Der Sohn ist weggegangen – und hat uns vergessen

Hannelore Schneider kam erschöpft aus dem Supermarkt zurück, nachdem sie die knarrende Treppe bis zum vierten Stock hinter sich gelassen hatte. Die Tüten drückten schwer in ihren Händen sie sparte nicht am Essen, ihre Rente reichte gut, und nach ein Leben voller Sparen hatte sie sich das Recht erworben, nur das Beste zu kaufen.

Die kleine Wohnung in einem alten Mietshaus im Berliner Prenzlauer Berg lag still und kühl da. Hannelore stellte die Tüten auf den Küchentisch und begann, das Essen auszupacken: Brot, Milch, Käse, ein Dutzend Eier, frisches Gemüse und Obst, ein Glas roter Kaviar. Den Kaviar kaufte sie aus Gewohnheit wie soll man seinem einzigen Sohn das Lieblingsdelikatessen vorenthalten? Nur leider war ihr Sohn Johann seit zwei Jahren nicht mehr zu Besuch gekommen, selbst nicht zu Hannelores Geburtstag.

Ach, Johann, seufzte Hannelore, vielleicht schaffst du es am nächsten Wochenende?

Sie griff nach dem Telefon, wählte die bekannte Nummer. Ein langes Klingeln, dann die mechanische Stimme: Der Anschluss ist vorübergehend nicht erreichbar. Sie legte das Gerät resigniert auf das Fensterbrett.

Er ist wohl beschäftigt. Ruf ich ihn abends an.

Doch am Abend blieb das Telefon stumm. Hannelore drehte den Fernseher auf, um die Einsamkeit zu übertünchen, während im Bild ein weiterer Krimi lief. Ihre Gedanken kehrten zu Johann zurück.

Johann war immer Hannelores ganzer Stolz gewesen. Alleinerziehend hatte sie ihn großgezogen, nachdem ihr Mann ausgezogen war, als der Junge erst sieben war. Er war klug, ehrgeizig, hatte das Abitur mit Goldmedaille bestanden und dann an der renommierten Wirtschaftsuniversität Berlin studiert. Nach dem Abschluss fand er eine Stelle in einer internationalen Unternehmensberatung und kam oft vorbei, erzählte von Projekten und schmiedete Zukunftspläne.

Dann kam Laura Becker, die Tochter einer wohlhabenden Familie, in sein Leben. Nach einem halben Jahr heirateten sie und zogen in ein Vorortviertel nach Potsdam. Zunächst klingelte Johann jede Woche, kam einmal im Monat zu Besuch. Doch mit der Zeit wurden die Anrufe seltener, die Besuche seltener das letzte Mal war zu Weihnachten gewesen.

Hannelore schaltete den Fernseher aus, ging in die Küche, kochte sich einen Tee und holte ihr Lieblingsgebäck heraus. Die Aufregung in ihr wuchs: Sie wusste, dass ihr Sohn ein eigenständiges Leben führte, doch das Verlangen, seine Stimme zu hören, sein Gesicht zu sehen, nagte an ihr.

Am Morgen klingelte das Telefon erneut. Hannelore stürzte zum Apparat, hoffte, Johann zu hören, doch es war die Nachbarin Erna Weber.

Hannelore, wie gehts? Kommst du auf einen Kaffee vorbei? Ich habe einen Apfelkuchen gebacken.

Danke, Erna, aber ich fühle mich heute nicht so gut. Vielleicht ein andermal.

Erna lächelte verständnisvoll, wünschte ihr gute Besserung und legte auf. Hannelore war nicht in der Stimmung, mit jemandem zu reden. Sie entschied sich, Johann eine Nachricht zu schreiben das Handy, das er ihr zum sechzigsten Geburtstag geschenkt hatte, lag schwer in ihrer Hand. Mit zitternden Fingern tippte sie: Johann, wie geht es dir? Ich habe versucht dich anzurufen, aber du gehst nicht ran. Vielleicht kommst du mal vorbei? Ich vermisse dich. Auf Senden drückend, wartete sie hoffnungsvoll.

Kurz darauf kam die Antwort: Mama, tut mir leid, ich bin sehr beschäftigt. Viel Arbeit. Ich versuche nächsten Monat vorbeizukommen.

Der Monat verging, doch Johann kam nicht. Hannelore versuchte, ihn nicht weiter zu bedrängen: Er hat sein eigenes Leben, dachte sie. Wahrscheinlich wirklich viel zu tun.

Eines Tages, als sie durch ihren Facebook-Feed scrollte, sah sie ein Bild von Johann, seiner Frau Laura und einem süßen Labrador vor einem modernen Einfamilienhaus. Die Bildunterschrift lautete: Unser neues Zuhause! Träume werden wahr!

Ihr Herz schnürte sich zu. Ihr Sohn hatte ein Haus gekauft, ohne ihr davon zu erzählen alle Neuigkeiten erfuhren sie nur aus dem Internet, als wäre sie eine Fremde. Sie wählte die Nummer, und diesmal ging das Gespräch fast sofort.

