Verschwinde, und er wird sofort an mich denken, sagte ich damals, halb spöttisch, halb verzweifelt. Also verschwindet doch bitte freundlich, sonst
Was willst du mir einreden?
Was erwartet ein Mädel eigentlich von einem Kinobesuch mit dem Freund?
Das hängt stark davon ab, wie weit das eigene Freiheitspensum reicht. Einige Frauen würden nicht einmal nach der Vorführung den Freund nach Hause bitten, sondern gleich im hinteren Reihen des Saals die ganze Sache in die Hand nehmen. Andere sind zurückhaltender, wollen das klassische Bild: Film schauen, Händchen halten und dann, am Ausgang des Kinos, noch ein bisschen verweilen, bevor man sich zum Haus der Freundin verabschiedet.
Jedenfalls hieß die Einladung von ihm, dass ich nun wohl seine Freundin war und dass das Plätzchen vorher leer war. Das war ein klarer Hinweis, dass keine Verwechslungen wie bei Liselotte passieren sollten. Dort, im Kinosaal, ist nämlich manchmal die Situation entstanden, in der ein anderer Freundchen plötzlich an den Arm der Hand reicht und wütend fragt:
Karl, wer ist das denn? Und warum hältst du sie an der Hand? Ich warte hier die ganze Nacht, habe nicht geschlafen und jetzt
Jede Frau würde in so einer Lage zumindest rot werden und schnell weichen. Im besten Fall würde sie laut rufen: Ach du du bist doch gar nicht einmal allein! und mit hochklackenden Pumps den Saal verlassen.
Liselotte gehörte eher zur ersten Kategorie, doch sie reagierte nicht sofort, weil Karl, die Stirn finster gerunzelt, fast schon brüllte:
Hab ich dir nicht gesagt, du gehst! Du hast beschlossen, dass zwischen uns nichts mehr ist, also lauf!
Wer läuft denn hier hinter dir her, du, wollte Liselotte noch entgegnen, doch Karl packte sie am Arm und zog sie hastig in den richtigen Saal. Für sie schien die Sache erledigt Karl traf sich nicht mehr mit der fremden Dame, sie hatte ihn verlassen, zumindest glaubte das Karl.
Ob das wirklich so war, blieb offen. Liselotte wollte das Gespräch erst nach dem Film fortsetzen; in einem Kino will man nicht vor fremden Augen klären, wer mit wem zusammen ist. Karl hatte übrigens die Karten bezahlt, also war es doch nicht angebracht, nach fremden Freundinnen zu fragen, während man noch den Film sah.
Als sie nach der Vorstellung das Kinogebäude verließen und die beleuchtete Straße zum Park hinuntergingen, der an Liselottes Mehrfamilienhaus grenzte, kam das Thema der fremden Dame zur Sprache.
Ich hoffe, du hast nichts weitergedacht, sagte Karl entschuldigend. Ich sammle ja keine Verrückten, meine Familie und Freunde sind in Ordnung, das war nur eine unglückliche Begegnung.
Für Liselotte war das Thema unpassende Umgebung ein altes Problem: Bei ihrem vorherigen Freund war die Beziehung wegen der Ablehnung durch seine Schwester und Mutter gescheitert. Deshalb zeigte Karl jedes Mal, wenn er die Gelegenheit hatte, dass er kein Risiko darstellte.
Was genau ist denn passiert? fragte Liselotte, neugierig geworden.
Wir trafen uns, dachte ich zumindest. Wir gingen spazieren, hielten Händchen, küssten uns, und in Gesellschaft saß sie dann auf meinem Schoß und nannte mich Süßer und Kätzchen.
Logisch, erwiderte Liselotte.
Und weißt du, was noch logisch ist? Wenn ein Mädchen dich einlädt, den Computer zu reparieren, und dann sagt, ihr Bruder sei gestern ins Dorf gezogen und du sollst stattdessen einen DVD-Film schauen.
Wer benutzt denn noch DVDs? staunte Liselotte. Dann fuhr sie fort: Wenn ein Mädchen dich mit einem Vorwand zu sich lockt und du allein in ihrer Wohnung bist, während niemand zu Hause ist, dann nehme ich an, sie will dich auf einen Kuchen und den Film einladen.
