Dreißig Jahre und Veränderungen
Ein später Abend in einem kleinen Café an der Ecke einer Berliner Seitenstraße. Die Wände schimmern in warmem Ocker, Regenperlen gleiten träge die Fensterscheiben hinab. An den Haken neben dem Eingang hängen drei Mäntel: ein heller, ein grauer und ein dritter mit einem Streifen auf der Innenseite. Im Inneren ist trocken und warm, der Duft von frischem Gebäck und Tee liegt in der Luft. Die Bedienung schwebt fast lautlos zwischen den Tischen hin und her. Am Fensterstisch sitzen drei alte Studienfreunde: Jürgen Müller, Stefan Becker und Martin Schubert.
Jürgen war der Erste er hasst es zu spät zu kommen. Er legt seinen Mantel ab, faltet sorgfältig den Schal und zückt sofort das Handy, um ein paar Arbeitsmails zu checken, während er versucht, die morgige Planung nicht zu denken. Seine Hände sind noch kühl von der Straße im Saal ist es heiß, die Scheiben beschlagen vom Temperaturunterschied. Jürgen bestellt einen Krug grünen Tee für alle fast immer beginnt unser Treffen so.
Stefan erscheint fast lautlos: groß, leicht gekrümmt, müde Augen, doch ein lebhaftes Lächeln. Er hängt die Jacke an den nächsten Haken, setzt sich gegenüber von Jürgen und nickt kurz:
Wie gehts dir?
Ganz ruhig, antwortet Jürgen zurückhaltend.
Stefan bestellt einen Kaffee für sich er trinkt ihn abends immer, obwohl er weiß, dass er dann schlecht schläft.
Martin kommt zuletzt, etwas keuchend nach einem schnellen Spaziergang von der UBahnhaltestelle. Das Haar ist vom Niesel nass, die Kapuze noch feucht. Er lächelt breit, als wolle er zeigen, dass alles in Ordnung ist. Doch sein Blick wandert länger über die Speisekarte als sonst; anstelle des gewohnten Stücks Kuchen bestellt er nur Wasser.
Sie treffen sich hier einmal im Monat manchmal fällt ein Termin wegen Arbeit oder wegen kranker Kinder (Stefan hat zwei Söhne) aus, doch die Tradition hält seit dreißig Jahren, seit sie zusammen Physik studierten, stand. Jeder hat mittlerweile ein eigenes Leben: Jürgen leitet ein ITUnternehmen, Stefan unterrichtet an einem Berufskolleg und gibt Nachhilfe, Martin bis vor kurzem betrieb ein kleines Reparaturhandwerk.
Der Abend beginnt wie immer: Sie reden über Neuigkeiten wer wohin gereist ist, wie die Kinder lernen, welche Bücher oder Serien sie gerade sehen, welche kuriosen Fälle im Job oder zu Hause passiert sind. Martin hört mehr zu, macht seltener Witze; manchmal starrt er aus dem Fenster auf die regennasse Straße, bis die anderen ihm einen Blick zuwerfen.
Jürgen bemerkt zuerst die Veränderung: Martin lacht nicht mehr über die alten UnisAnekdoten; wenn das Gespräch auf neue Handys oder einen Auslandsurlaub kommt, wechselt er das Thema oder lächelt unbeholfen.
Auch Stefan merkt es: Als die Bedienung die Rechnung für Tee und Kaffee an den Tisch legt und fragt Auf euch oder jeder für sich?, fumbles Martin plötzlich am Handy und sagt, er zahle später App spinnt gerade. Früher hat er sofort bezahlt oder sogar angeboten, alles zu übernehmen.
In einem Moment versucht Stefan, das Eis zu brechen:
Warum so ernst? Wieder das Finanzamt stressen dich?
Martin zuckt mit den Schultern:
Ach, einfach Es häuft sich gerade alles.
Jürgen wirft ein:
Vielleicht solltest du dir etwas Neues überlegen? Heutzutage kann man online fast alles machen ein Kurs, ein Zertifikat
Martin lächelt nur gequält:
Danke für den Tipp
Eine Stille legt sich über den Tisch, keiner weiß, wie es weitergehen soll.
Das Licht im Café wird schärfer, die Straße verschwindet hinter beschlagenen Scheiben, nur vereinzelte Silhouetten von Passanten blitzen am gegenüberstehenden Laternenmast auf.
Die Freunde versuchen, die Leichtigkeit zurückzugewinnen: Sie reden über Sport (Jürgen langweilt das), streiten über ein neues Gesetz (Martin mischt sich kaum ein). Die Anspannung wird spürbarer.
Schließlich hält Stefan nicht mehr aus:
Martin Wenn du Geld brauchst, sag es einfach! Wir sind doch Freunde.
Martin blickt plötzlich auf:
Glaubst du, das ist so einfach? Du denkst, wenn man fragt, wird gleich alles leichter?
Seine Stimme zittert; das erste Mal am Abend spricht er laut.
Jürgen tritt ein:
Wir wollen doch nur helfen! Was ist daran so schlimm?
Martin wirft einen Blick auf beide:
Helfen mit Ratschlägen? Oder damit man den Rest seines Lebens an diese Schuld denkt? Ihr versteht das nicht!
Er springt von seinem Stuhl, der Laut an den Boden zuckt. Die Bedienung wirft vom Tresen einen besorgten Blick.
Einige Sekunden vergehen, niemand rührt sich; die Luft wird stickig, der Tee scheint schneller zu kühlen. Martin greift nach seinem Mantel am Haken und stürmt hinaus, schlägt die Tür lauter zu, als nötig.
