Sie ist schon sechzig, was soll sie denn arbeiten? Geh doch die Enkeln betreuen!, scherzt Markus, mein Schwiegersohn, während er mir die Autoschlüssel in den perfekt aufgeräumten Flur wirft. Gisela, kommen Sie mal, Gisela!
Er nennt mich immer mit Vor und Nachnamen, als wolle er meine Jahre und die Distanz betonen, als würde er die Nägel in den Deckel des Sargs meines Berufslebens schlagen.
Meine Tochter Heike, seine Frau, lächelt schuldbewusst. Sie macht das immer, wenn Markus seine Witze loslässt. Das Lächeln ist ihr Schild gegen seine schlechte Laune und gegen meine unausgesprochenen Vorwürfe.
Markus, hör damit auf.
Und was habe ich denn gesagt?, fragt er, schlüpft in die Küche, öffnet den Kühlschrank wie sein Eigentum und schaut unverblümt hinein. Felix braucht eine ganztägige Oma, nicht eine pensionierte Karrierekünstlerin. Das ist doch logisch.
Ich starre stumm auf das Display meines neuen Laptops. Das schlanke, silberne Gerät wirkt in der Welt, die sie für mich geschaffen haben Töpfe, Stricknadeln und Gutenachtgeschichten für die Enkel.
Auf dem Bildschirm blinkt eine EMail. Zwei Worte komprimieren alles zu einem engen, klingenden Knoten.
Angenommen
Darunter steht der Name des Unternehmens: TechnoWerk. Die Firma, zu der Markus seit drei Jahren vergeblich vordringt, immer die Schuld bei anderen sucht.
Mama, du hast doch selbst gesagt, du bist müde, sagt Heike, setzt sich neben mich, ihre Stimme ist sanft und umhüllend wie ein Spinnennetz. Ruh dich aus, setz dich zu Felix. Wir zahlen dir natürlich, als Babysitter.
Sie würde mir Geld geben, damit ich mich selbst aufgebe, damit ich eine bequeme Funktion in ihrem Wohlstand werde.
Langsam schließe ich den Laptop. Die Nachricht verschwindet, doch die Worte bleiben an den Augenlidern haften.
Ich überlege, antworte ich nüchtern.
Währenddessen erzählt Markus Heike von seinen großartigen Erfolgen, davon, dass er fast befördert wird. Fast.
Das neue Projekt das wird alles ändern!, prophezeit er, wedelt mit einem Stück Käse. Olaf Brunner, Leiter der Entwicklungsabteilung, wird mich bemerken. Er schätzt Durchsetzungsvermögen und Ehrgeiz.
Ich kenne den Leiter. Ich sprach gestern vier Stunden per Video mit ihm, wo es nur um sauberem Code und architektonischen Entscheidungen ging.
Er stellte knifflige Fragen zu Systemen, die Markus als veraltet abtutete. Und ich war die, die diese Systeme gebaut hatte.
Stell dir vor, sie suchen einen leitenden Analytiker!, fährt Markus fort. Die Anforderungen kosmisch. Zwanzig Jahre Erfahrung. Wo finden die denn einen solchen Dinosaurier bei klarem Verstand?
Ich stehe zum Fenster. Unten pulsiert die Stadt mit Autohupen, eilenden Menschen, einem Leben, das man mir hinter den vier Wänden und den Tränen des Enkels verwehrt.
Übrigens, am Samstag gibt es ein Abendessen, wirft Markus mir über die Schulter. Wir feiern meine neue Position. Bring etwas Leckeres mit. Du bist ja unser Küchenprofi.
Meine Rolle ist längst festgelegt die Dienerin für sein Ego.
Natürlich, antworte ich ruhig, fast zu ruhig.
Ich drehe mich wieder zu ihnen. Heike plappert bereits, welches Kleid sie tragen will. Markus schenkt ihr ein nachsichtiges Lächeln.
Sie sehen nicht, dass der Krieg, den sie gegen mich in meiner eigenen Wohnung führen, bereits verloren ist.
Sie müssen nur noch kapitulieren. Am Samstag. Beim Abendessen.
Die nächsten beiden Tage bleibt das Telefon laut. Heike ruft an, um den Arbeitsplan mit Felix zu besprechen.
Mama, machen wir es so: von neun bis sechs, wie immer. Und deine freien Tage, natürlich! quirlt sie, als würde sie mir ein großes Geschenk machen.
