„Du bist nicht die Herrin – du bist die Dienstbotin“

Du bist nicht die Herrin du bist das Dienstmädchen
Liesel, liebste, noch ein wenig Salat für die wunderbare Dame, die Stimme meiner Schwiegermutter Therese Petersen klingt süß wie Marmelade, doch sie brennt wie Tabasco, ein scharfes falsches Lob.

Ich nicke still und nehme die fast leere Salatschüssel. Die Dame, die dritte Cousine meiner Tante Gertrud, schenkt mir einen Blick voller Ärger wie ein Mensch, der eine lästige Fliege beobachtet, die seit zehn Minuten über dem Kopf kreist.

Ich gleite geräuschlos durch die Küche, will unsichtbar bleiben. Heute hat Florian Geburtstag. Oder genauer: Seine Familie feiert heute in meiner Wohnung. In der Wohnung, die ich bezahle.

Lachsalven dringen aus dem Wohnzimmer in kurzen Wellen der kräftige Bass von Onkel Jan, das durchdringende Bellen seiner Frau Bella. Und über allem erklingt die bestimmte, fast befehlende Stimme von Therese Petersen. Mein Mann sitzt wahrscheinlich irgendwo in der Ecke, lächelt gezwungen und nickt schüchtern.

Ich fülle die Salatschüssel, verziere sie mit einem Dillzweig. Meine Hände arbeiten automatisch, und nur ein Gedanke kreist in meinem Kopf: zwanzig. Zwanzig Millionen.

Gestern Abend, nachdem ich die finale Bestätigung per EMail erhalten habe, sitze ich auf dem Badezimmerboden, damit niemand sieht, und starre auf den Handybildschirm. Das Projekt, das ich drei Jahre lang geführt habe, hunderte schlaflose Nächte, endlose Verhandlungen, Tränen und fast hoffnungslose Versuche alles gipfelt in einer Zahl auf dem Bildschirm. Sieben Nullen. Meine Freiheit.

Wo hängst du denn fest?, ruft die Schwiegermutter ungeduldig. Die Gäste warten!

Ich nehme die Salatschüssel und kehre in den Saal zurück. Die Feier läuft auf Hochtouren.

Du bist aber langsam, Liesel, sagt die Tante und schiebt ihren Teller beiseite. Wie eine Schildkröte.

Florian zuckt zusammen, sagt nichts. Er will keinen Ärger sein Lieblingsprinzip im Leben.

Ich stelle den Salat auf den Tisch. Therese Petersen richtet die perfekte Anrichtung, laut genug, dass alle sie hören, und sagt:

Man kann nicht jedem Talent geben, flink zu sein. Büroarbeit ist kein Hauswirtschaft. Dort sitzt man am Rechner und geht nach Hause. Hier muss man denken, überlegen, sich abmühen.

Sie wirft den Gästen einen triumphierenden Blick zu. Alle nicken. Meine Wangen beginnen zu brennen.

Ich greife nach einem leeren Glas und stoße aus Versehen mit der Gabel. Sie fällt mit einem Klirren zu Boden.

Stille. Für einen Moment erstarren alle. Ein Dutzend Blicke von der Gabel zu mir.

Therese Petersen lacht. Laut, böse, giftig.

Siehst du? Ich habe es doch gesagt! Die Hände Krücken.

Sie wendet sich zur Nachbarin am Tisch und fügt, ohne den Ton zu senken, spöttisch hinzu:

Ich habe Florian immer gesagt: Sie passt nicht zu dir. In diesem Haus bist du der Herr, und sie ist nur das Beiwerk. Bring, serviere. Nicht die Herrin das Dienstmädchen.

Ein höhnisches Gelächter bricht erneut aus. Ich sehe zu meinem Mann. Er wendet den Blick ab und tut so, als sei er vertieft in ein Tuch.

Und ich ich hebe die Gabel. Ruhig. Richte den Rücken. Und zum ersten Mal am Abend lächle ich. Nicht gezwungen, nicht höflich wirklich.

Sie ahnen nicht, dass ihre Welt, gebaut auf meiner Geduld, gleich zusammenbricht. Und meine fängt gerade erst an. Genau jetzt.

Mein Lächeln wirft sie aus der Bahn. Das Lachen verstummt ebenso plötzlich, wie es begann. Therese Petersen lässt sogar das Kauen fallen, ihr Kiefer erstarrt vor Verwunderung.

