Schwestern: Ein Band der unzertrennlichen Verbindungen in der deutschen Kultur

We haben in einer alten Plattenbauwohnung in Leipzig zwei unverwechselbare Schwestern, die fast wie Zwillinge wirken, obwohl sie ein gutes Stück auseinander geboren wurden. Beide sind schlank, drahtig, mit den immer zusammengepressten Lippen und den typischen Haarscheiben, die die alte Zeit noch in den Köpfen trägt. Sie tragen dieselben grauen, unscheinbaren Overalls, und die ganze Hausgemeinschaft hasst, fürchtet und verachtet sie.

Die jungen Leute scheren sich nicht, weil die Schwestern ständig nörgeln und nie zufrieden zu sein scheinen zu lauter Musik, zu wilden Partys, zu späten Heimkehrungen. Die Kinder halten Abstand, weil die älteren Damen jedes noch so kleine Vergehen sofort den Eltern melden: ein Licht, das im Bad brennt, oder ein Kaugummipapier im Flur.

Dann gibts da noch die liebe, gutherzige Liselotte, die von allen verachtet wird, weil sie keinen Abschluss hat, keine Familie und Kinder, und weil sie ständig mit spitzen Bemerkungen herumwirft. Sie mischt sich nie ein, reagiert nicht auf die Beschwerden der Kinder, auf Vitis und Sergejs nächtliches Herumschnaufen. Und das ist genau das, was die Schwestern ausmacht: sie sind eben solche Nervensägen.

Liselotte ist bei den Kindern beliebt. Sie tratscht nie den Eltern zu, egal was passiert, schenkt ihnen ein verschmitztes Lächeln und ein Augenzwinkern und dann Stille. In der Wohnung herrscht ständig Lärm und Geplänkel.

Oft kommt die ältere Schwester, Heidemarie, nach vorne, zieht die Lippen zusammen und ermahnt die Kinder:
Man kann doch nicht so laut schreien! Vielleicht ruht gerade jemand? Der Onkel Peter von der Schicht ist ja gerade angekommen, oder jemand schreibt ein Buch, zum Beispiel Frau Valentina. Und sie zeigt auf die Tür, hinter der Valentina tatsächlich an einem Manuskript arbeitet.

Alle lachen darüber, und Liselotte ist natürlich ganz vorne mit dabei.
Ach, Val, wann bekommst du das Buch denn endlich fertig? Ich warte schon ewig! ruft die alte Frau, während sie loslacht. Val hält die dünnen Lippen fest, sagt nichts, geht ins Zimmer und weint bitterlich auf ihrer Schwesters Schulter.
Heidi, warum sagst du das immer? Die lachen doch schon über uns.
Lass sie lachen, tröstet sie Val, sie tuns nicht böse. Nachbarn sind fast Familie. Sei nicht traurig!

Dann, im Herbst 1941, bricht der Krieg los, im September folgt die Blockade. Der Hunger kommt nicht sofort, zunächst bleibt es noch kalt und trocken. Das Haus gewöhnt sich langsam an die Rationierung, die leerenden Zimmer, das Heulen der Sirenen, das Fehlen von Essengerüchen, die bleichen, erschöpften Gesichter und die drückende Stille.

Die Jugend singt nicht mehr Gitarre, die Kinder spielen kein Verstecken mehr. Alles ist still und das dröhnt im Herzen stärker als das laute Vorkriegsgeräusch. Heidemarie und Val werden noch dünner, tragen aber weiterhin ihre grauen Overalls, die ihnen wie ein Mantel um die Schultern hängen, und überwachen jetzt nicht mehr das Lärmen, sondern das KartenSystem, die knappen Vorräte und die Ordnung.

Liselotte taucht nur noch bei Notfällen auf. Und eines Tages verschwindet sie ganz. Sie geht und kommt nicht zurück. Heidemarie und Val suchen sie tagelang, finden aber nichts. Es ist, als wäre die alte Frau nie existiert.

