„Du gehst jetzt! — kündigte die Frau ihrem Mann an“

Du gehst!, flüsterte sie, während ihr Mann, Karl, im Schlaf schnarchte.
Anke Rübenbeck, die gerade den Neujahrsputz in ihrer Berliner Wohnung erledigte, stieß dabei auf einen USBStick.
Er lag hinter dem alten Sessel, ganz im rechten Winkel des Heizkörpers, fast unsichtbar wie ein verborgener Dienst im Hintergrund.

Anke kroch auf allen Vieren über den Flur, wischte jede Ecke ab, und so kam das Gerät ans Licht.
Der Abend war vom Duft nach Glühwein und von festlicher Vorfreude durchzogen die Tage bis Silvester schienen wie ein Gedicht voller freier Stunden, leuchtender Lichter am Tannenbaum, funkelnder Sektgläser und sanft schimmernder Stehlampen.

Der Baum noch kahl, weil Anke keine Zeit hatte, ihn zu schmücken. Karl, ihr Mann, war nicht gerade ein Bastler:
Du weißt doch, Liese, ich krieg das mit den Lichtern nicht hin!
Er schaffte es nie, die Kugeln gleichmäßig aufzuhängen.

Warum, Karl?, protestierte Anke. Sieh doch, die Stange ist die Achse, rechts und links die Äste! Häng links, dann rechts, prüf die Lücken, füll sie!
Doch Karl sah weder Achse noch Gleichgewicht an einer Stelle stapelten sich die Kugeln wie ein Haufen Spielzeug, an anderer war alles leer. Er nannte das wohl Kopfverdrehung.

Dann häng du selbst dran!, knurrte Karl, und das war für Anke ein willkommenes Vorwand.
Die Moral des Abends: Wenn dir jemand nichts gefällt, mach es selbst, koch selbst, räum selbst das war das einzige Prinzip, das in diesem Traum zu schweben schien.

Anke erledigte alles allein, weil Wiederholungen hundertmal mühsamer gewesen wären. Karl, der nie gelernt hatte, Ordnung zu halten seine Mutter war nie streng gewesen blieb dabei ziemlich unbeteiligt. Doch die Ehe war von einer großzügigen Gelassenheit geprägt, wie sie nur die glücklichsten Paare besitzen.

Ihr einziger Wunsch war ein lieber Mensch an ihrer Seite; alles andere ließ sich mit einem Regenschirm abwischen, wie ein poetischer Vers im Kopf.

Anke war keine naive Märchenfigur. Sie arbeitete bei einer gehobenen Immobilienagentur in München, die exklusive Penthäuser und mehrstöckige Wohnungen vermietete. Heutzutage verlangte jeder ein Stück Himmel über den Dächern, ob leere Suppe oder feiner Perlenfisch das Geld floss nach dem Prinzip Wie du wirfst, so bekommst du zurück.

Den ganzen Tag verbrachte Anke damit, für Karl Brot, Butter, Orangen und einen roten Karpfen zu kaufen ihr liebster Ausdruck war: Ich liebe dich, Häschen!

Karl hingegen hatte ein chronisches Problem, Arbeit zu finden das war in seiner Familie nie gefördert worden. Kinder gab es noch nicht, sie wollten erst einmal nur für sich leben, sagte Karl stolz.

Er war ein gut gebauter, stattlicher Mann, fast wie ein moderner Graf aus einem Märchenbuch, dessen Mutter ihn einst zu einem Freund brachte, der weit weg wohnte. Drei Jahre nach ihrer Hochzeit wurde er plötzlich herabgestuft.

Stell dir vor, sie haben mich degradiert!, jammerte er.
Und jetzt?, fragte Anke.
Was denn?, erwiderte Karl verwirrt.

Eine Herabstufung ist keine Demütigung, sondern ein betrieblicher Schritt, erklärte Anke sachlich. Zumindest haben wir noch Arbeit.

Sie drängte ihn, zumindest eine niedrigere Stelle anzunehmen, damit sie nicht völlig pleite gingen. Karl kündigte daraufhin aus Trotz, wie ein Eisbär, der die Ohren abschneidet, und sein Schwiegervater vermittelte ihm über einen Freund einen Job, der jedoch vierßig Minuten mit den ÖPNV entfernt war. Anke fuhr selbst, weil ihr Auto unverzichtbar war.

