Die Schwiegermutter glaubt, sie weiß es besser

Sabine Becker erstarrte, als das Telefon schrill aufleuchtete. Auf dem Display stand Gertrud Schulz. Das war bereits der dritte Anruf ihrer Schwiegermutter an diesem Morgen. Sabine atmete tief durch, sammelte ihre Kräfte und drückte die grüne Taste.

Ja, Frau Schulz, ich höre Sie, sagte sie.

Sabine, warum nimmst du nicht sofort ab?, schnappte Gertrud, ihre Stimme triefte vor Vorwurf. Ich rufe dich doch schon seit Stunden an!

Ich habe gerade Brei für die Kleine gemacht, meine Hände waren beschäftigt, log Sabine, obwohl sie in Wirklichkeit einfach nicht noch einmal über Gertruds ewige Kritik am Erziehungsstil reden wollte.

Wieder dieser Brei! Ich habe dir doch gesagt Kinder brauchen Fleisch! Mein Sohn Thomas war auf Fleisch aufgewachsen, schau nur, wie kräftig er ist! Und deine Liselotte ist ganz bleich, das wird ihr bald die Luft wegpusten, fauchte Gertrud.

Sabine schloss die Augen, zählte bis fünf. Ihre Tochter war erst drei, die Ärztin hatte bestätigt, dass sie sich normal entwickle einfach ein bisschen schlanker, wie ihr Vater.

Frau Schulz, wir geben ihr auch Fleisch. Heute gibt es Frikadellen zum Mittagessen, sagte Sabine ruhig.

Endlich! Genau deswegen rufe ich. Ich bringe dir noch etwas Hühnersuppe, auf den Knochen, wie Thomas es gern hat. Und ich mache dir Köttbullen nach meinem Rezept, damit du nicht wieder nur diese Frikadellen servierst, drohte Gertrud, während sie fast schon spöttisch über die Frikadellen fluchte, als wären sie Gift.

Wir haben alles, was wir brauchen, versuchte Sabine zu erwidern.

Was für ein Aufsehen! Eine Großmutter will ihr Enkelchen besuchen! Und du sagst mir nichts?, drängte Gertrud, deren Frage jede andere Antwort als unhöflich erscheinen ließ.

Natürlich, kommen Sie gern, gab Sabine schließlich nach.

Sie lehnte den Kopf gegen das kühle Fensterglas. Draußen wirbelten die letzten Schneeflocken, setzten sich auf kahlen Ästen ab. Der November war grau und feucht.

Mama, mit wem hast du gerade gesprochen?, rief Liselotte aus dem Kinderzimmer, ein abgewetztes Stoffhäschen fest umklammert.

Gertrud kommt heute zu Besuch, lächelte Sabine, bemüht, die Stimme heiter klingen zu lassen.

Wird sie wieder sagen, dass ich zu wenig esse?, runzelte das Mädchen.

Ein Stich durchzuckte Sabines Herz. Selbst das Kleine spürte die ständige Kritik.

Die Oma liebt dich sehr und will, dass du stark und gesund heranwächst, versuchte Sabine zu beruhigen.

Liselotte nickte zögerlich und wandte sich wieder ihren Spielsachen zu.

Die beiden hatten sonst ein kreatives Durcheinander, doch vor Gertruds Ankunft musste die Wohnung glänzen. In so einem Schweinestall wimmelt’s sonst von Keimen, warnte Gertrud früher immer. In zwei Stunden hatte Sabine den Boden gewischt, den Staub beseitigt und sogar einen Apfelkuchen gebacken das einzige Gebäck, das Gertrud je gelobt hatte.

Thomas sollte zum Mittag zurückkommen. Beide arbeiteten von zu Hause er als Softwareentwickler, sie als Grafikdesignerin doch heute musste er wegen eines wichtigen Kundentermins ins Büro.

Pünktlich um zwei Uhr klopfte es an der Tür. Gertrud, klein, rundlich, mit kastanienbraunen Haaren, stapelte schwere Taschen ein.

Na, meine Schwiegertochter!, rief sie, während sie die Wohnung betrat. Wo ist meine Prinzessin?

Liselotte schlüpfte zaghaft aus dem Zimmer.

Komm her, Süße! Oma hat Leckereien mitgebracht!

