte, dass Glück doch viele Formen hat.

Manchmal ist es wie ein Kleid: nicht neu, aber vertraut. Wichtig ist, dass es wenigstens einmal die richtige Größe hat.

Sie rührte nachdenklich den abgekühlten Cappuccino um und lächelte.

Man muss den Schrank doch genauer durchsehen, überlegte Gretchen. Da gibt es noch viel mehr.

Оцените статью
Hochzeitskleid: Stilvolle Eleganz für den schönsten Tag im Leben
This Will Be a Whole New Life