Fremde Tochter

Die Scheidung ist in Deutschland keine Seltenheit. Als Paul jetzt heiratet, glaubt er, es sei für immer. Er liebt Lena, sie scheint für ihn die Verkörperung von Weiblichkeit und Charme zu sein. Gemeinsam bekommen sie einen Sohn, den sie Lukas nennen, und Paul verfällt völlig in die Liebe zu ihm. Vor dem Kind hat er nie gedacht, dass er jemanden mehr lieben kann als seine Frau doch das Leben überrascht ihn manchmal.

Leider dauert ihr Glück nicht lange. Als Lukas drei Jahre alt wird und in den Kindergarten in Berlin geht, nimmt Lena wieder eine Stelle in einer Werbeagentur an. Dort trifft sie auf den Mann, der Pauls Leben aus den Fugen bringt. Lena verliebt sich und zwar tief. Sie liebt Paul noch, nur nicht mehr auf dieselbe Art wie früher.

Eines Tages sagt sie zu ihm: Paul, bitte glaub mir, ich war dir treu. Ich habe gehofft, das vergeht, doch es geht nicht. Stefan liebt mich sehr. Es tut mir leid Paul bleibt stumm. Er kann nichts mehr sagen; ein weiteres Überreden wäre sinnlos, weil Lena bereits entschieden hat. Ein Streit wäre auch unnötig, weil sie ehrlich alles zugegeben hat und im Guten gegangen ist zum Wohle ihres Sohnes Lukas.

Sie lassen sich scheiden, und Paul bleibt allein. Lena versucht, ihn zu trösten, indem sie sagt, er werde irgendwann eine Frau finden, die all seine Vorzüge zu schätzen weiß. Paul hat aber genug vom ersten Fehltritt und will keinen zweiten.

Lukas wächst, und Paul sieht ihn oft. Der Kontakt zu Lena bleibt gut; sie einigen sich einvernehmlich über alles. Sie beantragt keinen Unterhalt, sagt nur: Wenn du kannst, gib Geld. Vielleicht fühlt sie Schuld für das Geschehene. Paul ist verantwortungsbewusst und weiß, wie viel Geld für ein kleines Kind nötig ist Kita, Sportvereine, Essen ist nicht mehr billig. Deshalb überweist er monatlich, soweit er kann, einen Betrag in Euro.

Eines Tages erfährt Paul von Lukas, dass Lena schwanger ist. Er fühlt etwas Unbeschreibliches: Bitternis, Neid, Schmerz oder doch ein leises Erleichtern, weil es ihr gut geht. Doch die Freude ist getrübt. Als das Kind, ein Mädchen namens Heike, geboren wird, verlässt Stefan sie. Er geht zu einer neuen Freundin, vergisst sowohl Lena als auch das Kind. Die beiden waren nicht verheiratet, doch das hätte ein Warnsignal für Lena sein sollen. Verliebt war sie jedoch zu blind, um das zu sehen.

Paul hilft, wo er kann: Er unterstützt den Vater von Heikes Mutter finanziell, obwohl dieser kaum etwas geben kann. Wenn Paul Heike abholt, kann er mit ihr eine Stunde spielen, ihr Besorgungen erledigen, sie ins Krankenhaus begleiten. Einmal bleibt er sogar über Nacht bei ihr, weil Lena dringend weg musste.

Eine erneute Beziehung planen beide nicht. Paul weiß, dass nichts mehr wie früher sein wird, und Lena meint, es wäre unfair gegenüber ihrem ExMann. Trotzdem bewahren sie eine freundschaftliche Beziehung zum Wohle von Lukas.

Als Heike zwei Jahre alt wird und Lukas in die Grundschule kommt, geschieht das Unfassbare: Lena wird von einem betrunkenen Autofahrer an einer Bushaltestelle in Hamburg erfasst. Das Auto gerät aus der Bahn und rammt die wartenden Menschen. Drei Personen sterben, darunter Lena. Sie erreicht nie das Krankenhaus.

Für Paul ist das ein Schock. Er hat immer noch Gefühle für Lena, wenn auch nicht mehr die alte Liebe. Jetzt ist sie weg, aber Trauer hat keinen Platz; er muss die Beerdigung organisieren und Lukas trösten.

Kurz darauf stellt sich heraus, dass Heikes Vater nicht bereit ist, das Mädchen zu übernehmen. Vor den Beerdigungen trifft Paul den Mann, der sagt: Ich habe jetzt eine andere Familie, kein Platz für das Kind. Auf Pauls Protest: Aber das ist deine Tochter!, erwidert er: Sie ist noch klein, sie findet woanders ein gutes Zuhause. Auf die Idee, Verwandte zu fragen, sagt er: Lenas Schwester könnte sie nehmen, wenn sie will. Aber das ist nicht mein Problem.

