Das war ihr erstes Wort
Wieder ein Mädchen? Das ist ja ein Witz! schmetterte Frau Elisabeth M. das Ultraschallbild auf den Tisch. In unserer Familie haben vier Generationen von Männern auf der Bahn gearbeitet! Und was hast du hier gebracht?
Lisel, flüsterte Anke und streichelte ihren Bauch. Wir nennen sie Liselchen.
Lisel, zog die Schwiegermutter die Lippen zusammen. Na, wenigstens ein vernünftiger Name. Aber was soll das Kind jetzt für einen Nutzen haben, deine Lisel?
Max saß schweigend, die Nase in sein Handy vergraben. Als Anke nach seiner Meinung fragte, zuckte er nur mit den Schultern: Was ist, ist. Vielleicht kommt beim nächsten Mal ein Junge.
Anke spürte, wie etwas in ihr zusammenzuckte. Der nächste? Und das kleine Wesen ist doch nur eine Generalprobe?
Liselchen kam im Januar zur Welt winzig, mit riesigen Augen und einem Büschel dunkler Haare. Max erschien nur zur Entbindung, brachte Nelken und einen Sack Babyzeug mit.
Süß, meinte er vorsichtig, während er in den Kinderwagen schaute. Sie sieht dir gleicht.
Und deine Nase, lachte Anke. Und das eigensinnige Kinn.
Ach halt doch, winkte Max ab. Alle Kinder sehen in diesem Alter gleich aus.
Elisabeth M. erwartete sie zu Hause mit einem säuerlichen Blick. Nachbarin Waltraud fragte nach Enkelkind oder Enkelin. Peinlich, zu antworten, murmelte sie. In meinem Alter noch mit Puppen spielen
Anke zog sich in ihr Kinderzimmer zurück und weinte leise, während sie die Kleine an ihr Herz drückte.
Max arbeitete immer mehr, nahm Nebenjobs an benachbarten Bahnanlagen an, machte zusätzliche Schichten. Er sagte, die Familie sei teuer, gerade mit einem Kind. Nach Hause kam er spät, müde und wortkarg.
Sie wartet schon auf dich, sagte Anke, wenn er an der Kinderstube vorbeiging, ohne hineinzuschauen. Liselchen erwacht immer, wenn sie deine Schritte hört.
Ich bin erledigt, Anke. Morgen früh muss ich wieder arbeiten.
Aber du hast dich nicht einmal von ihr verabschiedet
Sie ist noch zu klein, versteht das nicht.
Aber Liselchen verstand. Anke sah, wie das Kind den Kopf zur Tür drehte, sobald sie Vaters Schritte hörte, und dann lange in die Leere starrte, wenn die Schritte fern wurden.
Im achten Monat erkrankte Liselchen. Zuerst kletterte das Fieber bis 38°C, dann bis 39°C. Anke rief den Rettungsdienst, doch der Arzt meinte, zu Hause mit fiebersenkenden Mitteln zu warten. Am Morgen sprang die Temperatur auf 40°C.
Max, steh auf!, drängte Anke ihn. Liselchen ist völlig fertig!
Wie spät ist es?, blinzelte Max kaum wach.
Sieben. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Wir müssen ins Krankenhaus!
So früh? Können wir bis zum Abend warten? Ich habe heute eine wichtige Schicht
Anke sah ihn an, als wäre er ein Fremder.
Deine Tochter brennt vor Hitze, und du denkst nur an die Schicht?
Na ja, sie stirbt doch nicht. Kinder werden doch häufig krank.
Anke rief selbst ein Taxi.
Im Krankenhaus wurde Liselchen sofort auf die Infektionsstation gelegt. Man vermutete eine schwere Entzündung eine Lumbalpunktion war nötig.
Wo ist der Vater?, fragte der Oberarzt. Wir brauchen die Einwilligung beider Eltern.
Er arbeitet. Kommt gleich.
Den ganzen Tag versuchte Anke, Max zu erreichen. Sein Handy war gesperrt. Um sieben Uhr abends meldete er sich endlich.
Anke, ich bin im Depot, habe viel zu tun
Max, Liselchen hat Meningitis! Wir brauchen deine Zustimmung zur Punktion! Die Ärzte warten!
Was? Welche Punktion? Ich verstehe nichts
Komm sofort!
Ich kann nicht, Schicht bis elf. Danach mit den Kollegen abklären
Anke legte das Telefon leise auf.
Die Einwilligung unterschrieb schließlich die Mutter als einzige mit dem Recht dazu. Die Punktion wurde unter Vollnarkose durchgeführt. Liselchen lag winzig auf dem großen OPTisch.
Die Ergebnisse kommen morgen, sagte der Arzt. Bestätigt sich die Meningitis, dauert die Behandlung lange anderthalb Monate stationär.
Anke blieb über Nacht im Krankenhaus. Liselchen lag unter einer Infusion, blass und regungslos, nur die Brust hob und senkte sich schwach.
Max tauchte am nächsten Tag zum Mittagessen auf, völlig zerzaust.
Wie läuft es? Wie gehts?, fragte er zögerlich.
Schlecht, antwortete Anke kurz. Die Befunde fehlen noch.
Was haben sie ihr getan? Diese wie heißt sie
Lumbalpunktion. Flüssigkeit aus dem Rückenmark wurde entnommen.
Max wurde bleich.
War es schmerzhaft?
Unter Narkose, sie hat nichts gespürt.
Er trat ans Bett und erstarrte. Liselchen schlief, ein kleiner Arm lag über der Decke, ein Katheter klebte bis zum Handgelenk.
Sie ist ja so winzig, murmelte Max. Das hätte ich nie gedacht.
Anke schwieg.
