Das ist alles deine Freundin, sagte Jürgen, ihr ExEhemann.
Stopp, stopp, stopp ich verstehe überhaupt nichts, erwiderte Marlene verwirrt.
Doch, natürlich verstehst du nicht! Du spielst die Ahnunglose, die Gutmütige, die nichts von der Situation mitbekommt. Glaubst du, ich sehe das nicht?
Manchmal läuft das Leben glatt: ein gutes Einkommen, eine liebevolle Familie, ein stabiler Freundeskreis und sogar ein junger Mann, der dich wirklich schätzt. Doch inmitten dieses Glücks taucht plötzlich ein winziger, kaum merklicher Mangel auf, der sich immer stärker in den Nerven festsetzt, bis man ihn am liebsten aus dem Weg räumen will wie einen kleinen Splitter im Zahn.
Für Marlene war dieser Splitter ihre langjährige Freundin Gisela, die sie fast seit dem Kindergarten kannte. Alles schien in Ordnung, bis nach dem Abschluss der Hochschule beide in das Erwachsenenleben eintraten und sich ihre Wege auf unerwartete Weise trennten. Vielleicht hatte sich ihr gemeinsamer Freundeskreis aufgelöst, vielleicht war Gisela im Beruf weniger erfolgreich und beneidete Marlene. Der Neid fand einen seltsamen Ausweg.
In den ersten ein bis zwei Jahre sogar bis zu fünf stellte das kein Problem dar, doch dann, wie das Sprichwort sagt, Wasser höhlt den Stein, nagte es sich ein.
Marlene, dieses Kleid ist doch gar nicht für eine Frau im Mutterschaftsurlaub, bemerkt Gisela.
Du kannst es ja kaufen, aber bis du wieder in Form bist, hat die Mode schon dreihundertmal gewechselt.
Nimm lieber den Anzug, den wir am Anfang angeschaut haben.
Marlene verließ die Umkleidekabine, sah Gisela an und spürte, wie innerlich etwas überkochte.
Hör doch bitte auf, mich ständig zu kritisieren, sagte sie.
Mit welchen Kritiken?, fuhr Gisela mit zusammengekniffenen Augen zurück.
So etwas wie nicht für den MutterschaftsBody, bis du wieder in Form bist Was bist du, die ModePolizei?
Gisela, du hast mich doch um Hilfe gebeten. Ich sage dir, was ich denke.
Wenn du nur Lob hören wolltest, hättest du das gleich sagen können.
Die Situation eskalierte, und Marlene fühlte sich von Giselas toxischen Bemerkungen erstickt. Sie stellte klar: Ich nehme das nicht mehr hin. Du kannst mich nicht weiter mit deinem ganzen Negativkram überhäufen. Und sie nahm das Kleid schließlich doch mit, während Gisela wie versteinert dastand.
Für Gisela war wichtiger, dass das Drama die anderen Kunden nicht störte, als dass sie selbst im Mittelpunkt stand. Sie blieb kurz stehen, dachte nach, zuckte die Schultern und ging zur Ausgangstür des Kaufhauses.
Marlene rief Gisela nie wieder an und versuchte nicht, den Streit zu schlichten, weil sie begriff, woher die plötzliche Abneigung kam. Es gab nichts mehr, was sie von außen beeinflussen konnte.
Marlene lebte fortan ihr Leben, wie sie es für richtig hielt. Die spitzen Bemerkungen über die Unterstützung der Schwiegereltern, das Eingreifen des Mannes in die Familienangelegenheiten und das Wichtigste die Vorwürfe zur Eingewöhnung ihrer Tochter Lena im Kindergarten verschwanden.
Die Schwiegermutter, Frau Müller, hörte von dem Streit nur und meinte nachdenklich, dass man irgendwann die Last von fremden Parasiten abwerfen müsse. Marlenes Mutter, Frau Schmidt, sagte das Gleiche.
