In jeder Klasse, egal wie viele Jahre vergehen, bleibt das feste Gerüst die Menschen, die telefonieren, sich treffen, den Kreis am Leben halten. Wenn das Jubiläum ansteht, übernehmen dieselben Gesichter die Organisation: Ort, Menü, Programm alles nach alter Gewohnheit, locker und herzlich.
Als die Gästeliste fertig war, wurde das Gespräch schärfer. Lehrer müssen natürlich eingeladen werden. Und die Klassenkameraden, wirklich alle?
Alle kommen, sagte Florian entschieden. Nur Lukas Meier haben wir nicht eingeladen. Der Penner ist schon genug da.
Wie kann das sein, dass Lukas nicht kommt?, schrie Anke, die Brille mit dicker Fassung tragend. Er kommt! Ich habe mit ihm gesprochen.
Anke, widersprach leise Heike, die ehemalige Klassensprecherin, er könnte doch wieder saufen, das wäre unangenehm. Ich habe ihn neulich gesehen, er wankte kaum, erkannte mich nicht.
Anke seufzte nur:
Macht nichts. Ich weiß, er bereitet sich vor.
Vielleicht, fügte sie hinzu, ist dieses Treffen für ihn wichtiger als für uns alle zusammen.
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Lukas war in der Schule ein anderer. Sanft, still, freundlich. Nie erhob er die Stimme, verletzte niemanden. Er konnte zuhören, helfen, da sein, wenn jemand ihn brauchte. Ordentliche Hefte, gerade Zeilen, Diktate ohne Fehler. Physik und Mathe fielen ihm leicht, Formeln flüsterten ihm fast schon die Lösungen zu. Bei Olympiaden kam er meist mit Urkunde nach Hause selten mit dem ersten Platz, aber immer mit einem Ergebnis. Auf den Versammlungen stand er neben den Klassenbesten, ein Händedruck auf die Brust war für ihn kein Stolz, sondern Verlegenheit so nahm er jedes Lob auf.
Er träumte vom Militärgymnasium nach der neunten Klasse. Noch erinnere ich mich an den Tag, an dem er mit seiner Klassenlehrerin die offene Tür besuchte. Er kam zurück, ganz begeistert, erzählte von Uniform, Parade, Disziplin, davon, dass man dort lernt, gebraucht zu werden. Alle glaubten, er würde es schaffen.
Zuhause war es jedoch ein anderes Bild. Der Vater war lange tot, die Mutter trank.
Eines Abends, zum Abschlussball, kam sie nach einem heftigen Rausch herein, wankte hinten, die Augen trüb, das Haar zerzaust. Als Lukas die Urkunde erhielt, schrie sie plötzlich:
Gut gemacht, Lukas! Mein Sohn!
Er stand mit gerötetem Gesicht, gefalteten Händen, als wolle er in die Erde versinken. Das Lob seiner Mutter war wie ein plötzliches Feuerwerk in seinem Leben in dieser Form brauchte er es nicht.
Der Plan, ins Militärgymnasium zu gehen, zerbrach. Er fürchtete, dass seine Schwester ins Heim kommt, wenn er wegzieht. Also blieb er weiter zur Schule, jobbte abends, ließ den Unterricht öfter ausfallen, geriet in schlechte Gesellschaft und alles geriet aus den Fugen
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Er bereitete sich auf das Wiedersehen mit den Klassenkameraden auf seine Art vor. Fand irgendwo einen grauen Anzug zwei Nummern zu groß, aber sauber. Suchte lange das passende Hemd, bügelte, prüfte die Knöpfe. Rasierte sich vorsichtig, richtete die Haare so gut es ging. Zwei Tage lang nichts getrunken er wollte an diesem Abend er selbst sein, wenn alle zusammenkommen.
