Ich, die einst als schmutzig verspottet wurde, erinnere mich an die Straßen von Berlin, wo ich einst lebte. Meine Kollegin, die jetzt fünfzig Jahre alt ist, heißt Karin Schröder. Sie hat alles erreicht, was sie je ersehnt hat. Sie wurde Direktorin einer großen Firma, zog ihre Tochter auf und heiratete sie schließlich. Sie besitzt eine prachtvolle Altbauwohnung, ein neues BMWModell und einen guten Mann, der wegen seiner Arbeit häufig lange Geschäftsreisen unternimmt. Leider sieht sie ihre Tochter nur selten die wohnt weit entfernt. Man könnte sagen, sie hat alles erreicht, was sie wollte, doch manchmal fühlt sie sich einsam und traurig.
Karin hat eine kleine Schwäche: Nicht weit von ihrem Büro gibt es ein gemütliches Café, das die besten Berliner Pfannkuchen und aromatischen Kaffee serviert. Um ihren Gedanken zu entfliehen, war sie oft dort. Eines Tages beobachtete sie ein kleines Mädchen, etwa sechs oder sieben Jahre alt, mit zwei lustigen Zöpfen, das immer wieder vor dem Café hin und her wanderte. Manchmal wischte sie die Scheinwerfer eines Autos ab und bekam ein paar Groschen, manchmal bettelte sie. Interessanterweise aß sie das, was sie bekam, nicht, sondern steckte es in einen kleinen Beutel und verschwand damit.
Eine Woche lang sah Karin das Mädchen heimlich zu. Dann beschloss sie, ihr zu folgen. Das Mädchen ging zu einem verkohlten Haus, das nach einem Brand nur noch wenig von sich selbst zeigte. Karin folgte ihr hinein. In einer Ecke lag auf einer einfachen Matratze eine junge Frau, die schwer atmete. Das Mädchen kniete sich nieder und sagte:
Mutter, öffne die Augen, ich habe dir etwas zu essen gebracht.
Die Frau hustete nur. Karin trat näher, stellte sich hinter das Kind und fragte:
Wohnt ihr hier?
Wer bist du?, fragte das Kind.
Ich heiße Karin Schröder, du kannst mich gern Tante Karin nennen. Und wie heißt du und deine Mutter?
Ich bin Liselotte, und meine Mama heißt Lena. Sie ist sehr krank, und ich bringe ihr das Essen, doch seit zwei Tagen hat sie nichts mehr gegessen, flüsterte das Mädchen.
Karin legte ihre Hand auf die Stirn der kranken Frau, verstand sofort, was geschehen war, griff nach ihrem Handy und rief den Rettungsdienst. Das Mädchen schluchzte:
Tante Karin, sie holen mich gleich von meiner Mama weg. Ich will nicht ins Waisenhaus.
Wer hat dir das gesagt?, erwiderte Karin. Solange deine Mutter behandelt wird, kannst du bei mir wohnen. Und niemand wird dich zu Hause schimpfen, weil du schmutzig bist. Das Mädchen nickte zitternd.
Der Krankenwagen kam, Lena wurde ins Krankenhaus gebracht, und Karin fuhr mit Liselotte zurück ins Café. Nachdem sie sich an den warmen Berliner Pfannkuchen sattgegessen hatten, stiegen sie ins Auto. Liselotte setzte sich auf die Rückbank, schlief fast sofort ein. Karin fuhr zum nahegelegenen Einkaufszentrum, besorgte Lebensmittel, etwas Kleidung für das Mädchen und kehrte zum Auto zurück.
Als sie das Haus der Mutter erreichten, wachte Liselotte auf:
Endlich da, Liselotte, wir sind zu Hause. Liselotte hielt an der Tür, zögerte jedoch, einzutreten.
Ich bin schmutzig, ich verschmutze alles, flüsterte sie.
Das wird wir gleich richten. Zieh deine Schuhe aus, komm mit mir, sagte Karin. Im Bad füllte sie die Badewanne mit warmem Wasser, ließ Seifenblasen steigen und setzte Liselotte hinein. Das kleine Mädchen lachte und planschte vergnügt. Nachdem sie sich abgetrocknet hatten, wickelte Karin sie in ein flauschiges Handtuch und trug sie ins Schlafzimmer. Liselotte erinnerte stark an Karins eigene Kindheit. Nachdem sie sich gekleidet hatte, betrachtete sie sich im großen Spiegel und fragte:
Tante Karin, sehe ich hübsch aus?
Du bist die Schönste, wähle, was du tragen willst, dann bereiten wir das Abendessen vor, erwiderte die Tante.
Sie aßen zusammen, räumten auf und Liselotte half, wo sie konnte. Am nächsten Tag besuchten sie Lena im Krankenhaus. Sie sah bereits viel besser aus, ihr Gesicht zeigte wieder Lebenszeichen. Nachdem sie Liselotte bei ihrer Mutter zurückgelassen hatte, ging Karin zum Arzt.
