Sie zog in ein Dorf und fand ihr Glück.

Sie zog aufs Land und wurde glücklich.

Anneliese packte hastig ihre Sachen. Ihre Hände zitterten, Tränen stiegen ihr in die Augen. Nach zwanzig Jahren Ehe erklärte ihr Mann, Thomas, dass er zu einer jüngeren, lebensfrohen Frau gehe. Sie war völlig anders als Anneliese erschöpft von der Arbeit, ständig mit Haushalt und Kindererziehung beschäftigt.

Doch die Kinder waren bereits erwachsen. Der Sohn studierte in einer fernen Stadt, besuchte selten. Die Tochter war verheiratet und lebte bei ihrem Mann. Anneliese blieb allein in einer großen Wohnung, die plötzlich leer und fremd wirkte.

Sie stopfte alles in einen Koffer, ohne zu überlegen, was sie wirklich mitnahm. Was machte das Unterschied? Sie wollte nur eines fliehen, dem Schmerz und der Demütigung entkommen.

Während sie den Koffer schloss, klingelte das Telefon. Auf dem Display stand der Name ihrer Freundin Heike, und Anneliese seufzte. Keine Lust zu reden.

Hallo, sagte sie schließlich.

Anneliese, hi! Ich habe gerade gehört Wie gehts dir? klang Heikes Stimme besorgt.

Ganz okay, antwortete Anneliese trocken, ich packe gerade.

Wohin willst du denn?

Weiß nicht, gestand sie ehrlich, ich halte es hier nicht mehr aus.

Du hast doch das Häuschen auf dem Land, das Omas Haus. Warum fährst du nicht dorthin?

Anneliese erstarrte. Tatsächlich besaß sie ein altes Landhaus, das sie von ihrer Großmutter Erbteil erhalten hatte. Früher hatten sie es besucht, als die Kinder klein waren, dann aber vergessen. Thomas hatte ihr immer gesagt, das Landleben sei ihm zu langweilig, er bevorzuge das Meer.

Heike, du bist ein Genie! Genau dorthin fahre ich! jubelte Anneliese.

Ist es bewohnbar? Gibt es Heizung?

Natürlich einen Ofen und Strom. Mehr brauche ich nicht.

Eine Stunde später saß sie im Regionalzug Richtung Kleinwalde, fünfzig Kilometer von Berlin entfernt ein ganz anderer Ort.

Das Dorf empfing sie mit Stille und dem Duft von Flieder. Das alte Fachwerkhaus stand am Dorfrand, umgeben von jahrhundertealten Apfelbäumen. Mit Mühe öffnete Anneliese das knarrende Tor und trat in den Hof.

Alles wirkte verfallen. Das Gras stand hüfthoch, die Veranda krümmte, ein Fenster war zerbrochen. Sie seufzte schwer. Was sollte sie hier tun? Sie war doch eine Stadtfrau, gewohnt an Komfort.

Plötzlich ertönte eine heisere Stimme: Wer ist da? Ein kleiner, gebeugter, knochiger Oberkörper trat aus dem Haus, eine alte Frau mit Stock.

Guten Tag, stammelte Anneliese, ich bin die Enkelin von Maria, das ist ihr Haus.

Marias Haus?, kniff die Alte, und du bist Anneliese?

Ja, und wer sind Sie?

Ich bin Brigitte, Nachbarin. Wir kannten deine Großmutter gut. Warum bist du hier?

Ich will hier leben, sagte Anneliese überraschend fest.

Leben? Hier kann man nicht wohnen. Das Haus ist verfallen, braucht Reparatur. Was willst du hier machen? Bist du etwa eine Stadtmädchen?

Ich finde es heraus, antwortete sie trotzig und ging zum Haus.

Der Schlüssel zum Schloss lag in ihrer Tasche. Sie öffnete die Tür, ein muffiger Geruch von Staub schlug ihr entgegen. Alte Möbel, ein Ofen in der Ecke, ein Tisch, zwei Betten, vergilbte Fotos an den Wänden. Auf einem Bild lächelte die junge Großmutter, schön und voll Leben.