Das Mädchen streckte die Hand aus, wie es Gertrud ihr gelehrt hatte ein höflicher Gruß, den die alte Frau für richtig hielt.

Nur Erwachsene bekommen die Hand zum Küssen, korrigierte Gertrud, drückte das Kind fest an sich. Wenn du sechzehn bist, darfst du den Herren die Hand geben. Zurzeit sagst du nur Hallo.

Sabine rollte die Augen, bis Gertrud es bemerkte. Die widersprüchlichen Anweisungen drückten schwer.

Lassen Sie mich die Taschen tragen, bot Sabine an.

Ja, ja, bring sie in die Küche. Ich habe das ganze Mahl vorbereitet! Thomas muss sich richtig ernähren, nicht mit irgendwas herumfummeln, wies Gertrud die Runde an.

In der Küche kommandierte sie sofort:

Sabine, hol den großen Topf. Nicht diesen Plastik, sondern einen richtigen. Und wo ist das Brot? Im Kühlschrank? Das darf nicht sein! Es wird krümelig!

Sabine reichte das Geschirr, während sie seit sechs Jahren an Thomas’ Seite war und gelernt hatte, dass seine Mutter immer genau wusste, wie es laufen musste.

Lisette sieht ganz blass aus, bemerkte Gertrud, während sie aus den Vorratsbehältern Gewürze zog. Geht ihr nach draußen? Nehmt ihr Vitamine?

Ja, wir spazieren täglich, wenn das Wetter es zulässt, und wir geben ihr das Vitaminpräparat, das der Kinderarzt verschrieben hat, erklärte Sabine.

Kinderarzt!, schnaufte Gertrud. Was wissen die jungen Ärzte schon? In meiner Zeit

Sabine seufzte innerlich.

Damals haben wir die Kinder vom Morgengrauen bis zum Abend an die frische Luft gebracht und ausgehärtet! Thomas durfte immer draußen spielen, egal bei welchem Wetter. Und er ist jetzt groß und stark.

Ein kurzer Moment der Stille folgte, dann fragte Gertrud weiter:

Wo ist Thomas? Warum ist er noch nicht hier?

Plötzlich klickte das Türschloss, und Thomas trat ein, sah die überquellenden Schuhkartons im Flur.

Mama, warum hast du nicht gesagt, dass du kommst?, fragte er verwirrt.

Wie kann ich das nicht sagen? Ich habe Sabine den ganzen Morgen angerufen!, schimpfte Gertrud.

Sabine lächelte schuldbewusst. Sie hatte vergessen, Thomas über den Besuch zu informieren.

Thomas nahm Sabine in die Arme. Wie geht es dir?

Ach, das Blutdruck steigt, die Beine schwellen abends an, aber ich beschwere mich nicht. Wir schaffen das selbst, sagte Gertrud, wie immer ein Klischee von Selbstaufopferung.

Zieh dich schnell um, ich wärme das Essen, rief Thomas, während er einen Blick auf die ungeordnete Garderobe warf.

Beim Mittagessen erzählte Gertrud, wie klug Thomas einst war, welche Gedichte er auswendig konnte. Sie wandte sich an Liselotte:

Lies mir ein Gedicht vor!

Liselotte starrte mit der Gabel in die Schüssel.

Sie kann viele Verse, versuchte Sabine zu retten. Liselotte, erzähl Oma etwas über den Bären aus dem Bilderbuch.

Ich will nicht, schnaufte das Mädchen.

Gertrud lachte: Sieh du, Thomas, das Kind ist zu schüchtern. Wir sollten sie in den Kindergarten geben, damit sie mehr Kontakt hat.

Thomas beruhigte: Wir wollen bis zum vierten Lebensjahr warten. Warum das Kind jetzt schon überfordern?

Gertrud schoss hoch: Ich habe ihn mit zwei Jahren allein aufgezogen, und er ist ein richtiger Kerl! Ihr habt hier so ein scheues Fräulein, das nichts isst

Liselotte drückte die Gabel, schob den Teller weg.

Darf ich spielen gehen?, fragte sie.

Nicht, bis du fertig gegessen hast, befahl Gertrud.

Iss die Frikadelle, mein Schatz, flüsterte Sabine, obwohl ihr innerlich alles kochte.

Liselotte zwang sich, ein Stück zu schlucken.

