**Der Preis der Einigkeit**
Ein gewöhnlicher Wochentagabend: Eltern kamen von der Arbeit, Kinder von der Schulbetreuung, und auf dem Handy blinkte bereits das Symbol des Klassenchats. Das sanfte Licht der Küche spiegelte sich im Fenster, hinter dem die letzten Dämmerungsfarben verblassten. Auf der Fensterbank neben der Heizung lagen die nassen Handschuhe meines Sohnes, hastig abgelegt die Wasserflecken breiteten sich auf dem abgewetzten Plastik aus, eine Erinnerung daran, dass der Frühling in Mitteleuropa sich nur widerwillig durchsetzte.
Im Chat, in dem sonst kurze Erinnerungen und Hausaufgabenlinks geteilt wurden, erschien plötzlich eine sorgfältig formulierte Nachricht von Sabine Meier, der Elternsprecherin. Ohne unnötige Begrüßung schrieb sie: *Liebe Eltern! Aufgrund dringender Verbesserungen im Klassenzimmer neue Vorhänge, Tafeln, Dekoration für Feiern bitten wir um eine Spende von 150 bis morgen Abend. Alles für unsere Kinder! Nicht verhandelbar.* Das Smiley am Ende wirkte eher formal als fröhlich.
Normalerweise folgten auf solche Aufforderungen nur kurze *+* als Zustimmung. Doch diesmal reagierten die Eltern anders. Eine ungewöhnliche Stille breitete sich aus. Jemand fragte: *Warum so viel?*, ein anderer erinnerte an die letzte Sammlung im Herbst, für die weniger benötigt wurde. Einige leiteten die Nachricht privat weiter, ohne sich öffentlich auszutauschen. Der Abend zog sich hin, und draußen waren schlürfende Schritte zu hören Kinder kamen nach Hause, hinterließen Matschspuren im Flur. Zwischendurch beschwerte sich jemand: *Der Schulhof ist ein Sumpf bis Juni braucht man Gummistiefel.*
Der Chat lebte auf. Eine Mutter, müde vom Tag, aber nicht gewillt zu schweigen, fragte: *Können wir die Abrechnung vom letzten Jahr sehen?* Die Nachricht erhielt schnell mehrere Likes, und bald folgten Antworten. Sabine Meier antwortete höflich, aber bestimmt: *Alles wurde zweckgebunden ausgegeben. Unsere Klasse ist die beste. Es gibt keinen Grund, zurückzublicken. Die Zeit drängt ich habe schon Material bestellt. Bitte bis morgen überweisen.*
Mein Handy lag auf dem Küchentisch zwischen einer Müslischachtel und einer halb leeren Tasse Tee. Ich beobachtete das Geschehen, ohne sofort zu reagieren, obwohl mich das fordernde Tonfall ärgerte. Die Summe erschien hoch, und die Art der Aufforderung zu autoritär. Nebenan erzählte mein Sohn meiner Frau, wie sie heute Fensterbilder gemalt hatten, um den Frühling ins Klassenzimmer zu bringen. Ich hörte nur halb zu, während der Chat zum ständigen Hintergrundrauschen wurde mein Handy vibrierte alle paar Sekunden.
Nach und nach meldeten sich mehr Eltern zu Wort. Eine Mutter schrieb: *Wir sind für Verbesserungen, aber warum kann die Summe nicht besprechen? Vielleicht eine Mindestspende?* Andere stimmten zu: *Wir haben zwei Kinder in der Schule 300 sind viel. Lasst uns diskutieren.* Die Elternsprecherin reagierte gereizt: *Die Summe wurde bereits besprochen. Wer nicht kann, schreibt mir privat. Kein Theater bitte andere Klassen zahlen mehr.*
Der Chat spaltete sich. Die einen pochten auf *Alles für die Kinder*, die anderen forderten Transparenz und Freiwilligkeit. Ich schrieb: *Ich bin für offene Abrechnungen. Können wir die Ausgaben vom letzten Jahr sehen? Und warum kein Fonds, bei dem jeder selbst entscheidet?* Meine Nachricht wurde zunächst überschwemmt, bekam dann aber die meisten Likes des Abends.
Es ging schnell. Fotos von Quittungen wurden gepostet unvollständig, durcheinander. Jemand fragte: *Wo sind die Weihnachtsdekorationen? Wir haben doch schon gespendet.* Die Antwort war entschuldigend: *Keine Kleinigkeiten bitte. Es war transparent. Ich opfere meine Zeit für die Kinder.* Die Diskussion wurde hitziger. Parallel teilte jemand ein Foto des Schulhofs Kinder wateten im Matsch. Sofort entbrannte ein Streit: *Vielleicht lieber Matten für den Eingang?*
Dann schlug eine Mutter, Anna, vor: *Lasst uns eine gemeinsame Finanzliste erstellen. Wer ist für freiwillige Spenden und Transparenz? Ich übernehme die Tabelle.* Sie postete eine Übersicht der letzten Ausgaben einige Eltern sahen sie zum ersten Mal. Die Diskussion eskalierte: Es ging nicht mehr nur um Geld, sondern um das Recht, überhaupt feste Spenden zu verlangen.
