Ich fand eine Notiz im Schubladenfach meines Schreibtisches: Er weiß. Lauf!
Frau Liselotte Braun, könnten Sie bitte die Katalogkarten im dritten Fach prüfen? Es sieht so aus, als hätten die Studenten wieder alles durcheinander gebracht, sagte die Bibliotheksleiterin Angelika Petersen, während sie die Brille an der Nasenspitze richtete. Und bitte bleiben Sie heute nicht bis spät in die Nacht, Sie arbeiten eh schon zu viel.
In Ordnung, Frau Petersen, mache ich gleich, nickte Liselotte, kaum den Blick vom Bildschirm lösend. Sobald ich die elektronische Inventur der Neuzugänge beendet habe.
Angelika schüttelte den Kopf und verließ die Abteilung für Katalogisierung, ihre Absätze klackerten über das alte Parkett. Die Stadtteilbibliothek stand im ehemaligen Gymnasium hohe Decken, Stuck und knarrende Dielen, die jeden Besucher lange vorher ankündigten, bevor er die Schwelle überquerte.
Liselotte hatte in den letzten drei Wochen tatsächlich bis spät gearbeitet, doch das lag nicht an Fleiß, wie Angelika dachte. Zu Hause wartete niemand mehr, seit ihr Mann Stefan ausgezogen war, und mit ihm das warme Gefühl, das einst die kleine Wohnung erfüllt hatte. Jetzt herrschte nur Stille, unterbrochen vom Ticken einer alten Uhr, die sie von ihrer Großmutter geerbt hatte.
In der Bibliothek hingegen herrschte immer Arbeit. Liselotte liebte den Geruch von Büchern, das Rascheln der Seiten, sogar den Staub, der sich trotz aller Mühen der Reinigungskraft Tante Klara stets auf den oberen Regalen sammelte. Dort fühlte sie sich gebraucht, an ihrem Platz.
Liselotte, vergiss nicht, morgen ist das Treffen mit dem Autor, rief Ute, die junge Bibliothekarin aus der Ausleihe, als sie durch die Tür kam. Wir müssen den kleinen Saal herrichten und die Poster drucken.
Ich erinnere mich, Ute, lächelte Liselotte. Die Poster liegen bereits in meinem Schreibtisch, oben im Fach. Hol sie dir bitte selbst, ich muss noch den Katalog fertigstellen.
Ute nickte, trat zu dem massiven Eichen-Schreibtisch und zog das oberste Fach heraus, um die Mappe mit den Postern zu holen.
Was ist das?, fragte sie, als sie zusammen mit der Mappe ein losees Blatt herauszog.
Was?, drehte Liselotte sich zu ihr um.
Eine Notiz, wohl aus der Mappe gefallen.
Ute reichte ihr das gefaltete Blatt. Liselotte entfaltete es und las drei Worte, hastig geschrieben: Er weiß. Lauf.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Ihr erster Gedanke war: Das ist ein Scherz. Doch tief im Inneren wusste sie, dass es keiner war. Sie faltete das Blatt vorsichtig und steckte es in die Tasche ihres Mantels.
Nur ein Gerücht, sagte sie, die Stimme gleichgültig bemüht. Wahrscheinlich hat ein Student das hier fallen lassen.
Ute zuckte mit den Schultern:
Na gut, ich häng die Poster auf.
Als die Tür hinter Ute ins Schloss fiel, zog Liselotte die Notiz erneut heraus. Er weiß. Lauf. Wer wusste was? Und wer hatte das geschrieben?
Die Handschrift war ihr vertraut, doch Liselotte konnte sich nicht erinnern, wo sie sie schon einmal gesehen hatte. Sie dachte an die Handschriften ihrer Kolleginnen nichts passte. Vielleicht war es Stefan? Aber warum sollte er so etwas schreiben? Ihr Abschied war friedlich, ohne Dramen. Er hatte ihr nur gesagt, dass er nicht mehr die gleichen Gefühle habe und sie besser Freunde bleiben könnten. Banale, vorhersehbare Geschichte.
Liselotte versuchte, sich auf die Arbeit zu konzentrieren, doch die Gedanken kehrten immer wieder zu der Notiz zurück. Am Tagesende beendete sie endlich den Katalog, übergab die Schlüssel dem Nachtwächter und ging hinaus in den trüben Oktoberabend. Ein feiner Regen trommelte, die Laternen verschwammen zu gelben Flecken im Nebel.