Anneliese setzte sich auf das Bett und begann zu weinen. Zum ersten Mal seit langer Zeit ließ sie den Schmerz heraus. Tränen strömten, schlugen Wellen von Groll und Kummer.

Langsam trockneten die Tränen, und ein seltsamer Frieden legte sich über sie. In diesem alten Haus fühlte sie sich geschützt vor der Welt; niemand würde ihre Schwäche sehen oder verurteilen.

Am nächsten Morgen weckte sie das Zwitschern der Vögel, die Sonne strahlte durch das Fenster. Sie wusch ihr Gesicht mit kaltem Wasser aus einem Eimer und trat nach draußen.

Guten Morgen, Nachbarin, rief Brigitte, die am Zaun stand und einen großen Bund Kräuter hielt.

Guten Morgen, antwortete Anneliese.

Ich habe dir Milch, Brot und ein bisschen Kartoffeln gebracht, weil du hungrig bist. Der Laden ist weit.

Danke, das ist sehr freundlich von Ihnen.

Wir Nachbarn helfen uns. Und du willst wirklich hier wohnen?

Ja, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.

Mit dem Aufräumen, schlug Brigitte vor, ich habe Lappen und einen Besen.

Den ganzen Tag räumten sie das Haus, wischten, putzten, lüfteten. Abends sank Anneliese erschöpft, aber zufrieden ins Bett.

Morgen prüfen wir den Ofen, sagte Brigitte zum Abschied, der Winter wird wieder kommen.

Anneliese nickte. Sie begriff, dass das Landleben ständige Arbeit bedeutete, doch diese Vorstellung gab ihr ein beruhigendes Gefühl.

In den folgenden Tagen reparierten sie den Ofen, setzten das Fenster ein, erneuerten die Veranda. Anneliese lernte, auf dem Ofen zu kochen, Wasser aus dem Brunnen zu holen, die Sauna zu beheizen. Ihre Hände wurden rau, der Rücken schmerzte, doch ihr Körper gewöhnte sich an die Arbeit.

Eines Abends kam Brigitte mit einer Frau zu Besuch.

Das ist Katja, sie arbeitet in der Dorfbibliothek. Ich habe erfahren, dass du neu bist, wollte dich vorstellen.

Freut mich, sagte Anneliese und lächelte.

Ich habe hier selten neue Leute, die bleiben wollen.

Ich weiß noch nicht, wie lange, gestand Anneliese.

Was hast du in der Stadt gemacht?

Ich war Buchhalterin.

Und welche Ausbildung hast du?

Wirtschaftswissenschaften.

In unserer Dorfschule fehlt ein Mathelehrer. Vielleicht würdest du das übernehmen, zumindest vorübergehend.

Anneliese war überrascht, hatte nie an Lehren gedacht, aber die Idee reizte sie.

Ich denke darüber nach, sagte sie.

Eine Woche später stand sie vor einer Klasse von fünfzehn Kindern unterschiedlicher Altersstufen.

Guten Tag, Kinder, begann sie zitternd, ich heiße Anneliese und unterrichte euch jetzt Mathematik.

Die Kinder sahen neugierig zu, und bald merkte Anneliese, wie viel Freude das Unterrichten bereitete. Fragen flogen, Neugier wuchs, und am Ende des Tages fühlte sie sich belebt.

Nach und nach verschmolz ihr Leben mit dem Dorf: Unterrichten, Gartenarbeit, Gespräche mit Nachbarn. Ihr Telefon blieb selten an, ihr Sohn schrieb gelegentlich, die Tochter rief zu Besuch. Sie antwortete knapp: Mir geht es gut. Und es war wahr.

Die Stadt erschien ihr fern und fremd. Erinnerungen an die alte Wohnung, den Job und Thomas verblassten; sie schmerzten nicht mehr, sondern gehörten zur Vergangenheit.