Das Labor zeigte, dass keine Meningitis vorlag nur eine gewöhnliche Virusinfektion mit Komplikationen. Die Therapie könne zu Hause unter ärztlicher Aufsicht weitergehen.
Glück gehabt, meinte der Oberarzt. Ein bis zwei Tage Verzögerung, und es wäre schlimmer gewesen.
Auf dem Heimweg saß Max still. Als sie vor dem Haus hielten, fragte er leise: Bin ich wirklich so ein schlechter Vater?
Anke richtete die schlafende Tochter gemütlicher und sah Max an.
Und du?
Ich dachte, wir haben noch viel Zeit. Sie ist klein, versteht noch nichts. Und dann, er verstummte. Als ich sie dort mit den Schläuchen sah, wurde mir klar, was ich verlieren könnte und dass ich überhaupt etwas verlieren kann.
Max, sie braucht einen Vater, nicht nur einen Ernährer. Einen, der ihren Namen kennt, ihre Lieblingsspielzeuge.
Welche?, fragte er leise.
Ein Gummihörnchen und ein Glöckchen-Rassel. Wenn du nach Hause kommst, krabbelt sie zur Tür und wartet, dass du sie hochnimmst.
Max senkte den Kopf. Ich wusste das nicht
Jetzt weißt du es.
Zuhause wachte Liselchen auf und weinte leise. Max griff instinktiv nach ihr, hielt aber inne.
Darf ich?, fragte er seine Frau.
Sie ist deine Tochter.
Vorsichtig nahm er die Kleine auf. Sie schniefte, dann beruhigte sie sich, betrachtete sein Gesicht mit großen, ernsten Augen.
Hallo, Kleine, flüsterte Max. Entschuldige, dass ich nicht da war, als du Angst hattest.
Liselchen streckte ihre Hand zu seinem Gesicht und berührte seine Wange. Ein seltsames Ziehen ging ihm durch die Kehle.
Papa, sagte sie plötzlich klar.
Das war ihr erstes Wort.
Max starrte Anke mit weit aufgerissenen Augen an.
Sie sie hat gesprochen
Sie sagt das schon seit einer Woche, lächelte Anke. Aber nur, wenn du nicht da bist. Sie hat wohl auf den richtigen Moment gewartet.
Am Abend, als Liselchen im Arm ihres Vaters eingeschlafen war, legte Max sie behutsam ins Kinderbett. Sie öffnete die Augen, drückte seinen Finger fester.
Sie will nicht loslassen, staunte Max.
Sie fürchtet, du verschwindest wieder, erklärte Anke.
Er saß noch eine halbe Stunde am Bett, ehe er seinen Finger losließ.
Morgen nehme ich mir frei, sagte er zu Anke. Und übermorgen auch. Ich will meine Tochter endlich kennenlernen.
Und die Arbeit? Die extra Schichten?
Wir finden andere Wege zu verdienen. Oder leben bescheidener. Wichtig ist, dass wir nicht verpassen, wie sie wächst.
Anke umarmte ihn. Besser spät als nie.
Ich würde mir nie verzeihen, wenn etwas passiert und ich nicht einmal ihr Lieblingsspielzeug kenne, sagte Max leise, während er die schlafende Liselchen betrachtete. Oder dass sie Papa sagen kann.
Eine Woche später, völlig genesen, gingen die drei in den Park. Liselchen saß auf Max Schultern und lachte, während sie Herbstblätter schnappte.
Schau, wie schön, Liselchen!, rief Max, zeigte auf die gelben Ahornbäume. Da oben eine Eichel!
Anke schlenderte neben ihnen und dachte, wie oft man erst das Wertvollste verlieren muss, um es zu schätzen.
Elisabeth M. erwartete sie zu Hause mit missmutigem Blick.
Max, Waltraud erzählte, ihr Enkel spielt schon Fußball. Und deiner nur mit Puppen.
Meine Tochter ist die Beste der Welt, sagte Max gelassen, setzte Liselchen auf den Boden und gab ihr das Gummihörnchen. Und mit Puppen ist das auch okay.
Aber die Familie zerbricht
Bricht nicht. Sie geht weiter, nur anders.
Elisabeth wollte widersprechen, doch Liselchen kroch zu ihr und zog an den Händen.
Oma!, rief das Mädchen breit lächelnd.
Die Schwiegermutter nahm die Enkelin verwirrt in den Arm.
Sie sie spricht!, staunte sie.
Unsere Liselchen ist richtig schlau, prahlte Max. Stimmts, mein Schatz?
Papa!, jubelte Liselchen und klatschte.
Anke sah das Schauspiel und dachte daran, dass Glück oft aus Prüfungen entsteht. Und dass die größte Liebe die ist, die nicht sofort, sondern langsam, durch Schmerz und Angst reift.
Abends, beim Zubettbringen, sang Max leise ein Wiegenlied. Seine Stimme war rau, aber Liselchen lauschte mit weit geöffneten Augen.
Du hast nie vorher für sie gesungen, bemerkte Anke.
Früher habe ich vieles verpasst, antwortete Max. Jetzt habe ich Zeit, das nachzuholen.
Liselchen schlief ein, hielt fest an Max Finger. Er ließ ihn nicht los, saß im Dunkeln, hörte seinen Atem und dachte daran, wie viel man verpasst, wenn man nicht rechtzeitig innehält.
Und Liselchen lächelte im Schlaf sie wusste jetzt, dass ihr Papa nicht verschwinden würde.
Diese Geschichte schickte uns eine Leserin. Manchmal braucht das Schicksal nicht nur eine Entscheidung, sondern eine große Prüfung, um die hellsten Gefühle zu wecken. Glaubst du, dass ein Mensch sich ändern kann, wenn er erkennt, was er am meisten verlieren könnte?







