Beim Aufräumen im Haus meines Großvaters entdeckte ich das zweite Testament. Darin war alles für mich bestimmt.

Das alte Haus empfängt Liselotte mit muffiger Luft und unheimlicher Stille. Sie reißt die Fenster weit auf, lässt das MaiWärme herein und den Duft von Flieder. Einen Monat ist vergangen, seit ihr Großvater Heinrich Müller verstorben ist, und erst jetzt hat sie die Kraft gefunden, nach Luckenwalde zu fahren und seine Sachen zu sortieren.

Heinrich war für Liselotte mehr als nur ein Großvater. Als ihre Eltern früh starben, hat er ihr die Familie ersetzt, sie erzogen und ihr den Weg gezeigt. In den letzten Jahren trafen sie sich selten Arbeit in Berlin, Alltagstrubel, ständige Zeitknappheit. Jetzt steht sie mitten im Wohnzimmer, wo jedes Möbelstück an ihn erinnert, und schimpft mit sich selbst über die verpassten gemeinsamen Tage.

Ein Klingelton zerreißt die Stille.

Liselotte, hast du schon angefangen?, klingt Tante Gisela überraschend fürsorglich am Telefon. Wolfgang und ich kommen morgen, helfen beim Umzug. Lass erst nichts Wertvolles anrühren, ja?

Natürlich, Tante Gisela, sagt Liselotte und blickt auf den Serverschrank mit den Muschelsammlungen. Ich sortiere gerade nur die Unterlagen.

Gut so. Nach der Testamentseröffnung ist das immer etwas unbeholfen. Ärger dich nicht, dass Opa dir nur Bücher und das Klavier hinterlassen hat. Er wollte nur gerecht verteilen.

Liselotte beißt die Lippe zusammen. Der Notar hat vorgelesen, dass das Haus und das meiste Vermögen zwischen Gisela und Wolfgang aufgeteilt wird. Liselotte bleibt nur Bücher, ein altes Klavier und eine Namensuhr wertvoll für das Herz, aber kaum finanziell bedeutend.

Alles in Ordnung, Tante Gisela. Ich brauche nichts weiter, erwidert sie.

Genau! Du hast doch deine eigene Wohnung. Wir brauchen das Landhaus für die Sommersaison, sagt Gisela. Bis morgen!

Sie legt auf, atmet schwer. Ihr Großvater hatte ihr oft gesagt, das Haus sei ihr. Wem sonst solls gehören, wenn nicht dir, Enkelin? Du verstehst die Bedeutung der alten Mauern, hallen seine Worte nach. Vielleicht hat er im letzten Moment doch seine Entscheidung geändert. Das ist sein Recht.

Den ganzen Tag durchwühlt Liselotte die Bücher. Jeder Band birgt Erinnerungen das abgenutzte Märchensammelheft, das Opa ihr abends vorgelesen hat, Schulbücher, in denen er ihr Mathematik erklärt hat. In manchen Seiten finden sich getrocknete Blumen, alte Fotos, Notizen in seiner sorgfältigen Handschrift.

Gegen Abend erreicht sie das Arbeitszimmer. Der kleine Raum mit massive­m Schreibtisch und Regalen bis zur Decke war stets ihr Lieblingsort. Als Kind durfte sie dort nur nach Anklopfen eintreten Kreativwerkstatt, hatte er gescherzt. Hier schrieb Heinrich sein Memoiren, führte Tagebuch und sortierte Archive.

Vorsichtig blättert sie durch handgeschriebene Ordner, vergilbte Briefumschläge. In der Unterseite des Schreibtisches liegt ein Stapel Briefe, zusammengebunden mit Leinenband Nachrichten ihrer Großmutter, die Liselotte nie gekannt hat. Daneben liegt ein abgenutztes LederTagebuch.

Sie öffnet es und liest einen Eintrag vom letzten Jahr: S. P. wegen neuem Testament anrufen. Altes vernichten.

Ihr Herz schlägt schneller. Ein neues Testament? Der Notar Stefan hatte jedoch nur ein Dokument präsentiert.