Paul kennt Lenas Schwester. Sie ist alkoholabhängig, lebt in einem verfallenen Bauernhaus im Umland, hat drei eigene Kinder kein geeigneter Ort für ein kleines Mädchen. Auch die Nachbarin, die Heike vorübergehend betreut, will keine Vormundschaft übernehmen: Ich bin fast fünfzig, meine Kinder sind erwachsen. Wo soll ich das kleine Mädchen hinbringen?

Paul kann seit dieser Unterhaltung kaum schlafen. Heike ist nicht seine leibliche Tochter, doch ihr leiblicher Vater kümmert sich nicht, und die Verwandten sind ungeeignet. Sollte Heike in ein Pflegeheim kommen, würde ihr Herz zerbrechen.

Am nächsten Morgen fragt Lukas: Papa, nimmt Onkel Stefan Heike mit? Paul antwortet ehrlich: Nein, das wird er nicht. Er sagt Lukas die bittere Wahrheit, weil er nie lügt. Lukas fragt weiter: Wird sie dann ins Heim gehen? Gibt es dort abends Geschichten für sie? Und können wir sie besuchen? Paul lächelt; selten sieht man einen Bruder, der so offen für seine kleine Schwester ist. Wenn sie jetzt getrennt werden, würde diese Liebe nie mehr existieren. Auch Lukas würde später verstehen, dass das alles falsch war.

Paul fragt: Wie wäre es, wenn Heike zu uns kommt? Lukas staunt: Wirklich? Aber du bist nicht ihr Vater. Paul erklärt: Wir können es versuchen. Nach langem Rechtsweg bekommt Paul das Sorgerecht für Heike. Als er sie von der Nachbarin abholt, läuft Heike zu ihm und umarmt ihn fest. Sie kennt ihn besser als ihren leiblichen Vater.

Als Heike ihren Bruder Lukas sieht, lächelt sie sofort. Sie ist noch klein und versteht nicht, dass ihre Mutter nicht mehr da ist, doch das erleichtert ihr die Trauer. Nach einigen Monaten nennt Heike Paul Papa, und er korrigiert sie nicht er ist ihr Vater geworden, weil er die Verantwortung übernommen hat.

Heikes leiblicher Vater zahlt gelegentlich Geld, aber selten und knapp. Paul braucht das nicht; er schafft es selbst. Heike bekommt einen Platz im Kindergarten, weil Paul die Situation gut regelt.

Heike wächst und ähnelt immer mehr ihrer Mutter. Paul, Lukas und Heike lieben einander, und Paul erkennt, dass er alles richtig gemacht hat. Er hat ein Mädchen wie eine leibliche Tochter lieben gelernt. Wer das nicht kennt, würde nie ahnen, dass Heike nicht blutsverwandt ist. Manchmal scheint sie Paul sogar ähnlich.

Als Heike sechs Jahre alt ist, findet Paul schließlich seine eigene Liebe. Er hatte geschworen, nie wieder zu heiraten, doch dann begegnet er Anna, die seine Kinder sofort annimmt Lukas und Heike. Heike beginnt Anna Mama zu nennen, weil sie die echte Mutter nie gekannt hat. Lukas respektiert Annas Rolle und verhält sich ihr gegenüber höflich. Paul verlangt von seinem Sohn nichts weiter.

Paul lügt weder Heike noch Lukas. Heike weiß, dass er nicht ihr leiblicher Vater ist, aber sie nimmt ihn als solchen an. Erst als sie erwachsen wird, erkennt sie, was Paul getan hat: Nach der Tragödie hat er nicht nur seinen eigenen Sohn, sondern auch ein fremdes Mädchen aufgenommen und großgezogen, als wäre es sein eigenes.

Eines Abends, kurz bevor Heike ihr Abitur macht und aufs Studium vorbereitet, geht sie zu ihrem Vater. Danke, Papa, sagt sie. Paul lächelt: Wofür, mein Schatz? Heike antwortet: Dafür, dass du mich nie allein gelassen hast, für meine glückliche Kindheit, dafür, dass du mich nicht von meinem Bruder getrennt hast, dafür, dass du mir ein richtiger Vater geworden bist und mir meine Mutter gebracht hast. Paul lächelt mit Tränen in den Augen. Bitte, Heike. Und danke, dass du in mein Leben gekommen bist. Ich habe endlich eine wahre, liebevolle Tochter gefunden.

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