Nach zwei Tagen harter Arbeit verabschiedete sich Karl aus Frust.

Na, wieder auf dem Sofa?, stichelte Ankes Großmutter, die von Karls Erfolgen wusste.

Zwei weitere Stellen wurden abgelehnt ein Interviewer mochte ihn nicht, ein anderer war ein Tyrann, der nur quatschte.

Karl sollte eigentlich ein Baron sein, ein Besitzer eines Schlosses, ein Sultan der Moderne. Seine Erscheinung ließ keinen Zweifel zu, dass er nicht zum Arbeiten geschaffen war, sondern um das Herz einer Frau zu erfreuen in diesem Fall das von Anke.

Anke liebte Karl trotz der verbitterten Worte ihrer Oma, die Karl einen General der Sofakraft nannte.

Was hast du, Oma?, verteidigte Anke ihren Mann, obwohl die alte Frau recht hatte: Er liegt doch nicht zu Hause!

Genug ist genug, sagte die Oma. Mir ist es zu schade, dass eine hübsche, kluge Frau einen Trottel tragen muss.

Daraufhin zog Karl mit Freunden in die Sauna, während Anke ihr chaotisches Putzen weiterführte: Du schaffst das schon, Häschen, du bist nicht gut darin!

Der USBStick blieb vernachlässigt, weil das Paar mehrere Wohnungen hatte vielleicht ein Haus in Hamburg, ein Loft in Köln und er landete schließlich in einer AschenbecherSchublade.

Karl suchte keinen Stick, also gehörte er Anke. Sie speicherte oft Wohnungsfotos darauf. Der Stick lag dort etwa zwei Wochen unbeachtet, bis Anke plötzlich von einer Eingebung gepackt wurde und beschloss, den Inhalt zu prüfen.

Karl ging nach draußen, weil frische Luft laut Oma gut sei. Das, was Anke sah, war ein wirrer Mix aus heißem Tango, thailändischer Massage und merkwürdigen Ka…MorgenbisAbend-Lektionen, gemischt mit etwas Unanständigem.

Im Mittelpunkt stand ihr mürrischer Lennart, begleitet von einer synchron agierenden Dame, die gemeinsam wie Zahnräder funktionierten. Die Szenerie war fremd, doch das Setting schien nicht zufällig, vielmehr ein Ort, an dem keine einzige Trainingseinheit allein stattfand.

Ach, Puschkin, du Genie!, dachte Anke, während sie das Video nach wenigen Sekunden abschaltete. Es ging ihr viel leichter, als wenn sie selbst dran war.

Das Video zeigte einen bekannten Staatsanwalt im Nacktschneiderszenario, was eindeutig Erpressung bedeutete. Wer jedoch erpresste, war unklar.

Karl brachte keinerlei staatliche Werte ein, er hatte kaum Geld, doch er schien trotzdem jemandes fehlendes Puzzleteil zu sein.

Anke nahm sich einen Tag frei, packte den Stick ein und fuhr zu ihrer klugen Freundin Luise, die genauso scharfsinnig war wie die legendäre Fima Schob.

Denkst du, er ist ein Geheimagent?, fragte Anke hoffnungsvoll.
Was, ein Wellengang hat dich überrollt?, entgegnete Luise, deren Onkel Seemann einst das Meer beherrschte.

Dein Seehund ist ein Agent? Das Einzige, was er gut kann, ist Zeit zu liegen! lachte Luise.

Weißt du, was du tun musst? Einen Freund finden!, meinte Luise, während sie einen Schluck Kräutertee nahm.

Aber was, wenn er nur ein aufgeblasener Truthahn ist? spottete Anke.

Wer braucht sonst einen aufgeblähten Truthahn, wenn er nicht klug ist?! fuhr Luise fort.

Anke überlegte, das Material ins Netz zu stellen.

Wozu?, fragte sie.

Die Welt postet alles, selbst das, was Džuba gepostet hat, erklärte Luise.

