Du hältst ihn falsch!
Der schrille Schrei platzte plötzlich aus der Luft, doch Heike zuckte nicht zusammen. In den letzten Monaten war die Stimme ihres Schwiegermutters zum unvermeidlichen Hintergrundgeräusch geworden immer dann, wenn es am wenigsten passte.
Heike drehte sich langsam um, dicht an ihr ihr acht Monate altes Baby Felix gekuschelt. Der kleine Wonneproppen schnarchte friedlich auf ihrer Schulter, eingehüllt in einen warmen Overall. Der Berliner Stadtpark war an einem Werktag kaum belebt; nur vereinzelte Spaziergänger in dicken Jacken huschten vorbei.
Guten Tag, Frau Elfriede Schneider, murmelte Heike gleichgültig.
Die Schwiegermutter winkte die Begrüßung ab, als wäre es eine nervige Mücke. Ihr Gesicht war gerötet vor Ärger und Kälte zugleich. Sie trat einen Schritt näher, die Lippen fest zusammengepresst, und musterte den Enkel kritisch.
Was machst du denn hier?, knurrte Elfriede. Verstehst du überhaupt, was du da anstellst? Es ist eiskalt draußen! Und du hast dein Enkelkind so leicht angezogen! Der friert doch gleich zu Tode! Willst du, dass er krank wird?
Heike warf einen Blick auf Felix. Warmes Overall, Mütze, Schal alles dem Wetter entsprechend.
Frau Schneider, es sind gerade acht Grad. Er ist ausreichend gekleidet.
Ausreichend?, schnaufte die Schwiegermutter und kam noch einen Schritt näher. Und weißt du überhaupt, wie man ein Kind hält? So machst du ihm die Haltung kaputt! Er wird krumm werden. Und du hast ihn ja schon zu dünn! Verhungerst du ihn noch?
Heike ballte die Zähne. Felix war völlig gesund; die Kinderärztin lobte seine Entwicklung bei jedem Termin. Doch Elfriede ließ nicht locker.
Und deine Spaziergänge! Zwei Stunden am Stück mit dem Kind draußen! Machst du dich über ihn lustig? Er braucht Wärme und Ruhe, nicht Wind und Kälte! Du bist doch keine Mutter!
Heike legte Felix behutsam auf die andere Schulter. Der Kleine wälzte sich, öffnete die Augen und schlief sofort wieder ein.
Frau Schneider, können wir bitte
Bitte?, schnappte sie. Lass uns doch lieber weitermachen! Du weißt doch gar nicht, wie man Kinder erzieht! Ich habe drei aufgezogen, und du? Das ist dein erstes Mal, und du hältst schon alles besser als ich! Du glaubst, du bist die klügste hier, oder?
Heikes Inneres zog sich zusammen. Der Strom an Vorwürfen war schmerzhaft vertraut. Jeder Besuch der Schwiegermutter glich einer Vernehmung, jedes Treffen der Hölle.
Und das ist alles deine Schuld!, fuhr Elfriede weiter, die Augen funkelnd. Du hast die Familie zerrissen! Mein Sohn war glücklich, bis du dieses Theater veranstaltet hast! Du hast ihn verjagt, ihm den Vater genommen! Alles war deine Schuld!
Heike erstarrte. Die Luft schien zu erstarren, die Worte hallten in ihrem Kopf nach. War sie wirklich schuld? Hatte sie die Familie zerstört?
Wir sollten jetzt gehen, flüsterte Heike und drehte sich um.
Rennt du vor mir weg?, rief Elfriede ihr nach. Ist dir das klar? Du hast das Leben meines Sohnes und meines Enkels ruiniert!
Heike beschleunigte ihren Schritt. Ihre Beine trugen sie aus dem Park, weg von der Stimme, weg von den Anschuldigungen. Felix wälzte sich, blieb aber im Schlaf. Elfriede schrie noch etwas, doch Heike konnte nicht mehr hören wollte nicht.
Erst als die Distanz groß genug war und die Schreie verklungen, ließ Heike tief los. Ihre Hände zitterten, das Herz pochte im Hals. Wie konnte Elfriede es wagen, Heike die Schuld zu geben?
Die Erinnerungen stürzten herein. Der Abend, die Wohnung, die Tür, die Heike eine Stunde zu früh öffnete. Der ExEhemann Klaus und die andere Frau im Schlafzimmer.
Heike schrie nicht, weinte nicht. Sie begann einfach, seine Sachen zusammenzupacken. Klaus versuchte sich zu rechtfertigen, murmelte irgendetwas von Fehlern, dass das nichts bedeute. Heike zeigte schweigend zur Tür. Drei Tage später reichte sie die Scheidung ein.
