Was hat sie nur mit meinem Sohn angestellt?!
Theresa Gruber wirbelte in der Küche, während sie auf ihren Sohn wartete, der gleich mit seiner Verlobten zu Besuch kommen sollte. Aus dem heißen Ofen stieg der Duft von knuspriger Entenbrust, auf dem Tisch dampften knusprige Hackfleischkrapfen, und im Kühlschrank lag bereits fest gewordenes Sülze.
Theresa legte großen Wert auf den Besuch der Gäste; der Tisch bückte sich unter den Köstlichkeiten, die sie bereits seit dem Vortag vorbereitete. Und das Besondere an den Gästen: Ihr Sohn Andreas hatte nun seit einem Jahr eine Freundin, Lieselotte, und wollte sie endlich den Eltern vorstellen.
Ein kurzer Klingelton durchbrach das Treiben. Schnell richtete sie ihr Haar im Spiegel und eilte zur Tür.
Mein lieber Junge, komm herein! Ich hänge dir sofort deine Jacke auf, begrüßte die Mutter Andreas herzlich. Er lächelte verlegen, wischte sich die Hände und ließ Lieselotte zuerst eintreten. Die Jacke hängte er selbst auf.
Lieselotte, das ist meine Mutter, Theresa, stellte er sie vor.
Theresa fiel sofort das hager wirkende Aussehen der jungen Dame ins Auge, das ihr ein wenig schwaches Wohlbefinden vermuten ließ. Und an ihrer Hand ein Tattoo. Ihre Augenbraue hob sich leicht, doch sie hielt ihre Meinung über das unpassende Motiv erst einmal zurück. Immerhin schwärmte Andreas schon so oft von seiner Freundin.
Guten Abend, Frau Gruber, ich freue mich sehr, Sie endlich kennenzulernen, sagte Lieselotte mit strahlendem Lächeln.
Theresa sah, wie Andreas sie ansah voller Zuneigung.
Am Tisch entwickelte sich ein höfliches Gespräch. Doch dann bemerkte Theresa, dass ihr Sohn nur halbherzig aß, sein Teller halb leer blieb, und Lieselotte ihm nichts zu essen reichte. Sie warf einen missbilligenden Blick auf die junge Frau, stand auf und begann, kleine Portionen auf Andreas Teller zu legen.
Mama, ich schaffe das auch selbst, protestierte er, doch die Jahre des kindlichen Ungehorsams hatten ihm beigebracht, nicht mehr zu streiten.
Nachdem sie ihren Sohn vor dem Hungern bewahrt hatte, wandte sich Theresa wieder Lieselotte zu, um ihr Verhalten zu hinterfragen. Doch sobald ihre Hand nach Lieselottes Teller griff, sagte die junge Frau gelassen:
Frau Gruber, Ihr Essen sieht wirklich köstlich aus, aber ich esse das nicht. Der Salat ist wunderbar, ich nehme schon das dritte Mal. Könnten Sie mir das Rezept verraten?
Theresa reagierte ungehalten:
Was für ein Unsinn! Das ist unser Familienrezept für Entenbrust mit Orangensauce. Ohne zu zögern schnitt sie ein Entenkeulenstück ab, legte es auf den Teller, ergänzte einen Brotstreifen mit Hering und einen Löffel Kartoffelsalat.
Mama, das ist nicht nötig. Lieselotte achtet seit Jahren auf ihre Ernährung, erwiderte Andreas.
Beruhigt euch, das ist doch gesunde Kost!, rief sie.
Theresa, lass das Mädchen in Ruhe, versuchte ihr Ehemann Heinrich, doch er verstummte unter dem drohenden Blick seiner Frau.
Satt mit den gefüllten Tellern setzten sich Theresa und Heinrich wieder.
Wir haben seit meiner Kindheit Schmalz, Kartoffeln und Milchprodukte gegessen und sind alle gesund geworden, sagte sie.