Stell dir vor, da liegt ein durchsichtiges Halstuch, Strumpfhosen mit Netz, Herzkerzen zehn Stück und eine Flasche Wein mit Häppchen. Und der Film, den sie einschaltet, ist eindeutig ab 18.
Also ein Film, bei dem alle sich lieben und am Ende alles gut wird, ergänzte Karl.
Dann könnte ich ja gleich zur Apotheke laufen und Gummibänder holen, dachte Liselotte, während sie das Geschehen im Kopf durchging.
Genau, das dachte ich auch. Ich setzte mich aufs Sofa, schalte den Film an, die Stimmung war passend, sie kam neben mich, ich zog sie an mich, wir küssten uns.
Doch bevor ich das Halstuch komplett herunterlassen konnte, kam ihr ein Schlag ins Gesicht und ein kreischender Schrei hallte durch die Wohnung: Was machst du da, ich bin nicht so!
Liselotte zuckte die Schultern.
Dann habe ich sie einfach rausgeschickt, meinte sie.
Am nächsten Tag schrieb sie mir, als wäre nichts gewesen, und fragte, warum ich nicht mehr schreibe. Und ich? Ich ignorierte sie.
Warum soll ich verrückten Typen hinterherlaufen? Ich habe nichts damit zu tun, mich mit ihr abzugeben, bis ich jemanden Besseren finde.
Karl bestätigte das und fügte hinzu, dass er nicht mehr um sie kämpfen würde. In der heutigen Zeit sei das gar nicht mehr üblich, denn das Gesetz schütze jede Entscheidung, und niemand dürfe jemanden zu etwas drängen, das er nicht will.
Liselotte und Karl einigten sich darauf, keinerlei seltsame Aktionen zu unternehmen. Ein klares Ja bedeutet Ja, ein klares Nein bleibt Nein, ohne Hintergedanken.
Einige Zeit später, als Liselotte von der Uni nach Hause ging, sprach Heike sie an, die alte Bekannte aus der Schule.
Liselotte, das war nicht in Ordnung, was du getan hast. Der Junge war besetzt, und du hast ihn trotzdem gejagt.
Der Junge hat gesagt, er sei frei, Heike. Und ich habe dir schon oft gesagt, du sollst mich in Ruhe lassen.
Ach, wer weiß, was du noch vorhast, sagte Heike, während ihr Vater, ein Polizeikapitan, hinter ihr stand das war das einfachste Mittel, um die lästige Verfolgerin zum Schweigen zu bringen.
Man hätte endlos beweisen können, dass Karl kein Interesse an Heike hatte und ihre Präsenz das Verhältnis zwischen ihm und Liselotte nicht beeinflussen würde. Ein Kampf hätte nur weitere Probleme gebracht, auch für Liselotte selbst.
Doch Heikes Vorgehen erwies sich als passend. Und obwohl Liselotte den Vater nur einmal im Jahr zum Geburtstag sah und er in einer anderen Stadt als Kapitän diente, war er der Letzte, zu dem sie mit ihren Sorgen gehen würde.
Als Heike ein Foto von Karl sah, erstarrte sie, murmelte ein paar Flüche über die Ganoven und verschwand. Karl hörte nie wieder von ihr, und das berichtete er Liselotte nach einer Woche.
Liselotte erzählte, dass sie Heike von ihrer Aktion informierte, nur damit Karl Bescheid wusste, doch sie bekam keinen Vorwurf dafür.
So etwas lässt man besser einfach geschehen, dachte Karl. Wäre ich nicht in das Ganze verwickelt, hätte ich das nie getan.
Liselotte stimmte zu, denn Heike wirkte zunächst normal, bis sie das Wort ergriff. Am Ende war es egal, wie verrückt Heike auch war das Wichtigste war, dass Liselotte und Karl nun ohne ständige Verfolgung weiterleben konnten.
Vielleicht fand Liselotte eines Tages einen neuen Gefährten, einen selbstbewussten Typen, der nicht mehr hinter ihr herläuft. Oder sie bleibt allein, denn jedes Ungeheuer braucht doch ein Gegenstück, damit die Normalen in Ruhe leben können. Und das war für alle Beteiligten eine erlösende Idee.







