Sommerschwelle

**Tagebucheintrag Ein Sommer der Entscheidung**

Greta saß am Küchenfenster und beobachtete, wie die Abendsonne über den nassen Asphalt ihres Hinterhofs glitt. Der Regen hatte trübe Spuren auf den Scheiben hinterlassen, doch das Fenster öffnete sie nicht die Luft in der Wohnung war warm, staubig und erfüllt von den Geräuschen der Straße. Mit 44 Jahren hätte man über Enkelkinder sprechen sollen, nicht über den Versuch, noch einmal Mutter zu werden. Doch genau das beschäftigte sie jetzt, nach Jahren des Zweifelns und verhaltenen Hoffens. Heute würde sie ernsthaft mit dem Arzt über eine künstliche Befruchtung sprechen.

Ihr Mann Stefan stellte eine Tasse Tee auf den Tisch und setzte sich neben sie. Er kannte ihre bedachten, sorgfältig gewählten Worte, ihre Art, seine unausgesprochenen Ängste nicht zu verletzen. *»Bist du dir wirklich sicher?»*, fragte er, als sie ihren Wunsch endlich aussprach. Sie nickte nicht sofort, sondern nach einer kurzen Pause, in der alle gescheiterten Versuche und unausgesprochenen Ängste Platz fanden. Stefan widersprach nicht. Er nahm ihre Hand und schwieg. Sie spürte, dass auch er Angst hatte.

Gretas Mutter, eine Frau strenger Prinzipien, für die die natürliche Ordnung wichtiger war als persönliche Wünsche, lebte mit ihnen. Beim Abendessen schwieg sie zunächst, dann sagte sie nur: *»In deinem Alter riskiert man so etwas nicht.»* Die Worte blieben wie ein schwerer Stein zwischen ihnen und hallten später in der Stille des Schlafzimmers nach.

Ihre Schwester rief seltener an sie lebte in einer anderen Stadt und unterstützte sie nur knapp: *»Du wirst schon wissen, was du tust.»* Nur ihre Nichte schickte eine Nachricht: *»Tante Greta, das ist so mutig von dir!»* Diese wenigen Worte wärmten Greta mehr als alles andere.

Die erste Untersuchung in der Klinik führte sie durch lange Gänge mit abblätternder Farbe und dem Geruch von Desinfektionsmittel. Der Sommer war gerade erst angekommen, und das Licht fiel sanft durch die Fenster, selbst im Wartezimmer der Reproduktionsmedizin. Die Ärztin studierte Gretas Akte und fragte: *»Warum jetzt?»* Diese Frage hörte sie oft von der Schwester bei der Blutabnahme, von einer Bekannten auf der Parkbank.

Greta antwortete jedes Mal anders. Manchmal sagte sie: *»Weil es eine Chance gibt.»* Manchmal zuckte sie nur die Schultern oder lächelte verlegen. Hinter dieser Entscheidung lag ein langer Weg der Einsamkeit und der Versuche, sich selbst zu erklären, dass es nicht zu spät war. Sie füllte Formulare aus, ertrug zusätzliche Untersuchungen die Ärzte verhehlten ihren Zweifel nicht, denn ihr Alter sprach statistisch gegen einen Erfolg.

Zuhause blieb alles beim Alten. Stefan stand ihr bei jeder Untersuchung zur Seite, obwohl er genauso nervös war wie sie. Gretas Mutter wurde vor jedem Termin gereizter und warnte vor falschen Hoffnungen. Doch abends brachte sie ihr manchmal Obst oder ungesüßten Tee so zeigte sie ihre Sorge.

Die ersten Schwangerschaftswochen fühlten sich an, als stünde sie unter einer Glasglocke. Jeder Tag war geprägt von der Angst, diesen zerbrechlichen Neuanfang zu verlieren. Die Ärztin überwachte sie besonders streng: Fast wöchentlich Blutabnahmen, lange Wartezeiten vor dem Ultraschall, umgeben von jüngeren Frauen.

In der Klinik verweilten die Blicke der Schwestern etwas länger auf Gretas Geburtsdatum. Gespräche drehten sich unweigerlich um ihr Alter einmal seufzte eine Unbekannte hinter ihr: *»Hat sie denn keine Angst?»* Greta antwortete nicht; in ihr wuchs etwas wie müde Sturheit.