Mama, dein Arzt hat dir doch geraten, besser auf deine Ernährung zu achten. Du klagst doch oft über dein Befinden, erwiderte Heinrich.
Das ist alles Quatsch. Was es bei euch zu Hause gibt, ist doch sicher nicht mal ein Frühstück, schnippte Andreas.
Wir ernähren uns sehr ausgewogen, Mama. Viel Gemüse, und ich verzichte auf schwere Kost, sagte Lieselotte.
Theresa starrte überrascht auf ihren Sohn. Der Gedanke, dass ihr Junge abgenommen hatte, ließ ihr Herz schneller schlagen.
Und was kocht Lieselotte für dich?, fragte sie.
Wir beide kochen zusammen, arbeiten bis spät und bestellen oft Lieferungen, erklärte Andreas.
Das ist sogar praktisch. Sauber zu Hause und Zeit für andere Dinge, fügte Lieselotte hinzu.
Theresa war fassungslos. Woher sollte ein Mann in der Küche stehen? In dreißig Ehejahren hatte Heinrich nie einen Kartoffel schälen müssen das war doch nicht die Aufgabe eines Mannes.
Als Theresa selbst heiratete, wurden ihr von Mutter und Großmüttern die traditionellen Rollen erklärt: Die Frau sorgt für Sauberkeit, kocht nahrhafte Speisen und hält die Garderobe des Mannes in Ordnung. Heinrich war nie besonders gut im Bügeln, und darauf war Theresa sogar stolz. Jetzt jedoch erschütterte sie die moderne Haushaltsführung ihres Sohnes.
Wie kann das sein, Andreas? Du hast doch einen anstrengenden Job, du solltest dich ausruhen, sagte sie besorgt. Lieselotte, ein Mann muss solche Dinge nicht tun, sonst bleibt das Glück aus.
Lieselotte arbeitet ebenfalls und verdient manchmal mehr als ich. In einer Familie sollte man alles teilen, und wir beschweren uns nicht über das Glück, entgegnete Andreas leicht genervt.
Theresa war überrascht, dass ihr Sohn ihr überhaupt widersprach. Früher war er ein lieber Kätzchen, jetzt wirkte er kaum wieder erkennbar. Sie wollte keinen Streit, also versuchte sie, die Spannung zu mildern.
Na gut, das ist eure Sache. Ich bringe euch noch etwas mit, damit ihr nicht mit leeren Händen nach Hause geht, sagte sie und bemerkte, dass Lieselotte sehr schlank wirkte das könne nicht gut sein.
Das Gespräch ging weiter, Lieselotte erzählte von ihrer Arbeit in der Medienbranche, wo sie Konzerte organisiert und viel unterwegs ist. Theresa wunderte sich, wie eine Frau so häufig reisen könne, während zu Hause das Feuer im Kamin brennen soll.
Schließlich kam sie auf das Tattoo zurück.
Lieselotte, was ist das für ein Motiv an deiner Hand? Ein kindischer Aufkleber? Schön, aber man kann es ja wieder entfernen.
Wir haben uns vor einem halben Jahr zusammen tätowieren lassen, erklärte Lieselotte selbstbewusst.
Theresa stieß ein Seufzen aus: Mein Sohn, das sind doch nur Verbrecher, die das machen! Heinrich, der still neben ihr stand, schwieg.
Andreas wusste, sein Vater habe nie klare Positionen zu solchen Themen. Er wagte es nicht, seiner strengen Mutter zu widersprechen.
Frau Gruber, die Zeiten ändern sich, sagte Lieselotte. Tattoos sind mittlerweile Mode, man kann sie später entfernen. Andreas ist 28, er kann selbst entscheiden.
Theresa war fast erstickt vor Entrüstung.
Das ist doch unakzeptabel! Elternmeinungen sollen das Wichtigste sein! Wir haben nie erlaubt, dass unser Sohn so etwas tut!