Besser, nickte Gertrud zufrieden. Ihr verwöhnt das Kind nur. Es braucht Disziplin, Ordnung! Als ich Thomas erzog

Nach dem Essen bestand Gertrud darauf, dass Liselotte ein Mittagsschläfchen halten müsse.

Kinder brauchen einen Mittagsschlaf! Sonst gerät alles aus dem Rhythmus!, rief sie.

Sabine wollte einwenden, dass Liselotte schon lange nicht mehr schlafe, doch Thomas schüttelte den Kopf: Besser nachgeben, als streiten.

Während Gertrud versuchte, Liselotte ins Bett zu legen, bereitete Sabine Tee und schnitt den Apfelkuchen an.

Useless, sagte Gertrud nach einer halben Stunde und schüttelte den Kopf. So ein Kind hört nicht mehr! In unserer Zeit kam das nicht vor!

Thomas versuchte zu schlichten: Probier doch ein Stück, Oma, Sabine hat extra für dich gebacken.

Gertrud musterte misstrauisch das Stück Kuchen. Ohne künstliche Zusätze, hoffe ich? Nicht diese Ladenmischungen

Alles natürlich, versicherte Sabine. Mehl, Eier, Äpfel vom Garten, den ihr uns geschenkt habt.

Gertrud ließ ein leises Lächeln durchscheinen. Du hast ja endlich gelernt. Ich erinnere mich, als ihr euch das Ja-Wort gegeben habt, konntest du nicht einmal ein Spiegelei braten.

Sabine schwieg. Sie hätte erzählen können, dass sie seit ihrer Jugend eigenständig war und gut kochen konnte nur nicht nach Gertruds Vorstellungen.

Thomas, sagte Gertrud, kannst du nächste Woche zu mir kommen? Das Bad läuft und die Lampe im Abstellraum ist kaputt.

Vielleicht Dienstag, murmelte Thomas, seine Hände zucken.

Dienstag passe nicht, ich habe eine Verwandte zu Besuch, protestierte Gertrud. Vielleicht Mittwoch?

Mittwoch habe ich einen wichtigen Kunden, erwiderte Thomas.

Gertrud seufzte: Dann bleibe ich bei meinem kaputten Wasserhahn. Ich habe das schon oft erlebt.

Sabine biss sich auf die Lippen. Der ständige subtile Druck, die unzähligen Vorwürfe ein endloser Kreislauf.

Ich könnte heute mit dir gehen und den Wasserhahn reparieren, bot Thomas an, das Seufzen von Gertrud hörbar.

Ein leichtes Aufblitzen von Zufriedenheit in Gertruds Augen. Dann schau dir auch die Tapeten im Flur an. Die hängen schon seit fünf Jahren.

Wo spielt Liselotte?, fragte Sabine plötzlich.

Im Zimmer, liest Bücher. Ich habe ihr gesagt, sie soll nicht mit den Spielsachen herumlaufen, antwortete Gertrud.

Sabine blickte ins Kinderzimmer und erstarrte. Liselotte schnitt eifrig Bilder aus einem neuen Bilderbuch, das erst gestern angekommen war.

Liselotte! Was machst du da?, rief sie.

Das Mädchen hob den Kopf, kein Schamgefühl zu sehen.

Oma sagte, ich darf Bilder ausschneiden und ein Album machen, flüsterte sie.

Sabine nahm das inzwischen beschädigte Buch ein teures, illustriertes Exemplar, das Thomas extra bestellt hatte. Wir wollten es gerade lesen!

Liselottes Augen füllten sich mit Tränen.

Oma hat gesagt, schluchzte sie.

Sabine atmete tief ein, beruhigte sich. Alles gut, mein Schatz. Nächstes Mal fragst du erst Mama oder Papa, okay?

Sie ging zurück in die Küche, wo Gertrud gerade über die Nachbarin im fünften Stock erzählte, bei der gerade etwas Schlimmes passiert sei.

Frau Schulz, unterbrach Sabine vorsichtig, haben Sie Liselotte die Schere gegeben?

Natürlich! Kinder müssen handwerklich etwas lernen. Wir haben früher ständig geklebt und geschnitten. Heutzutage kleben die Kinder nur an Bildschirme, sagte Gertrud.

Aber das Buch war neu und teuer, erwiderte Sabine. Wir wollten es erst zusammen lesen.