*Jeder hat andere Verhältnisse. Kein Druck bitte!*, *Spenden müssen freiwillig sein!*, *Ich kann auch helfen, nicht nur zahlen.* Sabine versuchte, das Gespräch zurückzulenken: *Die Zeit läuft. Bestellungen sind getätigt. Wer nicht zahlt, schadet den Kindern.* Doch der Druck war gebrochen. Viele schrieben nun offen: *Wir wollen Transparenz. Wenn die Spende Pflicht ist, lehne ich ab.*
Der Höhepunkt kam, als Anna eine neue Tabelle postete und zur Abstimmung aufrief: *Eltern, wer ist für freiwillige Spenden und offene Abrechnung? Lasst uns erwachsen handeln für die Kinder, aber auch für uns.* Der Chat verstummte kurz. Manche riefen Bekannte an, andere teilten Nachrichten. Niemand konnte sich mehr raushalten.
Nach Annas Abstimmung war die Stimmung merkwürdig still. Selbst Smileys hielten inne als hinge nicht nur die Spende, sondern die ganze Klassenordnung davon ab. Einige stimmten zu, doch dann kam die Frage: *Was, wenn zu wenig zusammenkommt?*
Sabine reagierte scharf: *Kollegen, wir haben Fristen. Die Dekoration zum Schuljahresende ist bestellt, ich habe sogar vorgestreckt. Wer nicht zahlt, muss Rückgaben oder Nachzahlungen verantworten.* Nur wenige antworteten mit *+*, die Mehrheit schwieg.
Ein Vater bot einen Kompromiss: *Lasst uns einen Grundbetrag festlegen für das Nötigste wie Vorhänge und Matten. Der Rest ist freiwillig. Mit offener Abrechnung.* Andere stimmten zu. Links zu günstigen Vorhängen wurden gepostet, jemand bot Hilfe beim Aufhängen an.
Schließlich schlug Anna vor: *Mindestspende: 30 , der Rest ist freiwillig. Alle Ausgaben öffentlich. Einverstanden?* Fast alle stimmten zu. Selbst Sabine schrieb erschöpft: *Gut. Hauptsache, die Kinder sind zufrieden.*
Innerhalb von Minuten wurde eine klare Regelung gefunden: Grundfonds, zwei Verantwortliche für die Finanzen, monatliche Abrechnungen. Jemand postete ein Foto sein Sohn baute den ersten Schneemann des Frühlings, ein ironisches Symbol dafür, dass der Frühling sich trotz Matsch durchsetzt.
Ich fühlte Erleichterung und schrieb: *Danke für die konstruktive Lösung. Jetzt ist es fair und transparent.* Andere antworteten: *Endlich!*, *Danke, Anna!* Ein Scherz folgte: *Nächstes Jahr sammeln wir für die Nerven des Elternbeirats!* und zum ersten Mal an diesem Abend wurde gelacht.
Eine neue Tabelle wurde gepinnt, mit Ausgaben und einem Spendenformular. Anna schrieb: *Fragen? Alles ist offen.* Die Eltern redeten über Alltägliches: Wer holt die Kinder ab? Wo gibt es günstige Gummistiefel? Wann wird die Heizung abgestellt?
Ich schaltete das Handy stumm und lauschte, wie meine Frau unserem Sohn eine Gute-Nacht-Geschichte vorlas. Draußen war es längst dunkel, die Wasserflecken auf der Fensterbank getrocknet. Die Lösung war einfacher gekommen als erwartet doch blieb ein bitterer Nachgeschmack: Für das Selbstverständliche hatte es einen ganzen Abend und viel Streit gebraucht.
Im Chat wurde bereits über die Ferien geplaudert, Fotos von Kindern in Gummistiefeln geteilt. Mir wurde klar: So etwas würde wieder passieren. Aber jetzt gab es Regeln und eine Tabelle. Kein Ideal aber ehrlich und ohne Zwang.
Sabines letzte Nachricht kam ohne Smileys: *Danke an alle. Ich gebe die Finanzverantwortung ab.* Ihre Worte klangen müde, fast versöhnlich. Keiner widersprach. Der Chat verstummte ohne Sieger, ohne Wut. Jeder ging seinen Weg.
Vor der Tür packte mein Sohn seinen Schulranzen und murmelte etwas von Fensterbildern. Ich lächelte und dachte: Der Preis für Transparenz sind Zeit und Nerven. Aber manchmal lohnt er sich.