Kurz darauf begann das nächste Kapitel. Im Kindergarten bemerkte die neue Erzieherin, die Gisela zufällig im Gespräch erwähnt hatte, Verhaltensauffälligkeiten bei Lena, die auf ein nicht ganz klares neurologisches Bild hindeuteten. Sie riet, Lena zu einem Neurologen und Psychiater zu führen am besten privat, damit man frühzeitig eingreifen könne.
Ach, das ist doch nur ein Vorwand, um etwas Geld zu verdienen, seufzte Frau Müller, als Marlene ihr das erzählte. Bei uns gab es nie Autisten oder Verrückte. Trotzdem ließ Marlene, aus reiner Gewissenssorge, Lena zum Arzt. Der Arzt erklärte, dass ein früher Checkup die Behandlung erleichtern und mögliche Fehlentwicklungen minimieren könne.
Plötzlich erinnerten sich Marlenes Gedanken an Giselas Worte, die sie vor einem halben Jahr gehört hatte: Gisela hatte gesagt, sie solle Lena zu den Fachärzten bringen, weil das Mädchen sich merkwürdig verhielte. Marlene hatte das damals als toxisch abgetan, doch nun war es wohl ein Hinweis gewesen.
Weitere Spannungen folgten, diesmal von Marlenes Mutter und Schwiegermutter. Sie behaupteten, die Großmütter bräuchten Lena nicht, sondern Marlenes Geld. Sobald das Einkommen schrumpfte, verschwanden die Besuche. Sie reagierten auf jede Bitte um Unterstützung mit Wir würden ja gern, aber und Allerlei Verpflichtungen halten uns ab.
Schließlich kündigte Jürgen die Scheidung an: Ich habe dir versprochen, in guten wie in schlechten Zeiten zusammenzuhalten, aber diese ständigen Klinikbesuche und die Belastung durch Lena lassen mir keinen Raum mehr für das eigentliche Familienleben. In wenigen Monaten zerbrach die einst glückliche Familie.
Marlene zog mit Lena in die Wohnung, die ihre Großmutter ihr hinterlassen hatte. Dort musste sie sich mit ihrer eigenen Mutter anlegen, die es nicht ertragen konnte, dass Marlene nicht mehr das familiäre Gästehaus für großartige Feiern nutzte.
Du verstehst doch, dass es für mich unbequem wird, wenn du in dieser Wohnung wohnst, sagte Frau Schmidt. Marlene hörte das, doch ihr Blick war bereits auf das Ziel gerichtet ein Versuch, die Freundschaft zu Gisela zu retten.
Sie packte Blumen, Sekt und Pralinen, klopfte an Giselas Tür und bat um ein Gespräch: Bitte, Gisela, hör mir zu, wir müssen das klären.
Gisela ließ Marlene hinein, seufzte und nahm das Geschenk entgegen. Tränen flossen, Versprechen wurden erneuert, und beide schworen, künftig die Freundschaft nicht mehr durch Missverständnisse zu belasten.
Marlene erkannte nun, wer wirklich ihr Wohl im Herzen trug und wer nur auf den eigenen Vorteil achtete, sobald das Leben schwieriger wurde. Die beiden Freundinnen versöhnten sich, doch Gisela warnte, dass Wiederholungen nicht toleriert würden und Marlene nahm diese Warnung ernst.
Der ExMann versuchte später, wieder Freundschaft zu schließen, doch Marlene lehnte entschieden ab. Sie wollte nicht das Fundament wiederaufbauen, das er einst zerstört hatte.
Die moralische Lehre? Wer ständig versucht, andere zu manipulieren und das Gute anderer als Bedrohung zu sehen, verdirbt die Beziehungen, die ihm am meisten bedeuten. Nur ehrliche Kommunikation, Respekt und das Akzeptieren der eigenen Grenzen können ein echtes, langlebiges Miteinander ermöglichen.