Mama, beruhige dich bitte. Du überschreitest jetzt die Grenzen des Anstands. Ich bin erwachsen und treffe meine Entscheidungen, entgegnete Andreas mit einem Schmunzeln. Das ist unser Leben.
Der Abend endete schnell, Andreas und Lieselotte packten ihre Sachen und verließen das Haus. Trotz höflicher Absagen ihrer Mutter nahmen sie ein paar Restportionen mit.
Allein in der Küche spülte Theresa das Geschirr, während Heinrich träge mit einer Zeitung auf dem Sofa lag. Unzählige Gedanken wirbelten in ihrem Kopf.
Sie verstand nicht, warum ihr Sohn in so eine Situation geraten war. Er zeigte sich glücklich, erzählte ihr oft am Telefon, wie sehr Lieselotte ihn unterstütze. Lieselotte hatte eine gute Ausbildung, ein gesichertes Einkommen und kam aus einem angesehenen Hause Aber war das heutige Bild einer Frau im Haushalt noch zeitgemäß?
Theresa sah sich selbst als perfekte Hausfrau. Seit Jahren begann ihr Tag mit der Sorge um andere, und erst nach dem letzten sauberen Geschirr legte sie sich hin. Das hielt die Ehe nicht von kleinen Streitereien frei; ihr Mann Heinrich hatte in jungen Jahren ein paar Affären, die sie lange verziehen hatte. Ihr 30jähriger Hochzeitstag war gerade erst gefeiert worden, doch die Gespräche der letzten Jahre waren selten geworden. Heinrich verbrachte seine Abende vor dem Fernseher, während Theresa strickte, pflanzte und mit Freundinnen telefonierte. Was blieb noch zu sagen, nachdem alles so oft gesagt war?
Wird ihr Sohn mit dieser Frau glücklich sein? Macht er einen Fehler? Andreas hatte sich verändert sein Ton war fester, seine Arbeit ging dank Lieselottes Ratschlägen gut. Er rief seltener an, kam aber immer gern, wenn seine Mutter ihn brauchte. Er kaufte öfter im Supermarkt ein, anstatt zum Schrebergarten zu fahren. Theresa verstand immer weniger.
Letztlich war es seine Entscheidung, doch das Wort einer Mutter sollte nicht völlig bedeutungslos bleiben. Die Zeit würde zeigen, wer Recht hat.
Andreas und Lieselotte fuhren nach Hause. Andreas entschuldigte sich mehrmals bei seiner Verlobten, doch Lieselotte winkte ab:
Ich habe das schon erwartet. Kein Problem, ich verstehe das. Du bist für mich da, das ist alles, was zählt.
Natürlich, sagte Andreas und küsste sie auf die Schläfe. Das Familienleben versprach, durchaus interessant zu werden.
—
Lena schlenderte durch einen riesigen Supermarkt in Berlin. Das Labyrinth aus Regalen ließ leicht das Gefühl entstehen, verloren zu gehen die cleveren Marketingstrategen hatten alles so gestaltet, dass die Käufer schwer wieder herauskamen.
Alles, was das Herz begehrt! Was darfs sein? Früchte? rief die Verkäuferin. In geflochtenen Körben lagen prallrote Granatäpfel, saftige Kirschen, die förmlich in den Mund schienen. Zarte Pfirsiche in samtiger Haut, die an das Wangenlächeln eines Babys erinnerten, lockten verführerisch. Birnen in vielen Sorten, exotische Bananen von grün bis leuchtend gelb, daneben rubinrote Äpfel. Trauben, klar und honigsüß, hingen in kunstvollen Schachteln und riefen: Kauft, kauft, kauft!
Lena ließ ihren Blick über die überquellenden Regale schweifen, bevor sie zu den Kühltheken ging. Dort standen hinter blitzblanken Glastüren Flaschen, Gläschen und Packungen mit Milchprodukten: Milch, Joghurt, Sahne, Quark ein Dschungel an Bezeichnungen, aus dem man kaum den Überblick behalten konnte.
