Vertrag im Hinterhof

Der Hof zwischen vier vierstöckigen Mehrfamilienhäusern in BerlinMitte hatte immer seine eigenen Regeln. Im Mai, wenn das Gras vor den Fenstern schon gestutzt war und der Asphalt noch die Spuren des letzten Regens hielt, floss das Leben hier im Takt des langen, hellen Tages. Kinder jagten den Ball über den Spielplatz, Erwachsene hasteten zur Bushaltestelle oder zum Supermarkt, tauschten sich vor den Hauseingängen aus und verweilten lange auf den Bänken. Die Luft war dicht, feucht und warm der Frühling in der deutschen Hauptstadt gab den Sommer nicht sofort auf.

An diesem Morgen fuhr ein weißer Lieferwagen mit dem Logo eines Mobilfunkanbieters in den Hof. Männer in Arbeitswesten luden Kartons und Metallgerüste aus, ohne Aufsehen zu erregen. Doch als nahe dem Transformatorengleis Werkzeug klapperte und um die Turnstange herum Absperrungen aufgestellt wurden, kamen die ersten neugierigen Anwohner näher. Die Arbeiter stellten schweigend den Sendemast auf exakt nach Anleitung, ohne Fragen zu beantworten, bis die Hausverwaltung endlich eintraf.

Im HausChat, wo sonst über Rohrbrüche oder Müll diskutiert wurde, erschien ein Foto mit der Frage: Was wird hier neben dem Spielplatz gebaut? Wer weiß Bescheid? Binnen einer halben Stunde war das Forum voller Besorgnis.

Eine Mobilfunkantenne!, schrieb Anke, Mutter zweier Kleinkinder. Darf das so nah am Haus stehen?
Wurde uns denn überhaupt gefragt?, bestätigte ihre Nachbarin im Erdgeschoss und fügte einen Link zu einem Artikel über mögliche Strahlungsrisiken bei.

Am Abend, nachdem die Arbeiter die Arbeit beendet hatten und das Metallgerüst bereits im grünen Hof thronte, flammten die Gespräche erneut auf. Auf der Bank vor dem Hauseingang versammelten sich Eltern. Anke hielt ihr Handy mit dem offenen Chat, daneben stand ihre Freundin Kerstin, die ihr kleines Mädchen fest umarmte.

Ich will nicht, dass meine Kinder hier spielen, wenn das jetzt steht, sagte Kerstin und zeigte auf den Mast.

Da trat Thomas aus dem dritten Haus ein schlanker Typ mit einem Laptop unter dem Arm, ein lokaler ITSpezialist zu ihnen. Er hörte still zu und sagte dann ruhig:

Das ist nur eine Basisstation, nichts Grundlegendes. Alles entspricht den Normen, die zulässigen Grenzwerte werden nicht überschritten.

Sind Sie sich da sicher?, fragte Anke misstrauisch. Und wenn morgen Ihr Kind erkrankt?

Es gibt Messungen und Vorschriften. Wir können Fachleute beauftragen und alles offiziell prüfen, erwiderte Thomas, ohne laut zu werden.

Sein Freund Markus nickte und ergänzte:

Ich kenne Leute, die sich damit auskennen. Lassen Sie uns das sachlich klären.

Doch die Ruhe war im Hof bereits verflogen. Im Eingangsbereich wurde bis in die Nacht diskutiert: manche erinnerten an Berichte über elektromagnetische Felder, andere verlangten das sofortige Entfernen der Anlage. Die Eltern schlossen sich zusammen: Anke richtete einen separaten Chat für die Initiative ein und verfasste einen kurzen Aufruf zur Unterschriftensammlung gegen die Installation. An der Hauswand hing ein Plakat: Gefahr für die Gesundheit unserer Kinder!

Die ITLeute konterten mit Fakten, stellten Auszüge aus dem Bundes-Immissionsschutzgesetz und der Wohnungsaufsicht bereit und versicherten die Sicherheit und Legalität des Vorhabens. Der Schriftverkehr wurde hitziger: Die einen baten um Besonnenheit und Vertrauen in die Fachleute, die anderen forderten ein sofortiges Stillen der Arbeiten bis zur Klärung.

Am nächsten Tag trafen sich im Hof zwei kleine Gruppen: Eltern mit ausgedruckten Flyern und ITSpezialisten mit Normen und Links zu offiziellen Stellen. Dazwischen spielten Kinder: manche sausten mit dem Scooter über den nassen Asphalt, andere jagten einander zwischen den Fliederbüschen.