Ich verstehe nicht, warum ich das posten soll, erwiderte Anke.

Luise schlug vor: Wähle eine Option verschicke, kompromittiere, vergib oder vergiss.

Anke wählte schließlich: Verschicke.

Sie und Luise schauten das Video bis zum Ende, denn es zeigte etwas völlig Unerwartetes: eine Frauenstimme, die die Nummer eines unbekannten Ansprechpartners nannte. Auf dem Zettel stand eine amerikanischeuropäische Vorwahl.

Da haben wir es!, jubelte Luise.

Anke rief sofort an, verabredete ein Treffen in einem Café, und Luise fügte hinzu: Sag, ich bin deine Anwältin, ich halte dich von unüberlegten Schritten ab.

Im Café lief das Gespräch nach dem klassischen Drehbuch:

Wir lieben uns, bitte lasst ihn gehen, ihr habt doch gesehen, wie sehr wir uns lieben. sagte eine hübsche junge Frau, die etwa im gleichen Alter wie Anke war.

Lassen? Warum soll ich ihn halten?, fragte Anke skeptisch.

Weil er dein Geld nimmt und du nicht scheiden willst! antwortete die Anwältin.

Anke erwiderte kühl: Ihr habt falsche Informationen, meine Liebe. Nehmt ihn, ich habe nichts dagegen.

Sofort?, fragte die Anwältin überrascht.

Ja, ich will einfach, dass er geht.sagte Anke.

Luise stimmte zu: Dann hol die Sachen, wir warten heute Abend.

Karl schlief nach einem deftigen Mittagessen mit Pilzsuppe, Rinderbraten und Kompott. Anke packte seine Sachen und stellte den Koffer im Flur ab.

Als Karl erwachte, verkündete Anke:

Du gehst!

Aber ich kann nichts einkaufen!, protestierte Karl, als er dachte, er solle zum Supermarkt gehen.

Dann geh selbst!, wiederholte Anke.

Im Zimmer war es warm, der kleine Baum leuchtete, den Anke gerade geschmückt hatte. Der Fernseher lief mit klassischen Filmen so nach jedem Neujahr.

Kurz vor der Taufe zog ein Schneesturm durch die Stadt, das Thermometer sank, und plötzlich rief Karl: Ich geh zum Laden!

Anke erwiderte: Ich schicke dich nicht zum Laden, sondern dorthin, wo du zeigst, was du am besten kannst!

Zur Mutter? fragte Karl.

Zur Oma!, brüllte Anke.

Welche Oma? fragte Karl verwirrt beide Großmütter waren bereits im Himmel.

Zur, die deine Kunststücke sieht!, sagte Anke und schaltete den Fernseher ein.

Karl starrte wie erstarrt, das Wohnzimmer wirkte wie aus einem anderen Film.

Anke zog ihm einen USBStick aus der Tasche, zusammen mit einem Taschentuch.

Sag etwas Kluges!, forderte sie. Zum Beispiel, dass du nicht du bist, dass ein Schauspieler dich spielt, dass du hypnotisiert wurdest.

Erinnerte sie sich an den Staatsanwalt? Er kämpfte wie ein Löwe, aber er war weder er noch das Pferd.

Du bist ein echter Macho, ein AlphaMann!, spottete Anke.

Karl schwieg; er war kein Dummkopf. Ein Umzug zu Luise in eine WG war nicht geplant.

Die Szene wechselte, als wäre sie ein anderes Gedicht: der Weihnachtsbaum blinkte, der Fernseher rauschte, das alte Sofa war leer.

Ein Anruf der Schwiegermutter drängte zu Mitgefühl, wollte doch den ‘guten Jungen’ zurück.

Karl kehrte in die Einzimmerwohnung seiner Mutter zurück; das Versorgen eines arbeitslosen, gesunden Riesen war mühsam.

Anke blockierte alle Nummern, denn ihre Schwiegermutter hatte nie Zuneigung zu ihr gezeigt.

So endete die Geschichte: Anke reichte die Scheidung ein.

Ein echtes Ende, dachte sie, während ein letzter Schluck Pfannkuchenteig mit Sauerkirschen am Tisch stand.

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Gran’s Prophecy