Mama, hallo! Wie gehts dir?, klang Johanns Stimme, lebhaft und fröhlich.

Johann, ich habe eure Fotos gesehen. Herzlichen Glückwunsch zum Haus! Warum hast du mir nichts gesagt?

Ach, Mama, ich hab’s total vergessen. Alles war so stressig Arbeit, Umzug. Entschuldige.

Verstehe. Wann kannst du vorbeikommen und mir das Haus zeigen? Ich habe dich so vermisst.

Weiß nicht, Mama. So viel zu tun Vielleicht kommst du zu uns? Du könntest ja sehen, wie wir wohnen.

Zu euch? Aber das ist doch so weit Ich weiß nicht, wie ich hinkomme.

Dann später. Ich muss jetzt los. Das Gespräch endete abrupt, und das Telefon fiel leblos zu Boden. Hannelore starrte auf den schwarzen Bildschirm, Tränen liefen ihr über die Wangen. Ich backe einen Kuchen, flüsterte sie, Johann kommt hungrig von der Arbeit nach Hause, den muss ich doch füttern. Doch im nächsten Moment griff sie sich selbst: Was für ein Narr, ich lebe doch allein in Berlin.

Die Tage zogen sich hin, die Einsamkeit blieb ein schwerer Begleiter. Hannelore ging einkaufen, sah fern, besuchte gelegentlich Erna zum Tee, doch das Gefühl der Verlassenheit wuchs. Sie rief den Arzt nicht an, weil sie nicht wollte, dass Johann sich Sorgen machte.

Kurz vor Neujahr beschloss sie, sich selbst zu feiern. Sie kaufte einen kleinen Tannenbaum, ein paar neue Christbaumschmuck, und bereitete ein Festmahl vor: Salate, gebratene Gans, Apfelstrudel all das, was Johann liebte. Sie zog ihr schönstes Kleid an, schminkte sich leicht und hoffte, dass ihr Sohn zum Jahreswechsel anrufen würde.

Die Uhr tickte Richtung Mitternacht, das Telefon blieb stumm. Als das Feuerwerk vom Fernsehturm über den Himmel schoss und der Präsident im Radio Neujahrsgrüße verkündete, hörte Hannelore nur das Ticken ihrer eigenen Uhr. Bis drei Uhr morgens wartete sie am Telefon, dann schlief sie erschöpft ein. Am Morgen fand sie eine kurze Nachricht von Johann: Frohes neues Jahr, Mama! Alles Gute und viel Gesundheit. Ein Satz, keine Fragen, kein echtes Gespräch.

Am Küchentisch, umgeben von kühlen Resten, fühlte sich Hannelore wie ein Gespenst für ihren eigenen Sohn. Wer war sie jetzt für ihn?

Eine Woche später besuchte sie ihre alte Freundin Klara Müller, die im städtischen Gesundheitsamt arbeitete.

Hannelore, du siehst schlanker aus! Was ist los? rief Klara, als sie die Tür des Klinikflurs öffnete.

Ach, nichts Besonderes, das Alter, lächelte Hannelore.

Und Johann? Hast du ihn lange nicht gesehen?

Er lebt im Vorort, hat ein Haus gekauft, arbeitet viel.

Kommt er zu dir?

Selten, er ist sehr beschäftigt.

Klara sah sie eindringlich an.

Hannelore, du bist allein. Das ist nicht gut. Vielleicht ziehst du zu ihm?

Er lädt mich nicht ein, murmelte Hannelore, und meine Leiden ich wäre nur eine Last.

Unsinn! Du bist seine Mutter, keine Last! Komm zu mir, lass uns einen Tee trinken, ich habe gleich frei.

Am Abend, bei Klara zu Hause, ließ Hannelore endlich alles raus: Ich vermisse ihn so sehr, es tut mir weh, dass er mich kaum beachtet.

Ich verstehe, er hat sein Leben, aber ein kurzer Anruf, ein Gespräch das ist doch nicht zu viel.

Habe ich ihm je gesagt, dass ich das brauche?

Nein. Du musst es ihm sagen.

Aber ich will nicht aufdringlich wirken.

Klara legte eine Hand auf ihre Schulter. Er ist dein Sohn. Du hast das Recht, gehört zu werden. Ruf ihn an, sag ihm, dass du reden musst.

Hannelore dachte nach, dann wählte sie die Nummer. Johann ging nicht sofort ran. Sie hinterließ eine Mailbox-Nachricht: Sohn, bitte ruf zurück, wenn du kannst. Ich muss mit dir reden.

Am nächsten Tag rief er zurück.

Mama, was ist los? Alles okay bei dir?

Ja, Johann, ich wollte einfach deine Stimme hören.

Ich bin gerade bei der Arbeit, vielleicht später?

Natürlich, ruf mich an, wenn du Zeit hast.

Er versprach, aber ließ wieder stehen. Hannelore ließ nach und beschloss, nicht weiter zu belästigen.

