Heike hatte gerade ein Foto vom Familienurlaub ins Netz gestellt, als sie nach einer Stunde einen Anruf von der weinenden Schwägerin bekam.
Schau mal, wie süß das ist!, sagte Heike, die bequem mit angezogenen Beinen auf dem Sofa saß und die Bilder auf ihrem Tablet durchblätterte. Thomas, guck, wie wir mit Lukas hier lustig aussehen!
Thomas, ihr Mann, legte den akribisch geführten Haushaltsplan beiseite und lugte über ihre Schulter.
Ja, nicht schlecht, nickte er, doch sein Blick war eher besorgt als freudig. Die Ausgaben diesen Monat, na ja Das Meer ist schön, aber das Loch im Budget ist nicht klein.
Ach Thomas, wir haben das ganze Jahr gar nicht verreist!, zog Heike die Lippen nach vorne. Und dafür gespart. Du hast doch selbst gesagt, wir müssen mal ans Meer, den Jungen dort hinbringen.
Gesagt, getan bis die Zahlen dazwischenkommen, seufzte er. Na gut, nächsten Monat halten wir die Zügel fester. Und Lukas Sommercamp müssen wir streichen, das kriegen wir nicht hin.
Streichen?, protestierte Heike. Er hat sich das doch so gewünscht Wandern, Kanufahren
Macht nichts. Er verbringt die Zeit einfach bei Oma auf dem Land, frische Luft, das tut ihm gut. Und jetzt lass uns nicht streiten, ich hab das entschieden.
Heike schwieg. Mit Thomas über Geld zu diskutieren war sinnlos. Er war ein liebevoller Ehemann und Vater, aber bei Finanzen ein Fels. Jeder Cent zählte, er war stolz auf ihre Sicherheitspolster das Sparkonto für unvorhergesehene Ausgaben. Und obwohl Heike manchmal fluchte, dass das Polster zu hart war, schätzte sie seine Gründlichkeit.
Sie wählte das perfekte Bild aus: die drei Heike, Thomas und ihr zwölfjähriger Sohn Lukas standen an der Promenade, glücklich und sonnengebräunt, im Hintergrund spritzte das azurblaue Meer und ein weißes Raddampfschiff schaukelte. Ein Bild vom perfekten Familienglück. Sie drückte auf Veröffentlichen und schrieb schlicht: Unser kleines Südglück.
Kurz darauf fluteten Likes und Kommentare ein: Was für ein Schnappschuss!, Ihr seht toll aus!, Wo seid ihr gewesen?. Heike grinste und antwortete, genoss das virtuelle Lob.
Eine Stunde später, während sie das Abendessen vorbereitete, klingelte das Telefon. Auf dem Display stand Sabine. Die Schwägerin, mit der Heike sich immer gut verstand.
Sabine, hallo! Wie gehts?, sagte Heike.
Statt der üblichen fröhlichen Stimme hörte sie ein gestörtes Schluchzen.
Heike ist das wirklich wahr?, schniefte Sabine.
Was denn, Sabine, was ist los? Du weinst ja schon!
Das Foto das ihr im Netz gestellt habt Ist das ein Fotomontage?
Ein Fotomontage? Das ist doch nur ein normales Urlaubsfoto. Erklär dich, du bringst mich um!
Da hinten, beim Dampfschiff ein Mann in weißem Hemd Ist das er? Ist das Dieter?
Heikes Herz setzte einen Schlag aus. Dieter Thomas bester Freund, Irenes Mann, der vor drei Jahren bei einem schrecklichen Unfall auf der Autobahn ums Leben kam. Das Auto brannte bis auf die Asche, er wurde in einem geschlossenen Sarg beerdigt. Der Verlust hatte alle schwer getroffen; Thomas war damals blass wie ein Blatt, und Irene kam kaum über die Runden, schob das Geld von Pfennig zu Pfennig, um ihre Tochter großzuziehen.
Sabine, du irrst dich! Dieter ist tot! Das kann nicht sein!, schrie Heike.
Nein! Ich erkenne ihn sofort! Das Muttermal am Hals, seine Uhr!, schrie Sabine weiter. Bitte, schau genau hin!
Heike warf den Kochlöffel beiseite, wischte sich die Hände ab und sprang zum Tablet. Sie vergrößerte das Bild. Zwischen den Urlaubern sah sie tatsächlich eine Gruppe von Menschen, und dort stand ein Mann im weißen Hemd und hellen Hosen, halb umgedreht, im Gespräch mit einer Frau, die ein kleines Mädchen an der Hand hielt.
Sie zoomte noch weiter. Die Auflösung war schlecht, aber die Schultern, die leichte Neigung des Kopfes, die Uhr am Handgelenk genau die, die sie und das ganze Kollegium Dieter zum dreißigsten Geburtstag geschenkt hatten und das dunkle Muttermal am Hals.
Er war da. Dieter, lebendig, gesund und offenbar glücklich mit einer anderen Frau und einem anderen Kind.
Der Boden schien zu schwanken. Heike setzte sich benommen auf den Stuhl. Das musste ein böser Scherz sein.
Siehst du das?, schluchzte Sabine. Er ist am Leben! Und Irene sie kämpft seit drei Jahren um ihn, zieht die Tochter allein durch drei Jobs! Und er er ist einfach geflohen! Wie konnte das?
Ich ich weiß es nicht, Sabine Ich rufe zurück, murmelte Heike.
Sie drückte auf Auflegen und ließ das Bild anstarren. Wie eine dumme, naive Figur hatte sie das wahre Gesicht übersehen.