Ich lege die Gabel nicht zurück auf den Tisch. Stattdessen gehe ich zur Küche, werfe sie in das Spülbecken, nehme ein sauberes Glas und schenke mir Kirschsaft ein. Den teuren Saft, den meine Schwiegermutter als Seligkeit und Geldverschwendung bezeichnet.

Mit dem Glas in der Hand kehre ich ins Wohnzimmer zurück und nehme den einzigen freien Platz ein neben Florian. Er schaut mich an, als sähe er mich zum ersten Mal.

Leni, das Heiße gefriert!, sagt Therese plötzlich, ihr Ton wieder von eisigen Noten durchzogen. Man muss den Gästen etwas bringen.

Ich bin sicher, Florian schafft das, antworte ich, nehme einen kleinen Schluck, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Er ist doch der Herr im Haus. Lass ihn beweisen.

Alle Blicke richten sich auf Florian. Er wird blass, dann rot, wird nervös und wirft flehende Blicke erst zu mir, dann zu seiner Mutter.

Ja, natürlich, stammelt er und stolpert, als er zur Küche geht.

Ein kleiner, aber süßer Sieg. Die Luft im Raum wird schwer, dicht.

Therese erkennt, dass ein direkter Schlag nicht funktioniert, wechselt die Taktik. Sie spricht vom Ferienhaus:

Wir haben beschlossen, im Juli mit der ganzen Familie ans Feriendomizil zu fahren. Einen Monat, wie üblich. Frische Luft schnappen.

Liesel, du solltest schon nächste Woche mit dem Packen anfangen, die Vorräte transportieren, das Haus vorbereiten, sagt sie, als wäre das schon lange entschieden, als gäbe es meine Meinung nicht.

Ich stelle das Glas langsam hin.

Klingt herrlich, Frau Petersen. Aber ich habe andere Pläne für den Sommer.

Die Worte hängen in der Luft wie Eiswürfel an einem heißen Tag.

Welche Pläne denn? fragt Florian, zurück mit einem Tablett, auf dem schief stehende Teller mit warmen Speisen liegen. Was erfindest du dir da?

Seine Stimme zittert vor Ärger und Verwirrung. Für ihn klingt meine Ablehnung wie ein Kriegsaufruf.

Ich erfinde nichts, antworte ich ruhig, zuerst zu ihm, dann zu seiner Mutter, deren Blick wütend wird.

Ich habe geschäftliche Pläne. Ich kaufe eine neue Wohnung.

Ich mache eine Pause und genieße die Wirkung.

Meine jetzige ist einfach zu klein geworden.

Ein dröhnendes Schweigen breitet sich aus, das Therese zuerst bricht mit einem kurzen, kehligem Lachen.

Kauft sie? Mit welchen Mitteln, darf ich fragen? Mit einer 30jährigen Hypothek? Dein ganzes Leben an Betonwänden arbeiten?

Mama hat Recht, Leni, springt Florian ein, sucht Unterstützung. Er wirft das Tablett lautstark um, sodass Sauce auf die Tischdecke spritzt.

Hör auf mit diesem Zirkus. Du blamierst uns alle. Welche Wohnung? Bist du verrückt geworden?

Ich scanne die Gesichter der Gäste. Jeder blickt mit verächtlichem Misstrauen. Sie sehen mich als leere Stelle, die plötzlich glaubt, etwas zu sein.

Warum eine Hypothek? lächle ich sanft. Ich mag keine Schulden. Ich zahle bar.

Onkel Jan, der bisher geschwiegen hat, schnäuzt verächtlich.

Erbteil, was? Eine reiche Großmutter aus Amerika gestorben?

Die Gäste kichern. Sie fühlen sich wieder als Herrscher der Situation. Diese Aufsteigerin blafft.

Man könnte es so nennen, antworte ich ihm, nur dass die reiche Großmutter ich selbst bin und ich noch lebe.

Ich nehme einen Schluck Saft und gebe ihnen Zeit, das zu begreifen.

Gestern habe ich mein Projekt verkauft. Das, woran ich drei Jahre lang gearbeitet habe, meine eigene StartUpFirma. Der Dealssumme: zwanzig Millionen Euro. Das Geld liegt bereits auf meinem Konto. Also kaufe ich die Wohnung. Vielleicht sogar ein kleines Haus am Meer, damit es nicht eng wird.