Doktor, was hat sie?
Gott sei Dank keine Entzündung, nur eine heftige Erkältung, Bronchitis und starke Schwäche. Sie muss mindestens zwei Wochen bei uns bleiben.
Karin kehrte ins Zimmer zurück, Lena schlief, und sie schlichen leise hinaus. Sie beschlossen, noch ein paar Besorgungen zu machen. Liselotte stand staunend durch die Schaufenster, blickte sich alles neugierig an, aber sie fragte nie nach. Als sie einen Teddybär sah, streichelte sie ihn leise und sagte:
Ist das für mich? Danke, das ist das schönste Geschenk.
Am Abend legte Liselotte den Bären ins Bett und träumte, wie sie ihn zärtlich küsst.
Einige Tage später fuhren sie wieder ins Krankenhaus, brachten Geschenke. Lena wirkte fröhlicher, und Karin nutzte die Gelegenheit, um mit ihr zu reden.
Lena, wie kamst du mit deinem Kind hierher? Wo war dein Zuhause, deine Eltern?
Lena seufzte und begann zu erzählen: Sie sei Waise, habe nach ihrer Ausbildung ein kleines Apartment bekommen, das sie und ihr Kind gemeinsam fanden. Sie habe einen hübschen jungen Mann kennengelernt, der ihr versprochen habe, sie zu unterstützen, doch er habe sie nie offiziell anerkannt. Sie arbeitete als Reinigungskraft und Spülhilfe, während ihr Mann Freunde mit nach Hause brachte, ohne die Eltern je vorstellen zu wollen. Als Liselotte drei Jahre alt war, wollte Lena wieder arbeiten, aber ihr Mann verbot es, schrie und verlangte Ordnung im Haus. Als ein Feuer ihr kleines Heim zerstörte, blieb nichts mehr. Seine Eltern kamen, warfen sie und das Kind aus, sagten, sie hätten keinerlei Rechte. Sie standen dann im verkohlten Haus, versuchten ein Dach zu decken, doch Regen drang durch und sie froren. Die Situation wurde immer schlimmer, und sie fürchtete um Liselottes Leben. In ihrer Verzweiflung hörte sie Karins Stimme, die ihr warm und vertraut erschien, und das war das Letzte, woran sie sich erinnerte.
Karin tröstete sie: Mach dir keine Sorgen um Liselotte, sie bleibt bei mir, bis du wieder gesund bist. Wir finden eine Lösung für das Wohnen.
Karin fuhr nach dem Verlassen des Krankenhauses zu ihrer guten Freundin, der alten Frau Katja Müller, der engsten Freundin ihrer verstorbenen Mutter. Auf dem Weg kaufte sie ein paar Leckereien und kam vor Katjas kleines Häuschen. Dort begrüßte Katja sie herzlich:
Ach, meine liebe Karin, komm rein, setz dich, trink einen Tee. Erzähl mir, was geschehen ist.
Karin erzählte ihr alles. Katja zeigte großes Mitgefühl und fragte:
Kann ich ihnen ein Zimmer vermieten? Ich nehme jeden Monat das Geld.
Karin erwiderte: Ich habe nichts, außer meine Arbeit. Aber du bist die Einzige, die ich habe. Katja stimmte zu. Zwei Wochen später holte Karin Lena aus dem Krankenhaus und brachte sie zusammen mit Liselotte zu Katja. Katja hatte bereits Kuchen gebacken, das ganze Haus vorbereitet, und in einem Zimmer lagen Kisten mit Geschenken für die beiden. Als Lena die Kisten öffnete, brach sie in Tränen aus.
Ach Kind, warum weinst du?, fragte Katja.
Warum das alles? Ich habe nichts mehr erwartet, und Gott hat mir euch geschenkt dich, Karin, und dich, Katja.
Katja streichelte Lena: Beruhige dich, lebe hier, du bist meine Enkelin, Liselotte meine Urenkelin. Wir kommen gemeinsam durch.
Die Zeit verging, Katja wurde zu einer zweiten Mutter für die beiden Mädchen. Lena und Liselotte fühlten sich dort geborgen. Karin kam oft zu Besuch. Sobald Katja hustete, kümmerte sich Lena sofort um sie. Katja fand eine Anstellung, und Liselotte half im Haus, lernte, Kuchen zu backen. Eines Tages kam Karin mit einer weiteren Frau zu Besuch. Lena bemerkte, dass sie über Dokumente berieten, und zog sich zurück. Katja rief sie zu Tisch:
Lena, mein Kind, ich habe ein Testament geschrieben, damit du und deine Tochter nie ohne ein Zuhause seid.
Lena schluchzte: Du bist krank, warum sagst du das?
Ich will nur, dass ihr gut versorgt seid, wenn ich nicht mehr da bin.
So entstand ein neues Leben für die Waise und ihre Tochter, ein kleines Glück, das von freundlichen Herzen zusammengehalten wird.