Ich widerspreche nicht. Während ich ihr zuhöre, lese ich das Unternehmenshandbuch von TechnoWerk, das mir bereits zugesandt wurde. Komplexe Diagramme, mehrschichtige Aufgaben. Mein Gehirn, das Markus noch für Rezepte hält, summt jetzt wie ein leistungsstarker Prozessor.
Am Freitagnachmittag erscheint Markus ungeplant, schleppt eine riesige Kiste in den Flur.
Hier, Gisela, für die Arbeit!, ruft er stolz.
Aus der Kiste kommen bunte, plastische Kindermatten.
Stellen wir sie ins Wohnzimmer, befiehlt er, während er den Raum mustert, der seit dreißig Jahren mein Arbeitszimmer und meine Bibliothek ist. Hier, beim Fenster. Da wird es hell.
Sein Blick fällt auf meinen alten Eichen-Schreibtisch, vollgepackt mit Fachbüchern zu Programmierung und Systemanalyse.
Den Kram kann man doch schieben, wirft er lässig hinüber. Er steht sowieso nur rum. Kein Kreuzworträtsel darauf zu lösen.
Er winkt achtlos mit der Hand zu meinem Tisch. Es ist nicht nur ein Möbelstück, das er angreift, sondern meine Identität.
Heike, die hinter ihm steht, blickt ängstlich zu mir.
Markus, ist das nötig? Hier ist Mamas Zeug.
Heike, sei nicht naiv!, schneidet er ab. Das Kind braucht Platz. Und Mama muss sich an die neue Rolle gewöhnen. Logisch, oder?
Der Geruch von frischem Plastik überrollt den vertrauten Duft von altem Holz und Büchern. Er dringt in meinen Raum ein, körperlich und dreist.
Ich schweige. Ich sehe nicht die Kindermatte, sondern das Gefängnis, das sie für mich bauen.
Perfekt!, jubelt Markus, während er die Konstruktion zusammenbaut. Sie nimmt fast die ganze freie Ecke ein. Am Montag testet Felix. Mach dich bereit, Oma!
Er geht, zufrieden mit seiner Praktikabilität und Fürsorge.
Ich stehe mitten im Raum, der Plastikgeruch kitzelt meine Nase. Die Matratze neben meinem Schreibtisch wirkt wie ein Mahnmal meiner Niederlage.
Doch ich fühle mich nicht besiegt. Im Gegenteil. Jeder ihrer Worte, jede Handlung stärkt meinen Entschluss. Sie geben mir die Waffe die Situation, die sie selbst geschaffen haben.
Ich gehe zu meinem Tisch, streife die Buchrücken, öffne den Laptop und tippe eine kurze Mail an meinen neuen Vorgesetzten, den gleichen Mann, den Markus beeindrucken wollte. Ich bestätige, dass ich am Montag starte.
Dann beginne ich, das Abendessen vorzubereiten. Ich wähle Rezepte nicht als Hausfrau, sondern als Feldherrin, die sich auf die entscheidende Schlacht vorbereitet. Jede Speise hat ihre Taktik.
Dieses Essen wird keine gewöhnliche Mahlzeit es wird ein Schauspiel.
Nur ein Zuschauer sitzt in der ersten Reihe und ahnt nicht, dass er die Hauptrolle spielt.
Der Samstagabend legt eine kühle Brise über die Stadt. In meiner Wohnung riecht es nach gebratenem Fleisch mit Kräutern und einem Hauch Vanille, kein Plastik mehr. Ich verstecke die zerlegte Kindermatte auf dem Balkon hinter einem alten Schrank.
Heike und Markus treten pünktlich um sieben ein, elegant und aufgeregt. Markus trägt sofort eine Flasche teuren Weins in die Wohnküche.
Also, Gisela, bereit, meinen Triumph zu feiern?, donnern sie.
Er spricht, als liege die Beförderung bereits in seiner Tasche.
Immer bereit, Markus, antworte ich, während ich aus der Küche komme.
Ich decke den Tisch: ein knitterfreies Tuch, antike Besteckteile, Kristallgläser. Die Atmosphäre ist feierlich, die sich Markus gleichzugehörig macht.
Jetzt verstehe ich!, nickt er zustimmend. Richtige Stimmung! Auf meinen Erfolg!
Wir sitzen. Den ganzen Abend prophezeit Markus, erzählt von TechnoWerk, als säße er bereits im Chefstuhl. Er spricht von ineffizienten Kollegen, von kurzsichtiger Führung, die bald seine Leistung erkennt.
Heike lächelt bewundernd zu ihm. Ich fülle still das Glas und serviere.
Ich bin die perfekte Kulisse seiner Vorstellung.
