Nein! Ich habe gesagt, nein! Hörst du mich? Wir werden da nichts ändern. Vater hat diese Veranda mit seinen eigenen Händen gebaut, jeden Nagel selbst eingeschlagen.
Lukas, versteh doch, sie ist völlig verfault! Anna Müller schloss müde die Augen und drückte das Telefon so fest ans Ohr, dass das Läppchen schmerzte. Die Bretter geben nach, das Dach leckt. Es ist einfach gefährlich! Viktor sagt, wir könnten alles vorsichtig abtragen und
Viktor! Wieder dieser Viktor! Die Stimme ihres Sohnes in der Leitung wurde rau wie Schleifpapier. Was geht ihn das an? Er würde am liebsten alles abreißen und neu bauen, fremdes Eigentum ist ihm egal. Mama, das ist nicht einfach eine Veranda, das sind Erinnerungen!
Lukas, welche Erinnerungen, wenn sie jeden Moment zusammenbricht? In Annas Stimme schwang Tränen mit. Wir tun das doch für dich, damit du mit Lena vorbeikommen kannst, wenn irgendwann Enkel da sind
Es wird keine Enkel auf eurer neuen Veranda geben! Schnitt Lukas ihr das Wort ab. Ich komme nicht mehr ins Wochenendhaus, wenn ihr auch nur ein Brett anfasst. Das wars, ich habe keine Zeit.
Das kurze Freizeichen klang wie ein Urteil. Anna ließ langsam die Hand mit dem Telefon auf den Küchentisch sinken. Die Leere in ihrer Brust, die in den letzten sechs Monaten zur Gewohnheit geworden war, schnürte ihr erneut die Rippen zu. Sie blickte aus dem Fenster auf die gelben Blätter der Birke, und die Welt erschien ihr so grau und trist wie ihre eigene Stimmung.
Viktor kam in die Küche. Groß, graumeliert, mit einer Lesebrille, hielt er ein aufgeschlagenes Buch in der Hand. Als er das Gesicht seiner Frau sah, verstand er sofort.
Wieder? fragte er leise und legte das Buch auf die Fensterbank.
Anna nickte nur, unfähig, ein Wort herauszubringen. Er trat zu ihr, legte den Arm um ihre Schultern, und bei seiner Wärme, dem vertrauten Duft seines Aftershaves und etwas ganz Eigenem, Vertrautem, erlaubte sie sich endlich zu weinen. Leise, lautlos, ließ sie einfach die Tränen auf sein kariertes Hemd tropfen.
Ach, Annelie, hör schon auf, strich er ihr über das Haar. Du hättest ihn nicht anrufen sollen. Du weißt doch, wie das endet.
Aber das Wochenendhaus schluchzte sie. Er bringt mich um, wenn wir dort etwas ändern. Und es geht nicht mehr, alles fällt auseinander.
Ach, vergiss das Wochenendhaus. Wir finden eine Lösung. Hauptsache, du. Sieh doch, was du dir antust.
Sie hatten sich vor zwei Jahren bei einem Klassentreffen kennengelernt. Anna war nur widerwillig hingegangen, von ihrer Freundin Ulrike überredet. Nach dem Tod ihres ersten Mannes Stefan waren bereits zehn Jahre vergangen, und all die Jahre hatte sie nur für Lukas gelebt. Erst die Schule, dann die Uni, dann der erste Job Sie hatte nicht bemerkt, wie die Zeit verging, wie sich neue Fältchen um ihre Augen bildeten, wie ihr Sohn aus einem tollpatschigen Teenager zu einem erwachsenen, selbstständigen Mann wurde.
Dann war er ausgezogen. Hatte mit seiner Freundin Lena eine Wohnung gemietet, und das Haus war leer. Abends drückte die Stille auf die Ohren. Anna versuchte, sich abzulenken: meldete sich zum Yoga an, fing an zu sticken, las die ganze Hausbibliothek durch. Doch die Trauer blieb.
Und dann war er aufgetaucht. Viktor, ihr Klassenkamerad, an den sie sich kaum erinnerte. Ein stiller, schüchterner Junge, der in der letzten Reihe gesessen hatte. Jetzt stand ein selbstbewusster Mann vor ihr, Mathematikprofessor an der örtlichen Uni. Auch er war Witwer. Sie hatten den ganzen Abend geredet. Es stellte sich heraus, dass sie die gleichen Filme mochten, beide gern durch den Herbstpark spazierten und beide verzweifelt menschliche Wärme vermissten.