Liselotte sucht weiter, prüft jede Schublade, jede Mappe. Hinter einem Stapel alter Zeitungen findet sie einen Umschlag mit der Aufschrift: Testament. Kopie. Original bei Notar S. P. Das Datum liegt einen Monat vor Heinrichs Tod.

Mit zitternden Händen zieht sie das Blatt hervor und liest. In diesem Testament vererbt Heinrich das ganze Haus, das Grundstück und alle wertvollen Gegenstände Liselotte. Gisela und Wolfgang erhalten Geldentschädigungen.

Das ist nicht aus Vorliebe eines Erben, sondern um das Familiennest intakt zu halten, erklärt er. Liselotte ist die Einzige, die das Haus nicht als bloßen Besitz, sondern als Familientradition sieht. Ich bin sicher, sie wird es für kommende Generationen bewahren.

Liselotte sinkt in den alten Sessel, Tränen laufen ihr über die Wangen. Warum wurde das zweite Testament nie vorgelegt? Wusste der Notar davon? Was soll sie jetzt tun?

Die Nacht vergeht schlaflos. Auf dem alten Bett in ihrem früheren Zimmer wälzt sie Szenarien. Das Testament vorzulegen würde einen Riesenskandal auslösen. Gisela und Wolfgang planen bereits, das Haus zu verkaufen. Sie waren nie besonders eng mit Heinrich, doch ihr Erbanspruch ist rechtlich stark. Haben sie weniger Rechte?

Am Morgen, kaum dass sie ihren Kaffee hebt, hört sie das Geräusch eines Autos. Gisela betritt das Haus zuerst, füllt den Flur mit lauter Stimme und hastigen Schritten.

Liselotte, wir sind mit Klara da, sagt sie und deutet auf ihre Tochter, die missmutig am Eingang steht. Schauen wir, was wir sofort mitnehmen können. Wolfgang kommt später mit den Monteuren.

Guten Tag, lächelt Liselotte gezwungen. Ich habe noch nicht alles sortiert

Kein Problem, wir helfen!, ruft Gisela, während sie durch die Zimmer geht und das Mobiliar begutachtet. Diesen Serverschrank nehme ich. Und den Kommoden im Schlafzimmer. Stimmst du zu, Klara?

Klara zuckt mit den Schultern. Ist mir egal, Mama. Ich bin nur wegen der Münzsammlung hier, die du mir versprochen hast.

Liselotte spürt, wie die Wut in ihr aufsteigt. Die Münzsammlung war Heinrichs ganzer Stolz, sie hatte jede Münze mit ihm zusammen betrachtet und die Geschichte dahinter gehört. Jetzt soll sie Klara die kaum zur Beerdigung erschienen ist überlassen werden?

Tante Gisela, beginnt Liselotte vorsichtig, habt ihr nach der Testamentseröffnung mit dem Notar gesprochen?

Gisela bleibt abrupt stehen, dreht sich erschrocken um. Mit Notar Stefan? Nein, warum?

Ich habe in den Papieren eine Erwähnung eines späteren Testaments gefunden, sagt Liselotte.

Stille legt sich über den Raum. Klara legt das ServerschrankTeil beiseite und blickt neugierig.

Was für ein Unsinn, knurrt Gisela, doch ihre Stimme zittert. Es gab nur das eine Testament, das wir vorgelesen bekommen haben.

Ich denke, wir sollten Stefan anrufen, erklärt Liselotte bestimmt. Ich habe eine Kopie des anderen Dokuments.

Gisela wird blass. Liselotte, lass das Opa hat doch alles gerecht verteilt. Du hast die wichtigsten Dinge bekommen Bücher, Klavier er wusste, dass du Musik liebst.

Es geht nicht um die Gegenstände, Tante Gisela, erwidert Liselotte. Es geht um den letzten Willen Opas. Wenn er seine Entscheidung geändert hat, sollten wir das respektieren.

Gisela lacht bitter. Geändert? Er hat dein ganzes Leben über alles gestellt! Deine Eltern starben, das war tragisch. Aber warum hat er dich immer über seine eigenen Kinder gestellt? Sind wir ihm fremd?

