Ich möchte die Scheidung einreichen

Als ich abends nach Hause kam, fand ich meine Frau Heike in der Küche, wo sie gerade den Tisch für das Abendessen deckte. Ich ergriff ihr Handgelenk, bat sie, kurz innezuhalten und sich zu mir zu setzen, weil ich etwas Wichtiges zu sagen hatte: Ich möchte die Scheidung einreichen. Sie stockte ein wenig, hakte dann nach dem Grund und mein Schweigen ließ sie ausrasten. Das Abendessen wurde vergessen, sie schrie wirr, verstummte wieder, dann wieder laut. Am Ende weinte sie die ganze Nacht. Ich verstand sie, konnte aber keinen tröstenden Satz finden ich hatte meine Liebe zu ihr verloren und eine andere Frau, Leni, im Herzen.

Mit einem mulmigen Gewissen reichte ich ihr einen Trennungs­vertrag, in dem ich ihr Wohnung und Auto zusicherte. Heike zerriss das Papier in Stücke, warf es aus dem Fenster und fing erneut an zu schluchzen. Ich fühlte nur ein Stichchen Gewissen; die Frau, mit der ich zehn Jahre geteilt hatte, war mir völlig fremd geworden.

Ich bedauerte die Jahre, die wir zusammen verbracht hatten, und wollte die Ketten so schnell wie möglich abwerfen, um zu meiner wahren Liebe zu fliegen. Am nächsten Morgen lag auf dem Nachttisch ein Brief mit den Scheidungsbedingungen: Heike bat mich, den Antrag um einen Monat zu verschieben und bis dahin das Bild einer glücklichen Familie aufrechtzuerhalten, weil unser Sohn Lukas bevorstehende Prüfungen hatte. Und noch etwas: Am Tag unserer Hochzeit hatte ich Heike auf den Armen ins Haus getragen; jetzt wollte sie, dass ich das während des Monats jeden Morgen wieder tue.

Seit Leni in mein Leben getreten war, hatten Heike und ich kaum körperlichen Kontakt morgens gemeinsam frühstücken, abends zusammen essen, nachts getrennt in den Betten. Als ich sie also nach langer Pause das erste Mal wieder auf den Armen trug, fühlte ich ein seltsames Ziehen im Herzen. Der Applaus unseres Sohnes brachte mich zurück in die Realität Heikes Gesicht zeigte ein zufriedenes Lächeln, mir war plötzlich ein wenig weh. Vom Schlafzimmer zur Küche waren es zehn Meter; während ich sie tragen musste, schloss Heike die Augen und flüsterte kaum hörbar: Sag unserem Lukas nichts von der Scheidung, bis die Frist abgelaufen ist.

Am zweiten Tag fiel mir die Rolle des verliebten Ehemanns leichter. Heike legte ihren Kopf auf meine Schulter, und ich merkte, wie lange ich nicht mehr in diese einst geliebten Züge geschaut hatte sie waren nicht mehr die gleichen wie vor zehn Jahren. Am vierten Tag, als ich sie wieder hochhob, dachte ich daran, dass sie mir ein Jahrzehnt ihres Lebens geschenkt hatte. Am fünften Tag spürte ich das zarte Vertrauen eines kleinen Mädchens, das sich an meine Brust drückte. Jeden Tag wurde das Tragen leichter.

Eines Morgens stand Heike vor dem Kleiderschrank und stellte fest, dass alle Kleider plötzlich viel zu groß für sie waren. Ich bemerkte, wie dünn und gebeugt sie geworden war das erklärte, warum das Gewicht jeden Tag weniger wurde. Plötzlich traf mich eine Erkenntnis wie ein Sonnenstich. Unbewusst strich ich ihr durch das Haar, Heike rief Lukas, umarmte uns beide fest. Tränen stiegen in den Hals, doch ich wandte mich ab, weil ich meine Entscheidung nicht ändern wollte. Ich nahm Heike wieder auf den Arm, trug sie aus dem Schlafzimmer, sie umklammerte meinen Hals, ich drückte sie an meine Brust, so wie am ersten Hochzeitstag.

In den letzten Tagen der Frist tobte ein Sturm in meiner Seele. Etwas hatte sich in mir gewandelt, das ich nicht benennen konnte. Ich ging zu Leni und sagte ihr, dass ich die Scheidung nicht mehr will. Auf dem Heimweg dachte ich darüber nach, dass der Alltag in einer Ehe nicht deswegen stumpf wird, weil die Liebe verflogen ist, sondern weil die Menschen vergessen, welchen Wert sie füreinander haben. Ich bog vom Weg ab, kaufte einen Blumenstrauß und legte eine Karte drauf: Ich werde dich bis zum letzten Tag in den Armen halten! Aufgeregt mit dem Strauß in der Hand stürmte ich zur Tür, durchquerte die ganze Wohnung und fand Heike im Schlafzimmer sie lag tot. Monate lang hatte sie, im Schatten meiner verirrten Liebe zu Leni, schweigend gegen eine schwere Krankheit gekämpft. In ihren letzten Kräften wollte sie unseren Sohn vor Stress bewahren und mein Bild als guter Vater und liebevoller Ehemann erhalten.

Оцените статью
Ich möchte die Scheidung einreichen
I Woke Up to Noise and Saw My Mother-in-Law Rummaging Through My Dresser