Dienstag, 12. Mai 2025
Im neuen Wohnkomplex am Stadtrand von Köln begann das Leben erst langsam einen Rhythmus zu finden. In den Hausfluren lag noch der Geruch von frischer Putzmasse, und an den Aufzügen hingen Schilder, die baten, nach acht Uhr abends keinen Bauschutt mehr hinauszubringen. Auf dem Spielplatz zwischen den Häusern wirbelte feuchter Staub, während Kinder in wasserabweisenden Jacken laut spielten. Die Eltern standen ein Stück weiter entfernt, eingehüllt in Schals, und musterten einander vorsichtig wir waren alle noch Fremde.
Ich, Thomas Müller, eilte nach Hause, wo meine Tochter Liesel auf mich wartete. Der kurze Weg vom Kindergarten durch den Innenhof dauerte nun deutlich länger, weil sich an den Toren endlose Warteschlangen bildeten und ständig darüber diskutiert wurde, wie schwer es sei, einen Platz für das Kind näher am Zuhause zu bekommen. Ich arbeite von zu Hause aus als Buchhalter für ein kleines Unternehmen, sodass ich den größten Teil des Tages bei Liesel sein kann. Trotzdem beginnt jeder Tag gleich: Ich öffne das Portal Bürgerdienste und schaue die Nummer von Liesel in der OnlineWarteliste für den nächsten Kindergartenplatz an.
Schon wieder nichts verändert sich, seufzte ich eines Morgens, während ich auf den Bildschirm meines Handys blickte. Im FamilienWhatsAppChat bereits diskutierten andere Eltern das gleiche Problem: Die Warteschlange bewegte sich schleppend, und die wenigen freien Plätze gingen nur an Begünstigte oder an Familien, die sich sofort nach dem Einzug angemeldet hatten.
Abends trafen wir uns vor den Hausfluren oder an dem kleinen Kiosk an der Ecke. Das Gespräch drehte sich immer wieder um dasselbe: manche warteten auf eine Rückmeldung vom Bezirksamt, andere versuchten, ihr Kind über Bekannte anzumelden, wieder andere winkten nur ab sie setzten alles auf ihre eigenen Kräfte.
Mit jedem Tag wuchs das Gefühl einer Sackgasse. Die Kinder blieben zu Hause oder spielten im Hof unter Aufsicht der Großeltern; die Eltern flüsterten sich gegenseitig Beschwerden zu zuerst verlegen, dann immer offener. In den Chats tauchten lange Nachrichten über überfüllte Gruppen auf, es wurden private MiniKitas und die Möglichkeit einer gemeinsamen Nanny für mehrere Familien diskutiert.
Eines Abends schlug Hans Becker, Vater des zweijährigen Leon aus dem NachbarHaus, vor, eine eigene Gruppe für das KindergartenProblem zu gründen. Seine Nachricht war knapp:
Liebe Nachbarn! Sollen wir uns zusammenschließen? Wenn wir viele sind, hört uns jemand!
Das war der Funke für Veränderungen. Binnen kurzer Zeit schlossen sich Dutzende Eltern dem Chat an: Einige sammelten Unterschriften für ein Schreiben an die Kitaleitung, andere teilten Kontakte zu Anwälten oder erzählten von ähnlichen Aktionen in anderen Stadtteilen.
Bald stand vor dem ersten Gebäudeteil eine kleine Versammlung von Eltern mit Unterschriftslisten und Thermoskannen heißem Tee. Neue Gesichter traten dazu: manche stellten schüchtern Fragen, andere baten sofort, ihre Namen in die Liste aufzunehmen.
Die Diskussionen zogen bis in die späte Abendstunde ins Freie: Eltern bildeten einen Halbkreis unter dem Vordach des Hausflurs, geschützt vor Wind und leichtem Regen. Jemand hielt sein Kleinkind an der Hand, ein anderer deckte den Kinderwagen mit einer Decke ab; immer wieder warfen sie einen Blick auf die Uhr oder tippten nebenbei im ArbeitsChat.
Wir sollten den offiziellen Weg gehen, sagte Hans bestimmt. Unterschreiben wir alle, die hier rein wollen, und präsentieren ein gemeinsames Schreiben an das Bezirksamt.
Das nützt wenig, seufzte eine Frau mittleren Alters. Solange die Papiere hinundher wandern Der Sommer kommt ja bald!
Oder versuchen wir, direkt mit der Leiterin zu reden? Vielleicht versteht sie unsere Lage?
