Mamas Marmeladengläser — Auslöser eines Skandals

Mamas Gläser voll Marmelade Grund für den ganzen Zoff
Was heißt rausgeworfen? Bist du verrückt? Das war doch Himbeermarmelade! Erna Müller wedelte mit den Armen, sodass fast die Brille von ihrer Kette fiel.

Mama, die Gläser lagen fünf Jahre lang im Keller! Fünf Jahre!, schnaufte Liselotte, während sie sich müde durch die Haare strich. Da ist doch alles verschimmelt, verstehst du das?

Da ist nichts verschimmelt! Ich schaue jedes Mal nach meinen Vorräten. Das war die beste Marmelade von den Himbeeren, die wir auf der Ernte bei Frau Hannelore Schmidt auf dem Land gepflückt haben. Solche Himbeeren findet man heute kaum mehr!

Karl, Liselottes Mann, seufzte leise und schlich zur Tür, um unbemerkt zu entkommen. Die Streitereien zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter waren seit Ernas Einzug nach dem Tod ihres Mannes an der Tagesordnung. Doch das war erst der Anfang.

Und du willst jetzt wohin? Erna drehte den Blick sofort auf den Schwiegersohn. Denkst du, das geht dich nichts an? Und wer hat letzte Woche die Regale im Keller umgestellt? Wer hat gemeint, alles Alte muss rausgeworfen werden?

Karl stand wie ein unartiger Schuljunge im Türrahmen. Er hatte tatsächlich vorgeschlagen, den Keller aufzuräumen, wo sich Dutzende Gläser voll Marmelade, Essiggurken und Marinaden gestapelt hatten aber nie damit gerechnet, dass das Aufräumen zu einem Familienzoff führt.

Erna, ich wollte nur Ordnung schaffen. Bei manchen Gläsern hat sich die Farbe geändert, versuchte Karl zu erklären.

Farbe geändert?, runzelte die Schwiegermutter, und das sah nicht gut aus. Und du bist jetzt Experte für Hauskonserven? Ich habe vierzig Jahre Erfahrung! Vor vierzig Jahren, als deine Frau noch zu Fuß unter dem Tisch entlang ging, kannte ich schon alle Tricks des Einmachens!

Liselotte rollte mit den Augen. Das Argument hatte sie schon tausendmal gehört genauso wie die Geschichten aus der Nachkriegszeit, als Hauskonserven die Rettung für die Familie bedeuteten.

Mama, beruhige dich. Ich habe nur das rausgeworfen, was eindeutig verdorben war. Der Rest ist noch da, versuchte Liselotte ruhig zu bleiben, obwohl ihr Inneres kochte.

Und wer hat dir das Recht gegeben zu entscheiden, was verdorben ist und was nicht?, drückte Erna die Hände in die Hüften. Das sind meine Gläser! Ich habe sie selbst eingekocht!

In unserer Wohnung! In unserer Küche! Und sie standen im unserem Keller!, platzte Liselotte heraus.

Eine schwere Stille legte sich über den Raum. Der Kater Mucki, der faul auf der Fensterbank döste, öffnete ein Auge, musterte die Szenerie und entschied, sich in ein ruhigeres Eckchen zu verkriechen.

Also dann, flüsterte Erna plötzlich ganz leise, wenn das eure Wohnung und euer Keller sind, habe ich wohl nichts mehr zu suchen. Sie stapfte entschlossen zurück in ihr Schlafzimmer. Einen Moment später hörte man das Knarren von Schubladen, das eindeutige Zeichen dafür, dass Erna begann, ihre Sachen zu packen.

Liselotte ließ sich kraftlos auf einen Stuhl fallen und vergrub ihr Gesicht in den Händen.

Na toll, schon wieder, murmelte sie. Jetzt muss sie zu ihrer Schwester nach Hannover fahren. Der dritte Mal im Monat.

Karl legte Liselotte beruhigend die Hand auf die Schulter. Vielleicht fährt sie diesmal wirklich?

Du kennst sie ja, seufzte Liselotte. Sie packt die Koffer, fängt dann an, über die langen Anfahrten zu jammern, sagt dann, dass ihre Schwester Lenas winziges Zimmer nicht genug Platz bietet Und am Abend ist alles wieder vergessen, bis zum nächsten Zoff.