Als er das Restaurant erreichte, zögerte er, nicht sofort hineinzugehen. Er stand abseits, wo man ihn kaum sah, und beobachtete. Er sah, wie die ehemaligen Klassenkameraden sich umarmten, etwas auf den Handys zeigten, lachten, schallten laut. Alles schien ihnen jetzt mühelos zu gelingen.
Er stand verlegen und unsicher, als fürchte er, dass ein falscher Schritt das zerbrechliche Bild dieses Abends zerstören könnte. Erst nach einer Stunde fasste er Mut und trat ein.
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Am Eingang stand er sauberes Haar, nicht geschnitten, ein Anzug, der nicht passte, Schultern etwas nach unten, ein verlegener Blick.
Anke rief sofort:
Lukas, komm her! Hier ist dein Platz!
Er trat näher. Die anderen erwachten: Trinksprüche, Gelächter, Musik.
Lukas trank kaum, aß kaum er saß nur da, hörte zu, beobachtete. Manchmal lächelte er kaum merklich.
Als der Abend sich dem Ende neigte, stand Lukas auf.
Seine Stimme zitterte, jedes Wort fiel ihm schwer, als wären jahrelange Knoten im Herzen zusammengedrängt und nun losgerissen:
Danke euch danke, dass ihr mich eingeladen habt das ist wohl das Schönste, was mir in den letzten fünfzehn Jahren passiert ist
Seine Augen glänzten, ein Kloß drängte sich zum Hals, die Schultern verkrampften, die Hände zitterten leicht. Er war schutzlos, offen, wie ein Kind, das zum ersten Mal glaubt, man nehme es so, wie es ist.
Ich ich bin sehr dankbar Entschuldigt, falls ich jemals na ja, jemandem etwas getan habe
Und dann ertönte im Chor:
Natürlich, Lukas! Wir freuen uns auch riesig! Ohne dich wäre das hier nicht komplett! Es kam nie zur Frage, dich nicht einzuladen!
Seine ehrlichen Gefühle wurden von diesem einförmigen Echo gemildert: Lächeln, Schulterklopfen, laute Versprechungen Es waren keine Gesten des Mitgefühls es war höfliche, soziale Freundlichkeit, bei der niemand tiefer bohren wollte. Heuchlerisch bis ins Mark: Worte warm, Blicke flüchtig, Sorge nur zum Vorschein.
Anke beobachtete das Ganze, während in ihrem Kopf eine Stimme murmelte:
Ihr wolltet ihn doch nicht wirklich einladen
Doch das Wichtigste Gott sei Dank Lukas bemerkte das nicht. Er glaubte an ihre Worte, weil er keinen Grund zum Zweifeln hatte.
Er dankte, verbeugte sich leicht verlegen und verließ den Saal einer der Ersten. Leise ging er hinaus, ohne Abschied, ohne Warten, ohne zurückzublicken.
Nach ihm lachten noch lange alle, erzählten alte Geschichten, berichteten, wer wo arbeitet, wer was erlebt hat, wer wen getroffen hat Und wieder Gelächter, Musik, das Klirren von Gläsern.
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Spät in der Nacht, als Anke nach Hause ging, sah sie Lukas auf einer Bank vor dem Haus, unter dem schwachen Licht einer Laterne. Er saß gebeugt, bereits betrunken, trübe Augen, Hände auf den Knien. Anke erkannte ihn kaum.
Sie trat näher, ihr Herz zog sich zusammen:
Warum hast du wieder getrunken, Lukas? Heute hast du dich noch gehalten, warst du du selbst Warum jetzt?
Anke blickte auf ihn, auf den dunklen Hinterhof, leere Fenster, die Laterne, und dachte:
Wie viele Leben zerbrechen still, unbemerkt, weil keine helfende Hand, kein Schulterklopfen, kein tröstendes Wort da war? Und wenn jemand gewesen wäre, dann wäre Lukas nicht hier, in diesem Anzug, betrunken
Die Frage hing in der nächtlichen Stille. Eine Antwort blieb aus.