Man könnte eine Dose Hüttenkäse mit Kirschmarmelade nehmen, ein paar Löffel genießen. Oder einen Ziegenkäse probieren, der als besonders gesund gilt. Oder einen fertigen Milchshake mit Vanilleeis, den Lena früher oft für ihren Sohn Sascha im Café Märchen gekauft hatte. Heute hingegen kauft sie lieber die Flasche zum Mitnehmen, sodass sie nicht anstehen muss.
Der Gedanke an Sascha ließ ihr Herz schwer werden. Wie lange war es her, dass sie ihn beim Frühstück im Café sah, wie er durch einen Strohhalm einen Milchshake genüsslich einsog, das Geräusch des Luftstroms fast ein Kichern hervorrief? Wo war ihr kleiner Sascha jetzt? Das Café Märchen existierte nicht mehr; an seiner Stelle war ein hipper Sushi-Laden auf der Bahnhofstraße entstanden, von dem Lena nichts wusste.
Vor den Tiefkühlregalen stand ein Paar:
Nimm das doch sofort in der Packung. Da ist weniger Eis!, sagte die mittelalte Frau in kurzen Haaren und bunten Hosen.
Ihr Mann hörte nicht zu und füllte mit einer kleinen Schaufel rote, käferähnliche Snacks in einen Beutel.
Der Mann war im Alter ihres Sohnes, aber völlig anders gebaut breit und schwer, mit hellem Kurzhaarschnitt und freundlichen Augen. Saschas dunkle Haare und braune Augen standen im Gegensatz dazu. Trotzdem lächelten beide gleich herzlich.
Was nehmen Sie da gerade? fragte Lena neugierig.
Garnelen, antwortete die Frau und fügte hastig hinzu: Aber Ihnen werden die nicht gefallen.
Warum das?, hakte Lena nach.
Haben Sie schon Mal Krebse probiert?, meinte der Mann. Die schmecken ähnlich. Mit Dill gekocht und zu einem Bier passen sie hervorragend.
Lena gestand, dass sie noch nie Krebse gegessen hatte.
Ach, das schafft doch jeder!, sagte er lachend.
Bei uns waren nur Frauen, unser Vater starb im Krieg, wir blieben allein mit meiner Mutter und drei Kindern. Krebse? Nein, nie.
Ein mitfühlender Blick des Fremden berührte Lena. Es schien, als öffnete sich eine verschlossene Tür, die sie heimlich ins Innere einlud, aus der kalten Dunkelheit in die Wärme eines heimeligen Zuhauses.
Schließlich erzählte Lena dem Fremden von der Beerdigung ihres Mannes vor einem Jahr, davon, dass ihr Sohn drei Monate nach ihm verstarb, dass sie allein geblieben war, dass ihre Schwiegertochter nicht gekommen war und dass ihre Enkelin vermutlich nicht mehr wusste, ob die Großmutter noch lebt. Sie erwähnte, dass sie am heutigen Tag Geburtstag hatte, 87Jahre alt, aus dem kleinen Dorf Dümmern stammte, wo sie als Kind deutsche Soldaten über das Haus fliegen sah und ihre Mutter sie vom Fenster schob. Sie sehnte sich nach ihrem Sohn Sascha, der ihr nicht mehr im Traum erschien.
Nur dass sie nicht gehen würde, bis die andere Person ihr zuhörte. Sie hatte lange nicht mehr mit jemandem gesprochen
Die Geschichte endete mit dem stillen Wunsch, dass das Leben, so unvorhersehbar es auch sein mag, immer einen Weg findet, uns zu lehren, dass Respekt für die Entscheidungen anderer und das offene Ohr für ihre Sorgen das wahre Fundament eines friedlichen Miteinanders bilden.