Ihre Romanze entwickelte sich langsam, vorsichtig. Sie gingen spazieren, ins Theater, redeten stundenlang in einem kleinen Café am Park. Anna spürte, wie ihre Seele auftaute, wie die Lebensfreude zurückkehrte.
Mit Lukas hatte sie gesprochen, als sie merkte, dass es ernst wurde. Ihr Sohn hatte die Neuigkeit überraschend gelassen aufgenommen.
Mama, du bist erwachsen, hatte er gesagt und den Zucker in seiner Tasse umgerührt. Wenn du mit ihm glücklich bist, freut mich das für dich.
Sie war so glücklich. Alles schien perfekt. Ein Jahr später hatten sie und Viktor standesamtlich geheiratet. Leise, ohne großes Tamtam. Nur die engsten Freunde waren dabei Ulrike mit ihrem Mann, Viktors Schwester und natürlich Lukas mit Lena.
Genau an diesem Tag hatte alles angefangen. Den ganzen Abend war Lukas mürrisch gewesen. Kaum ein Wort, ein aufgesetztes Lächeln und demonstrative Ignoranz gegenüber Viktor. Als die Zeit für die Ansprache kam, hob er sein Glas und starrte an die Wand:
Ich trinke auf Papa. Er war ein echter Mann und der beste Vater. Und niemand wird ihn ersetzen. Niemals.
Im Restaurant breitete sich unbehagliche Stille aus. Lena zupfte an seinem Ärmel, flüsterte etwas, doch er winkte nur ab. Anna spürte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. Viktor drückte ihre Hand unter dem Tisch, und nur das hielt sie davon ab, in Tränen auszubrechen.
Nach der Hochzeit hatte Lukas nicht mehr angerufen. Gar nicht. Zuerst dachte Anna, er sei einfach beschäftigt, Arbeit, Termine. Sie rief selbst an. Die Gespräche waren kurz und angespannt. Hallo, wie gehts? Gut. Was gibts Neues? Nichts. Kommt ihr am Wochenende vorbei? Ich backe einen Apfelkuchen, deinen Liebling. Weiß nicht, mal sehen. Wird wohl nichts. Okay, Mama, ich muss los.
Dann ging er gar nicht mehr ran. Lehnte ihre Anrufe einfach ab. Nachrichten in Messengern blieben ungelesen. Der letzte Tropfen war ihr Geburtstag. Sie hatte ein Festessen vorbereitet, wartete auf ihn wie in alten Zeiten. Er kam nicht. Gratulierte nicht einmal. Schickte nur einen Kurier mit einem Strauß Chrysanthemen und einer Standardkarte Zum Geburtstag. Kein persönliches Wort.
An diesem Abend hatte sie zum ersten Mal ernsthaft mit Viktor über ihren Schmerz gesprochen.
Ich verstehe nicht, was ich falsch gemacht habe, flüsterte sie, auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzend. Er sagte doch selbst, er freue sich für mich. Was ist passiert?
Annelie, er ist eifersüchtig, antwortete Viktor ruhig und sah in die Flammen des elektrischen Kamins. Eifersüchtig auf dein neues Leben. Und eifersüchtig auf die Erinnerung an seinen Vater. Er denkt, ich versuche, seinen Platz einzunehmen.
Aber das ist doch albern! rief sie. Niemand versucht, Stefan zu ersetzen! Ich habe ihn geliebt, er war der Vater meines Kindes! Aber er ist seit zehn Jahren tot! Zehn! Hab ich denn kein Recht auf ein bisschen Glück?
Natürlich hast du das, sagte Viktor entschlossen. Aber er versteht das noch nicht. Er ist noch ein Junge, trotz des Bartes. Er braucht Zeit.
Doch die Zeit verging, und nichts änderte sich. Die Mauer des Schweigens zwischen ihr und ihrem Sohn wuchs immer höher. Anna nahm ab, schlief schlecht. Jedes Telefonklingeln ließ ihr Herz hoffnungsvoll hüpfen, doch es war immer jemand anderes.
Das Gespräch über das Wochenendhaus war ein weiterer Schlag gewesen. Dieses Haus war ihr Familiennest. Stefan hatte es selbst gebaut, mit Herzblut. Nach seinem Tod waren sie und Lukas jeden Sommer dort gewesen. Ihr Sohn kannte jeden Winkel, jeden Apfelbaum, den sein Vater gepflanzt hatte. Und jetzt sah er Viktors Vorschlag, die marode Veranda zu reparieren, als Angriff auf etwas Heiliges an.