Liselotte ist fassungslos über den Ausbruch. Ich habe nie um Sonderbehandlung gebeten

Natürlich nicht! Du warst einfach immer da. Und wir haben unser eigenes Leben, unsere Verpflichtungen, fährt Gisela fort. Wir konnten nicht die ganze Zeit bei ihm sein.

Mama, beruhige dich, mischt sich Klara ein. Wenn es ein zweites Testament gibt, lassen wir die Anwälte entscheiden.

Die Tür öffnet sich, und Wolfgang tritt ein ein kräftiger Mann mit einem erstaunlich ähnlichen Gesicht wie Heinrichs.

Worum geht das Ganze?, fragt er, während er die angespannte Stimmung scannt.

Liselotte hat ein anderes Testament gefunden, platzt Gisela heraus. Sie sagt, Opa hat ihr alles hinterlassen.

Wolfgang setzt sich, wirkt müde. Wirklich?

Liselotte schaut ihn an. Wussten Sie davon?

Wolfgang seufzt. Ihr Vater meinte, er wolle das Testament ändern. Er wollte, dass das Haus ungeteilt bleibt, weil nur du es wirklich liebst.

Und du hast geschwiegen?!, schreit Gisela. Verräter!

Ruf nicht, Gisela, sagt Wolfgang erschöpft. Ich wusste nicht, ob er das neue Testament unterschrieben hat oder nur darüber nachdachte. Für uns ist das Haus nur ein Vermögenswert, den wir verkaufen können. Für Liselotte ist es Erinnerung.

Also bist du auf ihrer Seite?, fragt Gisela wütend. Wunderbar! Wir geben alles dem Mädchen, und wir bleiben mit leeren Händen!

Mama, hör auf, seufzt Klara. Wolfgang hat recht. Warum wollen wir das Haus? Du wolltest doch schon immer zurück in die Stadt ziehen und eine Wohnung kaufen.

Liselotte hört das Hin und Her und fühlt sich immer weiter entfernt. Sie reden vom Haus wie von einer Ware, während es für sie ein ganzes Leben mit Gerüchen, Geräuschen und Erinnerungen ist.

Ich schlage Folgendes vor, sagt sie schließlich. Wir rufen Stefan an und klären die Testamente. Wenn der letzte Wille wirklich so ist, zahle ich euch einen Ausgleich für eure Anteile, natürlich über die Zeit.

Welchen Ausgleich?, schnauzt Gisela. Dein Bibliotheksgehalt?

Ich kann einen Kredit aufnehmen oder meine Wohnung verkaufen, antwortet Liselotte.

Mama, lass das, unterbricht Klara. Lass uns einfach den Notar fragen.

Stefan kommt innerhalb einer Stunde, ein älterer Herr mit Aktenkoffer, und setzt sich in das Wohnzimmer.

Sie haben also ein zweites Testament gefunden, stellt er fest, nachdem Liselotte ihm das Dokument gezeigt hat. Ich prüfe das Datum und die Unterschriften.

Er blickt auf das Papier. Ja, das ist eine echte Kopie. Heinrich hat kurz vor seinem Tod ein neues Testament gemacht.

Warum haben Sie es uns nicht gleich gezeigt?, fragt Gisela entrüstet.

Stefan zieht die Brille ab, reibt sich die Nase. Eine Woche vor seinem Tod hat er mich angerufen und gesagt, er wolle das alte Testament annullieren. Er wollte ein Treffen, kam aber nicht mehr.

War das dann sein letzter Wunsch, das alte Testament zurückzuziehen?, fragt Wolfgang.

Kann ich nicht mit Sicherheit sagen, erwidert Stefan vorsichtig. Er erklärte nur, er wolle keinen Streit in der Familie.

Liselotte spürt, wie Tränen in ihre Augen steigen. Heinrich hat bis zuletzt an ihnen gedacht, an ihrer Beziehung, selbst wenn das eigene Glück dafür geopfert wurde.