Eines Abends klopfte Herr Peter, ein großer, breitschultriger Landwirt mit freundlichem Gesicht und buschigem Bart, an die Tür.

Anneliese, darf ich kurz reinkommen?

Natürlich, Herr Peter, kommen Sie gern. Möchten Sie einen Tee?

Gerne, sagte er und setzte sich.

Er erzählte von seinem Hof, seinen Plänen. Anneliese hörte aufmerksam zu.

Ich brauche Hilfe bei der Buchhaltung, sagte er schließlich, mein Betrieb wächst, die Unterlagen stapeln sich. Könntest du mich unterstützen?

Anneliese überlegte. Das Angebot war unerwartet, aber reizvoll.

Ich denke darüber nach, antwortete sie.

Nehmen Sie sich Zeit, aber nicht zu lange. Die Saison beginnt bald.

Kurz darauf nahm sie das Angebot an. Morgens unterrichtete sie, nachmittags half sie Peter beim Büro, abends kümmerte sie sich um ihren Garten.

Peter half ihr später beim Garten.

Dein Beet ist verwildert, bemerkte er, alleine schaffst du das nicht. Ich habe einen Traktor und helfe gern.

Er fuhr am nächsten Tag mit dem Traktor, pflügte das Feld in wenigen Stunden. Gemeinsam pflanzten sie Kartoffeln, Zwiebeln, Möhren.

Der Zaun ist ganz kaputt, sagte Peter, während sie die Felder betrachteten.

Ich habe kein Geld für einen neuen, seufzte Anneliese.

Wir Nachbarn helfen uns, lächelte Peter, ich habe Material, du bringst das Essen.

Der neue Zaun entstand mit Hilfe von Brigitte, ihrem Sohn, Katja und anderen Dorfbewohnern. Nach getaner Arbeit feierten sie im Hof von Anneliese ein spontanes Fest.

Auf das neue Heim!, rief Peter mit einem Glas selbstgebrautem Most.

Auf ein neues Leben!, ergänzte Katja.

Anneliese sah die einfachen, offenen Menschen um sich herum und spürte, dass sie endlich ihren Platz gefunden hatte.

Im Herbst kam plötzlich Thomas zurück, sein teurer Wagen hielt am Tor.

Anneliese, darf ich reinkommen?

Sie richtete sich gerade auf, wischte sich die Hände am Schürzenrand und nickte.

Du lebst hier? fragte er erstaunt.

Ja.

Aber du hast doch eine Wohnung in der Stadt.

Mir gefällt es hier.

Thomas musterte sie, sah die Veränderung: gesünderes Aussehen, selbstbewusste Haltung, ein funkelnder Blick.

Du siehst anders aus, bemerkte er.

Ich bin jetzt eine andere, lächelte sie, Möchtest du einen Tee?

Sie setzten sich auf die Veranda, tranken Tee mit selbstgemachter Johannisbeermarmelade und redeten. Thomas erzählte von seinem neuen Leben, doch Anneliese hörte nur höflich zu, das Wort zurück hatte keine Kraft mehr.

Ich habe erkannt, dass ich dich immer noch liebe, gestand er.

Danke für deine Worte, Thomas. Aber ich kehre nicht zurück. Mein Zuhause ist hier.

Aber das ist doch nur ein Dorf!, protestierte er, hier gibt es keine Theater, keine Restaurants, keine Geschäfte!

Hier gibt es das echte Leben, erwiderte Anneliese ruhig, und echte Menschen.

Und unsere Ehe? Zwanzig Jahre zusammen

Sie endete, als du gingst, sagte sie ohne Vorwurf, und dafür bin ich dankbar. Ohne deinen Abschied hätte ich mich nie selbst gefunden.

Thomas schaute verwirrt, diese selbstbewusste Frau war nicht mehr die, die er einst kannte.

Bist du hier glücklich?, fragte er schließlich.