Ein Buch ist doch nur Papier. Es dient der Kreativität, wischte Gertrud ab. Das Kind wird ein schönes Album haben.

Thomas stand zwischen den beiden, hin- und hergerissen.

Mama, wir hätten vorher fragen können, sagte er leise.

Ach so!, platzte Gertrud heraus. Muss ich also um Erlaubnis fragen, bevor ich etwas mit meiner Enkelin mache? Wer bin ich hier, ein Fremder?

Niemand spricht so, versuchte Thomas zu beruhigen.

Genau das meine ich!, schrie Gertrud. Ich bin hier, habe Thomas allein großgezogen, und jetzt soll ich mich zurückhalten!

Thomas hob die Stimme: Mama, hör auf!

Stille legte sich über das Zimmer. Liselotte lugte aus dem Kinderzimmer, ängstlich die Erwachsenen anblickend.

Oma schreit, flüsterte sie.

Gertrud wechselte sofort den Ton: Komm her, mein Goldstück. Oma schreit nicht, wir reden nur. Jetzt machen wir zusammen das Album, ja?

Nein, sagte Sabine bestimmt. Keine weiteren AusschneideAktionen. Liselotte geht mit Papa einen Film sehen, und wir reden hier, Frau Schulz.

Gertrud wollte widersprechen, doch Thomas ergriff die Hand seiner Tochter.

Komm, Prinzessin, wir schauen Frozen, sagte er.

Als sie gingen, bat Sabine Gertrud zu setzen.

Ich verstehe, Sie lieben Liselotte und wollen ihr das Beste, aber Thomas und ich haben unsere eigenen Erziehungsprinzipien. Bitte respektieren Sie das, sagte Sabine fest.

Also soll ich schweigen, wenn ich sehe, dass das Kind falsch erzogen wird?, schnippte Gertrud.

Sie können Ratschläge geben, aber keine Entscheidungen für uns treffen. Und bitte sagen Sie Liselotte nicht, was wir sonst nicht erlauben, erwiderte Sabine.

Zum Beispiel?, fragte Gertrud spitzig.

Wie das Schneiden von Büchern, das Schlafen am Tag, Süßigkeiten vor dem Mittagessen, flüsterte Sabine.

Also darf ich die Enkelin nicht verwöhnen? Warum brauchen wir dann überhaupt Großeltern?, fragte Gertrud.

Sabine seufzte. Sie sprachen wie aus verschiedenen Welten.

Verwöhnen ist erlaubt, aber in Maßen und im Einklang mit uns, erklärte sie.

Gertrud kniff die Lippen und begann, ihre Taschen zu packen.

Dann gehe ich. Ich habe hier nichts mehr zu tun, wenn ich nicht einmal mit meiner Enkelin normal reden kann, sagte sie.

Bitte dramatisieren Sie nicht weiter, murmelte Sabine müde. Respektieren wir doch einfach einander.

Gertrud, die dreißig Jahre als Lehrerin gearbeitet hatte und ihren Sohn allein großgezogen hatte, murmelte etwas von Kinder sollten früher rausgehen, zog ihren Mantel an.

Thomas trat aus dem Flur, hörte das Getöse.

Möchtest du gehen, Mama?, fragte er.

Ja, ich denke, ihr mögt meine Art nicht, antwortete Gertrud. Vielleicht kann ich ja noch den Wasserhahn reparieren?

Nimm doch einen Schraubenzieher, das Scharnier am Schrank ist locker, schlug Thomas vor.

Als sie gingen, ließ Sabine erschöpft auf das Sofa fallen. Liselotte schlich leise herein, setzte sich auf Sabines Knie.

Mama, ich schneide keine Bücher mehr, flüsterte sie ernst. Ich wusste nicht, dass das verboten ist.

Du bist nicht schuld, drückte Sabine ihr Kind. Aber bitte frag das nächste Mal Mama oder Papa, bevor du etwas machst, okay?

Liselotte nickte, drückte sich an ihre Mutter.

Thomas kam nach eineinhalb Stunden zurück, müde, aber mit erledigtem Werk: Wasserhahn repariert, Lampe ausgetauscht, Schrank befestigt. Meine Mutter schickt ihre Entschuldigungen, dass sie sich nichtUnd so fanden sie im stillen Einklang ihres Hauses endlich den Frieden, nach dem alle so lange gesucht hatten.

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