Aus Ernas Zimmer krachte etwas zu Boden, gefolgt von einem Monolog über undankbare Kinder, die die Mühe der Mutter nicht zu schätzen wüssten.

Ich glaube, das hier ist ernsthafter, bemerkte Karl. Das ist doch ihr strategischer Vorrat, du weißt doch, wie sie über ihre Einmachungen brütet.

Liselotte seufzte schwerer. Für die Mutter war die Marmelade mehr als nur ein süßes Getränk zum Tee es war Stolz, Fürsorge und ein Stück Erinnerung. Jedes Glas hatte seine Geschichte: das eine aus Beeren, die wir auf einem Ausflug in den Harz gesammelt hatten, das andere aus Äpfeln der Sorte Weißer Saft, die wir von der alten Nachbarin bekommen hatten.

Ich gehe mal mit ihr reden, sagte Liselotte und stand vom Tisch auf.

Im Schlafzimmer ihrer Mutter sah sie einen offenen Koffer auf dem Bett und Erna, die methodisch ihre Sachen hineinstopfte.

Mama, reicht jetzt. Lass uns bitte ruhig reden, begann Liselotte.

Worüber reden? Alles ist doch klar. Ich stehe euch in die Quere. Meine Marmelade nimmt zu viel Platz in eurem kostbaren Keller ein, hakte Erna das Wort eurem besonders hervor.

Niemand hat gesagt, dass du im Weg bist. Nur ein paar Gläser standen so lange, dass man sie nicht mehr essen kann.

Das denkst du nur!, fuhr die Mutter laut. Letztes Jahr habe ich Marmelade aus dem zehnten Jahr geöffnet und sie war in einwandfreiem Zustand! Weißt du, wie viel Chemie in gekaufter Marmelade steckt? Meine ist natürlich natürlich, bio, nachhaltig!

Liselotte setzte sich ans Bettrand und suchte nach Worten, die keinen neuen Konflikt entfachen würden.

Mama, ich verstehe, dass diese Gläser für dich mehr sind als nur Essen. Aber wir haben wirklich wenig Platz, und manche Vorräte werden seit Jahren nicht mehr angefasst.

Ihr esst nicht, weil ihr den Wert nicht erkennt! Ihr seid an eure industriell gefertigten Süßigkeiten gewöhnt. Und wenn es nötig wäre, greift man zuerst zu den Hausvorräten!

Was soll das heißen, Mama? Krieg? Überschwemmung?, platzte Liselotte heraus.

Lache nur, schüttelte Erna den Kopf. Ich erinnere mich, wie wir in den neunzigerern Jahren dank meiner Einmachungen überlebt haben. Erinnerst du dich an das Glas Kirschmarmelade zu Neujahr, als im Supermarkt nur noch Gläser in Marmorformen lagen?

Liselotte nickte. Sie erinnerte sich an das Marmeladenglas und daran, wie ihre Mutter die letzte Gurkenflasche gegen Schulhefte eingetauscht hatte. Heute aber war alles anders.

Mama, heute ist das Leben anders. Das ganze Jahr über gibt es frische Produkte im Laden. Wir brauchen keine riesigen Vorräte mehr.

Genau das, ihr schätzt meine Mühe nicht!, schrie Erna und schnappte zu, als wolle sie den Koffer zuschlagen. Ich stehe den ganzen Sommer am Herd, koche, fülle ein, und ihr werft raus!

Tränen glänzten in ihren Augen, und Liselotte spürte einen Stich der Schuld. Für die Mutter war jedes Glas ein kleiner Triumph, ein Stück Fürsorge.

Ich habe nicht alles weggeworfen, Mama. Nur das, was wirklich nicht mehr zu essen war, sagte sie sanft. Darf ich dir zeigen, was noch übrig ist?

Erna zögerte, doch die Neugier siegte. Sie folgte Liselotte in die Küche und dann in den Keller.

Sieh mal, zeigte Liselotte auf die Regale. Hier ist deine Marmelade, die noch gut ist. Und das hier wollte ich öffnen.

Sie holte ein paar Gläser mit aprikosengoldener Marmelade heraus.

Erinnerst du dich, das vor drei Jahren gemacht zu haben? Max und ich lieben das.

Max, der vierzehnjährige Sohn, hielt sich normalerweise von Omas Küchenexperimenten fern und bevorzugte Fast Food. Doch Aprikosenmarmelade von Oma Erna war die Ausnahme er aß sie am liebsten mit einem Löffel.

