We reden mal ganz offen, Max, bitte lass mich gehen Wir wollten doch eine Familie, aber das hat nicht geklappt. Warum quälen wir uns noch? Lass uns einfach scheiden, ja?
Jetzt sofort! spottete er, grinste breit. Du hast ja nur geträumt. Ich lass dich nicht los. Du bist meine Frau, ich bin dein Mann, wir haben ein gemeinsames Leben. Hast du etwa ein schlechtes Leben? Oder hast du mich etwa nicht mehr gern? Hast du schon jemand anderen? Antworte, wenn ich dich frage!
Heike saß am Rand der Couch, zupfte nervös am Rand der Decke. Nach dem neuesten Streit mit ihrem Mann wollte sie am liebsten einfach verschwinden, aus seinem Leben ausradieren. Scheiden könnte man ja aber den Mut, die Scheidung einzureichen, fehlte ihr. Zwei Jahre Ehe fühlten sich jetzt an wie ein Albtraum, die letzten sechs Monate waren besonders hart Max hatte sich plötzlich in einen tyrannischen Haushaltschef verwandelt, der jeden Tag neue Gründe fand, um zu meckern.
Der Tag begann harmlos. Heike bestellte sich eine neue Gesichtspflege.
Schon wieder Geld für Schnickschnack ausgeben? hörte sie Max Stimme, als sie mit dem Paket zurückkam. Sie versuchte zu erklären, doch Max hörte nicht zu.
Denkst du überhaupt an uns? Oder nur an dich, meine Liebe? Das Zeug ist für dich! Du hättest das Geld lieber für etwas Sinnvolles ausgeben, zum Beispiel meinen Eltern helfen.
Max, warum so gleich? Ich arbeite, ich habe mein eigenes Geld. Und deinen Eltern helfe ich immer, das weißt du.
Was machst du denn? Kleinigkeiten an sie überweisen! Die brauchen echte Hilfe, verstehst du? Du bist egoistisch, Heike, nur an dich denkst du. Fast alles, was du verdienst, fließt in Cremes und Tücher für dein Gesicht!
Seine Stimme schnitt, seine Augen zuckten. Heike brach in Tränen aus. Max knallte die Tür zu, ließ sie allein mit ihren Tränen und einem Gefühl völliger Hilflosigkeit zurück. Das war sein Muster erst an den Rand treiben, dann einfach weggehen
Heike erinnerte sich gut daran, wie alles begann. Max schien perfekt zu sein: aufmerksam, fürsorglich, liebevoll. Doch nach und nach änderte sich etwas. Oder sah sie ihn vorher einfach nicht richtig?
Am Abend kam Max zurück. Heike saß in der Küche und trank Tee.
Was, hast du wieder geweint? fragte er, ohne sie anzusehen.
Nein Du hast mich einfach verletzt
Ich? Du bist schuld. Du musst überlegen, was du tust.
Was mache ich falsch? flüsterte Heike.
Alles! Du gibst dir keine Mühe. Ich arbeite, bin müde, und du? Den halben Tag tippst du nur am Rechner, den Rest sitzt du zu Hause!
Ich arbeite auch, nicht weniger als du, protestierte Heike, bereute es sofort.
Dein Job? Das ist doch nur ein Taschengeld! Ich halte die Familie über Wasser. Du solltest das zu schätzen wissen, Heike. Für alles, was ich in unserer Ehe getan habe, hörst du nie ein Danke, obwohl ich es mir verdient habe!
Ich schätze dich, Max Aber das gibt dir nicht das Recht, so mit mir zu reden.
Wie soll ich denn mit dir reden? Du bist immer unzufrieden und weinst ständig! Warum stellst du mich als Monster dar?
Max Du bist ständig unzufrieden. Ich habe Angst, etwas zu sagen, etwas zu kaufen, sogar am Tag auszuruhen. Nach dem Mittagessen kann ich nicht mehr liegen! Wenn du das hörst, fängst du sofort an zu brüllen! Meine Psyche ist nicht aus Stahl, ich halte mich nicht mehr im Griff
Ach, hör doch auf zu jammern! Du spielst immer die Opferrolle. Das ist mir jetzt zu viel!
Seine Stimme war so voller Verachtung, dass Heike körperlich weh tat.
Ich verstehe nicht, was hier los ist, flüsterte sie. Warum machst du das mit mir?
Mach alles normal, ärgere mich nicht, und alles wird gut.
Heike sah ihm in die Augen. Da war keine Wärme mehr, nur noch Ärger.
Vielleicht sollten wir reden? schlug sie vor. Zum Familienpsychologen gehen?
Psychologe? Das brauchst du, nicht ich. Du bist doch verrückt, schnappte Max. Du erfindest Probleme aus dem Nichts.
Nach diesen Worten war Heike fest entschlossen, zu gehen. Max stopfte schnell etwas, setzte sich vor den Fernseher, und sie schlug ihr altes Notizbuch auf und begann, einen Fluchtplan zu schreiben. Alles musste gut durchdacht sein.