Dann kamen die Komplikationen. Plötzlich durchzog ein stechender Schmerz ihren Körper, und sie rief den Notarzt. Die Station war stickig, das Fenster blieb wegen der Hitze und Mücken meist geschlossen. Das Personal begegnete ihr mit Zurückhaltung; irgendwo flüsterte jemand über *»altersbedingte Risiken»*.

Die Ärzte sprachen nüchtern: *»Wir beobachten das.»*, *»Solche Fälle brauchen besondere Kontrolle.»* Eine junge Hebamme murmelte einmal: *»Sie sollten doch lieber entspannen und ein Buch lesen.»*, drehte sich dann aber schnell weg.

Die Tage zogen sich hin in ängstlichem Warten auf Ergebnisse. Nachts rief Greta Stefan an oder las die knappen Nachrichten ihrer Schwester, die zur Vorsicht riet. Ihre Mutter kam selten es fiel ihr schwer, die Tochter so hilflos zu sehen.

Die Gespräche mit den Ärzten wurden schwieriger. Jedes neue Symptom führte zu weiteren Untersuchungen oder erneuter Einweisung. Einmal gab es Streit mit Stefans Verwandten, ob die Schwangerschaft überhaupt fortgesetzt werden sollte. Stefan beendete es mit einem Satz: *»Das ist unsere Entscheidung.»*

Die Sommerhitze lag schwer über den Stationen. Draußen rauschten die Bäume, Kinder spielten im Hof. Manchmal dachte Greta an die Zeit, als sie selbst so jung war als eine Schwangerschaft natürlich schien, ohne Angst vor Komplikationen oder Blicken.

Die letzten Wochen vor der Geburt waren die schwersten. Jede Bewegung des Kindes war ein kleines Wunder oder eine Warnung. Das Telefon lag immer griffbereit; Stefan schickte stündlich kurze Nachrichten.

Die Wehen setzten früh ein, spät am Abend. Lange Wartezeit wechselte mit plötzlicher Eile. Die Ärzte sprachen schnell und bestimmt; Stefan wartete vor dem OP und betete so verzweifelt wie in seiner Jugend vor Prüfungen.

Greta erinnerte sich kaum an die Geburt nur an Stimmengewirr, den beißenden Geruch von Medikamenten. Das Kind kam schwach zur Welt; sofort wurde es zur Untersuchung weggebracht. Als klar wurde, dass es beatmet werden musste, überkam Greta eine solche Angst, dass sie kaum noch telefonieren konnte.

Die Nacht schien endlos. Das Fenster stand offen, doch die warme Luft brachte keine Erleichterung. Irgendwo heulte ein Krankenwagen. In diesem Moment gestand sie sich ein: Es gab kein Zurück mehr.

Am Morgen danach begann alles mit Warten. Greta öffnete die Augen in der stickigen Krankenzimmer, wo der Wind den Vorhang bewegte. Draußen wurde es langsam hell. Schritte im Flur, gedämpft und müde. Sie fühlte sich nicht mehr als Teil dieser Welt. Ihr Körper war schwach, doch ihre Gedanken galten nur dem Sohn hinter der Tür der Intensivstation.

Stefan kam früh. Er setzte sich wortlos neben sie, nahm ihre Hand. Seine Stimme war rau vom Schlafmangel: *»Die Ärzte sagen, es gibt noch keine Veränderung.»* Gretas Mutter rief kurz nach Sonnenaufgang an ohne Vorwürfe, nur mit einer vorsichtigen Frage: *»Wie geht es dir?»* Die ehrliche Antwort wäre gewesen: *»Ich halte mich gerade noch.»*

Der Tag bestand nur aus Warten. Die Schwestern kamen selten, ihre Blicke waren kurz und mitleidig. Stefan versuchte, von einfachen Dingen zu reden vom letzten Sommer im Garten, von der Nichte. Doch die Gespräche verstummten schnell. Worte verloren ihre Bedeutung angesichts der Ungewissheit.