Zwei Wochen später erfuhr sie, dass sie schwanger war, und erzählte es noch dem nicht mehr lebenden Klaus.
Elfriede stürmte dann plötzlich in Heikes Wohnung, klopfte so hart, dass Heike die Tür öffnete.
Annulliere die Scheidung!, bellte die Schwiegermutter vom Flur. Was machst du? Du bist schwanger! Das Kind braucht beide Eltern! Du musst meinem Sohn verzeihen! Du bist nicht in der richtigen Situation, meine Süße!
Heike lehnte sich müde gegen die Wand. Elfriede fuhr fort:
Männer machen Fehler, das ist ihr Wesen. Aber du bist eine Frau! Du musst vergeben, an die Familie denken, an das Kind!
Welches Kind?, flüsterte Heike. Das, das sich für den Vater schämen wird?
Schämen?, fuhr Elfriede empört fort. Du solltest dich schämen! Du zerbrichst die Familie aus Stolz und Egoismus! Hast du überhaupt darüber nachgedacht, wie es ist, ein Kind ohne Vater großzuziehen? Wir sind doch so nachsichtig Für das Kind würden wir alles hinnehmen!
Heike schloss die Augen.
Elfriede, gehen Sie bitte, bat sie.
Ich gehe nicht!, stampfte die Schwiegermutter. Ich bleibe, bis du deine Meinung änderst! Du bist nur stur! Du verdirbst die Zukunft deines Kindes!
Heike ließ die Scheidung nicht annullieren. Der Stempel im Pass trennte sie endgültig von Klaus. Kurz darauf kam Felix zur Welt.
Ein kleiner, warmer Junge, nur ihr. Sie verlangte keinen Unterhalt, erwähnte Klaus nie als Vater. Er machte klar, dass er das Kind nicht wollte.
Heike arbeitete von zu Hause, verdiente gut. Ihre Mutter half, wann immer sie eine Pause brauchte. Von Klaus bekam sie nichts keinen Anruf, keine Frage, ob es ein Junge oder ein Mädchen war. Es war von Anfang an klar: Er war egal.
Elfriede jedoch ließ nicht locker. Sie kam zur Entbindung, ohne eingeladen zu werden, stand mit einem riesigen Strauß vor der Tür.
Wie heißt er?, fragte sie, kaum dass Heike mit dem Baby in den Armen das Zimmer verließ.
Felix, antwortete Heike.
Elfriedes Gesicht verzog sich.
Felix? Warum nicht Karl, zu Ehren meines Vaters? Ich habe doch gesagt ich habe gebeten
Sie haben gebeten, Frau Elfriede. Aber das ist mein Sohn, und ich habe den Namen gewählt, den ich wollte.
Sie biss die Lippen zusammen, schwieg aber.
Danach folgten Besuche. Elfriede kam fünfmal pro Woche, ohne Vorankündigung, stand plötzlich an der Tür und verlangte, zum Enkel zu dürfen. Sie verteilte Ratschläge zum Füttern, Wickeln, Baden, Schlafen, Halten und Spazierengehen.
Heike nahm es stillschweigend hin, nickte, tat ihr eigenes Ding. Eines Tages hielt es sie jedoch nicht mehr aus.
Elfriede, es reicht!, schrie Heike, als die Schwiegermutter wieder kritisierte, dass sie die falsche Babymilch wählte. Hör auf, mir zu sagen, was ich tun soll! Das ist mein Kind, mein Baby, und ich weiß, wie ich es versorgen muss!
Elfriede erstarrte, erst bleich wie eine Wand, dann rot wie eine Tomate.
Du schreist mich an?
Ja, ich schreie!, hielt Heike den Blick. Weil ich das nicht mehr ertrage! Du kommst jeden Tag, vergiftest mich mit Kritik und Vorwürfen! Mir reicht das!
Elfriede drehte sich um und stapfte hinaus, kam danach nur noch zweimal pro Woche. Jeder Besuch blieb jedoch eine Qual.
Jetzt, wo die Ruhe im Park verschwunden war, stieg Heike in ihr Wohnhaus, ging zu ihrer Etage. Die Wohnung war still und warm. Sie legte Felix ins Bettchen, zog die Jacke aus und ließ sich auf das Sofa fallen. Elfriedes Worte hallten noch in ihren Ohren: Du hast die Familie zerrissen. War es wirklich ihr, die alles ruiniert hatte? Oder war es Klaus, der die Pläne zerschlug? Heike wollte nur ihr Kind großziehen und das war doch völlig in Ordnung.
Felix schnarchte leise, Heike richtete die Decke, lächelte im Schlaf. Alles war, wie es sein sollte.