Als das Dessert ein leichter Beerermousse serviert wird, lehnt sich Markus zurück.
Mit diesem Projekt werde ich alle übertreffen, prahlt er selbstgefällig. Olaf Brunner wird mich sicher bemerken. Er schätzt Grundwissen, auch wenn er aus der alten Garde kommt.
Er macht eine Pause, blickt mich an.
Übrigens, die Dinosaurier. Stell dir vor, sie haben endlich diesen leitenden Analytiker gefunden eine Frau. Sicherlich jemandes Schützling. In diesem Alter, für diese Position lächerlich.
Jetzt ist mein Moment.
Ich stelle meine Tasse behutsam auf das Untertellerchen.
Warum ist das lächerlich, Markus?, frage ich leise.
Na, weil sie sechzig ist, nicht weniger. Was kann sie den Jungen beibringen? Das Gehirn ist doch nicht mehr frisch. Sie sollte lieber die Enkel betreuen, nicht das, schnauft er.
Ich sehe ihn fest an.
Hast du nicht bedacht, dass gerade in diesem Alter die fundamentale Erfahrung entsteht, die dein Chef so schätzt?
Markus runzelt die Stirn, versteht meine Richtung nicht.
Das ist alles Theorie. In der Praxis braucht man frische Sicht, Flexibilität
Zum Beispiel Flexibilität in der Architektur von Mehrkernsystemen?, erwidere ich sanft. Oder einen frischen Blick auf LegacyCoIntegration? Olaf Brunner hat genau meine Meinung dazu interessiert.
Sein Name klingt plötzlich vertraulich, und er bleibt wie erstarrt mit dem Löffel in der Hand.
Ihre Meinung?
Ja. Wir haben am Donnerstag lange darüber gesprochen. Ein angenehmer Mann, er wird mein direkter Vorgesetzter, sage ich, während ich einen Schluck Wasser nehme. Bei TechnoWerk.
Ein dröhnendes Schweigen füllt den Raum, nur das entfernte Rauschen der Stadt dringt durch das Fenster.
Heike blickt zwischen mir und Markus hin und her, ihr Gesicht zeigt Überraschung.
Markus wird blass. Sein selbstgefälliges Lächeln verfliegt, Unsicherheit zeigt sich.
Was? Welcher Vorgesetzter?
Leitender Systemanalyst, bestätige ich mit dem gleichen ruhigen Ton. Der gesuchte Dinosaurier. Ich fange am Montag an.
Ich beobachte, wie seine Welt zusammenbricht, wie sein Triumph zu Asche wird, direkt an meinem Esstisch.
Er öffnet den Mund, schließt ihn wieder. Keine Worte kommen.
Und die Kindermatte, Markus, kannst du mitnehmen, wenn ihr nach Hause geht, füge ich hinzu, während ich vom Tisch aufstehe. Ich brauche sie nicht. Ich bin jetzt sehr beschäftigt bei der Arbeit.
Sie gehen fast sofort. Heike versucht, etwas zu sagen, das jedoch hohl klingt. Markus spricht kein Wort mehr. Er zerlegt still die Plastikmatte in unserem Wohnzimmer, jedes Klicken des Schlosses hallt in der angespannten Luft. Er wirft keinen Blick zu mir.
Zum ersten Mal seit langer Zeit nennt er mich nicht mehr Gisela, sondern nur noch Gisela. Er schiebt die zerlegte Matte unter den Arm und verlässt die Tür, die Heike festhält.
Die Wohnung wirkt plötzlich riesig.
Am Montag betrete ich die glänzende Lobby von TechnoWerk. Alles ist aus Glas und Metall, Stimmen summen, teurer Duft von Parfüm und Kaffee liegt in der Luft. Ich fühle mich, als hätte ich einen perfekt geschneiderten Anzug angelegt, nachdem ich jahrelang in einem ungeformten Kittel gestanden habe.
Olaf Brunner, ein gepflegter Mann um die fünfzig, mit wachen, intelligenten Augen, schüttelt mir die Hand fest, geschäftlich.
Gisela, herzlich willkommen. Ich kenne Ihre Projekte schon aus den neunziger Jahren. Es ist uns eine Ehre.
Er führt mich durch den OpenSpace. Ich sehe kurz das Team, in dem Markus arbeitet. Er sitzt gekrümmt vor dem Monitor, tut so, als merke er mich nicht, doch sein Rücken ist angespannt.
Mein Arbeitsplatz liegt am Fenster mit Blick über Berlin. Sie stellen mir einen leistungsstarken Rechner und einen Stapel Unterlagen zu einem neuen Projekt bereit genau dem, das Markus erwartet hatte.