Soll ich zu ihm fahren? fragte Anna und löste sich von Viktor. Unter vier Augen reden. Nicht am Telefon.
Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist, schüttelte Viktor den Kopf. Er ist aufgeladen. Das könnte alles noch schlimmer machen. Lass ihn abkühlen.
Sie hörte auf ihn, doch es wurde nicht besser. Ein paar Tage später rief Ulrike an.
Annelie, hallo! Warum meldest du dich nicht? Alles in Ordnung?
Hallo, Ulli. Ach, nicht wirklich, seufzte Anna.
Wieder Lukas?
Genau.
Sie erzählte ihrer Freundin von dem letzten Gespräch. Ulrike schnalzte mitleidig mit der Zunge.
Dein Junge ist ein Egoist, das sag ich dir. Erwachsen geworden, aber kein bisschen klüger. Die Mutter ist glücklich, und er macht ein Theater. Pfui!
Ulli, sag das nicht. Er ist kein Egoist. Er hat seinen Vater einfach sehr geliebt.
Und? Das haben wir alle. Aber das Leben geht weiter! Du hast ihn zehn Jahre allein großgezogen, Nächte durchgemacht, alles für ihn getan. Und jetzt, wo du endlich einen verlässlichen Mann an deiner Seite hast, macht er Szenen. Viktor ist doch ein Goldstück! Geduldig, fürsorglich. Ein anderer hätte längst gesagt: Kümmere dich selbst um deinen Sohn.
Viktor würde das nie sagen. Er versteht alles. Meint, wir sollen abwarten.
Warten kann man bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag, schnaubte Ulrike. Hör mal, hast du mit Lena gesprochen? Vielleicht kann sie auf ihn einwirken? Sie ist doch ein kluges Mädchen.
Der Gedanke schien Anna vernünftig. Mit Lena hatte sie immer ein gutes Verhältnis gehabt. Sie suchte ihre Nummer im Adressbuch. Die Hände zitterten, als sie die Anruftaste drückte.
Hallo, Anna Müller? Guten Tag! Lenas Stimme klang munter und leicht überrascht.
Lenchen, hallo, mein Schatz. Entschuldige die Störung. Hast du Zeit?
Ja, natürlich. Ist was passiert?
Nein, nichts Ich wollte nur fragen Wie gehts euch? Wie gehts Lukas?
Am anderen Ende der Leitung entstand eine kurze Pause.
Uns gehts gut, wir arbeiten, antwortete Lena zurückhaltender.
Ich habe ihn angerufen, er geht nicht ran, wagte Anna den nächsten Schritt. Hat er sich etwa über etwas geärgert?
Wieder Stille. Dann seufzte Lena leise.
Anna Müller, er ist nicht sauer. Er es fällt ihm einfach schwer.
Schwer? Warum denn, Lenchen? Ich verstehe das nicht.
Er findet, Sie haben das Andenken an seinen Vater verraten, platzte Lena heraus und korrigierte sich sofort. Ich meine, nicht Sie, aber er fühlt sich so. Er sagt, Sie haben ihn so schnell vergessen und Ersatz gefunden.
Schnell? Anna stockte der Atem. Zehn Jahre sind schnell? Lenchen, ich hätte doch nicht mit ihm sterben müssen! Ich bin ein lebendiger Mensch!
Ich weiß! Ich sage ihm das Gleiche! Lenas Stimme klang verzweifelt. Wir streiten uns ständig deswegen. Ich erkläre ihm, dass Sie ein Recht auf Glück haben, dass Viktor ein guter Mensch ist, kein Feind. Aber er hört nicht zu. Sagt: Du verstehst das nicht, dein Vater lebt noch. Er steckt da irgendwie fest. Er hat ein Foto von seinem Vater auf dem Schreibtisch. Manchmal sitzt er einfach da und starrt es an. Ich glaube, er quält sich selbst.
Oh Gott flüsterte Anna. Was soll ich denn tun?
Ich weiß es nicht, gab Lena ehrlich zu. Ich habs mit allem versucht. Bringt nichts. Er ist stur wie ein Esel. Vielleicht hilft Zeit? Er muss das irgendwie verarbeiten.
