Warum er eine solche Oma braucht

Warum die Oma so?
Sie sind ja eine interessante Frau! Wir hatten den ganzen Sommer für den Enkel eingeplant, jetzt sagen Sie plötzlich Kommt nicht? Und was sollen wir denn jetzt tun?

Die Lautsprecher des Handys dröhnten vor der Empörung der Schwiegertochter. Gisela hielt das Smartphone knapp neben das Ohr so war alles klar zu hören, ganz ohne Lautsprecher.

Liselotte, das ist Ihr Problem, nicht meins. Sie haben mich nicht gefragt, und jetzt
Sie haben uns doch erst überredet, Sascha zu Ihnen zu bringen!, schnitt die Schwiegertochter dazwischen. Ich verstehe Sie überhaupt nicht. Was für eine Oma sind Sie? Sie können den Enkel nicht zu sich holen, nicht mal zum Wochenendhaus fahren. Früher haben Sie ihm nie etwas mitgebracht, nur Kisten zu sich geschleppt! Und warum soll er eine solche Oma haben, wenn er eine zweite, ganz normale, hat?

Gisela verzog das Gesicht, atmete keuchend aus und legte die freie Hand aufs Herz. Sie hatte den Unterton sofort erkannt: Entweder Sie geben den Enkel her, oder Sie sehen ihn nie wieder. Ein niederträchtiger Erpressungsversuch.

In mancher Hinsicht hatte Liselotte recht, wenn man nur die harten Fakten nahm. Aber sie drehte die Situation völlig um.

Das Wochenendhaus, das ich einst für meinen Enkel haben wollte, war ganz schlicht. Das WC war im Freien, das Bad nur ein SommerduscheZelt. Ein Grill, mit dem ich und mein erster Mann früher das Fleisch wendeten. Plastikstühle und ein kleiner Tisch nichts Besonderes, aber für mich gemütlich im einfachen Stil.

Als ihr Sohn Andreas dann ankündigte, mit seiner Freundin das Haus besuchen zu wollen, geriet Gisela in Aufregung.

Sie kannte Liselotte bereits flüchtig: hübsch, gepflegt, selbstbewusst, aber mit einem Hauch verwöhnter Arroganz. Sie schaute auf alles und jeden herab, als wolle sie gleich ein Gutachten schreiben. Beim ersten Kennenlernen liefen die zukünftige Schwiegertochter und das Haus wie ein Inspektor umher. Gisela gefiel das nicht, doch sie ließ sich nicht beirren und zeigte ihr die Sammlung von Porzellanfiguren und die Familienalben.

Andi, die Idee ist gut Aber bist du sicher, dass Liselotte das mag? Du kennst das Haus, ich glaube, das ist nicht ihr Ding, sagte Gisela vorsichtig, als ihr Sohn begeistert die Wochenendpläne schilderte.
Ich erklär ihr alles. Sie hat ja schon lange gesagt, sie will in der Natur entspannen. Und hier ist doch alles unser.

Gisela seufzte, schwieg aber sonst würde man denken, sie wolle sie gar nicht aufnehmen.

Sie bereitete sich zwei Tage lang vor: Aufräumen, Kuchen backen, die Vorräte aus dem Keller holen, die nur zu besonderen Anlässen genutzt werden. Das Herz pochte vor Sorge, doch die Vorfreude auf das Wiedersehen übertönte jedes ungute Omen.

Doch von Anfang an lief alles schief. Liselotte stieg aus dem Auto in einem weißen Kleid und hohen Sandalen, blickte sich um, verzog die Stirn.

Ist das hier eine Toilette? schnauzte sie und zeigte mit dem Finger.
Na ja ja, im Freien, aber sauber, wie bei uns zu Hause, antwortete Gisela mit gezwungenem Lächeln.
Ein echtes Naturerlebnis, im wahrsten Sinne des Wortes spottete Liselotte.

Und weiter gings nur schlechter.