Rechtlich gilt das zuletzt erstellte, nicht annullierte Testament, fährt Stefan fort. Das bedeutet, das Haus gehört Liselotte. Aber

Aber was?, drängt Gisela.

Wenn Sie das anfechten, kann das Jahre dauern und nur die Anwälte profitieren, warnt er. Niemand gewinnt.

Stille senkt sich über den Raum. Liselotte schaut aus dem Fenster auf den alten Apfelbaum, den ihr Großvater noch vor ihrer Geburt gepflanzt hat. Jeden Frühling blüht er weiß und erfüllt den Garten mit Duft. Er sagte immer: Solange der Apfelbaum blüht, lebt das Haus.

Ich werde das zweite Testament nicht öffentlich machen, sagt Liselotte plötzlich, wendet sich zu ihren Verwandten. Lasst alles so, wie es ist.

Was?, fragt Klara überrascht. Du gibst das Haus auf?

Nein, verneint Liselotte. Das Haus bleibt gemeinsames Eigentum. Niemand verkauft es. Ich wohne hier, pflege es, und ihr könnt jederzeit kommen im Sommer, an den Wochenenden, zu Festen. Wie ein richtiges Familienhaus.

Aber warum?, hakt Gisela. Du könntest das Haus gesetzlich behalten.

Weil Opa wollte, dass wir eine Familie bleiben, erklärt Liselotte schlicht. Er fürchtete, das Erbe spalte uns, und war bereit, seine letzte Entscheidung zu ändern, um das zu verhindern. Ich will seinen Wunsch respektieren.

Wolfgang blickt lange auf seine Nichte, nickt dann langsam. Ich bin einverstanden. Das ist richtig.

Gisela zögert, ihr Gesicht zeigt den inneren Kampf zwischen Geldgier und dem vagen Gefühl, dass Liselottes Vorschlag mehr wert ist.

Wer zahlt die Unterhaltskosten?, fragt sie schließlich.

Ich übernehme die Hauptkosten, verspricht Liselotte. Ihr könnt das Haus in gutem Zustand besuchen. Die einzige Bedingung: Niemand verlangt den Verkauf, nie.

Und wenn ich plötzlich Geld brauche?, bohrt Gisela weiter.

Dann kaufe ich deinen Anteil aus, sagt Liselotte gelassen. Stück für Stück. Das Haus bleibt das Haus.

Klara lacht plötzlich. Weißt du, Opa hätte das so entschieden. Er meinte immer, Liselotte ist die Weiseste unter uns.

Stefan nickt. Ich kann einen entsprechenden Vertrag aufsetzen, wenn Sie das so wollen. Das ist rechtlich sauber und entspricht Heinrichs Wunsch.

Am Abend, nachdem alle Unterlagen unterschrieben sind und die Spannung nachgelassen hat, sitzen sie auf der Veranda, trinken Tee und erzählen sich Anekdoten. Wolfgang berichtet, wie er mit Heinrich die Veranda gebaut hat, Gisela erinnert sich an Omas Kuchen, Klara lacht über Opas Kindheitsgeschichten.

Liselotte beobachtet sie und erkennt, dass sie viel mehr gefunden hat, als sie verloren zu haben glaubte. Nicht nur ein Haus oder Besitz sie hat die Familie zurückgewonnen. Wenn dafür ein Kompromiss nötig war, dann sei es so.

Als die Verwandten abreisen, geht sie in den Garten. Der Apfelbaum blüht, wirft weiße Blüten auf den Boden. Über ihr zwitschern Vögel. Das Haus lebt.

Danke, Opa, flüstert sie in den Himmel. Ich habe deine Lehre verstanden. Das wahre Erbe liegt nicht in Wänden oder Dingen, sondern in den Menschen, die einander erinnern und lieben.

Sie steckt das KopieBlatt des zweiten Testaments in die Tasche vielleicht zeigt sie es eines Tages ihren Kindern und erzählt die Geschichte. Doch jetzt zählt das, was wirklich wichtig ist: das Zuhause, die Familienerinnerungen und der Frieden zwischen den Liebenden.

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