Zwei bleiben zurück, jeder fühlt sich schuldig, aber keiner wagt, das erste Wort zu sein.
Die Tür schließt, ein kurzer Zugluftstoß kühlt den Tisch am Fenster. Stefan starrt in das beschlagene Glas, wo die Straßenlaterne spiegelt, und Jürgen dreht gedankenverloren den Löffel im Becher, ohne das Schweigen zu brechen. Die Spannung löst sich nicht, wirkt aber jetzt fast nötig als wäre sie das Fundament, um Klarheit zu finden.
Stefan bricht schließlich das Schweigen:
Vielleicht habe ich überreagiert Ich weiß nicht, wie ich das richtig ansprechen soll. Er seufzt und schaut zu Jürgen. Was würdest du sagen?
Jürgen zuckt mit den Schultern, doch seine Stimme klingt ungewöhnlich fest:
Wenn ich wüsste, wie ich helfen kann, würde ich es schon längst tun. Wir sind erwachsene Männer Manchmal ist es besser, zurückzutreten, als etwas Unnötiges zu sagen.
Sie schweigen. Die Bedienung schneidet ein Stück Kuchen, und der Duft von frischem Gebäck erfüllt erneut den Raum. Hinter der Tür huscht eine Gestalt Martin steht unter dem Vordach, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, und dreht langsam das Handy. Jürgen steht auf.
Ich hole ihn. Ich will nicht, dass er so einfach geht.
Er tritt in den Vorraum, wo die kühle Luft die feuchte Straße noch mit sich trägt. Martin steht mit dem Rücken zur Tür, die Schultern gesenkt.
Martin, beginnt Jürgen, bleibt jedoch ein paar Zentimeter entfernt, es tut uns leid, wenn wir zu weit gegangen sind. Wir machen uns Sorgen um dich.
Martin dreht sich langsam:
Ich verstehe. Aber ihr erzählt euch ja auch nicht alles, oder? Ich wollte es allein schaffen. Jetzt ist es peinlich und ich bin wütend auf mich selbst.
Jürgen überlegt kurz, dann:
Lass uns zurück an den Tisch gehen. Niemand zwingt dich zu irgendetwas. Wir können reden oder schweigen wie du willst. Aber einigen wir uns: Wenn du Hilfe brauchst, sags direkt, und Geld ich könnte konkret unterstützen, ohne dass uns das belastet.
Martin blickt erleichtert, aber müde:
Danke. Ich will jetzt einfach nur bei euch sein, ohne Mitleid und Fragen.
Sie gehen zusammen zurück. Auf dem Tisch liegt bereits ein frisch aufgeschnittener Kuchen und eine kleine Schale mit Marmelade. Stefan lächelt verlegen:
Ich habe den Kuchen für alle bestellt. Heute will ich wenigstens etwas Nützliches tun.
Martin setzt sich und dankt leise. Einen Moment essen sie schweigend; jemand rührt Zucker in den Tee, Krümel sammeln sich an den Servietten. Langsam wird das Gespräch weicher sie reden nicht mehr über Probleme, sondern über das Wochenende, neue Bücher für Stefans Kinder.
Später fragt Stefan vorsichtig:
Wenn du beruflich etwas besprechen willst oder Ideen brauchst, sag Bescheid, ich helfe gern. Aber bei Geld du entscheidest, wann du darüber reden willst.
Martin nickt dankbar:
Lassen wir es erst einmal, wie es ist. Ich will nicht das Gefühl haben, euch etwas schuldig zu sein.
Die Stille drückt nicht mehr so schwer. Jeder hat still die neue Regel einer offenen Ehrlichkeit akzeptiert. Sie verabreden, sich nächsten Monat wieder hier zu treffen egal, wer mit welchen Neuigkeiten kommt.
Als es Zeit wird zu gehen, holen sie ihre Handys heraus: Jürgen checkt die Nachricht über das morgige Meeting im Büro, Stefan schreibt seiner Frau kurz Alles gut, Martin schaut noch einen Moment auf das Display, legt es dann beruhigt zurück in die Tasche.
Nur noch zwei Mäntel hängen am Haken: Jürgens grauer und Stefans heller. Martin hat seinen Mantel nach dem kurzen Ausflug wieder angezogen; nun helfen sie einander beim Finden des Schals oder beim Schließen einer Knopfleiste, als wollten sie die alte Leichtigkeit durch kleine Gesten zurückgewinnen.
Draußen verdichtet sich der Niesel, die Laterne spiegelt sich in einer Pfütze vor dem Caféeingang. Die Freunde treten gemeinsam unter das Vordach, die kalte Luft schießt ihnen ins Gesicht, ein kurzer Luftzug weht durch die offene Tür.
Stefan geht zuerst voran:
Bis nächsten Monat? Ruf mich an, auch nachts!
Jürgen klopft Martin auf die Schulter:
Wir sind da, selbst wenn wir manchmal albern handeln.
Martin lächelt ein wenig verlegen:
Danke euch beiden wirklich.
Keine lauten Versprechen mehr nötig; jeder kennt nun seine Grenzen und den Wert der Worte dieses Abends.
Sie gehen getrennt vom Eingang: einer läuft zur UBahn durch das nasse Licht, ein anderer biegt in den Innenhof zwischen den Häusern, ein kurzer Fußweg führt ihn nach Hause. Die Tradition der Treffen bleibt bestehen sie verlangt jetzt mehr Ehrlichkeit und Rücksicht auf die Schmerzen des anderen, und genau das hält sie lebendig.