Das Gespräch mit Lena brachte keine Erleichterung. Im Gegenteil. Jetzt wusste sie, dass ihr Sohn nicht einfach schmollte er litt wirklich. Und sie, seine Mutter, war die Ursache dieses Leids. Abends saß sie in ihrem Sessel und starrte auf das gerahmte Foto auf der Kommode. Ein junger, lächelnder Stefan umarmte sie, daneben stand der kleine Lukas mit einer Angel in der Hand. Glückliche Zeiten. Wie lange das her war.
Stefan, was soll ich nur tun? flüsterte sie in die Leere. Sprich mit ihm. Du bist sein Vater. Sag ihm, dass er Unrecht hat.
Lukas Geburtstag rückte näher. Achtundzwanzig Jahre. Anna beschloss, dass dies ihre Chance war. Die Chance, die Mauer zu durchbrechen. Sie backte seinen Lieblingskuchen, denselben, den sie jedes Jahr backte, solange sie denken konnte. Kaufte ihm einen teuren Pullover, den er einmal beiläufig erwähnt hatte.
Bist du sicher, dass du hingehen solltest? fragte Viktor zweifelnd, als sie den Kuchen in eine Box packte.
Ich bin sicher, sagte sie entschlossen. Ich bin seine Mutter. Ich kann meinen einzigen Sohn nicht unterm Geburtstag lassen.
Sie fuhr allein. Die Adresse seiner Mietwohnung kannte sie. Im dritten Stock klopfte ihr Herz bis zum Hals. Sie klingelte. Hinter der Tür war es still. Noch einmal. Nichts. Sie riss am Griff verschlossen.
Zehn Minuten stand sie vor der Tür, unschlüssig. Dann holte sie ihr Telefon und rief ihn an. Lange, hoffnungslose Pieptöne. Und plötzlich hörte sie, wie hinter der Tür ein Handy vibrierte. Er war da. Nur wenige Meter entfernt, und wollte nicht öffnen.
Tränen schossen ihr in die Augen. Sie lehnte die Stirn gegen die kalte Tür.
Lukas mein Junge mach bitte auf, flüsterte sie. Ich will dich nur beglückwünschen. Ich habe Kuchen mitgebracht. Deinen Lieblings
Hinter der Tür blieb es still.
Wie im Traum stieg sie die Treppe hinab. Die Kuchenbox kam ihr unendlich schwer vor. Draußen setzte sie sich auf eine Bank und weinte lange, unbeeindruckt von Passanten. Sie fühlte sich gedemütigt, zermalmt, unnütz.
Als sie nach Hause kam, erwartete Viktor sie an der Tür. Er fragte nichts, nahm ihr nur die Box und die Tüte ab, umarmte sie und führte sie ins Wohnzimmer.
Schluss jetzt, sagte er bestimmt, setzte sie in einen Sessel und deckte sie mit einer Decke zu. Du demütigst dich nicht mehr. Es reicht. Wenn er nicht will, ist das seine Entscheidung. Du hast alles getan, was du konntest. Mehr als das. Jetzt leb für dich. Für uns.
Und Anna versuchte es. Sie rief nicht mehr an. Schrieb keine Nachrichten. Hörte auf zu warten. Sie zwang sich weiterzuleben. Sie und Viktor fuhren in ein Sanatorium, gingen ins Konzert, trafen Freunde. Sie lächelte, lachte, doch jedes Mal, wenn das Telefon klingelte, stockte ihr Herz. Und sank dann wieder in die Tiefe.
Der Herbst verging, der Winter begann. Vor Neujahr hielt Anna es nicht mehr. Sie wählte Lenas Nummer.
Lenchen, hallo. Entschuldige die Störung. Ich wollte nur wissen habt ihr was zu Silvester vor? Vielleicht kommt ihr zu uns?
Hallo, Anna Müller, Lenas Stimme klang müde. Danke für die Einladung, aber wir fahren zu meinen Eltern.
Ach so, enttäuschte Anna. Und wie gehts Lukas?
Gut. Arbeitet.
Sag ihm von mir Ach, vergiss es. Frohes neues Jahr euch beiden.
Sie legte auf. Viktor, der das Gespräch mitgehört hatte, kam und umarmte sie.
Wollen wir über die Feiertage ins Wochenendhaus fahren? schlug er vor. Kamin anmachen, Tannenbaum schmücken. Nur wir beide.
Und die Veranda? erinnerte sie sich.