Ja, antwortete Anneliese schlicht, ich bin glücklich.

Nachdem Thomas gefahren war, kam Peter mit einem Korb voller Äpfel zurück.

Anneliese, hier sind Äpfel!, rief er.

Danke, Peter, lächelte sie, hilfst du mir beim Karottenziehen?

Natürlich, für dich alles.

Sie arbeiteten Seite an Seite, die Sonne tauchte den Himmel in rosige Farben, duftete nach reifen Äpfeln und Herbstlaub.

Wer war das, der mit dem Stadtwagen?, fragte Peter plötzlich.

Mein ExMann, sagte Anneliese.

Und was wollte er?

Er wollte mich zurück in die Stadt holen.

Peter nickte, hielt die Karotte fest.

Und du?

Ich habe abgelehnt, sagte Anneliese, hier bin ich gut.

Peter lächelte und fuhr fort.

Am Abend fragte er:

Am Samstag gibt es ein Dorfkonzert. Möchtest du mitkommen?

Anneliese lächelte.

Sehr gern, Peter.

Am Samstag zog sie ihr schönstes, aber schlichtes Kleid an. Peter kam mit einem Strauß Wildblumen.

Du siehst bezaubernd aus, sagte er.

Das Konzert war herzlich, die Dorfbewohner sangen Volkslieder, lasen Gedichte, tanzten. Peter bat Anneliese zum Walzer. Er tanzte unbeholfen, aber mit Herz. Sie spürte seine starken, sicheren Hände.

Anneliese, ich bin ein einfacher Mensch, ohne Stadtkulturen, doch ich habe mich in dich verliebt, flüsterte er.

Sie schaute in seine warmen Augen und erkannte, dass sie ihn ebenfalls mochte.

Ich mag dich auch, Peter, flüsterte sie.

Sie tanzten bis zum Ende, dann brachte er sie nach Hause. An der Tür hielt er vorsichtig ihre Hand.

Darf ich morgen wiederkommen?

Komm gern, ich warte.

Sie stand lange am Fenster und sah ihm nach, wie er den Weg hinunterging groß, stark, verlässlich. Und plötzlich wusste sie: Sie war wirklich glücklich.

Der Winter kam mit viel Schnee. Peters Traktor räumte täglich die Wege. Sie verbrachten viele Abende zusammen, tranken Tee, redeten, schmiedeten Pläne.

Katja bemerkte eines Tages:

Ihr seid ein tolles Paar. Wann heiratet ihr?

Anneliese errötete:

Wir sind nur Freunde.

Ach so, lachte Katja, Freunde, die sich verliebt anschauen.

Im Frühling machte Peter Anneliese einen einfachen Heiratsantrag:

Heirate mich, Anneliese. Ich liebe dich.

Sie sagte:

Ja, Peter, ich liebe dich auch.

Die Hochzeit feierten alle Dorfbewohner. Die Kinder von Anneliese, ihr Sohn und ihre Tochter, kamen, waren zunächst überrascht, doch sahen das Glück ihrer Mutter und akzeptierten es.

Wichtig ist, dass du glücklich bist, Mama, sagte die Tochter und umarmte sie.

Anneliese hatte ihr wahres Zuhause gefunden ein kleines Dorf, einfache Menschen, einen lieben Mann. Jeder Tag begann mit einem Lächeln, die Arbeit in der Schule und auf dem Hof, die Pflege des Hauses und die Abende am Kamin gaben ihrem Leben Sinn.

Manchmal erinnerte sie sich an das hektische Stadtleben, voller Stress und leerer Gespräche. Jetzt wusste sie: Glück entsteht, wenn man seinen Platz findet, das tut, was das Herz erfüllt, und Menschen hat, die einen wirklich schätzen.

Am Ende erkennt man: Das wahre Glück liegt nicht im Luxus der Stadt, sondern im einfachen Leben, das man mit Herz und Gemeinschaft teilt.

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