Langsam fügte ihr Gehirn die Puzzleteile zusammen: Thomas schickte monatlich Geld an seine alte Tante in Saarbrücken Sie hat nicht genug Rente, wir müssen helfen, hieß es. Heike hatte nie Einwände. Die Telefonate des Mannes, in denen er leise in ein anderes Zimmer ging und murmelte: Ja, alles erhalten. Nein, sie weiß es nicht. Keine Sorge, hielt sie für Arbeit.
Seine plötzlich strenge Sparsamkeit, die vor drei Jahren begann, das ständige Wir müssen sparen, das Verzichten auf Lukas Lagerplatz all das war kein Zufall. Er half nicht der Tante, sondern dem angeblich toten Freund. Er nahm Geld aus ihrer Familie, kürzte Ausgaben, um Dieters neues, glückliches Leben zu finanzieren.
Die Wohnungstür öffnete sich. Thomas trat ein.
Hey! Was riecht hier so gut?, rief er fröhlich in die Küche.
Er sah Heikes bleiches Gesicht, das Tablet auf dem Tisch, und verstummte. Sein Blick folgte ihrem starren Blick auf dem Bildschirm.
Ist etwas passiert?, fragte er nun angespannt.
Ja, Thomas, sagte Heike langsam, ihre Augen ohne Tränen, nur kalt und leer. Deine Schwester hat angerufen. Sie wollte wissen, wie es deiner Tante Liese aus Saarbrücken geht. Sie hat sicher lange nichts mehr von ihr gehört.
Wie kommt Liese da hinein?, fuhr Thomas verwirrt fort.
Sie hat sich gut eingerichtet, am Meer, sogar etwas jünger geworden, fuhr Heike fort und schwenkte das Tablet. Jetzt heißt sie aber nicht mehr Liese, sondern Dieter. Aber du weißt ja, worum es geht.
Thomas sah das vergrößerte Bild. Sein Gesicht wurde für einen winzigen Moment grau. Alles dämmerte ihm.
Heike, ich erkläre
Lass mich ausreden, unterbrach sie ihn. Ich will deine Lügen nicht mehr hören. Wie viel hast du ihm in den letzten drei Jahren geschickt? Hunderttausend? Zweihunderttausend? Mehr? Wie viel hast du uns gestohlen? Mir, unserem Sohn?
Ich habe nichts gestohlen!, platzte er heraus. Ich habe meinem Freund geholfen! Er war in Schuld, er hätte sonst draufgekommen! Das war die einzige Möglichkeit zu verschwinden, von vorn anzufangen!
Und Irene? Ihre Tochter Anja? Sie sind doch nicht in Not?!, schrie Heike. Seine Frau, die dachte, sie wäre mit achtundzwanzig Jahren verwitwet! Und seine Tochter, die ohne Vater aufwächst! Hast du an sie gedacht, als du diesem Schuftes neues Leben baust?
Irene ist stark, sie schafft das, murmelte er hohl. Dieter hatte keine Wahl.
Man hat immer eine Wahl, Thomas!, schrie Heike und schlug mit der Faust auf den Tisch ein Schuss, der wie ein Gewehrknall klang. Du hast dich entschieden! Du hast uns belogen, jedes Mal, wenn du sagtest, wir hätten kein Geld für Lukas Lager, war das eine Lüge! Jedes Mal, wenn ich ihm die alte Jeans flickte, weil kein neues Geld da war, hast du gelogen! Du hast mich zu deinem Komplizen gemacht!
Thomas senkte den Kopf, sprach kein Wort mehr.
Eine Sache will ich wissen, flüsterte Heike. Unser Trip ans Meer wir sind nicht zufällig hier, oder? Du wolltest ihn sehen?
Er nickte langsam.
Das war der letzte Tropfen. Der ganze Urlaub, das vermeintliche kleine Glück, war nur ein Vorwand für sein geheimes Treffen. Heike und ihr Sohn waren nur Kulisse in einem fremden Schauspiel.
Sie griff nach ihrem Handy. Ihre Finger zitterten, doch sie wählte.
Wen rufst du an?, fragte Thomas ängstlich.
Dorthin, wo noch die Wahrheit liegt, antwortete sie.
Am anderen Ende hörte man Sabines erschöpfte, aber gefasste Stimme.
Sabine, gib das Telefon an Irene weiter.
Heike, das ist doch
Muss. Sie muss die Wahrheit erfahren. Wir haben zu lange im Lügenleben gelebt.
Thomas starrte sie an, das Grauen stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er wusste, dass jetzt alles zusammenbrechen würde nicht nur sein Geheimnis, sondern sein ganzes Leben. Er trat zu ihr, wollte das Handy erhaschen.
Tu das nicht!, zischte Heike, ihr Blick glühte eisige Wut, und Thomas wankte zurück.
Im Hörer erklang Irenes müde Stimme.
Ja, ich höre.
Heike atmete tief durch.
Irene, hallo. Wir müssen reden. Es geht um Dieter.
Sie setzte sich ans Tischende, den Rücken zum erstarrten Mann in der Tür. Sie wusste nicht, was der nächste Tag bringen würde Scheidung, Teilung des Vermögens, Tränen des Sohnes all das lag vor ihr. Jetzt tat sie nur das, was sie tun musste: Sie gab die gestohlene Wahrheit jener zurück, der ihr das ganze Leben geraubt hatte. Und das war der Beginn ihrer eigenen Befreiung.
Manchmal reicht ein einziger Schnappschuss, um die Illusion eines glücklichen Lebens zu zerschmettern und eine schreckliche Wahrheit ans Licht zu bringen. Wenn diese Geschichte euch nachdenklich macht, liked und abonniert den Kanal. Und schreibt in die Kommentare, ob ihr Thomas’ Tat jemals rechtfertigen könnt.