Was ist mit der Veranda? Frost und Schnee halten sie bis zum Frühling. Und im Frühling dann sehen wir weiter.
Das Haus empfing sie mit Stille und weißer Schneedecke. Drinnen war es kalt, roch nach Feuchtigkeit. Doch Viktor machte schnell Feuer im Kamin, und bald verbreitete sich wohlige Wärme. Sie schmückten einen kleinen Kunstbaum, machten Kartoffelsalat, öffneten Sekt. Als die Glocken schlugen, wünschte sich Anna nur eines. Dass ihr Sohn ihr vergab.
Nach den Feiertagen kehrte der Alltag zurück. Anna hatte sich fast damit abgefunden. Sie lernte, mit diesem Schmerz zu leben wie mit einer chronischen Krankheit. Er war da, er schmerzte, aber man gewöhnte sich daran.
Eines Abends, als sie und Viktor einen alten Film ansahen, klingelte ihr Telefon. Eine unbekannte Nummer. Sie wollte nicht rangehen, doch etwas ließ sie abheben.
Hallo?
Anna Müller? Guten Tag. Hier ist Lena.
Die Stimme des Mädchens klang seltsam, abgehackt.
Lenchen? Was ist passiert? Du hörst dich
Lukas und ich haben uns getrennt, sagte Lena leise.
Wie? rief Anna. Warum?
Ich halte das nicht mehr aus, Lenas Stimme brach. Er ist unerträglich geworden. Wütend, verschlossen, alles ist falsch. Ich habe es versucht, wirklich, ich wollte ihn verstehen, unterstützen. Doch er stößt mich nur weg. Den letzten Monat haben wir kaum geredet. Er kommt von der Arbeit, isst schweigend zu Abend und setzt sich an den Computer, zockt seine Panzerspiele. Oder starrt einfach die Wand an. Ich lebe mit einem Geist. Heute habe ich meine Sachen gepackt. Er hat nicht einmal versucht, mich aufzuhalten.
Mein Gott, mein Mädchen Wohin gehst du? Hast du eine Bleibe?
Erstmal zu einer Freundin. Anna Müller, ich rufe nicht deswegen an. Ich will nur Sie sollen es wissen. Es liegt nicht an Ihnen. Es liegt an ihm. Er frisst sich selbst auf. Und solange er nicht mit den Geistern seiner Vergangenheit ins Reine kommt, kann er niemanden glücklich machen. Verzeihen Sie.
Sie legte auf. Anna saß, wie betäubt. Sie tat Lena leid, das gute, liebe Mädchen. Und sie hatte furchtbare Angst um ihren Sohn. Er war ganz allein. Eingeschlossen in seinem Panzer aus Groll und Schmerz.
Was ist? fragte Viktor und drehte den Fernseher leise.
Sie erzählte alles. Lange schwieg er, sah sie an.
Jetzt musst du zu ihm fahren, sagte er schließlich.
Aber er wird nicht öffnen.
Jetzt schon, erwiderte Viktor zuversichtlich. Er ist allein. Am Tiefpunkt. Er braucht seine Mutter. Nicht als Vorwurf, nicht als Richter. Einfach seine Mutter. Fahr hin. Und geh nicht, bevor ihr nicht geredet habt.
Am nächsten Tag stand sie wieder vor seiner Tür. In der Hand eine Topf mit heißer Hühnersuppe. Sie klingelte. Stille. Noch einmal. Und hörte leise Schritte. Das Schloss schnappte.
Die Tür ging einen Spalt auf, die Kette spannte. Sie sah sein Auge. Eins. Müde, gerötet. Er starrte sie an wie ein Gespenst. Er war abgemagert, eingefallen, dunkle Ringe unter den Augen.
Mama? krächzte er.
Ja, mein Junge, sagte sie leise. Lass mich rein?
Er starrte sie einige Sekunden an, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen. Dann schloss er langsam die Tür, nahm die Kette ab und öffnete wieder.
Sie trat ein. Der Geruch von abgestandener Luft, schmutzigem Geschirr und Einsamkeit schlug ihr entgegen. Sie stellte den Topf auf den Küchentisch.
Ich habe Suppe mitgebracht, sagte sie, unsicher, wie sie anfangen sollte. Heiß. Du musst was essen.
Er stand in der Tür, blickte sie von unten an.
Warum bist du gekommen? fragte er dumpf.
Lena hat angerufen.