Die Meinungen gingen auseinander: Einige hielten formelle Briefe für Zeitverschwendung, andere fürchteten, zu aktiv vor dem Verwalter der Wohnanlage oder der Hausverwaltung aufzutreten.
Nach ein paar Tagen einigte sich die Mehrheit darauf, zunächst Unterschriften zu sammeln und ein persönliches Treffen mit der Leiterin des Kindergartens, Nummer 29, zu vereinbaren ein Gebäude gegenüber dem Neubau, das längst überlastet war und kaum noch Kinder aus der Umgebung aufnehmen konnte.
Der Morgen des Treffens war trüb und feucht, ein grauer Frühlingshimmel hängte sich über den Hof. Viertelstunde vor Öffnung des Kindergartens versammelten sich Eltern am Eingang: Frauen richteten die Kapuzen ihrer Kinder, Männer wechselten kurze Bemerkungen über Arbeit und den nahen Stau.
Im Empfangsbereich des Kindergartens war es warm und stickig von den Mänteln der Besucher; nasse Schuhspuren zogen sich über das Linoleumboden bis zur Tür des Büros, hinter der die Leiterin, Clara Schmitt, wartete. Sie begrüßte die Gruppe ohne große Freude:
Ich verstehe Ihre Lage gut, sagte sie. Aber es gibt keine freien Plätze! Die Vergabe läuft strikt über das kommunale OnlineSystem
Hans schilderte ruhig die Situation:
Wir kennen das Anmeldeverfahren, begann er, doch viele Familien müssen ihre Kinder täglich mehrere Kilometer fahren. Das ist belastend für die Kleinen und für die Eltern. Wir wollen gemeinsam eine Übergangslösung finden!
Clara hörte zunächst zu, unterbrach dann aber:
Selbst wenn ich wollte Ich habe nicht die Befugnis, zusätzliche Gruppen zu eröffnen, ohne Beschluss der Bezirksverwaltung! Alle Fragen gehen dahin
Wir gaben nicht auf:
Dann sollten wir ein dreiseitiges Treffen ansetzen, schlug ich vor. Kommen wir mit einem Vertreter der Verwaltung? Wir können alles persönlich erklären.
Clara zuckte mit den Schultern:
Wenn Sie es versuchen wollen
Wir verabredeten einen Telefontermin für die nächste Woche, um einen Beamten aus dem Bildungsamt einzuladen.
Der Chat der Wohnanlage blieb den ganzen Abend über aktiv. Nach den Gesprächen mit Clara und einem Vertreter der Verwaltung wurde klar, dass temporäre Gruppen tatsächlich eingerichtet werden könnten und ein Spielplatz auf dem Grundstück vor dem Haus genehmigt wurde. Jeder bot an, was er beisteuern konnte: Werkzeuge aus der Garage, sichere Maschendraht für den Zaun, Kontakte zu einem Landschaftsgestalter aus dem darüberliegenden Stockwerk.
Am Samstagmorgen trafen wir uns wieder im Hof, um das mögliche Gelände zu begutachten. Ich ging mit Liesel hinaus und bemerkte sofort, dass mehr Menschen als bei den vorherigen Treffen erschienen waren. Familien kamen zusammen, Kinder tollten über die noch feuchte Erde, Erwachsene hielten Schaufeln, Handschuhe und Müllsäcke bereit. Auf dem Rasen lagen noch die Laubhaufen des Vorjahres, der Boden war nach den Regenfällen weich, aber bereits ohne Pfützen.
Hans legte auf einer Bank den von ihm und Leon gezeichneten Plan aus. Es wurde darüber gestritten, ob Sitzbänke näher zum Haus oder zur Straße gestellt werden sollten und ob genug Platz für einen Sandkasten bleibt. Manchmal wurden die Meinungsverschiedenheiten etwas hitzig, doch nun mischte sich ein leichter Humor und ein echtes Maß an Respekt darunter: Ohne Kompromisse ging nichts.
Während die Männer das provisorische Geländer setzten, räumten die Frauen und Kinder den Hof von Ästen und Laub. Liesel und die anderen Mädchen bauten aus Steinen ein kleines Labyrinth die Erwachsenen schauten lächelnd zu: Die Kinder spielten nicht mehr auf dem Asphalt vor dem Parkplatz, sondern an einem eigens dafür vorgesehenen Ort. Der Duft von feuchter Erde lag in der Luft, jedoch nicht mehr so stechend wie zu Beginn des Frühlings.