Zwei weitere Wochen vergingen, still und friedlich. Elfriede tauchte nicht mehr auf, rief nicht an. Heike begann zu hoffen, dass die Schwiegermutter endlich Abstand hielt. Doch am Samstagmorgen klopfte es heftig an der Tür.
Heike öffnete. Vor ihr stand Elfriede, die sofort weiter ins Haus ging, vorbei an Heike, direkt ins Kinderzimmer, wo Felix spielte. Sie beugte sich zu ihm, flüsterte:
Mein Enkel, mein Häschen! Mein Süßer!
Heike trat hinterher, die Arme verschränkt.
Frau Elfriede, was ist los?
Die Schwiegermutter drehte sich mit einem strahlenden Lächeln um.
Morgen ist die Taufe! Ich habe alles organisiert Kirche, Paten, alles!
Heike starrte sie an.
Was?
Die Taufe, wiederholte Elfriede, als ob es selbstverständlich wäre. Morgen, um vier Uhr. Ich habe eine schöne Kirche gefunden, hervorragende Paten ausgewählt. Alles ist bereit.
Heike trat einen Schritt nach vorn.
Sie können nicht entscheiden, wann die Taufe meines Sohnes stattfindet!
Elfriede richtete sich auf, das Lächeln wurde hart.
Doch, das kann ich. Wer sonst? Du, du kleine Spießbürgerin?
Ich!, schnappte Heike. Ich bin seine Mutter!
Du?, spottete die Schwiegermutter. Du bist jung und naiv! Du verstehst nichts! Ich habe Erfahrung! Du musst mir gehorchen, sonst geht das Kind nicht gut! Du bist noch nicht groß genug!
Etwas in Heike loderte auf. All die Beleidigungen der letzten Monate, das ganze Gehänsel, schlugen plötzlich wie ein Feuerstoß ein.
Sie haben keinen Grund, hier zu sein! Überhaupt keinen!
Elfriede wich einen Schritt zurück.
Wie das, keinen Grund? Hier lebt doch mein Enkel!
Nicht laut dem Gesetz!, sagte Heike und deutete auf den Geburtseintrag. Im Geburtenregister steht ein Strich bei dem Vater. Formal hat er keinen Vater! Und deshalb haben Sie keinen Enkel! Solange das nicht geändert wird, dürfen Sie hier nicht mehr auftauchen!
Elfriede wurde blass, ihre Lippen zitterten vor Ärger.
Du wirfst mich raus?
Ja, sagte Heike bestimmt. Gehen Sie!
Die Schwiegermutter packte ihre Tasche und stürmte aus der Wohnung. Felix weinte kurz, Heike hob ihn hoch, drückte ihn an ihr Herz.
Alles gut, mein Kleiner, flüsterte sie. Alles gut.
Eine Woche verging in Stille.
Dann wieder ein Klopfen. Heike öffnete und erstarrte. Vor der Tür standen Elfriede und ihr ExMann Klaus. Klaus wirkte müde und genervt, Elfriede hielt ihn am Arm, als wolle sie verhindern, dass er wegläuft.
Hallo, Heike, grunzte Klaus, ohne ihr in die Augen zu sehen.
Elfriede schob Klaus ins Kinderzimmer.
Schau!, rief sie, zeigte auf Felix. Das ist dein Sohn! Du musst offiziell sein Vater werden! Du bist verpflichtet!
Klaus warf einen flüchtigen Blick auf das Kind, wandte dann den Kopf ab.
Heike lehnte sich an den Türrahmen, sah den störrischen Ausdruck ihres ExMannes. Es blieb nur noch, die richtigen Knöpfe zu drücken.
Dann fordere ich Unterhalt, sagte Heike ruhig.
Klaus zuckte zusammen und drehte sich erschrocken zu ihr.
Was?
Unterhalt, wiederholte Heike. Du verdienst gut, Klaus. Das Gericht wird mir eine ordentliche Summe zusprechen.
Klaus’ Gesicht verzog sich.
Ich will das Kind nicht, spottete er. Genug! Ich habe nichts mit euch zu tun!
Er drehte sich um und verließ die Wohnung. Elfriede lief ihm nach.
Klaus! Warte!, schrie sie. Wegen dir kann ich meinen Enkel nicht sehen! Verstehst du das?
Mir egal!, hallte Klaus’ Stimme aus dem Flur. Mir egal, du und das Kind!
Heike schloss die Tür, ging zu Felix, der nach ihr griff. Sie hob das Baby, drückte es an sich. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Der Plan hatte funktioniert. Klaus wollte das Kind nicht, und Elfriede war endlich verschwunden. Jetzt konnte Heike endlich durchatmen.