Ein klingendes Schweigen breitet sich aus. Die Gesichter erstrecken sich. Die Lächeln verschwinden, zeigen Verwirrung und Schock.

Florian starrt mich mit geweiteten Augen an, sein Mund öffnet sich, bleibt aber stumm.

Therese verliert langsam die Farbe. Ihre Maske zerbricht.

Ich stehe auf, greife nach meiner Handtasche vom Stuhl.

Florian, alles Gute zum Geburtstag. Das ist dein Geschenk. Ich ziehe morgen aus. Ihr habt eine Woche, ein neues Heim zu finden. Diese Wohnung verkaufe ich ebenfalls.

Ich gehe zur Tür. Kein Geräusch dringt zu mir durch. Sie sind gelähmt.

Am Ausgang drehe ich mich noch einmal um und werfe den letzten Blick.

Und ja, Frau Petersen, meine Stimme ist fest und ruhig, das Dienstmädchen ist müde und will jetzt Ruhe.

Sechs Monate vergehen. Ich lebe ein neues Leben.

Ich sitze auf dem breiten Fenstersims meiner neuen Wohnung. Hinter dem Panoramafenster, vom Boden bis zur Decke, glitzert die Abendstadt ein lebendiges, atmendes Wesen, das nicht mehr feindlich wirkt.

In meiner Hand ein Glas Kirschsaft. Auf meinen Knien ein Laptop mit den offenen Plänen eines neuen Projekts einer architektonischen App, die bereits erste Investoren angezogen hat.

Ich arbeite viel, aber jetzt mit Freude, weil die Arbeit mich erfüllt und nicht auslaugt.

Zum ersten Mal seit Jahren atme ich tief durch. Die ständige Anspannung ist verschwunden. Das leise Reden, das vorsichtige Bewegen, das ständige Raten nach den Gefühlen anderer alles ist weg. Ich lebe nicht mehr als Gast im eigenen Haus.

Nach jenem Geburtstag klingelt das Handy ununterbrochen. Florian durchläuft alle Phasen: von wütenden Drohungen (Du wirst es bereuen! Ohne mich bist du nichts!) bis zu nächtlichen Sprachmitschnitten, in denen er weint, dass es früher besser war.

Ich höre nur kalte Leere. Sein Gut beruhigte sich nur durch mein Schweigen. Die Scheidung verläuft schnell. Er verlangt nichts mehr.

Therese bleibt vorhersehbar. Sie ruft, fordert Gerechtigkeit, schreit, dass ich ihren Sohn ausgeraubt habe. Einmal stellt sie mich vor dem BusinessCenter, in dem ich mein Büro habe, will mich am Arm packen. Ich gehe einfach vorbei, ohne ein Wort.

Ihre Macht endet dort, wo meine Geduld endet.

Manchmal, in seltsamer Nostalgie, besuche ich Florians Profil. Die Fotos zeigen, dass er zu seinen Eltern zurückgekehrt ist. Das gleiche Zimmer, derselbe Teppich an der Wand. Ein Gesicht mit ewiger Verbitterung, als wäre die ganze Welt schuld an seinem gescheiterten Leben.

Keine Gäste mehr. Keine Feiern mehr.

Vor ein paar Wochen, nach einem Treffen, bekomme ich eine Nachricht von unbekannter Nummer:

Leni, hi. Hier ist Florian. Mama braucht ein Salatrezept. Sie schafft es nicht, es lecker zu machen.

Ich halte mitten auf der Straße an. Lese es mehrmals. Und plötzlich lache ich. Nicht bösartig, sondern ehrlich. Die Absurdität der Bitte wird zum besten Epilog unserer Geschichte. Sie haben unsere Familie zerstört, versucht, mich zu vernichten, und jetzt wollen sie nur einen guten Salat.

Ich schaue auf den Bildschirm. In meinem neuen Leben, voller spannender Projekte, respektvoller Menschen und stiller Glückseligkeit, gibt es keinen Platz für alte Rezepte und alte Groll.

Ich blockiere die Nummer, ohne zu zögern. Einfach wie Staub wegfegen.

Dann nehme ich einen großen Schluck Saft. Er ist süß, mit einem leichten herben Hauch. Der Geschmack der Freiheit. Und er ist wundervoll.

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