Am Abend ruft Heike an, ihre Stimme ist leise, schuldbewusst.
Mama wie war dein Tag?
Kein Wort von Felix, kein Hinweis auf den Plan. Nur diese zaghafte Frage.
Wunderbar, Heike, antworte ich, während ich auf die Bildschirme starre. Viel interessante Arbeit.
Mama Markus er ist nicht mehr derselbe. Er glaubt, du hättest ihn ausgebremst.
Ich lächle.
Sag Markus, dass Positionen nicht bei Familienessen verteilt werden. Sie werden nach Kompetenz vergeben. Und sag ihm, dass ich seinen Analysebericht bis morgen zehn Uhr erwarte.
Stille hängt am Telefon. Ich lege auf, lehne mich zurück. Kein Überwältigungsrausch, sondern das Gefühl wiederhergestellter Gerechtigkeit. Mein alter Eichenschreibtisch zu Hause wartet, doch nun wird darauf ein Laptop liegen, nicht mehr Schnittmuster für den Enkel. Niemand wird ihn mehr Krempel nennen.
Ich habe nicht den Krieg gegen den Schwiegersohn gewonnen. Ich habe den Kampf um mein Selbstrecht gewonnen. Der Sieg ist leise wie das Summen eines Servers, stark wie gut geschriebener Code.
Ein halbes Jahr vergeht. Der Frost hat die Stadt bedeckt, dann schmilzt er, weicht dem ersten Grün. Mein Leben hat sich nicht radikal gewandelt, aber tiefgreifend, mehr als ich dachte.
Im Team von Markus, die anfangs skeptisch zu mir standen, sehen sie nun nicht die Oma, sondern die Expertin, die in zehn Minuten einen Logikfehler im Code findet, über den sie zwei Tage gestrauchelt haben. Ich lehre sie nicht das Leben, ich erledige einfach meine Arbeit, und das verschafft mir Respekt.
Markus hält Abstand. In Besprechungen nennt er mich nur noch Gisela, schaut zur Seite, zur Wand. Seine Berichte, die er mir zur Prüfung schickt, sind jetzt fehlerfrei. Er lässt keine Nachlässigkeit mehr zu das ist sein stilles Eingeständnis der Niederlage. Er verlässt das Unternehmen nicht aus Stolz, vielleicht aus Angst, dass ich ihn irgendwann in den wohlverdienten Ruhestand dränge. Aber ich habe nicht vor, aufzuhören.
Das Verhältnis zu Heike wird zu einem dünnen, gespannten Seil. Sie telefoniert, aber die Gespräche drehen sich jetzt um Projekte, um Menschen, mit denen ich arbeite. Manchmal schwingt ein Anflug von Neid mit. Sie, die ihr ganzes Leben dem Haus und ihrem Mann gewidmet hat, erkennt plötzlich einen anderen Weg den Weg, den ihre eigene Mutter mit sechzig gewählt hat.
Eines Tages kommt sie allein zu mir, ohne Markus und Felix. Sie sitzt lange still in der Küche und sagt dann leise:
Mama, wie hast du das gewagt? Ich könnte das nie.
Du hast es nie versucht, antworte ich. Man hat dir eingeredet, dein Platz sei hier.
Zum ersten Mal seit Jahren reden wir nicht als Mutter und Tochter, sondern als zwei Frauen. Ich gebe keinen Rat, ich erzähle nur, wie es ist, wenn das Gehirn wieder auf voller Leistung arbeitet, wenn man komplexe Aufgaben löst, anstatt über das Abendessen nachzudenken.
Ich liebe meinen Enkel nach wie vor. Aber unsere Treffen sind jetzt anders. Ich komme an den Wochenenden nicht mehr mit Kuchen, sondern mit anspruchsvollen Bausätzen. Wir bauen gemeinsam raffinierte Modelle, ich erkläre die Grundlagen der Mechanik. Das ist meine Art zu verbinden, meine Liebe, nicht opferhaft, sondern gleichwertig.
An diesem Abend, nachdem Heike gegangen ist, sitze ich lange am Fenster. Mein alter Eichenschreibtisch ist voll mit Arbeitsunterlagen, daneben steht eine Tasse heißer JasminTee. Ich erkenne, dass ich nicht freier oder glücklicher geworden bin im glamourösen Sinne, sondern dass ich mir das Recht zurückerobIch schaue hinaus in die still erwachende Stadt und weiß, dass mein wahres Ich endlich zu Hause ist.