Frühling 1942: im Haus stirbt die Mutter von Tobias, dem kleinen Jüngsten. Er hat niemanden mehr, nur sich selbst. Die anderen fühlen Mitleid, doch das war Kriegszeit. Nach und nach wird Tobias von den Schwestern aufgenommen, gefüttert und umsorgt. Er ist gerade einmal elf, und bald kommt noch ein zweiter Junge, Jens, dessen Mutter ebenfalls gestorben ist. Der Vater ist an der Front, von ihm gibt es nichts mehr zu hören. Val und Heidemarie übernehmen die Patenschaft, nicht nur für die Jungen, sondern für fast alle Kinder im Haus.

Jeden Tag kochen die beiden einmal pro Tag eine Suppe, rühren sie lange, werfen irgendetwas hinein es gibt kaum Zutaten, und doch schmeckt die Suppe wie ein Geschenk. Sie nennen sie Knautschkopf, weil sie so zusammengeklatscht ist.
Heidi, warum heißt die Suppe Knautschkopf? Früher nannte ich Viti so, fragt Tobias neugierig.
Ein kurzer Moment der Erinnerung an Viti lässt Heidemarie Tränen laufen, doch sie antwortet:
Anatol! Wir kochen die Suppe nach KnautschkopfArt deshalb heißt sie so.
Wie denn? fragt Tobias.
Nun, wir werfen alles rein, was wir finden können: Buchweizen, Graupen, ein bisschen Kleister von den alten Tapeten, und wenn wir Glück haben, einen Löffel Dosenfleisch. Heidemarie streichelt ihm den Kopf, zieht ein winziges Stück Zucker aus ihrer Tasche, bricht es ab und steckt es ihm sofort ins Maul, damit kein Korn verloren geht.
Tobias, schau mal, ob Val das Kleister noch hat, sonst muss ich die Knautschkopfsuppe selbst nachwürzen.

Bald ziehen alle Waisenkinder in das Haus der Schwestern, wohnen zusammen, es wird wärmer und nicht mehr so beängstigend für die Kleinen. Sie kuscheln eng beieinander, und Val liest abends aus ihrem eigenen, unvollendeten Märchenbuch vor. Das Buch ist längst zum Brennholz geworden, aber Val kennt jede Geschichte auswendig und erfindet ständig neue. Die Kinder wollen immer mehr:
Baba Val, erzählst du heute von der Schönheit aus den Schneebergen?
Klar, sagt Val und beginnt zu erzählen.

Jeder hat seine Aufgabe: Tobias schürft den Ofen, Jens sammelt Holz, die Mädchen holen Wasser, die Karten werden verwaltet, alle helfen beim Suppenkochen und singen morgens Lieder, wobei Jens die Melodie anstimmt und alle mitklatschen.

Im Laufe der Blockade bringt Heidemarie ein Mädchen von der Straße ins Haus, das fast gestorben wäre. Kurz darauf holt Val noch einen Jungen, dann noch einen, dann noch einen Am Ende der Belagerung sitzen im Zimmer der Schwestern zwölf Kinder, alle am Leben. Ein Wunder, fast schon ein kleines Wunder.

Die KnautschkopfSuppe wird sogar nach dem Krieg weitergekocht. Die Kinder wachsen heran, zerstreuen sich, aber keiner vergisst Heidemarie und Val. Sie bleiben bis ins hohe Alter in ihrer Plattenbauwohnung, besuchen sie oft, helfen, und die beiden schreiben noch weitere Geschichten, ein Buch über ihre eigene Kommune, das sie Meine Heimat das Haus am Hohenzollernring nennen. Jedes Jahr am 8. Mai versammeln sich alle, solange die alten Schwestern noch leben, zu einem großen Fest, das immer größer wird, bis sogar Urenkel kommen.

Und das Hauptgericht? Natürlich die KnautschkopfSuppe. Nichts schmeckt besser als diese Blockadensuppe, gewürzt mit Liebe und dem unerschütterlichen Geist, der damals das Überleben der Kinder gesichert hat.

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