Zweite Jugend
Petra und ihr Mann Andreas hatten sechsundzwanzig Jahre zusammen verbracht. Sie hatten sich noch an der Technischen Universität Hannover kennengelernt, nach dem Abschluss geheiratet und zwei Jahre später einen Sohn bekommen. Wie so viele Paare eine gewöhnliche Familie.
Der Sohn wuchs, heiratete und zog mit seiner Frau nach Berlin. Nach dem Auszug änderte sich das Leben von Petra und Andreas schlagartig. Plötzlich fanden sie kaum noch Gesprächsthemen, und das Bedürfnis zu reden war fast verschwunden. Sie kannten einander in- und auswendig, verstanden ein Wort, ein Lächeln. Ein kurzer Satzwechsel, dann Schweigen.
Als Petra kurz nach dem Studium zu arbeiten begann, gab es in ihrer Abteilung eine Kollegin, etwa fünfundvierzig Jahre alt, die Petra jedoch wegen ihres jugendlichen Aussehens eher wie eine ältere Dame vorkam. Frau Brigitte nahm im Winter häufig Urlaub, kehrte stets mit einem gleichmäßigen Sonntagsbraun zurück. Ihre kurz geschnittenen, hellen Haare betonten die leicht gebräunte Haut.
Sie geht bestimmt ins Solarium, flüsterte eine junge Praktikantin Petra zu. Eines Tages hatte Petra genug und fragte Brigitte, woher ihr Wintersonnenbrand stamme.
Wir waren mit meinem Mann am Skiort in den Alpen, erklärte sie.
Ach du meine Güte in Ihrem Alter?, rief Petra erstaunt.
Brigitte lachte laut.
In meinem Alter? Ich bin erst 45. Wenn du einmal das Alter erreicht hast, verstehst du, dass das die wahre, reife Jugend ist nicht kindisch, sondern erwachsen. Merk dir, Mädchen, Langeweile ist der größte Feind einer Ehe. All die Affären, Scheidungen entstehen aus Langeweile. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, beginnt das ruhige Leben, und das treibt viele Männer in den Wahnsinn. Wir Frauen haben keine Zeit zu langweilen. Wir arbeiten, kümmern uns um die Kinder und übernehmen alle Hausarbeiten. Und der Mann liegt auf dem Sofa, ruht nach der Arbeit und überlegt, wo er seine ungenutzte Kraft einsetzen könnte. Manche trinken, andere suchen neue Erlebnisse kurz gesagt, sie suchen eine andere Frau.
Ich war naiv und dachte, mein Mann sei müde, arbeitet viel, und es sei nichts falsch daran, einfach vor dem Fernseher zu sitzen, nicht zu trinken und alles sei in Ordnung. Dabei schwirrte ich wie ein Elektrofeger durch das Haus. Dann sagte er eines Tages plötzlich, er habe eine andere Frau gefunden, mir sei langweilig, alles sei ihm zu viel, und er ging. Stell dir das vor!
Als ich wieder heiratete, ging ich es ganz anders an. Ich zog ihn mit in die Hausarbeit ein, wir fuhren am Wochenende aufs Land, wanderten, im Winter liefen wir Ski. Keine Minute ließ ich ihn ausruhen, nicht auf dem Sofa. Wir leben noch immer zusammen, die Kinder sind erwachsen, wir reisen durchs Land. Vielleicht ist das nicht für jeden, aber nimm dir die Lehre daraus.
Petra behielt Bridgets Worte gut im Gedächtnis. Sie bemerkte, wie ihr Mann Andreas nach einem üppigen Abendessen auf die Couch vor dem Fernseher sinkte. Es wurde immer schwieriger, ihn aus dem Haus zu locken. Noch vor ein paar Jahren war er beim Wandern, fuhr Wildwasser auf dem Rhein. Und welche Überraschungen er ihr zu ihrem Geburtstag bereitet hatte!
Petra versuchte, Andreas zu aktivieren, brachte Theaterkarten, eine Dreigastschifffahrt auf dem Rhein mit drei Decks.
Im Theater schlief er, bei den Gästen gähnte er nach ein paar Gläsern Wein und rannte zurück zur geliebten Couch. Auf dem Schiff litt er unter der beengten Kajüte. Beim Skifahren gab es nichts zu sagen. Der leicht übergewichtige Mann wehrte sich verzweifelt gegen sportliche Aktivitäten.
Als Petra ihn erneut ins Kino einladen wollte, sagte er mit traurigem Blick:
Wohin willst du mich treiben? Ich will am Wochenende nur entspannen, ausschlafen. Geh mit deinen Freundinnen.