Wir haben nichts gegen Mobilfunk und Internet!, protestierte Kerstin. Aber warum wurde uns das einfach vor die Nase gesetzt?

Das liegt an dem Verfahren: Die Hausverwaltung entscheidet zusammen mit den Eigentümern oder nach einer Abstimmung in der Eigentümerversammlung, erwiderte Markus.
Es gab keine Versammlung! Wir haben nichts unterschrieben!, schrie Anke.
Dann müssen wir offiziell Unterlagen anfordern und unabhängige Messungen durchführen, schlug Thomas vor.

Gegen Abend kehrte das Thema in den Chat zurück: Eltern teilten besorgte Nachrichtenartikel und suchten Gleichgesinnte, während die ITler zu Vernunft aufriefen und ein Treffen mit Experten des Anbieters und eines unabhängigen Labors anboten.

In dieser Nacht standen die Fenster offen, Stimmen drangen bis in die Dunkelheit. Die Kinder gingen erst spät nach Hause; der Frühling schenkte warme Luft und das Gefühl endloser Ferien.

Am dritten Tag hing im Hof ein neuer Aufruf: Gemeinsames Treffen von Anwohnern und Experten zur Sicherheit von Mobilfunkanlagen. Darunter standen Unterschriften beider Gruppen und der Hausverwaltung.

Zur vereinbarten Zeit erschienen fast alle: Eltern mit Kindern im Arm und Aktenschachteln, ITLeute mit Ausdruckern und Smartphones, Vertreter der Verwaltung und zwei Männer in grauen Laborjacken.

Die Experten erklärten geduldig den Ablauf der Messungen, holten Geräte heraus, zeigten Zertifikate und luden alle ein, die Ergebnisse live zu verfolgen. Die Gruppe bildete einen Halbkreis um den Mast; sogar die Teenager stellten ihre Handys weg und lauschten den Fachleuten.

Dieses Messgerät zeigt hier den Feldwert und hier, näher am Spielplatz alles liegt unter den zulässigen Grenzwerten, kommentierte ein Techniker, während er den Rasen entlangging.
Können wir das direkt an den Fenstern prüfen?, fragte Anke beharrlich.
Selbstverständlich, wir gehen zu allen Stellen, die Sie interessieren, antwortete er.

Jeder Messschritt wurde von angespannter Stille begleitet; nur das Krächzen der Krähen hallte aus dem Gebüsch hinter den Garagen. Alle Messwerte lagen unter dem Risikoschwellenwert, der Techniker dokumentierte sie und übergab sofortige Ausdrucke.

Als das letzte Blatt mit der Unterschrift des Labors in den Händen der Initiative und der ITLeute lag, herrschte eine andere Art von Stille: Der Streit war mit Fakten geklärt, doch die Gefühle hatten sich noch nicht völlig beruhigt.

Der Abendluft im Hof wurde ein wenig trockener die Tagesfeuchte ließ nach, doch der Asphalt strahlte noch die Tageswärme nach. Der Kreis um den Mast löste sich langsam: Einige gingen nach Hause, die Kleinen gähnten, Jugendliche hingen an der Schaukel und lauschten den Gesprächen der Erwachsenen. Auf den Gesichtern war Müdigkeit, aber auch Erleichterung: Die Zahlen waren endlich für alle verständlich.

Anke stand neben Kerstin, beide hielten den Ausdruck mit den Messwerten. Thomas und Markus unterhielten sich leise mit den Experten und warfen immer wieder Blicke zu den Eltern. Der Vertreter der Hausverwaltung wartete er mischte sich nicht ein, doch seine Präsenz erinnerte daran, dass der Diskurs noch nicht endgültig beendet war.

Also, alles in Ordnung?, fragte Kerstin, ohne den Blick vom Papier zu lösen. Wir haben uns umsonst Sorgen gemacht?
Anke schüttelte den Kopf: Nicht umsonst. Wir mussten selbst prüfen. Jetzt haben wir eine Bestätigung.

Sie sprach ruhig, fast zu sich selbst, als wolle sie die eigene Anspannung stillen.