Schrecklich als wäre ich im Steinzeitalter, jammerte sie zu Andreas. Du hast dich dein ganzes Leben mit einem Eimer gewaschen? Hier gibts so viele Mücken, dass man besser im Auto bleibt! Und der Gestank.
Bei den Nachbarn hat die Henne ihre Eier gelegt. Nichts, worüber man sich Sorgen macht, zuckte der Mann die Schultern.

Liselotte schrie so laut, dass Gisela jedes Wort hörte. Sie fühlte sich unwohl schließlich war sie nicht die Einladende, doch sie hatte alles vorbereitet und bekam nur einen Schlag ins Gesicht zurück.

Vielleicht gewöhnt sie sich ja, dachte Gisela. Die Schwiegertochter und ihr Sohn wohnten weit entfernt, ein Tagesweg, also sollte der Aufenthalt das ganze Wochenende dauern.

Doch Liselotte hielt nicht einen Tag durch. Nachdem sie erneut von einer Mücke gestochen wurde, schwenkte sie sich gen Autositz.

Genug! Bring mich nach Hause, oder ich rufe ein Taxi. Hier kann man nicht wohnen!

Andreas protestierte nicht, verabschiedete sich hastig von seiner Mutter und fuhr unbeholfen davon.

Ich hätte nicht gedacht, dass es ihr so schwer fällt, murmelte er verlegen.

Gisela versuchte, alles auf Ungewohntes und Gewöhnungsprobleme zu schieben. Ihr selbst fiel es schwer, sich an den neuen Alltag zu gewöhnen. Sie schmiss nicht die Tür zu, doch das war Andreas Entscheidung er wollte ja mit dieser Frau zusammenleben.

Sechs Jahre später waren Liselotte und Andreas verheiratet, ihr Sohn Sascha war geboren. Der Kontakt zur Schwiegertochter blieb schwierig, doch Gisela hoffte, zumindest mit dem Enkel eine Beziehung aufzubauen. Das war nicht leicht, weil sie in verschiedenen Städten lebten. Aber Wunsch und Möglichkeit würden sich finden.

Liselotte, könnt ihr Sascha zu mir bringen, schlug Gisela eines Tages vor. Ich habe einen Garten, einen Fluss direkt neben dem Haus, frische Luft. Da gibts Vitamine für das ganze Jahr.
Wohin? In diese Katastrophe? Lass ihn besser zu Hause bleiben, schnaufte die Schwiegertochter verächtlich. Die Vitamine kannst du ja trotzdem rüberschicken. Ihr habt doch die ganze Sommerzeit geredet, dass ihr keine Kirschen mehr habt.

Gisela war am Boden zerstört, blieb aber still. Es war nicht leicht, einem verwöhnten Stadtmädel zu erklären, dass man Kirschen den ganzen Tag in der Hitze transportieren soll. Nachbarnbuben gewöhnen sich schnell an solche Umstände, aber Gisela sehnte sich einfach nach ein wenig Enkelzeit.

Das war ein Jahr zuvor gewesen. Jetzt war alles völlig anders.

Giselas Leben bestand zur Hälfte aus Krankenhäusern, Infusionen und Warteschlangen in der Hausarztpraxis. Der Rest bestand aus strengen ärztlichen Auflagen. Kürzlich war sie operiert worden, und der Arzt verbot ihr, bei Hitze nach draußen zu gehen oder schwere Lasten zu heben.

Nehmen Sie das ernst, warnte er. Mit Ihrem Herzen müssen Sie sich im Schutzbereich bewegen. Keine großen Belastungen, nur leichte Spaziergänge.

Das Schlimmste war, dass ihr Sohn in all der Zeit nie zu ihr kam, selbst nicht, als sie im Krankenhaus lag. Sie telefonierten zwar, doch das war das Ende. Gisela sah ihre Freundin Klara öfter als ihren eigenen Sohn. Klara hatte ihr sogar finanziell ausgeholfen, als Gisela erfuhr, dass das Wochenendhaus für sie nicht mehr geeignet war.