Am nächsten Morgen verließ Heike das Haus früher als üblich. Sie ging in ein Café, setzte sich still hin und ordnete ihre Gedanken. Bei einem Kaffee öffnete sie ihr Notizbuch und schrieb:
Erster Schritt: Teilzeitjob finden. Mehr Geld brauchen. Zweiter Schritt: Kleine Wohnung oder Zimmer mieten. Dritter Schritt: Klamotten packen. Vierter
Heike? hörte sie eine vertraute Stimme. Sie blickte hoch und sah ihre ehemalige Klassenkameradin Silke.
Silke! Was für ein Zufall!
Lange nicht gesehen. Was machst du hier? Arbeitest du?
Nein, ich wollte nur kurz sitzen und nachdenken.
Was ist los? Siehst nicht gut aus. Bist du krank?
Heike hatte seit Ewigkeiten keine aufmunternden Worte mehr gehört. Sie klagte nicht ihren Eltern, wollte sie nicht beunruhigen, und ihre Freundinnen hatten sie immer wieder im Stich gelassen. Jetzt platzte sie in Tränen aus:
Silke, ich bin am Ende. Mein Mann zerquetscht mich, kritisiert mich ständig, erniedrigt mich. Ich halte das nicht mehr aus. Ich fürchte, er könnte mir irgendwann die Hände brechen.
Silke hörte schweigend zu, ließ Heike ausgucken.
Ich will von ihm los, Heike! Aber ich habe Angst, weiß nicht, wo ich anfangen soll. Wie soll ich dann leben?
Heike, lauf weg! Ich lass dich nicht allein. Komm zu mir, bleib ein bisschen bei mir. Kennst du meine Adresse? Und such dir professionelle Hilfe. Es gibt kostenlose Beratungen für Frauen, die von gewalttätigen Partnern betroffen sind.
Das wusste ich gar nicht.
Jetzt weißt du es. Und vor allem: Glaube an dich selbst. Du bist stark, du schaffst das.
Nach dem Gespräch wirkte Heike wie ein neuer Mensch.
Abends, als sie nach Hause kam, wartete Max bereits im Sessel und sah fern.
Wo warst du? fragte er, ohne aufzublicken.
Einfach unterwegs.
Du gehst jetzt zu oft raus. Hast du etwa einen Liebhaber?
Ein Schauer lief Heike über den Rücken.
Was redest du da?
Na ja, ich würde mich nicht wundern, wenn du fremdgehst. Du bist ja ganz schön aktiv.
Max, genug, sagte Heike müde, ich will das nicht mehr hören.
Was willst du denn hören? Komplimente? Das reicht doch.
Heike atmete tief ein und versuchte ruhig zu bleiben.
Max, wir müssen reden.
Worum? Über deine Untreue?
Nein, über uns. Über unsere Ehe.
Und was willst du sagen?
Ich will die Scheidung.
Max sah sie überrascht an.
Was hast du gesagt?
Ich habe gesagt, dass ich die Scheidung will. Ich kann nicht mehr so weiterleben. Du erniedrigst mich ständig, kritisierst mich. Ich bin unglücklich an deiner Seite.
Du bist doch verrückt! Scheiden? Ohne mich? Niemand! Du solltest dankbar sein, dass ich dich noch habe.
Ich schulde niemandem etwas. Ich will glücklich sein.
Glücklich? Glaubst du, du bist glücklich ohne mich? Du irrst dich. Du brauchst mich, sonst bist du nichts.
Heike schwieg. Sie wollte nicht mehr streiten. Sie hatte alles entschieden.
Morgen packe ich meine Sachen, sagte sie ruhig.
Wohin willst du gehen? Du hast doch kein Geld!
Das geht dich nichts an. Ich regel das.
Ich lass dich nicht gehen! Ich finde dich und du wirst bereuen, dass du überhaupt geboren bist! Ohne Anstand! Ich habe dir alles gegeben, ich hab dich in die Gesellschaft gebracht, und du
Heike antwortete nicht. Sie drehte sich um und ging ins Schlafzimmer, um ihre Klamotten zu sammeln.
Max blieb in der Wohnzimmerecke über Nacht. Heike konnte nicht schlafen, lag wach im Bett und starrte an die Decke. Gedanken wirbelten: Zukunft, Einsamkeit, das Glück nie wieder zu finden. Am meisten fürchtete sie, wieder bei Max zu landen.
Am Morgen stand Heike früh auf, putzte sich, zog sich an und ging in die Küche. Max schlürfte gerade Kaffee.
Du gehst nirgendwo hin, sagte er. Denk gar nicht dran zu fliehen, solange ich arbeite!
Ich habe alles entschieden, antwortete Heike.
Ich lass dich nicht!
Genug, Max
Verstehst du nicht, was ich dir sage!
Max sprang vom Tisch, ging auf sie zu. Heike bekam Angst.
Komm mir nicht zu nah, flehte sie. Max, geh weg!
Max schob sie gegen die Wand. Heike schlug mit dem Kopf auf den Türrahmen und fiel zu Boden. Er schlug zu. Heike schloss die Augen und erwartete das Schlimmste
Die Nachbarn hörten am frühen Morgen heftige Schreie, riefen die Polizei. Die Beamten eilten herbei, retteten Heike und brachten sie ins Krankenhaus. Sobald sie entlassen war, reichte sie sofort die Scheidung ein das gemeinsame Leben war endgültig zu Ende.