Erna musterte die Gläser penibel, zählte sie leise vor sich hin.

Wo ist die Himbeermarmelade? Ich weiß genau, dass hier sechs Gläser standen, jetzt sind nur noch drei. Und die Blaubeermarmelade fehlt!

Liselotte seufzte innerlich. Tatsächlich hatte sie heimlich ein paar Gläser entsorgt, weil sie ein wenig schimmelig waren oder Insekten darin gefunden hatte.

Wir haben sie gegessen, log sie, hoffend, dass Erna nicht weiter nachbohren würde.

Alle drei in einer Woche?, runzelte Erna die Stirn.

In diesem Moment stolperte Max in die Küche, weckt von dem Lärm.

Was ist hier los?, fragte er, während er sich die Haare raufte.

Die Oma will wissen, wo die Himbeermarmelade hin ist, sagte Liselotte mit einem leicht spöttischen Blick.

Max überlegte kurz, dann grinste er.

Ach, die Himbeermarmelade Ich habe sie mit meinen Freunden gegessen. Sie kamen vorbei, um für den Physiktest zu lernen, und die Marmelade war einfach zu gut, Oma!

Erna richtete sich auf, überraschen, dass der Enkel die Marmelade geschätzt hatte.

Wirklich?, fragte sie misstrauisch. Na gut, dann machst du nächstes Jahr wieder welche.

Gern, Mama, bestätigte Liselotte. Aber vielleicht nicht ganz so viele.

Wenig?, knurrte Erna, doch die Stimme war schon milder. Und was ist mit der Blaubeermarmelade?

Die, Liselotte stockte.

Ich bin nachts in die Küche gekommen und habe die Flasche umgestoßen, meldete Max. Sie ist zerbrochen. Ich habe alles wegräumt, nur vergessen zu sagen.

Erna schüttelte ungläubig den Kopf, doch ihr Ärger schmolz ein wenig. Der Enkel war ihr schwaches Glied.

Ach, Jugend heutzutage, brummte sie sanft.

Erna zog ihren Koffer wieder zusammen. Liselotte dankte Max und strich ihm das Haar glatt.

Danke, du hast mich gerettet, sagte sie.

Kein Problem, meinte Max. Nur bitte das nächste Mal, wenn du Omas Vorräte rauswerfen willst, frag vorher, ob das nicht bei Tante Lene im Garten liegt und lass es mindestens zwei Tage ruhen.

Victor, der gerade aus dem Flur zusah, musste leise lachen.

Am nächsten Morgen, als Liselotte in die Küche kam, standen die Gläser, die sie doch weggeworfen hatte, haufenweise auf dem Tisch. Erna stand daneben, triumphierend lächelnd.

Guten Morgen, grüßte sie zu früh. Sieh mal, was ich gefunden habe!

Wo?, staunte Liselotte, weil die Gläser eindeutig im Müllcontainer vor dem Haus lagen.

Im Müll, natürlich! Ich bin früher aufgestanden und habe nachgeschaut. Und es ist alles noch gut!, klopfte Erna mit dem Finger auf das Himbeerglas. Sie öffnete es, und ein typischer Geruch nach leichtem Schimmel breitete sich im Raum aus, ein dünner weißer Film lag oben.

Mama, das ist doch verdorben, flüsterte Liselotte, versuchte nicht zu atmen.

Nichts davon! Das ist nur Kristallisation des Zuckers, erklärte Erna. Früher hat man das extra so gemacht, damit es länger hält.

Liselotte sah, dass das Gespräch wieder im Sumpf steckte.

Okay, Mama. Lass die Gläser liegen, ich schaue, was ich damit machen kann, sagte sie, plant innerlich, sie zu entsorgen, sobald Erna bei ihren täglichen Kaffeekränzchen mit den Nachbarinnen weg ist.

Doch Erna schien ihre Gedanken zu lesen.

Ich mach das selbst. Ich werde Kompott daraus.

Kompott aus alter Marmelade?, fragte Liselotte erstaunt.

Warum nicht? Ich nehme Wasser, koche das Ganze. Ein feiner Kompott wird das!, rief Erna und holte einen großen Topf vom Schrank.

Liselotte musste schnell einen Ausweg finden. Es war zu gefährlich, die Gläser zu essen, aber Erna zu überzeugen schien unmöglich.