Er zuckte zusammen wie von einem Schlag getroffen.
Aha. Hat sich beschwert.
Sie hat sich nicht beschwert. Sie sorgt sich um dich. Und ich auch.
Sie trat auf ihn zu, wollte ihn umarmen, doch er wich zurück.
Nicht.
Lukas, lass uns reden, flehte sie. Wie lange soll das Schweigen noch dauern? Sag mir, was ich falsch gemacht habe? Warum hasst du mich so? Mein neues Leben?
Ich hasse dich nicht, er wandte sich zum Fenster. Ich verstehe es nicht. Wie du das konntest. So schnell.
Schnell? Dieses Wort traf sie wie ein Peitschenhieb. Lukas, ich habe zehn Jahre mit seinem Foto auf dem Kopfkissen gelebt! Jeden Tag mit ihm geredet! Ich habe dich großgezogen, auf die Beine gestellt. Ich habe meine Pflicht ihm und dir gegenüber erfüllt. Und ich wollte einfach leben. Nicht existieren, sondern leben. Ist das ein Verbrechen?
Und er? Lukas drehte sich abrupt um, Tränen in den Augen. Was ist mit ihm? Mit Papa? Du hast ihn einfach ausradiert. Als wär er nichts.
Niemand hat ihn ersetzt! schrie sie und erschrak über ihre eigene Stimme. Er wird immer in meinem Herzen sein! Er ist dein Vater! Aber ich liebe Viktor! Ich liebe ihn! Er hat mich vor der Einsamkeit gerettet, vor der Schwermut, die mich lebendig auffraß! Er hat mir den Willen zurückgegeben, morgens aufzustehen! Kannst du dich nicht für deine Mutter freuen?
Ich kann nicht! schrie er zurück. Wenn ich euch sehe, sehe ich, wie ihr ihn verratet! Wie ihr lacht, Händchen haltet, Pläne schmiedet Und er liegt da, in der kalten Erde! Er hat das Wochenendhaus für uns gebaut, für unsere Familie! Und jetzt wird dort ein fremder Mann herumlaufen!
Er ist kein Fremder! Er ist mein Mann!
Sie standen sich gegenüber, keuchend vor Tränen und Wut. Die beiden Menschen, die sich am nächsten sein sollten, getrennt durch eine Mauer aus Unverständnis.
Ich dachte, wir beide dass wir nach seinem Tod allein bleiben, sagte Lukas leiser, mit einem Riss in der Stimme. Dass wir zusammenhalten. Und du hast dir einen anderen gesucht. Und ich bin allein geblieben.
Da verstand sie. Er war nicht eifersüchtig. Er hatte Angst. Angst, allein zu bleiben, Angst, ihre neue Liebe würde sie ihm wegnehmen. Dass sie nicht nur den Vater, sondern auch ihn, den Sohn, vergessen würde.
Sie trat auf ihn zu und umarmte ihn fest, trotz seines Widerstands. Ihren erwachsenen, bärtigen, unglücklichen Jungen.
Mein Dummer, flüsterte sie und strich über seine struppige Wange. Wie konntest du denken, ich würde dich verlassen? Du bist mein Sohn. Mein Fleisch und Blut. Kein Mann, niemand auf der Welt kann deinen Platz in meinem Herzen einnehmen. Niemals.
Er stand reglos, dann begannen seine Schultern zu zittern. Er vergrub sein Gesicht an ihrer Schulter, wie als Kind, und weinte. Stumm, männlich, aber umso bitterer. Und sie weinte mit ihm, vor Schmerz, vor Erleichterung, vor Liebe, die stärker war als alle Kränkungen.
Sie saßen bis spät in die Nacht in der Küche. Sie schenkte ihm Suppe ein, er aß, und sie erzählte. Von ihrer Einsamkeit, wie Viktor in ihr Leben getreten war, wie sie sich gefürchtet hatte, es ihm zu sagen. Er hörte schweigend zu, unterbrach sie nicht.
Als sie gehen wollte, brachte er sie zur Tür.
Mama, sagte er leise. Verzeih mir.
Und du mir, mein Junge, antwortete sie.
Sie wusste, das war erst der Anfang. Dass noch ein langer Weg vor ihnen lag. Dass er Viktor akzeptieren musste, und das würde schwer. Doch heute war die wichtigste Schlacht geschlagen. Die Mauer war gefallen. Ihr Sohn sprach wieder mit ihr.