Gegen Mittag kam der Arzt ein Mann mit grauem Bart und müden Augen. *»Sein Zustand ist stabil, die Entwicklung positiv Aber es ist noch zu früh.»* Für Greta klangen diese Worte wie Erlaubnis, endlich wieder tief durchzuatmen. Stefan richtete sich auf; am Telefon schluchzte ihre Mutter vor Erleichterung.

An diesem Tag hörten die Streitigkeiten auf. Die Familie rückte zusammen: Gretas Schwester schickte Fotos von Babyschuhen, die Nichte schrieb eine lange Nachricht. Selbst die Mutter sandte eine seltene SMS: *»Ich bin stolz auf dich.»* Die Worte klangen fremd, als gälten sie nicht ihr.

Greta erlaubte sich, etwas loszulassen. Sie beobachtete den Lichtstreifen an der Wand die Sonne kroch über den Boden bis zur Tür. Überall warteten Menschen: auf Ergebnisse, auf Ärzte, auf Veränderung. Nur ihr Warten war anders es verband sie mit den anderen durch eine unsichtbare Schnur aus Angst und Hoffnung.

Später brachte Stefan frische Wäsche und Kuchen von ihrer Mutter. Sie aßen schweigend; der Geschmack ging in der Anspannung unter. Als der Anruf aus der Intensivstation kam, hielt Greta das Telefon mit beiden Händen, als könnte es sie wärmer halten als die Decke.

Der Arzt meldete vorsichtig: *»Seine Werte verbessern sich langsam. Er atmet schon etwas selbstständiger.»* Das bedeutete so viel, dass sogar Stefan ein kleines Lächeln gelang.

Der Tag verging zwischen Anrufen und kurzen Gesprächen. Das Fenster blieb offen; der Wind trug den Duft von frisch gemähtem Gras herein.

Am Abend kam der Arzt spät. Seine Schritte hallten durch den Flur, bevor er sprach: *»Ihr Sohn kann von der Intensivstation.»* Greta verstand die Worte erst wie durch Watte. Stefan sprang auf und drückte ihre Hand fast schmerzhaft fest.

Eine Schwester führte sie ins Zimmer für Mütter nach schwierigen Geburten. Hier roch es nach Sterilität und Babymilch. Ihr Sohn lag ohne Schläuche in einem Bettchen seit Stunden atmete er allein.

Als sie ihn endlich halten durfte, war er so leicht, dass sie kaum glauben konnte, er sei lebendig. Seine Augen öffneten sich müde. Stefan beugte sich vor: *»Schau»* Seine Stimme zitterte nicht mehr aus Angst, sondern aus einer Mischung aus Zärtlichkeit und Ehrfurcht.

Die Schwestern lächelten jetzt freundlich. Eine Mitpatientin gratulierte leise: *»Alles wird gut.»* Diesmal klangen die Worte nicht nach Floskel, sondern nach Wahrheit.

In den nächsten Stunden rückte die Familie enger zusammen als je zuvor: Stefan hielt den Sohn an Gretas Brust, länger als in all ihren Ehejahren. Die Mutter kam trotz ihrer Prinzipien sofort, um endlich eine ruhige Tochter zu sehen. Die Schwester rief alle halbe Stunde, fragte nach jedem kleinen Fortschritt.

Greta spürte eine Kraft in sich, von der sie bisher nur gelesen hatte. Jetzt war sie wirklich da in der Berührung des kleinen Kopfes, im Blick ihres Mannes.

Ein paar Tage später durften sie kurz in den Hof. Unter Linden spielten jüngere Mütter mit ihren Kindern sie lachten, weinten, lebten, ahnungslos, was hinter diesen Mauern geschehen war.

Greta stand an der Bank, den Sohn im Arm, den Rücken an Stefans Schulter gelehnt. Sie spürte: Das war jetzt ihr neuer Halt. Die Angst wich einer schwer erkämpften Freude, die Einsamkeit löste sich im gemeinsamen Atem erwärmt vom Juliwind durch das offene Krankenhausfenster.

**Was ich gelernt habe:** Manchmal ist Mut nicht das Fehlen von Angst, sondern die Entscheidung, trotzdem weiterzugehen. Und manchmal findet man die stärkste Unterstützung gerade dort, wo man sie am wenigsten erwartet.

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Too Many Coincidences