Weißt du, Mama, lass uns doch frische Beeren holen und zusammen neue Marmelade kochen. Wie früher, erinnerst du dich?

Erna erstarrte, den Topf noch in den Händen.

Zusammen?, hakte sie skeptisch. Du hast ja nie Zeit für Einmachen.

Für einen besonderen Anlass findet man Zeit, lächelte Liselotte. Erinnerst du dich, wie du mir das Aussortieren der Beeren gezeigt hast? Ich kenne das noch, wie man die Gläser sterilisiert, wie viel Zucker man reinmacht

Ernas Augen leuchteten.

Natürlich erinnere ich mich! Du warst immer ein eifriger Schüler!, sagte sie stolz. Nur die jungen Hausfrauen verlassen sich heute zu sehr auf den Supermarkt.

Dann zeigen wir doch, was Hausgemachtes kann, ergänzte Liselotte, froh über den Wandel des Themas. Und Max kann mithelfen. Er liebt die Marmelade.

Max?, lachte Erna. Der sitzt doch nur vor seinem Rechner!

Er hat gestern gesagt, er will etwas Richtiges kochen, nicht nur Fast Food, flüsterte Liselotte.

Das war natürlich ein kleiner Lügendetektor, aber für den Frieden reichte es.

Na gut, überlegte Erna. Auf dem Markt gibt es heute frische Erdbeeren. Herr Andreas Schmidt hat gestern erzählt, dass seine Tochter welche mitgebracht hat groß und süß.

Dann machen wir nach dem Mittagessen einen Abstecher, stimmte Erna zu und fügte nachdenklich hinzu: Und diese, sie zeigte auf die geretteten Gläser, lassen wir lieber liegen. Tamara Weiß hat mir gestern erzählt, dass ihre Enkelin an drei Jahre alten Marmeladen erkrankt ist.

Liselotte atmete erleichtert auf.

Besser, das Risiko zu meiden, bestätigte sie. Sicherheit geht vor.

Erna packte die Gläser wieder ein.

Ich werfe sie selbst raus, sonst denkst du, ich habe sie aus Bosheit genommen.

Kein Problem, Mama, lächelte Liselotte. Ich weiß, du willst nur das Beste für uns.

Nach dem Mittagessen fuhren sie tatsächlich zum Markt und kauften vier Kilo ausgewählte Erdbeeren. Zuhause nahm Erna begeistert das Rühren der Marmelade in die Hand. Zu Liselottes Überraschung kam Max, der von den frischen Beeren hörte, selbst mit an und half allerdings eher beim Probieren als beim Rühren.

Nein, nein, nein!, schrie Erna, während sie Max eine Erdbeere entreißt. Erst die Arbeit, dann die Belohnung! Und die Beeren müssen gewaschen werden!

Ein bisschen Schmutz stärkt das Immunsystem, witzelte Max, aber er ging trotzdem die Hände waschen.

Victor, der von der Arbeit zurückkam, sah die Szenerie: Seine Frau, Schwiegermutter und Sohn kochten gemeinsam Marmelade. Auf dem Küchentisch lag ein Berg gewaschener Beeren, Erna zauberte in einem großen Topf, Liselotte desinfizierte Gläser, und Max schnitt Papierkreise für die Etiketten.

Darf ich mitmachen?, fragte er, während das süße Aroma die Luft erfüllte.

Nur wenn du deine Hände wäschst!, zischte Erna. Und das Hemd wechselst Erdbeerflecken lassen sich nicht entfernen.

Victor zog schnell ein frisches Hemd an und mischte sich unter die Familie. Das letzte Mal, dass sie zusammen etwas gebacken hatten, lag das Ganze noch Jahre zurück, bevor Erna eingezogen war.

Der Abend verlief in unerwartet warmer, fast freundschaftlicher Atmosphäre. Erna, jetzt die selbsternannte Expertin, teilte großzügig ihre Tipps:

Wichtig: Nicht zu lange kochen! Die Marmelade muss klar sein, die Beeren ganz, und der Sirup zäh, aber nicht zu fest.

Als acht Gläser frischer Erdbeermarmelade auf dem Tisch standen, kühlend vor dem Verschließen, blickteAm nächsten Morgen, während alle noch das süße Aroma der Marmelade einatmen, lächelte Erna und verkündete, dass jetzt endlich wieder genug Platz für neue Familiengeschichten im Keller sei.

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