Früher, als sie noch frisch zusammenlebten, ging Andreas mit Freunden wandern. Sie bildeten ein kleines Team von Gleichgesinnten, liebten Wildwasser auf dem Main oder der Isar, Andreas spielte Gitarre und sang recht gut.
Petra selbst war nie dabei Arbeit, Schwangerschaft, das kleine Kind hielten sie zurück.
Verschwende nicht die Zeit mit deinem Mann, warnte ihre Mutter. Er wird dort bestimmt Gleichgesinnte finden.
Man muss nicht wandern, um zu betrügen. Man kann das hier finden. Ich vertraue Andreas, erwiderte Petra.
Sie vertraute ihm wirklich und wartete auf die Wanderungen.
Einige Zeit später zog auch ihr Freundeskreis eigene Familien und das Wandern hörte auf.
An einem freien Sonntag setzte sich Petra neben Andreas auf die Couch und blätterte im Fotoalbum. Zuerst zögerlich, dann immer begeisterter, betrachtete er die Bilder und erinnerte sich.
Willst du nicht noch einmal die alte Zeit aufleben lassen, die Jugend spüren?, fragte sie.
Nein, mit wem? Alle haben Arbeit, Enkel.
Mit mir. Ich war nie bei euren Touren. Zeig Initiative, ruf deine alten Kumpels, vielleicht kommen sie ja.
Was? Früher war ich jung, wild, jetzt
Jetzt zu schlau?, grinste Petra sarkastisch. Dann gehen wir am Wochenende ins Theater, kultivieren uns. Und sie schlug das Album zu, ließ Staub aufwirbeln.
Andreas dachte nach. Beim Abendessen sagte er plötzlich:
Ich habe mit ein paar Kumpels gesprochen. Tom hat die Route geplant, wir haben noch Zelte. Das Kanu leihen wir im Sportverein. Petra bemerkte, wie er aufleuchtete, was ihr Freude bereitete.
Endlich zeigte er wieder Interesse am Leben, redete nur noch von der bevorstehenden Tour.
Denk nach, Petra. Du bist Anfänger, das wird schwer. Da gibt es Flüsse, Stromschnellen, Mücken. Man schläft im Zelt, keine Dusche, kein warmes WC, man muss unter Büschen gehen. Am ersten Tag willst du zurück, warnte Andreas.
Ich fange nicht an, versprach Petra.
In Ordnung, sagte Andreas mit skeptischem Blick. Maniküre, flauschige Hausschuhe, Bademantel mit Vögeln du brauchst passende Ausrüstung, nicht High Heels.
Sie gingen zusammen in die Sportgeschäfte, er ließ sie nicht los.
Ich kenne dich, du kaufst Bademode, doch für die Tour brauchst du warme Kleidung und feste Schuhe.
Petra vertraute ihm, folgte seinen Anweisungen. Die Vorbereitung ergriff sie ebenfalls. Bald waren die Rucksäcke gepackt.
Zieh das an, wir sehen, wie gut du vorbereitet bist, befahl Andreas.
Stöhnend und verdreht, wie ein Pfannkuchen, schulterte Petra den schweren Rucksack und bückte sich unter seiner Last. Und noch dazu musste sie über holpriges Gelände, durch Bäche und Gestrüpps wandern.
Absetzen, befahl Andreas. Mal sehen, was du drin hast.
Petra ließ die Last fallen.
Aus dem Rucksack kam Haarschneider, Kosmetiktasche, Föhn, unzählige Fläschchen mit Cremes, Shampoos und Kleidung, die sich eher für den Garten als für die Wildnis eignete.
Die Mücken werden dich zerreißen, fasste Andreas zusammen. Vielleicht bleibst du doch zu Hause? er sah sie mit Mitleid an.
Petra war ratlos. Andreas entfernte das Unnötige, ließ nur das Wesentliche zurück. Der Rucksack wurde merklich leichter.
Ich schaffe das, versprach sie, nun beflügelt.
Sie erinnerte sich, wie sie versucht hatte, ihn für Theater und Kunst zu begeistern, ihm ihre Interessen aufzuzwingen. Anfangs hatte er nachgegeben. Jetzt war sie die Kampfgenossin, die ihn sowohl in guten als auch in schlechten Zeiten unterstützen sollte.
Je näher der Aufbruch, desto mehr Zweifel plagten sie. Schließlich standen sie auf dem Bahnsteig, warteten auf den Zug, der sie weit weg von der bürgerlichen Zivilisation bringen würde. Neben ihnen reisten noch drei Männer und eine Frau.