Der Weg nach Hause war fünfzehn Minuten zu Fuß. Normalerweise genoss Liselotte diesen Spaziergang vorbei am alten Park, durch den ruhigen Innenhof mit den Schaukeln, wo tagsüber Kinder spielten. Heute jedoch schienen alle Schatten bedrohlich, jedes Geräusch ließ sie zusammenzucken. Er weiß. Lauf. Vor wem?
Im Treppenhaus atmete sie auf. Es war hell und still. Sie stieg in den dritten Stock, öffnete die Tür zu ihrer Wohnung. Alles wie gewohnt: Stille, der Duft von Zimt aus dem duftenden Säckchen, das sie im Flur aufgehängt hatte, um das Fehlen Stefans etwas zu mildern.
Sie schob den Mantel ab, ging in die Küche, stellte den Wasserkocher an und holte den gestrigen Salat aus dem Kühlschrank. Sie wollte etwas tun, um nicht an die rätselhafte Notiz zu denken.
Das Telefon klingelte, und sie zuckte zusammen. Auf dem Display stand Mama.
Hallo, Mama, sagte Liselotte, bemüht ruhig zu klingen.
Liselotte, wie geht es dir?, klang die Stimme ihrer Mutter besorgt. Ich habe den ganzen Tag ein mulmiges Gefühl. Alles in Ordnung bei dir?
Ja, alles gut, log Liselotte. Ihre Mutter sorgte sich schon wegen der Trennung, und ein paar anonyme Notizen würden das nur noch verstärken. Ich bin nur müde von der Arbeit.
Kommst du am Wochenende zu mir? Ich backe einen Kuchen, du könntest dich entspannen.
Vielleicht, Mama. Lass uns am Freitag telefonieren.
Nach dem Gespräch fühlte sich Liselotte noch einsamer. Der Tee war kalt, sie wollte weder essen noch fernsehen. Sie nahm die Notiz erneut zur Hand und starrte die drei Worte an.
Ein Klopfen an der Tür ließ sie erstarren. Es war zehn Uhr abends wer könnte so spät kommen? Sie schlich zur Tür, blickte durch den Spion. Auf dem Treppenabsatz stand Michael Steffens, der ältere Nachbar von oben.
Wer ist da?, fragte Liselotte vorsichtig.
Ich bins, Michael. Öffne, Liselotte.
Sie öffnete, ließ die Kette jedoch hängen.
Entschuldigen Sie die späte Störung, sagte er verlegen. Aber meine Wasserleitung leckt, dringt das Wasser zu Ihnen durch?
Nein, alles trocken, antwortete Liselotte erleichtert. Danke, dass Sie Bescheid gesagt haben.
Gut, dass wir das geklärt haben, meinte er, der Klempner kommt morgen.
Als Michael ging, fühlte Liselotte sich ein wenig albern. Sie hatte wegen einer Notiz Panik geschoben, die wahrscheinlich von einem Studenten stammte, nur ein Streich. Ihr Geist hatte nach all den Detektivromanen, die sie zuletzt verschlungen hatte, überreagiert.
Sie legte sich schlafen, doch der Schlaf wollte nicht kommen. Sie wälzte sich, lauschte jedem Geräusch. Der Regen rauschte draußen, irgendwo fuhren Autos. Gewöhnliche nächtliche Stadtgeräusche, doch heute klangen sie unheilvoll.
Morgens erwachte sie erschöpft, aß hastig ein Brot, trank starken Kaffee und machte sich wieder an die Arbeit. Der Tag versprach ein volles Programm: das Treffen mit dem Autor, das Saalsetzen und die neuen Zugänge.
In der Bibliothek herrschte bereits reges Treiben. Angelika gab Anweisungen, Ute stellte Stühle im kleinen Saal auf, die Reinigungskraft Tante Klara schimpfte beim Bodenwischen.
Liselotte, da hat ein Mann nach dir gefragt, bemerkte Tante Klara, als Liselotte vorbeiging. Ein großer Typ, dunkler Mantel. Ich sagte, du bist noch nicht hier.
Ein Mann?, hielt Liselotte inne. Hat er sich vorgestellt?
Nein. Er wollte nur, dass ich ihm sage, du kommst später.