Zum Mittag organisierten wir ein kleines Picknick im Hof: Tee aus Thermoskannen, selbstgebackene Brötchen und Kuchen. Die Gespräche wandten sich von KindergartenAngelegenheiten zu Rezepten und DIYTipps für die Wohnung. Ich bemerkte, dass die zuvor spürbare Vorsicht in den Stimmen verschwunden war. Selbst diejenigen, die sich vorher zurückgezogen hatten, beteiligten sich jetzt aktiv.
Am Abend erschien im Chat ein Plan für die Schichten an der Spielplatzbetreuung und eine Aufgabenliste für die temporären Gruppen. Das Erdgeschoss des ersten Eingangs wurde zu einem Spielraum umfunktioniert, bis der eigentliche Kindergarten mehr Plätze frei hat. Ursula meldete sich freiwillig für die Materialbeschaffung, Hans übernahm die Koordination mit der Hausverwaltung.
Einige Tage nach unserem BauNachmittag standen neue Bänke und ein kleiner Sandkasten bereit. Die Hausverwaltung half, ein niedriges Zaunwerk zu installieren, damit die Kinder nicht auf die Straße laufen können. Die Eltern wechselten sich ab: Morgens bringen sie die Kinder zur Gruppe, abends räumen sie das Spielzeug ein und verriegeln die Tore.
Die temporären Gruppen öffneten sich ohne großes Aufsehen die Kinder kamen in vertraute Räume, betreut von Erziehern, die von uns Eltern empfohlen wurden. Ich fragte mich, wie Liesel das neue Umfeld aufnehmen würde. Mitte der ersten Woche kam sie müde, aber glücklich nach Hause.
Kleinere Alltagsprobleme wurden unterwegs gelöst: fehlende Stühle, Nachkäufe von Reinigungsmitteln. Die Kosten blieben überschaubar, doch das gemeinsame Engagement brachte uns näher zusammen als jede formelle Versammlung.
Anfangs flammten MiniKonflikte fast täglich auf: Wer durfte die Kinder zum Spielplatz begleiten, wer war verärgert über ein Kommentar zur Sauberkeit des Raumes. Mit der Zeit lernten wir, einander zuzuhören, nachzugeben oder ruhiger zu erklären. Die ChatNachrichten wurden seltener wütend, häufiger dankend oder mit einem Scherz über unser kleines ElternTeam.
Der Frühling nahm endlich richtig Fahrt auf: Pfützen trockneten bis zum Mittag, das Gras bekam frisches Grün, die Kinder legten die Mützen ab und spielten bis zum Abend, stets im Auge der Nachbarn jetzt ein Gemeinschaftsaufgabe.
Ich ertappte mich dabei, dass ich vor einem Monat kaum jemandem zugewandt war, und heute bitte ich um Hilfe oder biete meine Unterstützung anderen Müttern im Komplex an. Ich kenne die Namen ihrer Kinder, die Vorlieben der Großeltern und das Lieblingsrezept von Frau Becker.
Die ersten Tage der temporären Gruppen verliefen unspektakuliert Eltern brachten die Kinder morgens einfach zur Tür des Spielraums oder zur neuen Gruppe gegenüber der Straße. Kurze Blicke, ein Lächeln, ein leises Klappt, und schon war etwas gewonnen. Nicht perfekt, aber weitaus besser als die einsame Warteschlange im OnlinePortal.
Am Wochenende organisierten wir gemeinsam die Aufräumaktion nach dem Spiel. Erwachsene sammelten verstreute Spielsachen und Sandformen zusammen mit den Kindern, besprachen den Wochenplan für die nächste Gruppe direkt an den Bänken. Im Chat tauchten Ideen für eine Eröffnungsfeier im Sommer und für einen Fahrradständer neben der Grundschule auf.
Die Nachbarschaft hat sich merklich erwärmt selbst Familien, die anfangs skeptisch waren, beteiligen sich jetzt am Hausleben. Im Alltag wächst das Vertrauen zueinander.
Ich begleitete Liesel am Morgen zur neuen Gruppe, zusammen mit anderen Müttern, wir flüsterten über das Wetter oder die nächste Schicht im Hof. Es ist erstaunlich, wie sehr ich mich jetzt als Teil dieser Veränderung fühle, wo noch vor wenigen Wochen alles undurchdringlich schien.
Vor mir liegen neue Aufgaben und Sorgen, doch das Wichtigste hat sich verändert: Wir haben erkannt, dass wir gemeinsam unser Umfeld gestalten können.
Persönliche Erkenntnis: Nur wenn wir zusammen anpacken, wird das Viertel zum Zuhause.