Sind deine anderen Freunde geschieden?, fragte sie leise Andreas.
Nein, ihre Frauen sitzen zu Hause mit den Enkeln.
Die Zugfahrt war lustig, die Männer erzählten Anekdoten, Andreas spielte Gitarre, die er aus dem Dachboden geholt hatte. Petra beschloss, dass sie, wenn das so weitergeht, das Ziel erreichen und die Zeit genießen würde.
Doch als sie nach ein paar Kilometern vom Bahnhof losgingen, schmerzte ihr Rücken vom Rucksack, die Beine zitterten, der Schweiß lief ihr das Gesicht hinab. Sie schämte sich zu klagen, denn die Männer trugen ihre Schlafsäcke, Zelte und ein dünnes Boot.
Die Natur war wunderschön, doch Petra bemerkte kaum etwas, nur das Bemühen, nicht zu stolpern und nicht zu fallen. Am Fluss wollte sie sich ins Gras legen und gar nicht mehr aufstehen. Die Männer entzündeten schnell ein Feuer, bauten Zelte, als wären sie nie müde.
Du gewöhnst dich dran, ermutigte sie Tatjana, die Ehefrau eines der Männer. Lass uns Wasser holen, das Abendessen vorbereiten.
Sie wollte weinen, nach Hause, in die warme Dusche, ins weiche Bett.
Doch dann ließ sie sich mitreißen. Andreas spielte gefühlvoll Gitarre am Lagerfeuer und sang. Sie vergaß, wie schön seine Stimme war. Hier war er lebendig, fröhlich, der gleiche Andreas, in den sie sich einst unsterblich verliebt hatte.
Willst du nicht doch noch weglaufen?, fragte er am nächsten Morgen, betrachtete ihre wundigen Hände nach der Wildwasserfahrt.
Nein, sagte Petra entschlossen.
Vor den Stromschnellen zögerte sie. Das Wasser tobte, scharfe Steine ragten heraus. Sie wollte am Ufer bleiben, doch Andreas’ spöttischer Blick ließ sie schweigen. Sie klammerte sich fest an das Kanu, vergaß das Paddel, aus Angst, ins eiskalte Wasser zu fallen.
Als die Stromschnellen vorbei waren, atmete sie erleichtert aus und jubelte lauter als alle anderen.
Nach einer Woche kehrten sie erschöpft, aber glücklich nach Hause zurück, erfüllt von neuen Eindrücken. Petra merkte, dass ihr die Freunde, die Lieder am Feuer, die Weite, die Luft und die Stille fehlen würden.
Nach dem Duschen und einem deftigen Abendessen saßen sie nebeneinander am Laptop, sahen Fotos an, neckten sich. So lange hatten sie nicht mehr gemütlich geredet. Der Ausflug hatte sie wieder zusammengeschweißt, sie teilten nun wieder gemeinsame Interessen. Sie schliefen Arm in Arm ein, wie in den jungen Jahren.
Gehen wir nächstes Jahr wieder wandern?, flüsterte Petra, fest an Andreas’ Schulter gekuschelt.
Hat dir das gefallen?, lachte Andreas. Das ist kein Theater mit Restaurant. Das ist Leben.
Jetzt weiß ich, wie ich mich besser vorbereiten muss. Du wirst dich nicht schämen, wenn ich mitkomme, versprach sie.
Ich war nicht beschämt. Für einen Neuling warst du großartig. Ich hätte das nicht erwartet. Du hast mich überrascht. Petra strahlte über das Lob.
Als ihr Sohn anrief, erzählte sie ihm begeistert von der Reise.
Bei euch geht das Leben ja richtig ab, ich dachte, ihr seid gelangweilt.
Wir vermissen euch. Und bei euch?, fragte Petra.
Wir warten auf unser Kind, einen Jungen oder ein Mädchen, freute sich ihr Sohn.
Nach dem Urlaub kam Petra glücklich zur Arbeit, ihre Augen funkelten, am Handgelenk trug sie ein geflochtenes Armband mit bunten Perlen.
Warst du im Süden? Du bist nicht ganz gebräunt, bemerkte eine Kollegin und zeigte auf das Armband.
Das ist ein Schutz. Ein Schamane hat es mir geschenkt.
Damit endet die Geschichte: Wer das Leben seines Partners teilt, öffnet neue Türen, verhindert Langeweile und hält die Liebe frisch. Langeweile ist der stille Feind jeder Beziehung; wer aktiv bleibt, bewahrt die Jugend im Herzen.