Ein Schauder lief Liselotte über den Rücken. Er weiß. Lauf. Wer war dieser Mann? Was wollte er? Sie versuchte, sich zu beruhigen. Vielleicht ein Besucher, ein Verleger?
Sie setzte sich an ihren Computer, wollte nur arbeiten, doch ein lautes Klopfen an der Tür riss sie aus der Konzentration.
Herein, rief Liselotte, den Blick nicht vom Bildschirm wendend.
Die Tür öffnete sich, und ein großer Mann im dunklen Mantel trat ein. Es war Andreas, ein ehemaliger Klassenkamerad von Stefan. Sie kannten sich kaum, er war nur ein flüchtiger Bekannter.
Guten Tag, Liselotte, sagte er, schloss die Tür hinter sich. Entschuldige die Störung, aber wir müssen reden.
Worum geht es?, fragte sie, die Stimme leicht erschrocken.
Andreas sah sich hastig um, als wolle er sicherstellen, dass niemand lauschte, und setzte sich ihr gegenüber.
Es geht um Stefan, flüsterte er. Und um dich.
Wir haben uns getrennt, sagte Liselotte trocken. Wenn du etwas mit ihm zu tun hast, wende dich bitte direkt an ihn.
Es geht nicht um die Trennung, erwiderte er. Es ist viel gravierender.
Er lehnte sich vor, senkte die Stimme:
Hast du meine Notiz bekommen?
Liselotte spürte, wie ein kalter Schauer ihren Rücken hinunterlief.
Deine Notiz? Er weiß. Lauf? Was soll das bedeuten?
Andreas blickte zur Tür, dann zurück:
Stefan ist nicht der, der er vorgibt zu sein. Und er weiß, dass ich das herausgefunden habe. Jetzt ahnt er vielleicht, dass du es auch weißt.
Wovon redest du?, fragte Liselotte, völlig verwirrt.
Von dem, was Stefan wirklich macht, zog er ein Handy aus der Tasche und zeigte ein Foto. Auf dem Bild stand Stefan, wie er mit einem Mann vor einem grauen Gebäude sprach.
Kennst du das Büro von Ost-Invest?, fragte Andreas. Die Firma hat in den Nachrichten gestanden sie haben Hunderte Rentner um hohe Zinsen betrogen und das Geld dann verballert.
Liselotte schüttelte den Kopf.
Stefan arbeitet doch im Autohandel, protestierte sie.
Das ist nur eine Fassade, sagte Andreas und zeigte ein zweites Bild. Es zeigte Stefan mit einem Aktenordner voller Geldscheine.
Er war schon vor fünf Jahren in einem ähnlichen Fall in Nürnberg involviert, kam damals aber davon. Er änderte den Namen, zog nach hier, lernte dich kennen
Liselotte fühlte, wie der Raum sich drehte. Der Mann, den sie vier Jahre lang geliebt hatte der gern kochte, Schallplatten sammelte war ein Betrüger, der Rentner ausspuckte?
Warum hast du Lauf geschrieben?, fragte sie, während ihr Kopf wirbelte.
Weil er gefährlich ist, sagte Andreas ernst. Als ich Nachforschungen anstellte, wurden wir beobachtet. Der Mann, der das Schema zuerst aufdeckte, kam bei einem Unfall ums Leben.
Liselotte erinnerte sich an das Gefühl, beobachtet zu werden. War das Einbildung oder echte Überwachung?
Was soll ich tun?, fragte sie verzweifelt.
Flieh. Noch für die Zeit, bis alles sich beruhigt hat. Hast du irgendwo ein Ziel, wohin du fahren könntest?
Sie dachte an ihre Mutter, die in einem kleinen Ort drei hundert Kilometer entfernt lebte.
Ja, das habe ich.
Dann pack deine Sachen und reise heute noch. Ich melde mich, wenn es sicher ist, zurückzukehren.
Nachdem Andreas gegangen war, saß Liselotte noch lange da, starrte ins Leere. Alles schien wie ein Krimi, den sie so gern las, aber die Fotos und die Notiz waren real.
Sie ging zu Angelika und erklärte:
Ich muss dringend weg, familiäre Gründe. Kann ich ein paar Tage Urlaub bekommen?
Angelika sah besorgt aus:
Ist etwas passiert? Du siehst blass aus.
