Papa, komm nicht mehr zu uns! Immer wenn du gehst, fängt Mama an zu weinen und weint die ganze Nacht hinein.
Ich schlafe, wache wieder auf, schlafe erneut und sie weint unaufhörlich. Ich frage sie: Mama, warum weinst du? Wegen Papa?
Sie sagt, sie weine nicht, sie schnupfe nur, weil sie eine Erkältung habe. Aber ich bin schon groß genug, um zu wissen, dass eine Erkältung nicht dazu führt, dass Tränen die Stimme übertönen.
Vater Karl Müller sitzt mit seiner Tochter Liesel am Tisch im Café am Alexanderplatz und rührt mit einem Löffel in einer winzigen weißen Tasse, die schon kalt ist. Liesel berührt ihr Eis nicht, obwohl vor ihr in einer Schale ein Kunstwerk liegt: bunte Murmeln, bedeckt mit einem grünen Blatt und einer Kirsche, alles mit Schokolade überzogen. Jede Sechsjährige würde vor solch einer Pracht erstarren nur Liesel nicht, denn seit letztem Freitag hat sie beschlossen, ernst mit ihrem Vater zu reden.
Karl schweigt lange, dann spricht er:
Was sollen wir jetzt tun, meine Kleine? Soll ich dich ganz aus meinem Leben streichen? Wie soll ich dann weiterleben?
Liesel verzieht die Nase, die ihr, wie Mamas, leicht knollig ist, überlegt kurz und antwortet:
Nein, Papa. Ich schaffe das auch nicht ohne dich. Lass uns Folgendes machen: Ruf Mama an und sag ihr, dass du mich jeden Freitag nach dem Kindergarten abholst. Wir gehen zusammen spazieren, und wenn du Lust hast, können wir im Café sitzen und du erzählst mir, wie ihr beide zusammenlebt.
Dann überlegt sie einen Moment und fährt fort:
Und wenn du Mama sehen willst, filme ich sie jede Woche mit meinem Handy und zeige dir die Aufnahmen. Gern?
Karl schaut seine kluge Tochter nicht weiter an, lächelt leicht und nickt:
Einverstanden, dann leben wir so weiter, mein Schatz.
Liesel atmet erleichtert aus und greift nach ihrem Eis. Noch nicht fertig mit dem Gespräch, muss sie das Wichtigste noch sagen. Während die bunten Murmeln an ihrer Nase kleine Schnurrbärte bilden, leckt sie sie mit der Zunge ab und wird wieder ernst, fast erwachsen.
Fast schon eine Frau, die für ihren Mann sorgen soll, selbst wenn er schon alt ist: Vor einer Woche hatte ihr Vater Geburtstag. Liesel hatte ihm dafür im Kindergarten eine Karte gemalt und die große Ziffer 28 sorgfältig ausgemalt.
Ihr Gesicht wird wieder ernst, die Augenbrauen hochgezogen, und sie sagt:
Ich glaube, du solltest heiraten
Und sie lügt großzügig weiter:
Du bist doch noch nicht so alt
Vater Karl bewertet die gute Geste seiner Tochter und murmelt:
Du würdest wohl auch nicht so alt sagen
Liesel fährt begeistert fort:
Nicht so alt! Schau, Onkel Dieter, der schon zweimal zu Mama kam, ist fast kahl. Hier
Sie deutet mit der Hand auf den oberen Teil ihres Kopfes, streichelt ihre weichen Locken und erkennt, nachdem Karl ihr scharf in die Augen blickt, das Geheimnis ihrer Mutter.
Sie presst beide Hände an ihre Lippen, rollt die Augen, was Angst und Verwirrung ausdrücken soll.
Onkel Dieter? Welcher Onkel Dieter kommt denn so oft zu uns? Ist das Mamas Chef?, fragt Karl laut, fast im ganzen Café.
Ich weiß nicht, Papa, stottert Liesel. Vielleicht ein Chef. Er bringt mir Süßigkeiten und einen Kuchen für uns alle.
Liesel überlegt, ob sie diese heimliche Information an ihren Vater weitergeben soll, zumal er ja nicht gerade der Vernünftigste ist, und denkt an die Blumen für Mama.
Karl verschränkt die Finger, die auf dem Tisch liegen, blickt lange darauf. Liesel erkennt, dass er gerade eine sehr wichtige Entscheidung für sein Leben trifft.
Sie wartet geduldig, drängt ihren Vater nicht zu Schlussfolgerungen. Sie hat bereits geahnt, dass Männer oft stur sind und zu den richtigen Entscheidungen geschoben werden müssen und zwar von der Frau, die ihm am meisten bedeutet.
Karl schweigt weiter, bis er endlich ausatmet, den Kopf hebt und sagt: Wenn Liesel etwas älter wäre, würde sie den Ton verstehen, mit dem Othello Desdemona seine tragische Frage stellte.
Doch Liesel kennt weder Othello noch Desdemona, sie sammelt nur Lebenserfahrungen, beobachtet Menschen, die sich freuen und manchmal über Kleinigkeiten quälen.
Schließlich sagt Karl:
Komm, mein Kind. Es wird spät, ich bringe dich nach Hause und spreche dann mit Mama.
Worüber er mit Mama reden will, fragt Liesel nicht, spürt aber, dass es wichtig ist, und beendet ihr Eis.
Sie begreift, dass das, worauf ihr Vater nun zugeht, bedeutender ist als das köstlichste Eis. Schnell steckt sie den Löffel zurück, wischt sich den Mund mit dem Handrücken ab, schnupft und sagt mit festem Blick zu ihrem Vater:
Ich bin bereit. Lass uns gehen
Sie laufen nicht, sie sprinten fast. Eigentlich rennt Karl, doch er hält Liesel an der Hand, sodass sie fast wie eine Fahne weht.
Als sie das Treppenhaus erreichen, schließen sich die Aufzugstüren langsam und ein Nachbar wird nach oben befördert. Karl blickt leicht verwirrt zu Liesel, die von unten nach oben schaut und fragt:
Na, warum stehen wir hier? Auf wen warten wir? Wir wohnen doch erst im siebten Stock
Karl hebt Liesel hoch und eilt die Treppe hinauf.
Als seine lange, nervöse Stimme endlich Mamas Tür öffnet, ruft er sofort:
Du darfst das nicht tun! Welcher Sergej? Ich liebe dich! Und wir haben Liesel
Ohne Liesel loszulassen, umarmt er zuerst Mama, dann zieht Liesel beide um den Hals, schließt die Augen, weil die Erwachsenen sich küssen.
So kommt es im Leben vor, dass zwei verwirrte Erwachsene durch das Herz einer kleinen Tochter beruhigt werden, die beide liebt und von denen beide sich lieben, doch Stolz und alte Wunden bewahren.
Die Lektion ist klar: Liebe und Ehrlichkeit eines Kindes können selbst die festgefahrensten Herzen öffnen. Wer bereit ist zuzuhören und die kleinen, aufrichtigen Gesten zu schätzen, findet im Alltag den wahren Frieden.