Im Frühling verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand: Herzrasen, hoher Blutdruck. Sie rief den Notruf, bekam eine Injektion und den Rat, ins Krankenhaus zu gehen doch sie lehnte ab. Wer würde die Wohnung pflegen? Wer würde die Blumen gießen? Und was, wenn Johann plötzlich kommt und sie nicht da ist?

Erna Weber kam täglich vorbei, brachte frisches Brot, manchmal Suppe oder Frikadellen.

Hannelore, soll ich Johann anrufen? Er sollte wissen, dass du krank bist.

Nein, Erna, er hat genug zu tun.

Aber er ist dein Sohn!

Ich erhol mich bald, dann erzähle ich ihm.

Erna schüttelte den Kopf, wusste, dass Johann nicht kommen würde.

Wochen und Monate vergingen, Hannelore wurde immer schwächer. Die Besuche von Johann wurden zu kurzen, höflichen Telefonaten. Eines Abends klopfte es an der Tür. Mit Mühe stand sie vom Sofa auf, öffnete und sah eine junge Frau mit einer großen Tasche.

Guten Tag, sind Sie Hannelore Schneider? fragte die Frau.

Ja, wer sind Sie?

Ich bin Elena Krause vom Sozialamt. Ihre Nachbarin hat uns informiert, dass Sie Unterstützung benötigen.

Hannelore war überrascht, aber auch verunsichert. Elena breitete Dokumente auf dem Tisch aus.

Wir würden Ihnen eine tägliche Betreuung anbieten, Besorgungen erledigen, den Blutdruck messen alles kostenlos.

Ich habe das nicht verlangt

Elena lächelte: Ihre Nachbarin ist sehr besorgt. Sie ist oft gestürzt, kann kaum noch die oberen Regale erreichen.

Plötzlich fühlte Hannelore sich schwach und setzte sich.

In Ordnung, flüsterte sie. Danke.

Elena wurde zu einem regelmäßigen Besucher, brachte Ordnung in das Haus, half beim Kochen und beim Einkaufen. Durch die Gespräche lernte Hannelore, dass Elena selbst eine Mutter war, die ihren eigenen Vater nie wieder sehen durfte.

Vielleicht sollten Sie Johann anrufen und ihm sagen, wie es Ihnen geht, riet Elena eines Nachmittags.

Hannelore dachte nach, doch das Schweigen war ihr Schutz gewesen. Schließlich beschloss sie, es zu tun.

Sie wählte die Nummer, Johann nahm nach ein paar Klingeln ab.

Mama? Was ist los? Du rufst ja selten zu so später Stunde.

Johann, ich ich bin krank. Mein Herz

Warum hast du das nicht gesagt? erwiderte er überrascht. Du hättest mich anrufen sollen.

Ich wollte dich nicht belasten. Du hast dein Leben, deine Arbeit.

Bist du im Krankenhaus?

Nein, zu Hause. Eine Sozialarbeiterin kommt, hilft mir.

Ich komme sofort!

Hannelore versuchte zu beruhigen: Du musst nicht sofort kommen. Ich schaffe das.

Doch Johann bestand darauf, am nächsten Morgen zu fahren.

Am Mittag kam er mit zwei großen Taschen und einem breiten Lächeln. Er umarmte seine Mutter, Tränen liefen ihm über die Wangen, als er sah, wie blass sie geworden war.

Warum hast du mir das verschwiegen? Ich bin dein Sohn, ich soll für dich da sein.

Ich wollte dich nicht beunruhigen, dein Leben, deine Frau Laura, dein neues Haus

Johann drückte ihre Hand. Du bist meine Familie. Ich habe mich jahrelang nur um mich gekümmert, jetzt ist es Zeit, dass ich mich um dich kümmere.

Elena trat ein, lächelte und sagte: Wir freuen uns, dass Sie jetzt zusammen sind.

Johann beschloss, Hannelore in sein neues Haus in Potsdam zu holen. Er dankte Erna Weber für ihre Unterstützung, umarmte sie herzlich.

Danke, Erna, ohne dich hätte ich das lange nicht bemerkt.

Erna nickte, glücklich, dass die Mutter nun nicht mehr allein war.

Einige Tage später stand Hannelore im geräumigen Wohnzimmer des neuen Hauses, die Sonne fiel durch große Fenster. Laura war ebenfalls da, brachte ihr eine Tasse Tee.

Willkommen, Mama, sagte Laura, wir haben ein Gästezimmer für dich vorbereitet.

Hannelore fühlte sich zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich zu Hause.

Am Abend, auf der Terrasse, saßen Johann, Laura und Hannelore zusammen und blickten auf den klaren Sternenhimmel.

Mama, es tut mir leid, dass ich dich so lange allein gelassen habe, sagte Johann leise.

Es ist Vergangenheit, antwortete Hannelore, ein Lächeln auf den Lippen. Jetzt sind wir zusammen.

Der kalte Wind wehte, doch in Hannelores Herzen brannte ein warmes Feuer. Sie wusste, dass die kommenden Tage nicht immer leicht sein würden, doch sie hatte ihren Sohn zurück, und das war das wertvollste Geschenk.

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Ultimatum: My Mother-in-Law Cannot Live with Us Anymore