Thomas trat näher, deutete mit der Hand auf die Bank unter dem großen Fliederbusch und lud alle ein, sich zu setzen. Dort versammelten sich die, die nicht nur die Ergebnisse hören, sondern auch die Zukunft des Hofes besprechen wollten. Markus brach das Schweigen zuerst:

Vielleicht sollten wir Regeln festlegen, damit uns künftig nichts mehr unvermittelt vor die Nase gesetzt wird.

Eine Stimme aus der Runde, eine Mutter, nickte: Und alle Änderungen im Hof sollten vorher besprochen werden. Nicht nur große Dinge, auch ein neuer Spielplatz zum Beispiel.

Anke sah die Nachbarn an. In ihren Augen lag die Müdigkeit der Auseinandersetzung, aber auch der Wille, etwas zu verändern.

Lassen wir uns folgendermaßen einigen: Wer etwas installieren oder verändern will, schreibt zuerst in den GemeinschaftsChat und hängt ein Schild an den Hauseingang. Bei strittigen Fragen halten wir eine Versammlung, stimmen ab und holen Fachleute dazu, schlug sie vor.

Thomas nickte: Und wir dokumentieren alle Messungen öffentlich, damit keine Gerüchte entstehen.

Der Labor­experte packte die Geräte sorgfältig ein und sagte abschließend: Wenn künftig Fragen zu Strahlung oder anderen Risiken auftauchen, kommen Sie auf uns zu wir führen neue Messungen durch. Das ist Ihr Recht.

Der Verwalter bestätigte: Alle Unterlagen zur Antenne liegen im Büro der Hausverwaltung und können per EMail angefordert werden. Entscheidungen treffen wir nur nach Rücksprache mit den Bewohnern.

Langsam beruhigte sich das Gespräch. Jemand erinnerte an den alten Sandkasten am Hausende, der schon lange erneuert werden sollte. Die Nachbarn begannen, Geld für die Sanierung zu sammeln; der Streit um den Mast hatte still und leise zu einem Dialog über andere Anliegen des Hofes geführt.

Die Kinder genossen noch die letzten freien Minuten: Ältere fuhren mit dem Scooter entlang der Mauer, Jüngere tollten am Blumenbeet. Anke beobachtete sie zufrieden die Anspannung der vergangenen Tage ließ nach. Sie fühlte die Müdigkeit, doch sie war ebenbürtig der Gewissheit, etwas erreicht zu haben.

Unter den Laternen erstrahlte der Hof in sanftem Gelb. Das abendliche Treiben hörte nicht sofort auf Türen schlugen zu, jemand lachte am Müllcontainer, Jugendliche planten den nächsten Tag. Anke blieb noch einen Moment bei Kerstin stehen:

Gut, dass wir uns durchgesetzt haben, sagte sie.
Ich hätte sonst nie wieder ruhig schlafen können. Jetzt wissen wir, wer zuerst informiert wird, erwiderte Kerstin lächelnd.

Thomas verabschiedete sich von Markus beide sahen aus, als hätten sie gerade eine Prüfung bestanden. Markus winkte Anke zu:

Wenn du willst, zeig ich dir noch ein paar Artikel zur Sicherheit, nur damit wir ruhig schlafen.

Anke lachte: Lass uns lieber darüber reden, wie wir die Glühbirnen im Treppenhaus austauschen. Die flackern seit einem Monat.

Ein Jugendlicher rief vom Spielplatz: Mama, noch fünf Minuten?
Anke winkte die Kinder durften weiter spielen. In diesem Moment fühlte sie sich Teil von etwas Größerem: nicht nur Mutter oder Aktivistin, sondern Bewohnerin eines Hofes, in dem man ohne Groll Lösungen findet.

Als die letzten Eltern ihre Kinder nach Hause riefen, war klar: Der Streit um die Antenne war vorbei, doch neue Fragen blieben Vertrauen, Zusammenleben, das Hören der Nachbarn. Jetzt gab es Ordnung, wenn auch unausgesprochen, die von allen akzeptiert wurde. Man hatte die Angst den Fakten weichen lassen und den Fakten neue Abmachungen gegeben.

Unter den Fliederzweigen stand Anke noch einen Moment, atmete tief ein der Duft der blühenden Sträucher füllte die Luft. Der Hof wirkte an diesem Abend vertraut und zugleich neu. Sie wusste, es würden noch viele Diskussionen kommen, doch das Wichtigste war, dass sie nun lernten, einander zuzuhören.

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