Hör zu, ich spreche mit meinen Kindern. Die wollen im Sommer weg, aber das Budget ist knapp, das Meer ist teuer. Das ist nicht umsonst, natürlich. Ich verstehe das. Und du bekommst wenigstens etwas Ruhe.

Gisela nahm das dankbar an jede Kleinigkeit zählte.

Kaum dass sie wieder auf die Beine kam, kam Liselotte zurück. Sobald die jungen Leute Pläne schmiedeten, schien das alte Wochenendhaus plötzlich irrelevant.

Ich habe dir das vor einem Jahr angeboten.
Ein Jahr! Pläne sind gut, ich hatte auch welche für diesen Sommer, aber das Leben kam dazwischen. Im Haus wohnen jetzt andere Leute, ich darf nicht hingehen, ich hatte erst kürzlich die OP.
Wie lange her?
Zwei Monate.
In zwei Monaten laufen die Leute ja schon Marathon! Man muss sich doch zusammenreißen. Du kannst doch zu Hause bleiben, du bist doch Rentnerin.
Nimm Sascha einfach mit zu dir.
In eine Stadtwohnung? Was bringt das?
Dann können wir ein bisschen entspannen! Wir haben Sascha nie allein gehabt. Du hast doch immer gerufen, du willst den Enkel sehen. Also bitte, sieh ihn!

Liselotte fuhr fort, bis Gisela die Leitung hängen ließ: Du bist einfach zu faul, das gibst du zu!

Gisela brach in Tränen aus, fühlte sich wie ein kleines Kind, das von allen übersehen wird.

Am Abend rief Andreas an, bat um Verzeihung für das Verhalten seiner Frau und fragte vorsichtig, ob er Sascha doch zu sich holen könnte. Gisela wollte weinen wie ein kleines Mädchen vor Enttäuschung.

Andreas hast du Liselotte gesagt, dass ich operiert wurde? platzte sie heraus. Wie konntest du das wissen und dann doch den Enkel an mich hängen, ohne mich zu fragen?

Andreas stockte, schwieg ein paar Sekunden, dann kam das Gestammel:

Mami ich habe nur gesagt, dass du krank bist. Ich wusste nicht, dass es so ernst ist.

Die Worte trafen Gisela wie ein Schlag. Für ihn war es egal, wie sie sich fühlte; er hatte nie wirklich nachgefragt, wie schwer es für sie war, die Treppe hinaufzusteigen.

Verstehe, murmelte sie nur.

Drei Tage folgte ein bedrückendes Schweigen. Am vierten Tag klingelte wieder Klara.

Wollen wir dein Haus doch mal besuchen? Meine Kinder kommen am Wochenende nicht, wir können einen kühlen Tag zusammen verbringen, plaudern, Kuchen essen.

Gisela stimmte sofort zu ihr Herz jammerten nach Gesellschaft. Sie machten Tee, öffneten die von Klara mitgebrachten Stückchen. Das Gespräch kam leicht, Gisela erzählte alles.

Ach, was soll ich dir noch sagen Du verstehst es ja. Sie haben jetzt ihr eigenes Leben. Du darfst dir nicht das Herz zerreißen, lebe, wie es geht. Ich bin ja noch da, zumindest.

Klara lächelte: Vielleicht findest du ja irgendwann einen netten Opa, mit dem du den Abend verbringst. Oder du widmest dich endlich ganz dir selbst. Die Gesundheit ist das Wichtigste, und von ihnen bekommst du nur Nervenkitzel.

Gisela seufzte, schob die Kuchenbox näher. Tief in ihrem Inneren schmerzte es noch, doch sie wusste jetzt: Sie tut, was richtig für sie ist. Sie biegt sich nicht mehr zu den Erwartungen anderer, schützt ihre eigene Gesundheit. Und obwohl es schwer ist, die Schwiegertochter abgewunken hat, der Sohn kalt bleibt und das Leben Auf und Abs hat, geht es weiter sogar ohne sie.

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