Meine Mutter ist krank, log Liselotte. Ich muss zu ihr.
Natürlich, nimm dir die Zeit.
Zuhause schnürte Liselotte schnell einen kleinen Koffer Reisepass, Geld, ein paar Kleidungsstücke. Sie rief ihre Mutter an:
Mama, ich komme heute Abend mit dem Zug.
Ist alles in Ordnung?, klang die Stimme ängstlich.
Nein, nur ich habe dich vermisst.
Als sie am Bücherregal vorbeikam, blieb sie stehen. In einem Bilderrahmen hing ein Foto von ihr und Stefan am Meer, lachend, sonnengebräunt. Sie nahm das Bild, starrte Stefans Gesicht an, das sie vier Jahre lang gekannt hatte.
Ein klopfendes Geräusch an der Tür ließ ihr Herz rasen. Sie schlich zur Tür, spähte durch den Spion. Auf dem Treppenabsatz stand Stefan.
Liselotte, ich weiß, dass du zu Hause bist, sagte er ruhig, fast müde. Bitte öffne. Wir müssen reden.
Sie schwieg, wollte nicht atmen.
Es geht um Andreas, fuhr er fort. Er war heute hier, hat von dir erzählt, von Ost-Invest
Wie konnte er das wissen? Wurde sie wirklich beobachtet?
Liselotte, hör zu, das ist nicht das, was du denkst, flehte er. Andreas hat alles falsch interpretiert. Ich kann alles erklären.
Sie blieb stumm, überlegte fieberhaft, ob sie über den Balkon fliehen sollte. Sie wohnte im dritten Stock. Die Polizei zu rufen schien sinnlos wer würde ihr glauben, dass ihr ExMann an der Tür steht und um ein Gespräch bittet?
Gut, sagte Stefan schließlich, wenn du die Tür nicht öffnest, lege ich eine Notiz darunter.
Ein Rascheln von Papier, dann Schritte, die die Treppe hinuntergingen. Nach ein paar Minuten öffnete Liselotte vorsichtig die Tür. Auf dem Boden lag ein gefaltetes Blatt. Sie hob es auf, schloss die Tür.
Der Text lautete: Liselotte, ich arbeite undercover. Untersuche das OstInvestVerfahren mit der Polizei. Andreas ist einer der Verdächtigen. Glaub ihm nicht. Ruf mich, ich erkläre alles. Stefan.
Sie las die Botschaft mehrmals. Wem sollte sie vertrauen? Andreas, den sie kaum kannte, oder Stefan, den sie vier Jahre lang geliebt hatte, der nun offenbar ein Geheimnis verborgen hielt?
Sie setzte sich aufs Sofa, hielt beide Notizen Er weiß. Lauf und Glaub ihm nicht fest in den Händen.
Sie wählte die Nummer ihrer alten Freundin Marlene, die jetzt als Staatsanwältin arbeitete.
Marlene, entschuldige die Störung, ich brauche deine Hilfe. Kannst du die Infos zu diesem Mann prüfen? Es ist wichtig.
Was ist passiert?, hörte Marlene besorgt.
Schwer zu erklären am Telefon. Können wir uns treffen?
Eine Stunde später saßen sie in einem kleinen Café zwei Straßen von Liselottes Haus. Marlene hörte zu, nippte an ihrem kalten Kaffee, dann schrieb sie mit dem Finger über den Tisch.
Ich kann sowohl Stefan als auch Andreas prüfen. Das dauert, aber wir finden die Wahrheit.
Und jetzt?, fragte Liselotte.
Fahre zu deiner Mutter, das ist sicherer, solange wir die Sache klären.
Am Abend stieg Liselotte in den Zug Richtung Osten. Durch das Fenster sah sie die Lichter der Stadt verblassen, dachte daran, wie plötzlich ihr Alltag in einen Thriller verwandelt war. Noch gestern war sie nur Bibliothekarin, die nach ihrem ExEhemann trauerte, heute war sie Teil eines KatzundMausSpiels.
Das Telefon klingelte, während der Zug Fahrt aufnahm. Es war Marlene.
Liselotte, ich habe etwas herausgefunden. Stefan arbeitetMarlene erklärte, dass Stefan tatsächlich im Verborgenen ermittelte und nun beide in Sicherheit seien.







